Psychotherapie (von altgriechisch ψυχή psyche „Seele“, und therapeia „Behandlung, Therapie“) als Behandlung seelischer (psychischer) Leiden bezeichnet die „gezielte professionelle Behandlung psychischer (seelischer) Störungen oder psychisch bedingter körperlicher Störungen mit psychologischen Mitteln“. Die dabei angewandten und meist mit Gesprächen verbundenen und von Psychiatern oder Psychologen durchgeführten Verfahren, Methoden und Konzepte sind durch verschiedene Psychotherapieschulen geprägt.Stichwort im DORSCH (Enzyklopädie für Psychologie)

Die Psychotherapieforschung überprüft einige der Konzepte und Verfahren in Form von Prozessforschung und Wirksamkeitsprüfung nach dem Konzept der Evidenzbasiertheit. Damit wird auch versucht, die Kluft zwischen Wissenschaft und praktischer Anwendung durch ein besseres Verständnis der aktiven Wirkprinzipien und Veränderungsprozesse zu überbrücken.Stichwort im DORSCH (Lexikon der Psychologie).

Geschichte

Das Wort Psychotherapie leitet sich ab von psychḗ ‚Atem, Hauch, Seele‘ in Zusammensetzung mit therapeúein ‚pflegen, sorgen‘, sowie von altgriechisch therapeia „Heilung“ und lässt sich damit bis zu Platon zurückführen.

Einer der ersten, der den Begriff psycho-therapeutics benutzte, war 1872 Daniel Hack Tuke.Sarah Chaney: The action of the imagination: Daniel Hack Tuke and late Victorian psycho-therapeutics. In: History of the Human Sciences. Volume: 30 issue: 2, page(s): 17–33 Zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde Psychotherapie im Zusammenhang mit Hypnose bzw. Hypnotismus gebräuchlich und u. a. ab 1889 durch Frederik van Eeden verbreitet, der den Begriff im modernen Sinne verwendete.Klemens Dieckhöfer: Psychotherapie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1198–1200, hier: S. 1198.Sonu Shamdasani: In: History of the Human Sciences. 18, Nr. 1, 2005, S. 1–22. Allgemein eingeführt wurde der Begriff 1903 durch Paul Charles Dubois.Paul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 60.

Erste Ansätze einer psychotherapeutischen Behandlung im heutigen Sinne brachte im ausgehenden 18. Jahrhundert die Verknüpfung von psychologischem und somatischem Standpunkt durch den französischen Arzt und Philosophen Pierre Cabanis, der 1802 versuchte, „moralische“ (nach heutigem Verständnis: psychologische) Phänomene physiologisch zu erklären.Pierre Cabanis: Rapports du Physique et du Moral de l’Homme. (deutsch: Über die Verbindung des Physischen und Moralischen in dem Menschen. Halle und Leipzig 1804)Magdalena Frühinsfeld: Kurzer Abriß der Psychiatrie. In: Anton Müller. Erster Irrenarzt am Juliusspital zu Würzburg: Leben und Werk. Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie bis Anton Müller. Medizinische Dissertation Würzburg 1991, S. 9–80 (Kurzer Abriß der Geschichte der Psychiatrie) und 81–96 (Geschichte der Psychiatrie in Würzburg bis Anton Müller), S. 42 f.

Die ersten rein psychotherapeutischen Methoden entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts Sigmund Freud mit seiner Psychoanalyse, der auf Arbeiten von Franz Anton Mesmer (Mesmerismus, Heilmagnetismus), Jean-Martin Charcot und Pierre Janet sowie Josef Breuer als Grundlagen zurückgriff. Fast gleichzeitig entstand in Amerika der Behaviourismus als Grundlage der Verhaltenstherapie (u. a. Edward Lee Thorndike, John B. Watson, später Burrhus Frederic Skinner). 1938 folgte die Klientzentrierte Psychotherapie (im deutschen Sprachraum Gesprächspsychotherapie) von Carl Rogers, die wie die später entstandene Gestalttherapie und andere zur Humanistischen Psychotherapie gezählt wird.Martin Hautzinger: Kapitel 1: Entwicklung und Geschichte der Psychotherapie. In: Christian Reimer, Jochen Eckert, Martin Hautzinger, Eberhard Wilke (Hrsg.): Psychotherapie. 3. Auflage. Springer Medizin Verlag, Heidelberg 2007.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurde seit Gründung des Deutschen Instituts für psychologische Forschung und Psychiatrie am 25. Mai 1936 statt von Psychotherapie von Seelenheilkunde gesprochen.Ernst Klee: Deutsche Medizin im Dritten Reich. Karrieren vor und nach 1945. S. Fischer, Frankfurt am Main 2001, ISBN 3-10-039310-4, S. 200.

