Der Friedrichstadt-Palast (kurz auch Palast Berlin) ist ein Revuetheater in der Friedrichstraße 107 in Berlin-Mitte. Das Theatergebäude wurde 1984 eingeweiht und ist seitdem mit modernster Bühnentechnik ausgestattet. Der Palast gehört zu Europas meistbesuchten Varieté-Bühnen und ist u. a. für seine Kickline berühmt.

Der Begriff Friedrichstadt-Palast bezeichnet sowohl das Gebäude als auch das Revuetheater als Einrichtung mit seinem Ensemble. Der Name hat seinen Ursprung von einem unweit gelegenen, etwas mehr als 100 Jahre als Zirkus- und Theaterbau dienenden Haus, das ab 1947 zum Friedrichstadt-Palast wurde.

Mit seinen 1895 Sitzplätzen ist der Palast seit 1984 der größte Theaterbau in Berlin.

Alter Friedrichstadt-Palast

Lage und Namensgebung Das Gebäude mit der damaligen Adresse Markthallenstraße, ab 1891 Am Zirkus 1, befand sich (etwa 200 Meter südwestlich vom heutigen Friedrichstadt-Palast) auf einer durch die vier Straßen Schiffbauerdamm, Albrechtstraße, Karlstraße (seit 1947 Reinhardtstraße) und Friedrichstraße begrenzten Fläche, die in Nord-Süd-Richtung von der Markthallenstraße geteilt wurde. Direkt daneben wurde 1892 das Neue Theater (seit den 1950er Jahren: Theater am Schiffbauerdamm) errichtet.

Der Namens-Bestandteil Friedrichstadt geht nicht auf das südlich der Behrenstraße gelegene Stadtviertel Friedrichstadt zurück, sondern leitet sich vom historischen Quartier zwischen Friedrichstraße und Humboldthafen, der Friedrich-Wilhelm-Stadt ab, in dem sich das ursprüngliche Bauwerk befand.

Markthalle und Arsenal (1868–1871) Die Geschichte des Friedrichstadt-Palastes geht auf die am 1. Oktober 1867 eröffnete erste Markthalle von Berlin zurück, die wegen Unwirtschaftlichkeit auf Grund einer schlechten Verkehrssituation nach sieben Monaten am 18. April 1868 wieder schließen musste. Die Halle war ein auf damaligem neuesten technischen Stand errichteter Bau aus Gusseisen und Glas nach einem Entwurf von Friedrich Hitzig. Das Gebäude stand danach leer und diente später als Lebensmitteldepot. Während des Deutsch-Französischen Krieges von 1870/1871 richtete die preußische Heeresleitung in dem Bau ein Nachschubarsenal ein. Nach Kriegsende blieb die Halle wieder ungenutzt.

Zirkus (1873–1919) Im Jahr 1873 erfolgte der erste Umbau des Hauses zu einem festen Zirkusgebäude mit etwa 5000 Plätzen. Am 25. Dezember 1873 wurde es als Markthallen-Zirkus unter Direktor Albert Salamonski eröffnet. Die Vorstellungen boten vor allem Pferdedressuren, denn Salamonski war selbst Parforcereiter. Am 20. April 1879 erwarb Ernst Renz das Haus und führte dort seinen Zirkusbetrieb fort. 1888 ließ Renz das Haus erneut umbauen. Über die anschließende Zuschauerkapazität schwanken die Angaben verschiedener Quellen, sie soll bis zu 8000 Plätze betragen haben.Wolfgang Carlé, Heinrich Martens: Kinder, wie die Zeit vergeht – Eine Historie des Friedrichstadt-Palastes Berlin. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1987, S. 18. Renz machte sich für seine Wassernummern auch die Tatsache zu Nutze, dass das Gebäude auf 863 Pfahlrosten über dem sumpfigen Lauf der durch die Oranienburger Vorstadt fließenden Panke errichtet worden war. Dieser Flusslauf, bereits zur Zeit der Markthalle zum Frischhalten von Fischen, Blumen und Gemüse genutzt, wurde nun offen durch das Gebäude geführt. Nach Renz’ Tod 1892 führte dessen Sohn Franz Renz das Unternehmen fort, musste es aber unter dem großen Konkurrenzdruck am 31. Juli 1897 schließen.

