mini|W. E. B. Du Bois (1918) mini|Du Bois’ Statistik Negro Colleges 1898 mini|Gründungsmitglieder der Niagara-Bewegung 1906: (sitzend) W. E. B. Du Bois, (stehend von links) J. R. Clifford, L. M. Hershaw und F. H. M. Murray mini|W. E. B. DuBois und Mary White Ovington als Gründungsmitglieder der NAACP mini|125px|Titelbild vonThe Souls of Black Folk William Edward Burghardt „W. E. B.“ Du Bois ([duːˈbɔɪz], * 23. Februar 1868 in Great Barrington, Massachusetts; † 27. August 1963 in Accra, Ghana) war ein US-amerikanischer Historiker, Soziologe, Philosoph und Journalist, der in der Bürgerrechtsbewegung mitwirkte.
Leben und Wirken Herkunft und Ausbildung William Du Bois entstammte einer seit Generationen freien schwarzen Familie in Massachusetts, die schon früh ins Bürgertum aufgestiegen war.Siehe Virginia Hamilton: W. E. B. Du Bois: A Biography. T. Y. Crowell, New York 1972, ISBN 0-690-87256-9, S. 3–9. Mütterlicherseits kann man die Familie auf Freie aus der Zeit vor dem Unabhängigkeitskrieg der USA zurückverfolgen, väterlicherseits auf eingewanderte haitianische Schwarze. Sein Urgroßvater James Du Bois war ein französischer Hugenotte und Sklavenhalter, der mit seinen Sklavinnen mehrere Kinder hatte.David Levering Lewis: W. E. B. Du Bois: Biography of a Race 1868–1919. Henry Holt and Co., New York 1993, S. 17. Der Familienname Du Bois findet hier seinen Ursprung.Monika Plessner: Ich bin der dunklere Bruder. Die Literatur der Schwarzen Amerikaner. Von den Spirituals bis zu James Baldwin. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1979, ISBN 3-596-26454-5, S. 119. Sein Vater Alfred verließ die Familie kurz nach der Geburt seines Sohnes.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 24. William Du Bois lernte seinen Vater nie kennen; die im Stich gelassene Mutter verbitterte.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 24–25. Sie starb 1884.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 66.
Bis 1884 besuchte William Du Bois die örtliche High School. Ab 1883 schrieb er für eine örtliche Zeitung und verdiente etwas Geld durch Aushilfstätigkeiten. 1885 konnte er dank eines Stipendiums der kongregationalistischen Gemeinde seiner Heimatstadt ein Studium an der für Afroamerikaner gegründeten Fisk University in Nashville aufnehmen.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 70 und 75. Die Südstaaten sowie den dort herrschenden Rassismus kennenzulernen, den er aus seiner Heimat nicht kannte, und das Leben unter Schwarzen waren prägende Erfahrungen.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 74 und 94–95. In den beiden Sommerferien seiner Studienjahre in Nashville arbeitete Du Bois als Lehrer an einer Landschule in Tennessee.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 84–93. Im Juni 1888 schloss er das Studium an der Fisk University mit dem Bachelorexamen ab.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 103.