Definitionen Eine einfache Definition gibt Michael Ermann: Psychotherapie ist Krankenbehandlung mit psychologischen Mitteln. Zur genaueren Definition gehören ein geplanter interaktioneller Prozess, Ziele (z. B. Persönlichkeitsänderung oder Symptomminderung), als Mittel verbale und nonverbale Kommunikation oder andere Techniken und als Hintergrund eine definierte Theorie zur Begründung des Behandlungsplans.Michael Ermann: Psychotherapie und Psychosomatik: Ein Lehrbuch auf psychoanalytischer Grundlage. Kohlhammer Verlag 2020, ISBN 978-3-17-021570-2 S. 18.

Meinrad Perrez und Urs Baumann verstehen darunter „die Teilmenge der klinisch-psychologischen Interventionsmethoden, die zur therapeutischen Beeinflussung von Störungen eingesetzt werden“.Meinrad Perrez und Urs Baumann: Psychotherapie: Systematik und methodenübergreifende Faktoren. In: Meinrad Perrez und Urs Baumann (Hrsg.): Lehrbuch der Klinischen Psychologie und Psychotherapie. 4. Auflage. Verlag Hans Huber Bern 2011, S. 430 ff. Es sind also nicht (nur) die Methoden, sondern auch der Anwendungskontext – einige Interventionsmethoden werden auch außerhalb der Psychotherapie eingesetzt.

Bernhard Strauß versteht darunter eine Gruppe von wissenschaftlich fundierten Verfahren und Methoden zur Behandlung psychischer Erkrankungen sowie psychologisch relevanter Faktoren bei körperlichen Erkrankungen.Bernhard Strauß: Was ist Psychotherapie? in: Winfried Rief, Elisabeth Schramm, Bernhard Strauß (Hrsg.): Psychotherapie: Ein kompetenzorientiertes Lehrbuch. Elsevier 2021, ISBN 978-3-437-22601-4, S. 459 ff. Die Betonung der wissenschaftlichen Fundierung deckt sich mit der Formulierung des Psychotherapeutengesetzes in Deutschland: jede mittels wissenschaftlich anerkannter psychotherapeutischer Verfahren vorgenommene Tätigkeit zur Feststellung, Heilung oder Linderung von Störungen mit Krankheitswert, bei denen Psychotherapie indiziert ist. (§ 1 Abs. 3).

Von Psychotherapie zu unterscheiden ist die Psychologische Beratung, die in verschiedensten Teilgebieten der Psychologie zum Einsatz kommt (z. B. Formen der Paar- und Erziehungsberatung ohne Vorliegen psychischer Störungen, berufliches Coaching) aber nicht zur Heilkunde gehört.Psychotherapie Informationsseite der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen

Verfahren

Es gibt eine Vielzahl von Schulen und Methoden der Psychotherapie, die jedoch nicht alle als wissenschaftlich anerkannt gelten, unter anderem, weil seriöse Wirksamkeitsuntersuchungen fehlen. Bei einigen Methoden handelt es sich um Weiterentwicklungen, Spezialisierungen oder Abspaltungen aus psychoanalytischen, tiefenpsychologischen, humanistischen oder verhaltenstherapeutischen Verfahren. Einige werden eher dem para- und pseudowissenschaftlichen Bereich zugerechnet.

