mini |Melanie Klein, 1952 mini|Libussa Reizes, die Mutter von Melanie Klein, mit Enkel Otto Pick, 1903 mini|Melanie Klein, 1902 mini |Melanie Klein, 1912
Melanie Klein, geborene Reizes (* 30. März 1882 in Wien, Österreich-Ungarn; † 22. September 1960 in London) war eine österreichisch-britische Psychoanalytikerin. Sie gilt als eine der Pionierinnen der Psychoanalyse. Sie entwickelte die Psychoanalyse von Kindern weiter – auch als Kinderanalyse oder früher als Psychagogik bezeichnet. Sie ist maßgebliche Begründerin der psychoanalytischen Objektbeziehungstheorie.Elisabeth Roudinesco, Michel Plon: Wörterbuch der Psychoanalyse. Namen, Länder, Werke, Begriffe. Springer, Wien/New York 2004, ISBN 3-211-83748-5, S. 548–554; 554–556 Anhänger dieser Richtung werden Kleinianer genannt.
Leben Kindheit, Jugend und die Zeit in Wien Melanie Klein kam als jüngstes von vier Kindern von Moriz Reizes (ca. 1828–1900)Christine Diercks: Melanie Klein. „psyalpha“ Wissensplattform für Psychoanalyse. Biografien, 11. November 2010 Susanne Blumesberger, Michael Doppelhofer, Gabriele Mauthe (Hrsg.): Handbuch österreichischer Autorinnen und Autoren jüdischer Herkunft: 18. bis 20. Jahrhundert. Band I, Österreichische Nationalbibliothek, Wien. KG. Saur, München 2022, ISBN 3-598-11545-8, S. 686; Genealogie der Familie Reizes () aus Oblast Lwiw und Libussa Reizes, geborene Deutsch (1850–1914) zur Welt. Melanie Kleins Großvater mütterlicherseits war Talmudschüler, später Arzt und entstammte einer orthodoxen jüdischen Familie aus Lemberg; Kleins Großmutter kam aus Námestovo, einer Stadt in der heutigen Slowakei. Ihr Vater war der Rabbi Emanuel Deutsch („Mendel“) (1818–1876) und ihre Mutter Rebekka Deutsch, geborene Steiner (um 1820–1885).
Melanies Geschwister waren Emilie (1876–1940), Emmanuel (1877–1902) und Sidonie (1878–1886). Die jüngste Schwester Sidonie starb, damals achtjährig, an Tuberkulose. Emmanuel starb im Alter von 25 Jahren.Fotografie der Geschwister: Melanie, Emmanuel and Emilie Reizes as young children in 1887. Melanie Klein Trust Emilie heiratete später den Arzt Leo Pick.
Nach der Matura begann Melanie Klein 1899 in Wien mit dem Studium der Kunst und Geschichte, ohne aber darin einen Abschluss zu erwerben. Sie wollte ursprünglich Medizin studieren, verfolgte dieses Ziel aber nicht weiter, nachdem sie sich 1899 mit Arthur Stevan Klein (1876–1939) verlobt hatte und ihr Vater nach schwerer Krankheit (Morbus Alzheimer) und Siechtum im Jahre 1900 starb. Arthur Stevan Klein aus Rosenberg (Liptau, Ungarn) war Industriechemiker.Gerhard Stumm, Alfred Pritz, Paul Gumhalter, Nora Nemeskeri, Martin Voracek (Hrsg.): Personenlexikon der Psychotherapie. Springer-Verlag, Heidelberg/New York 2006, ISBN 978-3-211-29396-6, S. 254 ( auf books.google.de) Er hatte an der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich Chemie Ingenieur Technik studiert.Phyllis Grosskurth: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-95902-5, S. 25 Nach einem Studienaufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika im Jahr 1903 wurde er zum Chemie-Ingenieur promoviert und begann in der Papierindustrie in Rosberg eine Arbeitsstelle anzutreten.
Ehe mit Arthur Klein, die Kinder und die Zeit in Budapest 1903 heiratete Melanie Klein, kurz darauf wurde ihre Tochter Melitta geboren. 1907 folgte ihr Sohn Hans. Schon während der Schwangerschaft und auch danach war Melanie Klein depressiv verstimmt. Als Arthur Klein zum Direktor der Papierfabrik Krappitz AG des Grafen Henckel-Donnersmarck in Krappitz (Oberschlesien) ernannt wurde, zog die Familie in den kleinen Industrieort. Die Situation aggravierte die depressive Verstimmung. 1914 wurde ihr Sohn Erich geboren. In dieser Zeit, im Jahr 1912, begann sie ihre Lehranalyse bei Sándor Ferenczi in Budapest. Sie beschäftigte sich intensiv mit der sich eben entwickelnden Psychoanalyse und begann auf Ferenczis Ermutigung hin, obwohl sie über keinerlei formale Ausbildung verfügte, ihren jüngsten Sohn zu analysieren.
Arthur KleinFotografie von Arthur Stevan Klein aus dem Jahre 1896 wurde 1914 zum Militärdienst in die österreichisch-ungarische Armee einberufen.Phyllis Grosskurth: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-95902-5, S. 79; 90 Er kam 1916 als Kriegsinvalide mit einer Beinverletzung nach Budapest zurück.
Am 28. und 29. September 1918 fand in Budapest der V. Internationale Psychoanalytische Kongress statt.psyalpha, Wissensplattform für Psychoanalyse. Chronik: V. Internationaler Psychoanalytischer Kongress. ( auf psyalpha.net) Hier hörte Melanie Klein erstmals Sigmund Freud bei seinem Vortrag. Sandor Ferenczi wurde dort zum Vorsitzenden der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung gewählt. 1919 wurde sie in die Ungarische Psychoanalytische Gesellschaft aufgenommen und publizierte 1920 ihre erste wissenschaftliche Arbeit mit dem Titel „Der Familienroman in statu nascendi“, dem über weite Strecken die psychoanalytischen Interpretationen des Handelns ihrer beiden Söhne, Hans und Erich, zugrunde lagen. Durch ihre Aufnahme in die „Ungarische Psychoanalytische Vereinigung“ erhielt sie 1919 offiziell die Anerkennung als Psychoanalytikerin, beschäftigte sich vor allem mit der frühkindlichen Persönlichkeitsentwicklung und entwickelte in der praktischen Arbeit eine Spieltherapie. Melanie Klein war kurze Zeit Mitglied der Budapester Vereinigung, sie wurde im Juli 1919 mit der Vorstellung einer Fallstudie aufgenommen.
Zeit in Berlin mini |Gedenktafel für Melanie Klein in der Augsburger Straße 23, Berlin, aus der Reihe Mit Freud in Berlin
Arthur Klein ging im Jahre 1919 zum Leben und Arbeiten nach Schweden. Melanie Klein hingegen verließ Budapest und zog mit den Kindern nach Rosenberg. Von ihrem Ehemann lebte sie die meiste Zeit getrennt. Im Januar 1920 folgte der Umzug nach Berlin, sie nahm ihren jüngsten Sohn Erich mit. Sie wohnte zunächst in einer Pension unweit des Hauses von Karl Abraham im Grunewald.
Später zog sie in eine Wohnung in der Cunostraße, weitere Wohnorte folgten.1921 Berlin-Schmargendorf, Cunostraße 46, 1923 Berlin-Dahlem, Auf dem Grat 19 (heute Nr. 44), 1923, 1924 Berlin-Charlottenburg, Augsburger Straße 47 (heute Nr. 23), Pension Rosa Stößinger, zeitgleich mit der Wiener Psychoanalytikerin Helene Deutsch, 1925–1926 Berlin-Wilmersdorf, Jenaer Straße 20 Zwischen 1922 bzw. 1923 kam es zur offiziellen Trennung von ihrem Ehemann.Phyllis Grosskurth: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-95902-5, S. 112 In den 1920er Jahren lebte Melanie Klein in Berlin und unterzog sich einer weiteren Lehranalyse, diesmal bei Karl Abraham. Nelly Wolffheim, eine Kinderpädagogin, unterhielt einen Kindergarten in Berlin. Karl Abraham stellte den Kontakt zu den beiden Frauen her. Melanie Klein nutzte das Umfeld des Kindergartens für ihre Forschungen, während Wolffheim in den frühen 1920er Jahren u. a. als ihre Sekretärin in Berlin arbeitete.
Nach dem Tod von Karl Abraham im Jahr 1925 sah sich Melanie Klein zunehmenden Feindseligkeiten vor allem durch Sándor Radó, Franz Alexander und Otto Fenichel ausgesetzt.Lilli Gast: Denkräume zwischen Freud und Klein. Einige rezeptionsgeschichtliche und erkenntnistheoretische Anmerkungen zum Werk Melanie Kleins. In: Werkblatt 42/1 (1999), S. 71–95, hier S. 74 Unterstützt wurden ihre Hypothesen von Felix Boehm, Karen Horney, Josine Müller, der ersten Frau von Carl Müller-Braunschweig und Alix Strachey. Insbesondere mit der Kinderpsychoanalytikerin Ada Schott (1897–1959), der zweiten Frau von Carl Müller-Braunschweig, verband sie ein besonderes Vertrauensverhältnis.Claudia Frank: Melanie Klein in Berlin: Her First Psychoanalyses of Children. Routledge, London 2009, ISBN 978-1-134-01327-2, S. 49 f.( auf books.google.de) Klein orientierte sich später an der analytischen Psychologie blieb aber weiterhin Mitglied in der Deutsche Psychoanalytische Gesellschaft (DPG)/Deutsche Psychoanalytische Vereinigung (DPV). Als sie dann eine Einladung von Ernest Jones aus Großbritannien erhielt, siedelte sie im Jahr 1926 nach London über.
