Der Wingolfsbund ist ein Korporationsverband christlicher, überkonfessioneller, farbentragender, nichtschlagender Studentenverbindungen. Er ist der älteste Korporationsverband (seit 1844) weltweit und gilt als eine der ersten interkonfessionellen, ökumenischen Gemeinschaften. Zum Wingolfsbund gehören derzeit 34 aktive Verbindungen in 33 Hochschulorten in Deutschland, Österreich und Estland (Stand: Juni 2022). Der Wingolf hat etwa 4000 Mitglieder (2024) in den aktiven und vertagten Wingolfsverbindungen.
Der Wingolf pflegt freundschaftliche Kontakte zum Falkensteinerbund in der Schweiz.
Leitgedanke Wahlspruch des Wingolfsbundes ist – „Di henòs pánta“ (griech.: Durch einen (Jesus Christus) alles – Philipper 4,13).Otto Böcher: Kleines Lexikon des studentischen Brauchtums. 3. Auflage. Hannover 2009, S. 87. Grundsätze des Wingolfs sind christliches Bekenntnis, Lebensbundprinzip und korporative Form. Der Wingolf verwirft seit seiner Gründung auf Grund des christlichen Prinzips Duell und Mensur; er ist damit der historisch erste Korporationsverband, der das Duell ablehnt.Otto Böcher: Kleines Lexikon des studentischen Brauchtums. 3. Auflage. Hannover 2009, S. 235 f. Der Wingolfsbund und seine Mitgliedsverbindungen sehen sich als politisch und konfessionell ungebunden.
Geschichte des Wingolfsbundes Ursprünge mini|hochkant|Friedrich Gottlieb Klopstock 1724–1803Das Wort Wingolf entstammt dem altnordischen Wort Vingólf, das in der germanischen Mythologie einen Raum (oder Platz) neben Walhall – die Freundeshalle – bezeichnet.VAW (Hrsg.), Vademecum Wingolfiticum, 24. Aufl., Hannover 2005, S. 15.
Friedrich Gottlieb Klopstock griff dieses Wort auf. 1767 schrieb er seine Ode „An des Dichters Freunde“ aus dem Jahre 1747 um in eine Liedfolge in germanischem Gewand unter dem Namen Wingolf. Er entlieh das Wort im Zuge der aufkommenden Begeisterung für die angeblich wiederentdeckten Dichtungen des keltischen Barden Ossian der Mythologie im Sinne eines Freundschaftsbundes.
Christliche Studentenkreise in verschiedenen Universitätsstädten übernahmen um 1840 das Wort und nannten sich Wingolf. Die erste Wingolfsverbindung entstand 1841 in Bonn. Der Wingolfsbund als Verband wurde Pfingsten 1844 auf dem Konzil zu Schleiz gegründet, an dem die Uttenruthia Erlangen als Keimzelle des Erlanger Wingolf, der Alte Hallenser Verein und der Berliner Wingolf teilnahmen. Der nicht anwesende Bonner Wingolf akzeptierte die Beschlüsse für sich. Bereits hier wurden gemeinsame Kriterien für die Mitgliedschaft und die Ausgestaltung des Verbindungslebens vereinbart. Die Beschlüsse lauteten im Einzelnen:
Aufnahmebedingung für Christen: ernstes sittliches Streben nach Wahrheit, für Juden: ein über das Judentum hinausgehendes StrebenEva Chr. Gottschaldt (Hrsg.): „Das ist die Tat unseres herrlichen Führers.“ Die christlichen Studentenverbindungen Wingolf und der Nationalsozialismus im Spiegel der Verbandspresse. Eine Dokumentation (= Marburger Beiträge zur Geschichte und Gegenwart studentischer Verbindungen, Bd. 4). Marburg 1997, ISBN 3-926295-08-2, S. 14–15., Erbauungskränzchen durch freie Übereinkunft einzelner Mitglieder, keine Accomodation an fremdes Studentenwesen, keine Abzeichen, kein gemeinsamer Name (weil man sich auf keinen gemeinsamen Namen einigen konnteAus dem Wingolf, Marburg 1860, S. 5.), absolute Verwerfung des Duells, Fechten und Turnen ist Vereinssache, Kneipabend als Anhaltspunkt des Vereinslebens, sittlich-wissenschaftlich-geselliger Charakter, Verwerfung des Bierkomments, Landesvater ist nicht zu rezipieren, weil seine Bedeutung ungewiss und durch ihn ein untergeordnetes Moment zur Hauptsache gemacht würde, Kartellverhältnis: Wer Mitglied eines Vereins, sei eo ipso Mitglied des andern. Ebenso mit dem Austritt und Ausschluss, alle drei Jahre Zusammenkunft, am Stiftungstag Briefe. Mitteilung der Vereinsgeschichte jedes Semesters.Geschichte der Uttenruthia in ihren ersten 25 Jahren 1835 bis 1861. Nürnberg o. J., S. 35, Fn. 4.
Damit war der älteste heute noch bestehende studentische Korporationsverband gegründet.
Das Verhältnis zum Bonner Wingolf (nun Germania) kühlte im Verlauf des WS 1845/1846 und SS 1846 immer weiter ab. Dieser beschimpfte die Berliner Verbindung als „Pietisten und Mucker“.Geschichte des Berliner Wingolf seit seiner Gründung bis Ostern 1849. Berlin 1850, S. 26. Damit war aber der Stellenwert des Christlichen längst nicht geklärt. Bald entstanden neue Spannungen, unter anderem weil die christliche Ausprägung weiterhin unterschiedlich war. Nachdem sich der etwas freier ausgerichtete Bonner Wingolf im Sommer 1844 in Germania umbenannt hatte, wurde dieser Name zum Sinnbild einer freieren Richtung. Im Weiteren kam es in Berlin (WS 1845/1846) und Marburg (1851) zu Abspaltungen einer Germania.Heinz-Werner Kubitza: Geschichte der Evangelischen Studentengemeinde Marburg. Tectum Verlag, 1992, ISBN 3-929019-00-0, S. 11–12. In Erlangen kam es schließlich 1850 zu einer Trennung zwischen der Uttenruthia und dem Erlanger Wingolf.
In der Revolution von 1848 nahm man entschieden Partei für die Konservativen und beteiligte sich insbesondere in Berlin gemeinsam mit den dortigen Corps Borussia (nicht mit dem heutigen Corps Borussia Berlin identisch) und Guestphalia an der Bürgerwehr auf Seiten der Monarchisten. Während des Wartburgfestes der Studentenschaft 1848 tagten die Verbindungen des Wingolf (Berliner Wingolf, Hallenser Wingolf, der im Vorjahr gegründete Marburger Wingolf und Uttenruthia Erlangen) gleichzeitig im Schwarzburger Hof bei Blankenburg und sprachen sich, nachdem ihnen ein Bote von den Beschlüssen und Forderungen auf der Wartburg berichtet hatte, entschieden dagegen aus. Die auf die Wartburg übersandte Erklärung löste dort großen Unwillen aus.Eva Chr. Gottschaldt (Hrsg.): „Das ist die Tat unseres herrlichen Führers.“ Die christlichen Studentenverbindungen Wingolf und der Nationalsozialismus im Spiegel der Verbandspresse. Eine Dokumentation (= Marburger Beiträge zur Geschichte und Gegenwart studentischer Verbindungen, Bd. 4). Marburg 1997, ISBN 3-926295-08-2, S. 16–17.Geschichte des Berliner Wingolf seit seiner Gründung bis Ostern 1849. Berlin 1850, S. 64 ff.
1850 traf sich der Wingolf selbst erstmals zu seinem Wartburgfest in Eisenach, das bis heute alle zwei Jahre dort stattfindet. Dabei wurde das erste Prinzip erarbeitet: „Der Wingolf ist ein christlicher Studentenverein und will das Studententum mit dem Christentum durchdringen!“Jürgen Setter: Kleine Geschichte der Verbindungen in Gießen. Verlag Sande Friesland, 1983, S. 245. 1852 schloss man sich noch enger zum „Gesamtwingolf“ zusammen und definierte sich rechtlich als eine Verbindung an verschiedenen Universitäten. Darauf stützt sich die Idee des Singularitätsprinzips, d. h., dass nur eine Wingolfsverbindung an einer Universität bestehen sollte. Wingolfsverbindungen entstanden 1850 in Rostock und Dorpat, 1851 in Heidelberg, 1852 in Gießen, 1855 in Leipzig sowie 1857 die Argentina Straßburg. 1853 erkannte der Wingolf das Schwizerhüsli Basel als Bruderverbindung an. Die Tendenz einiger Wingolfsverbindungen zu größerer Eigenständigkeit und eine unterschiedliche Auslegung des christlichen Prinzips führten zur Spaltung in einen „engeren“ und einen „weiteren“ Gesamtwingolf. 1860 wurde dieser daher durch einen föderaleren Verband (über die Definition des engeren und weiteren Gesamtwingolf) ersetzt.Wieltsch: Geschichte des Wingolfs, Kurzfassung. 2009, S. 12. mini|Gießener Wingolf 1863 mini|hochkant|links|Rostocker Wingolf 1904 mini|Historische Couleurkarte von 1904
Im Rahmen der deutschen Einigungskriege konnte der Wingolf sein Ziel, sich von jeder politischen Betätigung fernzuhalten, nicht einhalten. So trat der Marburger Wingolf nach der Annexion Kurhessens durch Preußen 1867 aus dem Bund ausHeinz-Werner Kubitza: Geschichte der Evangelischen Studentengemeinde Marburg. Tectum Verlag, 1992, ISBN 3-929019-00-0, S. 14–15. und die französischen Mitglieder der Argentina Straßburg verließen diese 1871 auf Grund der Eingliederung Elsaß-Lothringens in das Deutsche Reich.