Nicht alle Psychotherapieverfahren sind deshalb überall staatlich anerkannt (Finanzierung durch Krankenkassen und Anerkennung einer Ausbildung zum Psychotherapeuten, insofern diese Berufsbezeichnung geschützt ist, hängen davon ab). Die Anerkennung der einzelnen Methoden im Gesundheitswesen der deutschsprachigen Länder ist sehr unterschiedlich: Richtung Methode Gründer Deutschland Österreich Schweiz (3) analytisch Psychoanalyse Sigmund Freud 15px 15px 15px Individualpsychologie Alfred Adler 15px 15px 15px Analytische Psychologie C. G. Jung 15px 15px 15px Gruppenpsychoanalyse Pratt, Burrow, Schilder 15px 15px 15pxtiefenpsychologisch Autogene Psychotherapie Johannes Heinrich Schultz – 15px – Daseinsanalyse Ludwig Binswanger – 15px 15px Dynamische Gruppenpsychotherapie Raoul Schindler – 15px 15px Hypnosepsychotherapie Milton Erickson (1) 15px 15px Katathym-Imaginative Psychotherapie Hanscarl Leuner 15px 15px 15px Konzentrative Bewegungstherapie Gindler, Stolze, Cserny – 15px – Transaktionsanalyse Eric Berne – 15px 15pxhumanistisch Logotherapie und Existenzanalyse Viktor Frankl – 15px 15px Existenzielle Psychotherapie Irvin D. Yalom – 15px 15px Gestalttherapie Perls, Perls, Goodman – 15px 15px Gesprächspsychotherapie Carl R. Rogers (2) 15px15px Psychodrama Jakob L. Moreno – 15px 15px Psychosynthese Roberto Assagioli – 15px 15pxbehavioral (klassische) Verhaltenstherapie Thorndike, Watson, Skinner u. a. 15px 15px 15pxkognitiv kognitive Verhaltenstherapie Ellis, Beck, Kanfer, Lazarus u. a. 15px 15px 15pxsystemisch Systemische Therapie Satir, Haley, Jackson u. a. 15px 15px 15pxkombinatorisch Integrative Therapie Hilarion Petzold – 15px 15px Gestalttheoretische Psychotherapie Hans-Jürgen Walter – 15px – Neuro-Linguistische Psychotherapie Schütz, Karber, Jelem u. a. – 15px –körperorientiert Bioenergetische Analyse Wilhelm Reich, Alexander Lowen – – 15px Biosynthese David Boadella – – 15px Körperpsychotherapie verschiedene Schulen – – 15pxkunstorientiert Kunst- und ausdrucksorientierte Therapien verschiedene Schulen – – 15px Musiktherapie verschiedene Schulen – 15px 15px

(1) Hypnosetherapie: in Deutschland Einzelbehandlung für Erwachsene anerkannt, muss von einem Arzt oder einem Psychologischen Psychotherapeuten, der die Abrechnungsgenehmigung dafür hat, durchgeführt werden. (2) Gesprächstherapie: in Deutschland für Erwachsene anerkannt (nach Berufsrecht, aber nicht ausreichend für die vertiefte Ausbildung zum Psychotherapeuten und keine Kostenerstattung durch die Kassen). (3) Heute werden in der Schweiz Ausbildungsgänge akkreditiert, die Methode ist nur ein Element dabei. Vor Einführung des Psychologieberufegesetzes 2013 gab es von Fachverbänden anerkannte Therapiemethoden, dieser Stand ist hier dargestellt (s. u.).

Schulenübergreifende Methoden streben danach, nach Gesichtspunkten der evidenzbasierten Medizin diejenige Methode anzuwenden, die bei einem bestimmten Störungsbild und unter Berücksichtigung der Situation des Patienten als am besten wirksam belegt angesehen werden kann. Kritiker weisen auf die Komplexität der therapeutischen Situation hin, die von der Forschung bisher nur ansatzweise erfasst wird.David Orlinsky: Comments on the State of Psychotherapy Research (As I See It). In: NASPR Newsletter, January 2006 (PDF; 2,2 MB), abgerufen am 5. März 2010. Zunehmend werden aber integrative Psychotherapieverfahren empfohlen, die allgemeine mit spezifischen Wirkfaktoren kombinieren.Hilarion G. Petzold: Integrative Therapie Junfermann Verlag, 1993.Gitta Jacob, Eva-Lotta Brakemeier (Herausgeber)Schulenübergreifende Ansätze in der Psychotherapie Themenheft der Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie (Heft 4/2015)Anton Leitner, Claudia Höfner: Handbuch der Integrativen Therapie Springer Berlin Heidelberg, 2. Auflage 2020. So verbindet das Konzept der „Integrativen Psychotherapie“ beziehungsorientierte, verhaltenstherapeutische, psychodynamische und existentielle Therapieverfahren personen- und störungsorientiert. Dieses integrative Psychotherapiemodell findet auch internationale Verbreitung.

Anwendungsformen und -bereiche Die Anwendung kann ambulant oder stationär (auch tagesklinisch), in Einzel- oder Gruppenform, spezifisch oder begleitend zu anderen medizinischen Behandlungen erfolgen.

Seit etwa 2000 hat die Erforschung der Anwendung moderner informationstechnischer Medien für psychotherapeutische Zwecke bedeutsam zugenommen. Es werden Empfehlungen für Patienten und Fachkräfte gegeben, wenn sie diese neuen Medien nutzen wollen.Konsultationen auf Distanz Empfehlungen für Patienten und Klienten Information der Föderation der Schweizer Psychologinnen und Psychologen (mit Qualitätsstandards Onlineinterventionen für Fachkräfte), siehe Link unten im Dokument Dabei können folgende Einsatzbereiche unterschieden werden: