Wenden ist eine veraltete Bezeichnung für Slawen im deutschsprachigen Raum (Germania Slavica). Das seit dem 12. Jahrhundert gebräuchliche Ethnonym geht auf althochdeutsche Vorläufer zurück und diente den Verwendern als Fremdbezeichnung zur Abgrenzung von „den Anderen“. Wenden bezeichnete neben den slawischen Bewohnern von Gebieten entlang und östlich der Elbe („Elbslawen“) auch Slawen nördlich der Donau, in der Oberpfalz und in Oberfranken (Bavaria Slavica) sowie in den Ostalpen. In der Niederlausitz wird der Begriff bis heute für die Sorben verwendet. In der Steiermark und Kärnten werden slowenische und kroatische Nachbarn sowie die jeweiligen Minderheiten bis heute als Windische bezeichnet. Darüber hinaus hat sich der Begriff in einer Vielzahl von Toponymen erhalten wie etwa dem Wendland. Auch der Name Wanda wird als die Wendin gedeutet.

Wortgeschichte

Erste Erwähnungen In der Überlieferung des deutschsprachigen Raums erscheint die Bezeichnung Wenden erstmals um das Jahr 660 in den Schriftquellen.Eduard Mühle: Die Slaven im Mittelalter. De Gruyter, Berlin u. a. 2016, ISBN 978-3-11-049015-2, S. 24 f. Im IV. Buch der Fredegarchronik wird sie in latinisierter Fassung als Winedi/Winodi/Winidi verwendet, wobei es sich um eine andere Bezeichnung für Slawen handelte.Fredegar IV, 48: in Sclavos coinomento Winedos perrexit. Fredegar berichtet, die Wenden hätten den fränkischen Händler Samo zu ihrem König gewählt,Bruno Krusch (Hrsg.): Chronicarum quae dicuntur Fredegarii Scholastici libri IV. cum Continuationibus. In: Bruno Krusch (Hrsg.): Fredegarii et aliorum chronica. Vitae sanctorum (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. 2: Scriptores rerum Merovingicarum. Bd. 2). Hahn, Hannover 1888, S. 144 dem sich die ebenfalls als Wenden bezeichneten slawischen Sorben unter ihrem Fürsten Derwan anschlossen.Bruno Krusch (Hrsg.): Chronicarum quae dicuntur Fredegarii Scholastici libri IV. cum Continuationibus. In: Bruno Krusch (Hrsg.): Fredegarii et aliorum chronica. Vitae sanctorum (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. 2: Scriptores rerum Merovingicarum. Bd. 2). Hahn, Hannover 1888, S. 155 An anderer Stelle ist davon die Rede, Wenden hätten unter einem Fürsten Walluch in einer nicht näher lokalisierbaren marca vinedorum (Wendenmark) zwischen Pannonien und Baiern gesiedelt.Bruno Krusch (Hrsg.): Chronicarum quae dicuntur Fredegarii Scholastici libri IV. cum Continuationibus. In: Bruno Krusch (Hrsg.): Fredegarii et aliorum chronica. Vitae sanctorum (= Monumenta Germaniae Historica. Scriptores. 2: Scriptores rerum Merovingicarum. Bd. 2). Hahn, Hannover 1888, S. 157. Nach den Sorben werden auch die anderen beiden großen elbslawischen Stammesverbände des Frühmittelalters als Wenden bezeichnet: Zum Jahr 789 benennt das Fragmentum chesnii die Fürsten der Wilzen als reges Winidorum, und zum Jahr 810 sprechen die Annales Sancti Amandi von den Abodriten als Wenedi.Annales Sancti Amandi 810: Carolus … placitum habuit in Fereda: et ibi Wenedi venerunt, et dedit illis regem.