Die einzelnen Wingolfsverbindungen wurden im 19. Jahrhundert von Studenten der Theologie in Universitätsstädten mit evangelischen Fakultäten gegründet. Der Wingolf war entsprechend dem evangelisch-lutherischen Kirchenverständnis und der Sichtweise des sogenannten „neuerwachten Glaubenslebens“ (Pietismus des 19. Jh.) von Anfang an überkonfessionell. Katholische Studenten traten jedoch im 19. Jahrhundert häufig den später gegründeten katholischen Studentenverbänden bei.
Mit Hilfe örtlicher Pfarrer, die Mitglieder des Wingolfs waren, entstanden seit dem Ende des 19. Jahrhunderts Wingolfsverbindungen auch an Technischen Hochschulen (nachdem man lange um die Gleichwertigkeit des Hochschulzugangs gestritten hatte, das sog. Maturitätsprinzip).
Weimarer Republik und NS-Diktatur Nach dem Ersten Weltkrieg stieg die Zahl der studierenden Wingolfiten rasch wieder an; so wurden im Sommersemester 1919 bereits 855 Aktive gezählt. Die Tendenz innerhalb des Wingolfs und innerhalb der einzelnen Wingolfsverbindungen war uneinheitlich. So förderte der Verband Alter Wingolfiten unter dem ab 1919 amtierenden Generalsekretär Robert Rodenhauser einen zentralistischen und nationalen Kurs. Einige Wingolfsverbindungen beteiligten sich zum Teil aktiv an Freikorpskämpfen, wie etwa große Teile des Münsterschen Wingolfs (III. Bataillon der Akademischen Wehr Münster unter Martin Niemöller) bei der Sicherung von Bahnhöfen und Brücken gegen sozialistische Aufständische, der Erlanger Wingolf im Freikorps Epp am Kampf gegen die Münchner Räterepublik, der Marburger Wingolf bei der Niederschlagung des Ruhraufstands sowie der Greifswalder Wingolf bei der Abwehr polnischer Nationalisten in Oberschlesien. In anderen Wingolfsverbindungen, namentlich im Gießener WingolfMargarete Schneider: Paul Schneider – Der Prediger von Buchenwald. Neu herausgegeben von Elsa-Ulrike Ross und Paul Dieterich. SCM Hänssler, Holzgerlingen 2014, ISBN 978-3-7751-5550-2; im epub-Format: ISBN 978-3-7751-7210-3., fanden christlich-soziale Strömungen Zulauf; Einzelpersonen wie Paul Tillich vertraten einen Christlichen Sozialismus. 1919 lehnte es der Wingolf nach interner Forderung ab, das „Deutschtum als tragende Säule“ des Bundes anzusehen.
Nach der Abschaffung der Monarchie in Deutschland wurde der „Landesvater“ als studentischer Brauch im Wingolfsbund in „Treueschwur“ umbenannt. 1921 kam es zum Erlanger Verbände- und Ehrenabkommen zwischen schlagenden und nichtschlagenden studentischen Korporationsverbänden. 1923 musste die drei Jahre zuvor entstandene Verbindung Hohenstaufia zu Würzburg aus dem Wingolfsbund austreten, da sie die Mensur nicht kategorisch ablehnte.Vgl. Seit 1925 tragen die Mitglieder des Wingolfs als Erkennungszeichen die bis heute bestehende Bundesnadel.
Nach der Machtübernahme Hitlers stieg der Druck auf die Studentenverbindungen stark an.Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich. 1995, S. 287 ff. Dennoch hofften viele Wingolfiten, ihr Bund könne unter den bestehenden korporativen und christlichen Prinzipien erhalten werden. Daher wurde 1933 nach heftigen internen Diskussionen das Führerprinzip eingeführt und der bisherige VAW-Geschäftsführer Robert Rodenhauser zum neuen „Bundesführer“ bestimmt; die einzelnen Activitates wurden durch so genannte „Burschenführer“ geleitet. Rodenhauser war dabei unter Anhängern des Regimes umstritten, da er kein Politiker mit überzeugter nationalsozialistischer Weltanschauung war. Im selben Jahr beugte sich der Wingolf dem Druck der NS-Rassengesetzgebung, indem Christen jüdischer Abstammung aus dem Verband ausgeschlossen wurden. Rodenhauser befürwortete in diesem Zusammenhang die Auflösung des Bundes, konnte sich aber nicht gegen die aktiven Studenten durchsetzen.