mini|300px|Gernsbach von Norden mini|300px|Das Stadtzentrum mit der Altstadt (links vorne), Blick von Südosten mini|300px|Blick von Schloss Eberstein südwärts über die Stadtteile Obertsrot und Hilpertsau ins Murgtal
Die Stadt Gernsbach ist der historische Hauptort des unteren Murgtals im baden-württembergischen Landkreis Rastatt. Sie bildet mit Gaggenau ein Mittelzentrum der Region Karlsruhe. Der staatlich anerkannte Luftkurort mit historischer Altstadt ist Portalgemeinde des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord, ein Zentrum der Papierindustrie und eine Wohngemeinde mit Auspendlerüberschuss.
Das 1219 erstmals urkundlich erwähnte Gernsbach ist eine Gründung der Grafen von Eberstein und erlangte durch den überregionalen Holzhandel der Murgschifferschaft Wohlstand. Aufgrund des Niedergangs der Ebersteiner, die ihren Sitz bei der Stadt auf Schloss Eberstein hatten, stand Gernsbach über Jahrhunderte unter geteilter Herrschaft bzw. Kondominat und wurde im 16. Jahrhundert faktisch Bestandteil der Markgrafschaft Baden. Im 19. Jahrhundert war Gernsbach großherzoglich-badische Amtsstadt.
Geografie Geografische Lage Die Stadt liegt im nördlichen Schwarzwald in 152 bis 988 Meter HöheGernsbach im landeskundlichen Informationssystem für Baden-Württemberg LEO BW, abgerufen am 25. April 2014 beiderseits des Flusses Murg. Das Stadtgebiet erstreckt sich vom tief eingeschnittenen Talkessel des Murgtals und seiner Seitentäler bis zu den Höhenzügen des Hohlohs bei Kaltenbronn im Südosten und darüber hinaus bis in einige Seitentäler der Enz. Im Westen bildet der hohe Bergkegel des Merkurs eine markante Kulisse, im Osten begrenzt der hohe Berg Teufelsmühle das sich im Nordwesten zur Rheinebene öffnende Tal.
Raumplanung Der Landesentwicklungsplan 2002 zählt Gernsbach zur Randzone um den Verdichtungsraum Karlsruhe-Pforzheim. Durch das Murgtal ist von Rastatt über Gaggenau und Gernsbach nach Freudenstadt eine Landesentwicklungsachse ausgewiesen. Der Mittelbereich Gaggenau-Gernsbach liegt innerhalb der Region Karlsruhe mit ihrem Oberzentrum Karlsruhe, umfasst auch die Gemeinden Forbach, Loffenau und Weisenbach und hat 53.766 Einwohner (2020)., S. A17 (PDF; 8,05 MB). Abgerufen am 12. Oktober 2016 Gernsbach bildet zusammen mit Weisenbach und Loffenau eine Vereinbarte Verwaltungsgemeinschaft und ist deren erfüllende Gemeinde.
Ausdehnung des Stadtgebiets Die Gemarkungsfläche von Gernsbach einschließlich seiner Stadtteile beträgt 8208,86 ha. Sie ist vor allem durch ausgedehnte Waldflächen geprägt. 6628,00 ha oder 81 % der Gemeindefläche sind Wald, das ist mehr als doppelt so viel wie im baden-württembergischen Landesdurchschnitt. Die Siedlungs- und Verkehrsflächen nehmen mit 6 % weniger als halb so viel Platz ein wie im Landesdurchschnitt, der Anteil der Landwirtschaftsflächen entspricht mit 12 % nur etwas mehr als einem Viertel des Landesschnitts.
Stadtgliederung Die Gernsbacher Kernstadt teilt sich auf in die Gebiete rechts der Murg – mit den so bezeichneten Siedlungsgebieten Kelterberg, Entensee, Kolonie und Nord – sowie Gernsbach links der Murg – mit seinen so bezeichneten Siedlungsgebieten Klingele, Waldbach, Faltergass, Heppeler, Stadtbuckel, Siedlung, Hahnbachweg, Panoramaweg und Weinau.
Stadtteile
Wohnplätze Das bis 1936 als Gemeinde eigenständige Scheuern ist heute als Wohnplatz klassifiziert und der nach Bevölkerungszahl größte Ort Gernsbachs außerhalb der Kernstadt. Der Walheimer Hof im Waldbachtal wurde 1842 eingemeindet.Hennl: Gernsbach. 2006, S. 51. Müllenbild (Nachtigall) ist ein Gasthaus an der Passhöhe am oberen Ende des Waldbachtals. Schloss Eberstein liegt auf einem Bergsporn oberhalb von Obertsrot, der Weiler Kaltenbronn im Höhengebiet oberhalb von Reichental. Brotenau (2011 abgerissen), Dürreych und Rombach sind abgelegene Forsthäuser im Staatswald um Kaltenbronn.
Nachbarkommunen Nachfolgende Gemeinden und Städte grenzen ans Gemeindegebiet der Stadt Gernsbach (im Uhrzeigersinn, von Nordwesten beginnend): nach Norden: Gaggenau und Loffenau, Landkreis Rastatt; Bad Herrenalb und Dobel, Landkreis Calw nach Osten: Bad Wildbad und Enzklösterle, Landkreis Calw nach Süden: Forbach und Weisenbach, Landkreis Rastatt nach Westen: Baden-Baden, Stadtkreis
Natur mini|Der Wildsee im Hochmoor bei Kaltenbronn
In der naturräumlichen Gliederung 4. Ordnung ist die Gernsbacher Gemarkung zwischen den Naturräumen 151 Grindenschwarzwald und Enzhöhen und 152 Nördlicher Talschwarzwald aufgeteilt.Naturräume Baden-Württembergs (PDF; 3 MB), Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg, abgerufen am 11. September 2012
Gernsbach ist Portalgemeinde des Naturparks Schwarzwald Mitte/Nord. Mehr als zwei Drittel der Gernsbacher Gemarkungsfläche sind als Landschaftsschutzgebiet ausgewiesen. Die eiszeitlichen Hochmoore auf über 900 Metern Höhe um den Wildsee und den Hohlohsee bei Kaltenbronn sind das größte Hochmoorgebiet des Schwarzwalds. Sie stehen als Natur- und Waldschutzgebiet Kaltenbronn unter Schutz und sind mit Holzbohlenwegen erschlossen. Über das Naturschutzgebiet informiert das Infozentrum Kaltenbronn, das gemeinsame Naturparkportal für Gernsbach, Bad Wildbad und Enzklösterle. Der Talgrund von Dürreychbach und Brotenau an der östlichen Stadtgrenze gehört zum Naturschutzgebiet Eyach- und Rotenbachtal.
An mehreren Stellen werden die steilen Abhänge um Gernsbach durch Felsen aus Forbachgranit gebildet. Das Gebiet um den Lautenfelsen bei Lautenbach ist als Naturschutzgebiet ausgewiesen, die Rockertfelsen und Orgelfelsen sind Naturdenkmale.
An der Grenze zu Gaggenau-Hörden hat Gernsbach Anteil am Naturschutzgebiet Galgenberg, Lieblingsfelsen, Scheibenberg. 2014 wurde das Naturschutzgebiet Hilpertsau in den Streuobstwiesen östlich des Stadtteils ausgewiesen.
Geschichte Anfänge und Stadtwerdung Eine dauerhafte Besiedlung der Gernsbacher Gemarkung vor dem 12. Jahrhundert ist nicht nachgewiesen. Ausgangspunkt für die Erschließung des unteren Murgtals war der Erwerb des predium (Landgut) Rotenfels am Taleingang durch die edelfreien Herren von Eberstein zu Beginn des 12. Jahrhunderts als Lehensnehmer des Hochstifts Speyer. Von Rotenfels aus ließen die Ebersteiner im bewaldeten und durch Versumpfungen der Murg schwer zugänglichen Murgtal Rodungen vornehmen und neue Siedlungen gründen. Bis etwa 1200 war die Linie Loffenau–Scheuern–Gernsbach–Staufenberg erreicht.Hennl: Gernsbach. 2006, S. 30 ff.
In einer ebersteinischen Erbteilungsurkunde aus dem Jahr 1219 ist Gernsbach erstmals als Genrespach schriftlich erwähnt. Zu diesem Zeitpunkt wurde bereits zwischen einem Markt- und einem Kirchdorf unterschieden. Das auch als Hof bezeichnete Kirchdorf lag auf einer Geländeterrasse links der Murg, südlich des Waldbachs, auf ebersteinischem Allodialbesitz. Die dortige Kirche war der Vorgängerbau der heutigen St.-Jakobskirche. Das Marktdorf auf speyerischem Lehensgrund lag nördlich des Waldbachs auf einem Bergsporn, der gute Voraussetzungen für die Anlage einer Stadtbefestigung bot.
mini|Verlauf der Stadtmauer und Vorstädte, Zeichnung von Samson Schmalkalder aus dem Jahr 1689. Norden ist rechts unten.
Aus dem Jahr 1243, in dem der Ort eine eigene Pfarrei erhielt, ist die erste Bezeichnung als oppidum (Stadt) überliefert. Wie bei vielen anderen Stadtgründungen dieser Epoche existiert keine Stadterhebungsurkunde. Der Prozess der Stadtwerdung verlief über Jahrzehnte.Hennl: Gernsbach. 2006, S. 38. In der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts müssen die Ebersteiner die Burg Neu-Eberstein oberhalb von Gernsbach bezogen haben, die 1272 als ihr neuer Stammsitz urkundlich erwähnt wird. Gernsbach entwickelte sich neben der Burg zum politisch-herrschaftlichen Mittelpunkt der Grafschaft, die ab der Mitte des 13. Jahrhunderts ihre Siedlungsfläche von hier aus weiter nach Süden bis ins mittlere Murgtal ausdehnte.
Teilung und Kondominat Nach einer zwanzigjährigen Fehde mit Graf Eberhard II von Württemberg musste Graf Wolf von Eberstein 1387 die Hälfte der Grafschaft und die Hälfte der Burg Neu-Eberstein an Markgraf Rudolf VII. von Baden verkaufen. Es folgte eine konfliktreiche Periode der zwischen den Ebersteinern und den Markgrafen von Baden geteilten Herrschaft, die im Jahr 1505 durch den badisch-ebersteinischen Einwurfsvertrag in eine Gemeinherrschaft (Kondominat) überführt wurde. Ein gemeinsamer Vogt wurde in Gernsbach eingesetzt. Faktisch wurde die Grafschaft Eberstein damit Bestandteil von Baden. Dies wurde durch die Einführung der ebersteinischen Landesordnung im Jahr 1508 bestätigt, die beinahe identisch mit der badischen Landesordnung von 1495 war.Rainer Hennl: Einführung der ebersteinischen Landesordnung. In: Gernsbacher Bote, Nr. 1, 2008, S. 5–6. Online-Version (PDF; 1,9 MB)
Das Jahr 1488 gilt als Taufjahr der Murgschifferschaft, einer noch heute als Forstbetrieb bestehenden Genossenschaft der Holzhändler und Sägewerksbesitzer, die das Holz des Murgtals per Flößerei in die Städte entlang des Rheins brachte und im Zentrum des Gernsbacher Wirtschaftslebens stand. Sie profitierte 1569 vom Niedergang der Ebersteiner, als ihr der verschuldete Graf Philipp II. seinen Schifferhandel mit Waldungen und Sägemühlen im Murgtal für 3500 Gulden verkaufte.Scheifele: Murgschifferschaft. 1988, S. 179.
Gernsbach erlitt Zerstörungen durch einen Großbrand im Jahr 1417, durch die Auswirkungen des Dreißigjährigen Kriegs und des Pfälzischen Erbfolgekriegs.
Nach dem Erlöschen der Ebersteiner im Mannesstamm im Jahr 1660 gelangte Gernsbach unter die Verwaltung von gleich drei Vögten: Die Häuser Baden und Württemberg sowie das Fürstbistum Speyer hatten je ein Amtshaus in der Stadt. Zudem versuchten die Grafen von Wolkenstein und Gronsfeld, die hier Besitz erlangt hatten, Einfluss zu erringen. 1753 trat Württemberg seine Rechte an Baden ab, doch erst mit der Neuordnung Badens durch den Reichsdeputationshauptschluss im Jahr 1803 war Gernsbach wieder unter einheitlicher Verwaltung.
19. Jahrhundert mini|Gefecht in Gernsbach, zeitgenössisches Gemälde mini|hochkant|Gedenkstein auf dem evangelischen Friedhof in Gernsbach zur Erinnerung an das Gefecht bei Gernsbach am 29. Juni 1849 während der Badischen Revolution
Nachdem weitere Stadtbrände in den Jahren 1787 und 1798 große Teile der Bausubstanz vernichteten, wurde der nordwestliche Abschnitt der Altstadt nach Plänen Friedrich Weinbrenners wieder aufgebaut.
Am 28. Juli 1817 war Gernsbach Ausgangspunkt der ersten Bergfahrt mit der Laufmaschine Draisine des badischen Erfinders und Forstlehrers Karl Drais nach Baden-Baden.
Während der Badischen Revolution errichteten die Aufständischen an der Murg eine Verteidigungslinie gegen die von Norden anrückenden regulären Truppen. Am 29. Juni 1849 kam es zum Gefecht in Gernsbach, bei dem zahlreiche Häuser zerstört wurden und die Bundestruppen die Stadt besetzten.
1872 wurde das Bezirksamt Gernsbach aufgelöst und dem Bezirksamt Rastatt zugeordnet. Die Stadt verlor damit ihre traditionelle Funktion als administratives Zentrum. Nur das Amtsgericht zog später wieder nach Gernsbach.