Zeit in London Sie folgte 1925 einer durch Alix Strachey vermittelten Einladung von Ernest Jones, nach London zu kommen. Strachey war auf die kinderanalytische Konzeption und Technik (Spielanalyse) von Melanie Klein während ihrer Ausbildung in Berlin aufmerksam geworden und vermittelte eine Vortragsreise nach Großbritannien. Dort hielt sie im Sommer 1925 insgesamt sechs Vorträge zu ihrer Theorie vor der British Psychoanalytical Society. Ihre Vorträge fanden in England rege Aufnahme, und so verließ sie Wien im September 1926, unterstützt von Jones, und zog an die Stadt an der Themse. Auch war ihre Lage mit einigen Kolleginnen und Kollegen in Wien nach dem Tod von Karl Abraham, ihrem Mentor, am 25. Dezember 1925 noch schwieriger geworden. Zunächst wohnte sie in England an verschiedenen Orten. Im Protokoll der British Psychoanalytic Association wurde sie am 17. November 1926 als „Besucherin“ verzeichnet. Am 2. Oktober 1927 wurde sie zum Mitglied der britischen Vereinigung gewählt.Phyllis Grosskurth: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-95902-5, S. 189; 223
Am 1. Februar 1955 wurde der Melanie-Klein-Trust zur finanziellen Unterstützung Kleinianischer Ausbildung und Forschung und Publikation ihrer Schriften gegründet. Dort arbeitete sie bis zu ihrem Tod. Sie starb im Londoner University College Hospital nach einer erfolgreichen Darmkrebs-Operation an dem komplikativen Verlauf einer Fraktur des Hüftgelenks.
mini|zentriert|700px|Abendessen zum 70. Geburtstag von Melanie Klein bei Kettner in London. W.1 (Kettner’s Hotel, Lounge and Bar in Soho) 1952. Im Uhrzeigersinn von links; vorne: Eric Klein, Roger E. Money-Kyrle, hinter ihnen: Marion Milner, Sylvia Payne, W. Clifford M. Scott, stehend: Melanie Klein, Ernest Jones, Herbert Rosenfeld, Joan Riviere, Donald Winnicott, sitzend: Paula Heimann, James Strachey, Gwen Evans, Cyril Wilson, Michael Balint, Judy ClynePhyllis Grosskurth: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-95902-5, S. 436 f. Bildteil
Beziehung zur Tochter Melitta Als Walter Schmideberg nach England kam, zog Kleins Tochter Melitta Schmideberg aus der gemeinsamen Wohnung mit ihrer Mutter aus Linden Gardens aus und wohnte nunmehr mit ihrem Mann in Gloucester Place. Melanie Klein und die Schmidebergs kauften ein gemeinsames, gebrauchtes Auto – einen Sunbeam (genannt „Sunny“), mit dem sie zu dritt Ausflüge quer durch England unternahmen. Nach einiger Zeit schickte sie ihrer Mutter, Melanie Klein, einen Scheck, um den Anteil der Mutter an dem Fahrzeug auszulösen. In einem Brief wahrscheinlich Ende des Sommers 1934 formulierte ihre Tochter ihre Unabhängigkeit, um sich aus dem Zustand einer neurotischen Abhängigkeit zu ihrer Mutter zu lösen. Ausdruck dafür war auch, dass sie eine Lehranalyse bei Edward Glover, einem Kontrahenten von Melanie Klein, begann. Zuvor war sie bei Ella Freeman Sharpe (1875–1947) in der Analyse gewesen.Phyllis Grosskurth: Melanie Klein. Ihre Welt und ihr Werk. Klett-Cotta, Stuttgart 1993, ISBN 3-608-95902-5, S. 248–249 Zum Ende des Jahres 1933, während ihrer Analyse, starteten Melitta Schmideberg (Analysand) und Edward Glover (Analysator) eine öffentliche Kampagne gegen ihre Mutter in der Britischen Vereinigung, British Psychoanalytical Society.Michal Shapira: Interpersonal Rivalries, Gender and the Intellectual and Scientific Making of Psychoanalysis in 1940s Britain. History of Psychology (2017), Vol. 20, No. 2, 172–194 ( auf apa.org) hier S. 172–173
Kontroverse mit Anna Freud