Begriffsherkunft Die Herkunft des Begriffes ist bis heute unklar. Nach der gängigsten Erklärung ist er von den Venedi abgeleitet,Christian Lübke: Die Deutschen und das europäische Mittelalter. Das östliche Europa. Siedler, München 2004, ISBN 3-88680-760-6, S. 34. die aber in keinem ethnischen Zusammenhang mit den Wenden stehen sollen.Sebastian Brather: Archäologie der westlichen Slawen. Siedlung, Wirtschaft und Gesellschaft im früh- und hochmittelalterlichen Ostmitteleuropa (Reallexikon der Germanischen Altertumskunde, Band 61). de Gruyter, Berlin/New York 2008, ISBN 978-3-11-020609-8, S. 51; Roland Steinacher: Wenden, Slawen, Vandalen. Eine frühmittelalterliche pseudologische Gleichsetzung und ihr Nachleben bis ins 18. Jahrhundert. In: Walter Pohl (Hrsg.): Die Suche nach den Ursprüngen. Von der Bedeutung des frühen Mittelalters (= Forschungen zur Geschichte des Mittelalters, Bd. 8). Wien 2004, S. 329–353, hier S. 329. Die Venedi siedelten an der Ostseeküste. Ihr Ursprung ist unbekannt. Sie werden erstmals von Plinius († 79) in seiner Naturalis historia als Venetae erwähnt und wohnten danach östlich der Weichsel.Plinius, Naturalis Historia 4, ?. Als nächster berichtet Tacitus († 120) in seiner Germania, am östlichen Rand Germaniens hätten zwischen den Germanen und den Sarmaten die Venedi gelebt, die er im Zweifel lieber den Germanen zurechnen wolle, weil sie „feste Häuser bauen, Schilde tragen, gern und gut zu Fuß gehen, ganz im Gegensatz zu den Sarmaten, die auf Wagen und Pferd zu Hause sind.“Tacitus, Germania. Dagegen handelt es sich nach Auffassung des Claudius Ptolemaios († um 175) bei den von ihm in seiner Geographike Hyphegesis beschriebenen UenedaiPtolemaios 2, 10. um Sarmaten. Um das Jahr 550 erwähnt Jordanes in seiner Gotengeschichte Venethi,Jordanes, Getica 34. die von den Quellen der Weichsel über ungeheure Strecken hin gesiedelt hätten. Ob auch der Name der in der Antike an der Adria siedelnden Veneter mit dem Begriff der Venedi und damit mit dem der Wenden in Verbindung steht, ist hingegen ungeklärt. Als zufällig gilt hingegen die Ähnlichkeit mit dem Namen der im Nordwesten Galliens siedelnden keltischen Veneter.

Wenden und Vandalen Seit dem Mittelalter werden immer wieder Wenden und die von diesen zu unterscheidenden, germanischen Wandalen gleichgesetzt. Schon im Mittelalter geschah dieses nicht immer irrtümlich. Im 20. Jahrhundert diente die Gleichsetzung vorrangig zur Rechtfertigung nationalistischer und revanchistischer Interessen und Gebietsansprüche. In lateinischen Texten wurde häufig derselbe Begriff (Vandali) für Vandalen und Wenden benutzt, so z. B. auf der Corona Danica von 1618.

Um die Wende zum 13. Jahrhundert herum erfand der polnische Chronist Vinzenz Kadlubek die Wanda-Sage, um dem neu geschaffenen Herzogtum der Polanen eine weit zurückreichende Geschichte zu beschaffen. Kadlubeks vielfach wiederholte und als wahr ausgelegte Geschichte setzte Polen mit Wandalen gleich und nannte den Fluss, an dem seine „Wanda“ und ihr Volk lebten, „Wandalus“ (Weichsel).

Der Slawist Aleksander Brückner stellte folgendes über Kadlubeks Erfindungen fest: „Nur ein einziger von allen, die sich je mit polnischer Urgeschichte beschäftigt haben, hat das Richtige eingesehen, der Lemberger Erzbischof Gregor von Sanok im XV. Jahrh. (…) (er hat) die Angabe des Mag. Vincentius zurückgewiesen (…) Gregor erkannte richtig, dass allein die falsche Gleichung Poloni = Vandali den Mag. Vincentius zur Ansetzung seiner Vanda verführt hatte und wies sie folgerichtig ab; alle seine Nachfolger sind weniger vorsichtig gewesen und haben nur Irrthümer auf Irrthümer gehäuft. Da die Polen keinerlei Tradition aufweisen konnten, hat Mag. Vincentius die Legenden erfunden.“Aleksander Brückner: Archiv für slavische Philologie. V. Jagic, Berlin 1901, S. 224–230.

„Wendisch“ und „Windisch“ „Windisch“ ist das durch Umlautbildung von dem Substantiv Wenden abgeleitete Attribut, das oft als sprachliche Variante und Synonym zu „wendisch“ verwendet wird, wie man an Ortsbezeichnungen im Einzugsbereich der Elbe erkennen kann. So wohnten früher in Windischenbernsdorf ebenso Wenden wie in Wendisch Evern.

Ausschließlich als „Windisch“, nicht aber als „Wendisch“ wird traditionell auf Deutsch die slowenische Sprache bezeichnet. Seit dem Zerfall der Habsburgermonarchie wurde diese Bezeichnung aus politischen Gründen auf die Slowenischsprachigen in der Republik Österreich eingegrenzt und dem Slowenischen in Jugoslawien bzw. der Republik Slowenien gegenübergestellt. So ist im heutigen Österreich „Windische“ eine verbreitete Bezeichnung für die im Grenzgebiet lebenden Kärntner sowie die Eigenbezeichnung derjenigen, die diese Sprache (Mundart) verwenden, aber nicht als Slowenen gelten wollen. Auch in der Oberpfalz ist der Name „Windisch“ nicht nur als Familienname anzutreffen, sondern auch Bestandteil von Ortsnamen wie Windischeschenbach, Windischletten und Windischbergerdorf. In der Zeit, als Deutsch noch in den betreffenden Gebieten Amtssprache war, wurden Orte Windischgrätz (Slowenien) und Windisch Kamnitz (Tschechien) genannt. In der Oberpfalz trafen Slawen spärlich besiedeltes Gebiet an und ließen sich dort in eigenen Dörfern nieder, die von deutschen Bewohnern von Umlandsdörfern oder von der damaligen Obrigkeit deutsche Namen erhielten.

„Wendisch“ und „Sorbisch“ links|mini|Wendische Hochzeit 1931 im Spreewald Die deutsche Eigenbezeichnung der alteingesessenen Slawen in der brandenburgischen Niederlausitz ist Gegenstand von Auseinandersetzungen. Während sich nach dem Zweiten Weltkrieg und in der DDR die einheitliche Bezeichnung Sorben für die zuvor auf Deutsch zumeist als Wenden bezeichneten Slawen der Nieder- und Oberlausitz weitgehend durchsetzte, verstehen sich viele Niederlausitzer auch weiterhin als Wenden, um sich von den Sorben in der sächsischen Oberlausitz abzugrenzen. In diesem Sinne bezeichnen sie auch die niedersorbische Sprache als Wendisch, wovon sich das (Ober-)Sorbische in der Oberlausitz unterscheidet. Mittlerweile tritt nur die Bezeichnung Sorbisch als kulturelle Einheit und anerkannte Minderheit in der gesamten Lausitz heraus, was die Eigenbezeichnung in beiden Sprachen widerspiegelt (niedersorbisch Serby, obersorbisch Serbja). Ein Wort Wendojo bzw. wendski existiert in beiden sorbischen Sprachen dagegen nicht.

Geschichte mini|Wendenabbildung aus dem Sachsenspiegel. Die Frau (links) trägt den typischen Schläfenring, die Männer „gewundene“ Beinwickel, die aber weder archäologisch noch aus Schriftquellen bekannt sind: ein „redendes“ Bild für die Masse der Schriftunkundigen.

Frühe slawische Besiedlung Seit dem 7. Jahrhundert wanderten Slawen in die von germanischen Stämmen im Laufe der späten Römischen Kaiserzeit und der Völkerwanderung verlassenen Gebiete ein. Die bislang archäologisch ausgewerteten Siedlungen und Gräberfelder rechtfertigen die Annahme, dass es sich bei den Einwanderern um kleinere Gruppen in der Größe von Familienverbänden handelte. Aus den Überresten ihrer materiellen Kultur und den Ergebnissen dendrochronologischer Untersuchungen von Bauholz, überwiegend aus Brunnen, ergeben sich Wanderungswege aus Schlesien entlang der Oder sowie aus Böhmen entlang der Elbe nach Norden. Ältere Hypothesen einer Einwanderung aus östlicher Richtung haben sich hingegen nicht bestätigt. In der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts siedelten die Einwanderer zunächst in den Gebieten beidseits von Elbe und unterer Saale, ehe ab der Zeit um das Jahr 650 nördlich davon liegende Regionen bis zur Ostsee erreicht wurden. Unbeschadet des uneinheitlichen Forschungsstandes steht heute fest, dass die einzelnen Gebiete zu deutlich unterscheidbaren Zeiten in unterschiedlicher Dichte besiedelt wurden. Während sich auf den für Ackerbau gut geeigneten Flächen der Uckermark, im Havelland, der Wismarer Bucht oder an der Peene in Vorpommern anhand von Grabungsbefunden bereits im 7. Jahrhundert eine verhältnismäßig dichte Besiedelung ablesen lässt, folgten andere Gebiete trotz ihrer naturräumlichen Eignung erst relativ spät, wie etwa die Halbinsel Wagrien im Schleswig-Holsteinischen Hügelland ab dem Jahr 700 und Rügen sogar erst im fortgeschrittenen 8. Jahrhundert. Andere Gebiete wie etwa die Niederlausitz blieben zunächst dünn oder sogar unbesiedelt.Felix Biermann: Zentralisierungsprozesse bei den nördlichen Elbslawen. In: Przemysław Sikora (Hrsg.): Zentralisierungsprozesse und Herrschaftsbildung im frühmittelalterlichen Ostmitteleuropa (= Studien zur Archäologie Europas 23). Habelt, Bonn 2014, S. 157–193, hier S. 158–161.