Johanna Haarer, geborene Barsch, geschiedene Weese (* 3. Oktober 1900 in Bodenbach, Böhmen; † 30. April 1988 in München), war eine deutsche Ärztin und Autorin deutschböhmischer Herkunft. In der Zeit des Nationalsozialismus waren ihre auflagenstarken Schwangeren- und Erziehungsratgeber eng an dessen Ideologie angelehnt. Haarer war zeitweise „Gausachbearbeiterin für rassenpolitische Fragen“ der NS-Frauenschaft in München. Nach 1945 wurden ihre Bücher in der späteren Bundesrepublik Deutschland in von nationalsozialistischer Terminologie bereinigter Form wieder aufgelegt und beeinflussten somit die Mütter der Kriegs- und der Nachkriegsgenerationen.

Leben Johanna Haarer war das jüngere von zwei Kindern des Buchbindermeisters und Papierhändlers Alois Barsch und seiner Frau Anna, geborene Fremrová, einer Tschechin. Ihr Bruder starb mit zehn Jahren.Johanna Haarer bei FemBio. 1905 konvertierte die Familie von der katholischen zur evangelisch-lutherischen Konfession. Weil Johanna Medizin studieren wollte, besuchte sie ab 1917 in Deutschland die als reformpädagogische Landerziehungsheime geführten Hermann-Lietz-Schulen in Haubinda und Schloss Bieberstein,Biogr. Notiz in der 1949er Auflage der „Deutschen Mutter“, Laetare-Verlag Nürnberg (S. 269) wo sie 1920 als bis dahin einziges Mädchen ihr Abitur ablegte. Nach dem Zerfall Österreich-Ungarns wurde sie 1918 Staatsbürgerin der Tschechoslowakei.Johanna Haarer, geb. Barsch. In: Ärztinnen im Kaiserreich. Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin, Charité, Berlin 2015.

Im Anschluss studierte sie Medizin an den Universitäten Heidelberg, Göttingen und München. 1924 heiratete sie den Arzt Hellmut Weese, der später in der Pharmaforschung bei der I.G. Farben tätig war und unter anderem das Injektionsnarkotikum Hexobarbital („Evipan“) klinisch erprobte und in die Praxis einführte. Im Jahr darauf legte sie ihr Staatsexamen ab. 1926 erhielt Haarer ihre Approbation und wurde noch im selben Jahr promoviert. Ihre Dissertation zur Aetiologie der Pachymeningitis hämorrhagica interna wurde mit cum laude bewertet. Nach ihrer Scheidung 1929 praktizierte sie als Assistenzärztin für Lungenkrankheiten am Städtischen Sanatorium Harlaching in München. 1932 heiratete sie in zweiter Ehe ihren Kollegen, den Oberarzt Otto Haarer. Als das Paar 1933 Zwillinge bekam, gab Haarer ihre Arzttätigkeit auf und begann Kolumnen über Säuglingspflege zu schreiben, um das Familienbudget aufzubessern.

Veröffentlichungen in der NS-Zeit Obwohl Haarer keine Ausbildung in Pädiatrie oder Pädagogik hatte, fanden ihre ab 1933 in Zeitungen veröffentlichten Kolumnen über Säuglingspflege begeisterte Aufnahme, da es keinerlei andere allgemeine Handreichungen zu diesem Thema gab. Ihre Ratgeber trugen zu einer allgemeinen Verbesserung der Hygiene und geringerer Säuglingssterblichkeit bei. Andererseits aber beförderten sie die Ziele der Erziehung im Nationalsozialismus, die Härte gegen sich selbst und andere sowie die bedingungslose Einordnung in die Volksgemeinschaft einforderte. Ihre Beiträge wurden von der NS-Propaganda unterstützt und fanden weite Verbreitung. Bayerischer Rundfunk, 20. September 2011.