Ab dem Herbst 1888 konnte er dank eines weiteren Stipendiums seine Studien in Harvard fortsetzen; zunächst von 1888 bis 1890 am Harvard College als Undergraduate, da sein an der Fisk University erworbener Titel nicht anerkannt wurde; dann von 1890 bis 1892 an der Harvard University,W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 142. an der er 1892 einen Master in Geschichte erwarb und das Slater-Auslandsstipendium gewann.Kommentierter Brief von DuBois vom 7. November 1895 an Senator George Frisbie Hoar. Im Kommentar heißt es: „Du Bois’s application for aid was rejected by the Slater Fund, but Hayes encouraged him to reapply. The following year, after the exchange of numerous letters, his application was accepted. In the spring of 1892 he received $750 from the Slater Fund, $375 as a scholarship and $375 as a loan. He used those funds, and a second award received the following year, to support his studies at the Friedrich-Wilhelm III Universitat.“
Von 1892 bis 1894 studierte er in Deutschland an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin, mit einem Abstecher an die Universität Heidelberg. Die Entscheidung für Berlin fiel, weil die dortige Universität in den USA als die beste aller Universitäten galt und jeder, der es in den USA als Wissenschaftler zu etwas bringen wollte, dort studiert haben musste. Beim akademischen Niveau war der Unterschied zur Harvard University so hoch, dass die Berliner Universität die Harvard-Abschlüsse nicht anerkannte, was Du Bois „mit einer gewissen Befriedigung“ vernahm.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 150. In Heidelberg besuchte er Vorlesungen bei Max Weber, in Berlin bei Gustav Schmoller, Adolph Wagner und Heinrich von Treitschke. Gustav Schmoller bot Du Bois an, bei ihm zu promovieren. Doch dazu wäre ein drittes Berliner Studienjahr erforderlich gewesen – und sein Stipendium war auf zwei Jahre befristet.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 176. In seiner Autobiografie schreibt Du Bois mit Begeisterung über seine Erfahrungen mit den Deutschen und von der Horizonterweiterung in der deutschen Hauptstadt:
Du Bois bewunderte den deutschen Kanzler Otto von Bismarck: „Er formte aus einer Masse sich zankender Völker eine Nation. […] Dies ließ mich ahnen, was die amerikanischen Schwarzen tun müssen: mit Kraft und Entschlossenheit unter fähiger Führung voranmarschieren.“Andreas Eckert: Schwarz, schön und stolz. In: Die Zeit vom 4. September 2014.
Nach seiner Rückkehr wurde Du Bois 1895 als erster Schwarzer in Harvard promoviert mit einer Dissertation zur Geschichte des Verbotes des Sklavenhandels in den USA. Trotz bester Noten blieb ihm eine wissenschaftliche Karriere an den renommierten Universitäten verwehrt, sodass er 1895 eine Lehrerstelle am Wilberforce College in Ohio annahm, an dem er Altgriechisch, Latein und Deutsch unterrichtete.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 192 und 197. Ein Jahr später bekam er einen Forschungsauftrag in Philadelphia, die Lehre blieb ihm aber verwehrt. Mit der Veröffentlichung seiner Forschungsarbeit über die Situation der Schwarzen in Philadelphia gelang ihm sein wissenschaftlicher Durchbruch als erster Schwarzer Soziologe.
Forschungs- und Publikationstätigkeit (1897–1945) Von 1897 bis 1910 hatte Du Bois eine Professur für Geschichte und Wirtschaftswissenschaften an der schwarzen (HBCU) Atlanta University inne,W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 264. die er für weitere Studien über die Situation der schwarzen Bevölkerung vor allem in ländlichen Gegenden nutzte.Monika Plessner: Ich bin der dunklere Bruder. Die Literatur der schwarzen Amerikaner. Von den Spirituals bis zu James Baldwin. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1979, S. 120. Gleichzeitig publizierte er eine Reihe von Aufsätzen und war Mitgründer mehrerer Zeitungen: Moon (erschienen 1906 und 1907), Horizon (erschienen von 1907 bis 1910) und The Crisis (erscheint seit November 1910).W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 295–296 und 308. Während des Jahres 1900 nahm er an der ersten Pan-Afrikanischen Konferenz in London teil und wurde dort durch seine Proklamation To the Nations of the World bekannt: Die Proklamation richtete sich direkt an die britische Regierung und forderte, die Beurteilung von Menschen anhand ihrer physischen Merkmale zu überwinden:
mini|hochkant|W. E. B. Du Bois (1904)
Du Bois engagierte sich in der entstehenden Bürgerrechtsbewegung, brach aber mit den unter anderem von Marcus Garvey vertretenen Ansichten, eine Emanzipation der Schwarzen sei nur in einem eigenen Staat oder durch Rückkehr nach Afrika zu erreichen.W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 328–329. Entgegen der Auffassung Booker T. Washingtons, Schwarze sollten ihren gesellschaftlichen Status hauptsächlich durch berufliche Bildung und Anpassung zu verbessern suchen, gründete Du Bois 1905 mit anderen eine Bewegung, die volle bürgerliche Freiheiten für alle Schwarzen und ein Ende der Diskriminierung forderte. Sie nannte sich nach dem ersten Treffpunkt Niagara-Bewegung.