Das Haus kam durch Versteigerung an Bolossy Kiralfy und Hermann Haller. Diese richteten nach erneutem Umbau den Amüsierbetrieb Neues Olympia-Riesen-Theater bzw. Riesen-Olympia-Theater ein. Das Bühnenportal wurde auf 44 Meter verbreitert und vier der acht großen Säulen im Zuschauerraum wurden entfernt. Bereits nach zwei Jahren musste das Duo Kiralfy/Haller allerdings wieder aufgeben – ihre pompösen Shows mit zu wenig Inhalt gefielen dem Publikum nicht.

Albert Schumann war der nächste Nutzer des Hauses, der am 28. Oktober 1899 wieder einen Zirkus eröffnete. Schumann setzte auf klassische Zirkusprogramme mit zahlreichen Pferdedressuren als Hauptbestandteil. Ein weiterer Umbau im Jahr 1901 führte zur Vergrößerung der Bühnenfläche auf 800 Quadratmeter und zu einer Modernisierung der installierten Technik. Ab den 1910er Jahren interessierte sich das Berliner Publikum mehr für moderne Raubtierdressuren, das Besucherinteresse an Schumanns Darbietungen ließ nach. Der Erste Weltkrieg brachte ihm schließlich den Ruin. Zu Beginn des Krieges wurden seine Pferde für den Dienst in der Kaiserlichen Kavallerie requiriert, während des Krieges gingen die Gewinne für die zu zahlenden Steuern drauf. Am 31. März 1918 gab der Circus Schumann seine letzte Vorstellung. Den Zirkusdirektoren Salamonski, Renz, den Artisten Kiralfy/Haller und Schumann folgte nun der Regisseur Max Reinhardt. mini|Innenraum nach Entwürfen von Hans Poelzig

Revue- und Lustspieltheater Großes Schauspielhaus (1919–1933) Max Reinhardt wollte den Zirkus zur Inszenierung seiner monumentalen Bühnenstücke und Klassiker nutzen. Am 1. April 1918 übernahm die National-Theater AG das Haus in seinem Auftrag.Wolfgang Carlé, Heinrich Martens: Kinder, wie die Zeit vergeht – Eine Historie des Friedrichstadt-Palastes Berlin. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1987, S. 46. Reinhardt ließ das Haus für die neue Nutzung abermals umbauen und konnte dafür den renommierten Architekten Hans Poelzig gewinnen. Nachdem dieser die Markthallenarchitektur der gusseisernen Stützen und Streben durch eine Stuckdecke mit tropfenförmig herabhängenden Zapfen umgestaltet hatte,Hans Poelzig: Bau des Großen Berliner Schauspielhauses. Festschrift zur EröffnungHeike Hambrock: Marlene Moeschke – Mitarbeiterin?, das wiederentdeckte Werk der Bildhauerin und Architektin liefert neue Erkenntnisse über Hans Poelzigs Großes Schauspielhaus in Berlin. In: Kritische Berichte, Marburg 29/2001, 3, S. 37–53 sprachen die Berliner nur von ihrer „Tropfsteinhöhle“. Die Hauptbühne war nun 30 Meter breit und 22 Meter tief. Sie hatte eine Drehbühne von 18 Metern Durchmesser und verfügte über verschiebbare Vorbühnen. Hinzu kam moderne Beleuchtungs- und Effekttechnik. Am 29. November 1919 wurde das nun Großes Schauspielhaus genannte Gebäude mit Die Orestie von Aischylos in der Bearbeitung und Übersetzung Karl Gustav Vollmoellers unter der Regie von Max Reinhardt feierlich eröffnet. Ab 1924 inszenierte Erik Charell hier seine Charellrevue mit Texten von Robert Gilbert sowie die Musikschau Im weißen Rößl. Am 12. Juli 1925 brachte Erwin Piscator seine politische Revue Trotz alledem auf die Bühne.Ludwig Hoffmann, Daniel Hoffmann-Ostwald: Deutsches Arbeitertheater 1918–1933. Henschel, Berlin 1961, 1977, Rogner & Bernhard, München 1973, ISBN 3-920802-90-X. Im April 1933 schloss das Große Schauspielhaus.