1934 erschien Haarers erster Ratgeber zur Säuglingspflege: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. Zwei Jahre später veröffentlichte sie ihren zweiten Ratgeber mit dem Titel Unsere kleinen Kinder.Anne Kratzer: Pädagogik: Erziehung für den Führer. – Um eine Generation aus Mitläufern und Soldaten heranzuziehen, forderte das NS-Regime von Müttern, die Bedürfnisse ihrer Kleinkinder gezielt zu ignorieren. Die Folgen dieser Erziehung wirken bis heute nach, sagen Bindungsforscher. Spektrum der Wissenschaft, 17. Januar 2019 (Archiv). „Bis Kriegsende erreichte es, durch NS-Propaganda beworben, eine Auflage von 690.000 Stück. Aber auch nach dem Krieg wurde es – vom gröbsten Nazijargon bereinigt – bis 1987 noch einmal von fast genauso vielen Deutschen gekauft: am Ende insgesamt 1,2 Millionen Mal.“ Damit zählte es zu den meistverkauften Erziehungsratgebern und zum offiziellen Lehrmaterial während der NS-Zeit und danach bis in die 70er Jahre. 1939 folgte das Kinderbuch Mutter, erzähl’ von Adolf Hitler!, in dem sie ebenfalls die bekannten Elemente der NS-Propaganda, insbesondere antisemitische und antikommunistische Vorurteile, wiedergab. Es ist ein typisches Kinderbuch des Dritten Reiches. Die Feinde stellt sie durchweg als böse und schlecht dar, unterstrichen von entsprechenden Karikaturen, während sie die („arischen“) Deutschen ohne jeden Makel zeichnet. Das Ziel des Buches ist, dies wird besonders am Schluss deutlich, die Kinder zu guten Mitgliedern der HJ oder des BDM zu machen. Das Buch ist in Märchenform geschrieben. Hauptfigur ist Hitler als Retter der Deutschen und zugleich als Retter der Welt:

Weiterhin schrieb Haarer Artikel über Erziehung in Zeitungen wie dem Völkischen Beobachter. Sie beantragte am 30. Dezember 1937 die Aufnahme in die NSDAP und wurde rückwirkend zum 1. Mai desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 5.355.672).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/12670589

Nach 1945 1945 wurde sie für ein Jahr interniert; ihr zweiter Mann Otto beging 1946 Suizid. In der Folgezeit erschienen Haarers Erziehungsschriften in „bereinigter Fassung“ in immer neuen Auflagen; sie selbst schrieb noch weitere Bücher zu Gesundheitsthemen. Eine Approbation erhielt sie in der Bundesrepublik nicht mehr; sie arbeitete jedoch bis zu ihrer Pensionierung 1965 in Gesundheitsämtern.

Haarer hatte fünf Kinder. Ihre Tochter Anna Hutzel wirkte nach 1945 an einer zeitgemäßen Reinigung der „Deutschen Mutter“ als Mit-Herausgeberin mit, um die weitere Vermarktung zu sichern. Hutzel erklärte im Jahr 2000 im Gespräch mit der Wissenschaftlerin Susanne Blumesberger, dass Haarer ihre nationalsozialistische Einstellung nie geändert habe. Bis zu ihrem Tod habe man nicht mit ihr über das Dritte Reich sprechen können; unter der Gefühlskälte der Mutter hätten alle Kinder leiden müssen, während Probleme innerhalb der Familie mit Gewalt gelöst worden seien.Quelle: Telefongespräch mit Blumesberger am 3. November 2000, siehe Haarer Johanna, geb. Barsch, Ärztin und Autorin.

Gertrud Haarer, ihre jüngste Tochter, veröffentlichte 2012 ihre Biografie, in der sie sich erstmals auch öffentlich mit ihrer Mutter auseinandersetzt und die Darstellung ihrer Schwester bestätigt.Johanna Haarer / Gertrud Haarer: Die deutsche Mutter und ihr letztes Kind. Mit Vorwort herausgegeben von Rose Ahlheim, Offizin Verlag, Hannover 2012. Sie schildert, wie sie als Kind und Jugendliche ihre Mutter erlebt und unter deren Erziehungsidealen noch als Erwachsene gelitten habe. WDR, FrauTV, Sendung vom 16. April 2015; abgerufen am 21. Juni 2016. Die Mutter, deren Pflege sie zuletzt übernommen habe, sei als alkohol- und tablettenabhängige Frau bis zu ihrem Tode überzeugte Nationalsozialistin gewesen. NDR Info – Welt-Wissen, 27. August 2015 (Audio, 4:16 Min.); abgerufen am 6. Januar 2016

Erziehungsratgeber Allgemeines Haarers Erziehungsratgeber waren eng an die NS-Ideologie angelehnt und richtungweisend für die Erziehung im Nationalsozialismus. Sie waren im Reichsmütterschulungskurs der NS-Frauenschaft eine Grundlage der Ausbildung junger Frauen.

Nach Haarer ordnet die erste Schwangerschaft die Frau ein „in das große Geschehen des Völkerlebens […] an die Front der Mütter unseres Volkes, die den Strom des Lebens, Blut und Erbe unzähliger Ahnen, die Güter des Volkstums und der Heimat, die Schätze der Sprache, Sitte und Kultur weitertragen und auferstehen lassen in einem neuen Geschlecht“.Johanna Haarer: Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind. J. F. Lehmanns, München, 1936, S. 5. Die Rolle der Frau wird reduziert auf ihre Funktion als Gebärerin und Erzieherin.

Erziehungsziel war nach Haarer schon bei Kleinkindern die Vorbereitung auf die Unterwerfung unter die NS-Gemeinschaft beziehungsweise die Gleichschaltung im Sinne von deren Ideologie:

In der Sowjetischen Besatzungszone wurden Haarers Schriften Mutterschaft und Familienpflege im neuen Reich (1937), Mutter, erzähl von Adolf Hitler! (1939), Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind und Unsere kleinen Kinder (1943) auf die Liste der auszusondernden Literatur gesetzt.Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur: Berlin: Zentralverlag, 1946Deutsche Verwaltung für Volksbildung in der sowjetischen Besatzungszone, Liste der auszusondernden Literatur: Zweiter Nachtrag … 1948 In der Bundesrepublik Deutschland begann eine kritische Auseinandersetzung mit Haarers Werken erst 1985, z. B. bei Julius H. Schoeps, der dazu äußerte: (die „Deutsche Mutter“) ist ein typisches Lehrstück unbefangener deutscher Vergangenheitsbewältigung.„unbefangen“ meint Schoeps hier negativ: nicht ernst gemeint, oberflächlich. In: Die Zeit, Nr. 14/1985.

Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind

Hintergrund Haarers bekanntestes Ratgeberbuch – Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind – erschien 1934 im Münchner J. F. Lehmanns Verlag, der bereits seit den späten 1900er Jahren völkisch orientierte medizinische Literatur vermarktet hatte. Weder Haarer noch andere zeitgenössische Autoren haben eine eigenständige nationalsozialistische Pädagogik oder auch nur eine eigenständige nationalsozialistische Anthropologie des Kindes geschaffen. Haarer war jedoch bemüht, wenigstens die spärlichen Ideen, die Hitler in Mein Kampf zur Erziehung geäußert hatte, in ihrem Buch zu implementieren. Die einzigen Punkte eines nationalsozialistischen Erziehungsprogramms, die Hitler vorgegeben hatte, waren die Vermittlung der nationalsozialistischen Ideologie, die im Kern eine Rassenideologie war, und eine „Gesundheitserziehung“, die bei den Jungen de facto auf eine militärische Früherziehung hinauslief. Ebenso wie die Jungen auf den Krieg hin orientiert werden sollten, sollten die Mädchen auf das Gebären und Aufziehen arischen Nachwuchses hin orientiert werden. Haarer übernahm diese Position und schrieb:

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