In seinem von der deutschen Klassik, von der Völkerpsychologie Herders und Nietzsche beeinflussten Hauptwerk The Souls of Black Folk (1903) beschreibt Du Bois die psychischen und sozialen Folgen des Zustands, dass die Identität der Schwarzen von anderen definiert und zum Problem erklärt wird. Schwarze Musik – im zeitgenössischen Kontext vor allem Negro Spirituals – erklärt er zum „einzigartigen spirituellen Erbe der Nation“ und zum „größten Geschenk des Negervolks“.W. E. B. Du Bois: The Souls of Black Folk. Essays and Sketches. McClurg, Chicago 1903, Kapitel 14: The Sorrow Songs, S. 252. Englisches Original: „it [the Negro folk-song] still remains as the singular spiritual heritage of the nation and the greatest gift of the Negro people.“ Du Bois verwendete black folk und Negro people weitgehend synonym. Zur Identifikation des „Negro folk-song“ mit den Spirituals siehe etwa Hazel V. Carby: Race Men. Harvard University Press, Cambridge und London, S. 87. Max Weber war beeindruckt von diesem Werk und begann einen Briefaustausch mit Du Bois. Er regte eine deutsche Übersetzung an (die nicht zustande kam) und gewann Du Bois für einen Beitrag im Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik: Die Negerfrage in den Vereinigten Staaten.W. E. Burghardt Du Bois: Die Negerfrage in den Vereinigten Staaten. In: Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik, Band 22, 1906, S. 31–79, . Es trifft nicht zu, dass Weber Du Bois in Atlanta besuchte; sie trafen sich nur kurz 1904 bei einem wissenschaftlichen Kongress, der zum Programm der Louisiana Purchase Exposition, der Weltausstellung in St. Louis, gehörte; vgl. Lawrence Scaff: Weber’s Amerikabild and the African American Experience. In: David McBride, Leroy Hopkins, Carol Blackshire-Belay (Hrsg.): Crosscurrents: African Americans, Africa, and Germany in the Modern World. Camden House, Columbia 1998, S. 82–94, hier S. 86 ff. und 93.
1909 war Du Bois Gründungsmitglied der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP),W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 300. einer bis heute bestehenden Institution der antirassistischen Bürgerrechtsbewegung. Von 1910 bis 1934 saß er im Vorstand der NAACP,W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 304. leitete zudem die Abteilung für Propaganda und Forschung der NAACP und gab als solcher die Vereinszeitschrift The Crisis heraus,W. E. B. Du Bois: Mein Weg, meine Welt. Dietz, Berlin 1965, S. 301. in der wichtige Vertreter der Harlem Renaissance wie Claude McKay, Jean Toomer, Nella Larsen, Georgia Douglas Johnson, Countee Cullen, George Schuyler, Anne Spencer sowie er selbst regelmäßig publizierten. Sein Essay The Talented Tenth (engl. für das talentierte Zehntel) bezeichnete sein Konzept, wie eine Elite von schwarzen Amerikanern heranzubilden sei. Mit diesen Aktivitäten wurde er zum erklärten politischen Gegenspieler Booker T. Washingtons. Im Widerspruch zu dessen opportunistisch-angepassten Positionen trat er als zunehmend radikaler Vertreter bzw. Vorläufer eines schwarzen Nationalismus auf.Monika Plessner: Ich bin der dunklere Bruder. Die Literatur der schwarzen Amerikaner. Von den Spirituals bis zu James Baldwin. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 1979, S. 119 ff.