Operettentheater Theater des Volkes (1934–1945) In der Zeit des Nationalsozialismus wurde das monumentale Gebäude Anfang 1934 in Theater des Volkes umbenannt. Die von der Kuppel hängenden Zapfen wurden abgeschlagen, sie galten als entartete Kunst. Im Saal wurde eine Führerloge eingebaut. Jetzt kamen spätbürgerliche Operetten zur Aufführung. Das Haus trug in dieser Zeit auch zeitweise den Namen Palast der 5000 und stand unter der Leitung Rudolf Zindlers.

Varieté- und Revuetheater (1945–1947) mini|hochkant|Abschlusskundgebung des Deutschen Frauenkongresses für den Frieden, 1947

Das Gebäude erlitt im Zweiten Weltkrieg, im März 1945, durch wiederholte Luftangriffe sehr starke Beschädigungen, die zwischen Kriegsende und August 1945 notdürftig beseitigt werden konnten. Nun führte die Zauberkünstlerin Marion Spadoni das Haus als Palast Varieté, Palast der 3000, Haus der 3000 oder Palast am Bahnhof Friedrichstraße weiter.

Veranstaltungssaal und Revuetheater Friedrichstadt-Palast (1947–1980) Marion Spadoni wurde zum 1. September 1947 enteignet, obwohl die sowjetische Kommandantura anfänglich im Jahr 1945 eine Lizenz für den Betrieb vergeben hatte. Der Magistrat von Groß-Berlin übernahm im gleichen Jahr die Einrichtung, die nun den Namen Friedrichstadt-Palast erhielt.Franziska Nentwig (Hrsg.): Berlin im Licht. Stiftung Stadtmuseum Berlin, Berlin 2008, ISBN 978-3-940939-06-7, S. 195. In diesem Gebäude fand am 2. November 1947 die Gründungsfeier der FDJ statt. Auch für weitere gesellschaftliche Großveranstaltungen wurde es genutzt. Der erste Intendant nach der Enteignung war Nicola Lupo. Ihm folgten im August 1954 Gottfried Herrmann, sowie im November 1961 Wolfgang E. Struck.

Ab 1972 entstanden hier neben anderen Fernsehproduktionen die erste und viele weitere Folgen der Samstagabendshow des DDR-Fernsehens Ein Kessel Buntes, bei denen einheimische und zahlreiche internationale prominente Künstler auftraten.mini|Alter Friedrichstadt-Palast, 1972

Im alten Friedrichstadt-Palast befand sich seit Ende der 1950er Jahre zudem die Tanzgaststätte Große Melodie für bis zu 340 Gäste. Dort haben zahlreiche Jazz-Ensembles ihr Können dargeboten, die später im Haus der jungen Talente in der Klosterstraße und im Jazz-Club in der Fredersdorfer Straße (Fredersdorfer Club) auftraten und zur Entstehung der DDR-Pop-Kultur beitrugen.

Schließung und Abriss (1980–1985) Am 29. Februar 1980 wurde das Gebäude unmittelbar nach der Besichtigung durch Bauexperten wegen starker Setzungen der verfaulten Fundamentpfeiler im Boden geschlossen. In einer ADN-Meldung vom gleichen Tag hieß es dazu: „Im Friedrichstadt-Palast können ab 1. März keine Vorstellungen mehr stattfinden. Der Magistrat von Berlin hat im Interesse der öffentlichen Sicherheit eine entsprechende Festlegung getroffen. Die ständige Überwachung des Palastes durch die staatliche Bauaufsicht sowie spezielle Untersuchungen haben ergeben, daß sich die Gründungskonstruktion ständig verschlechtert […]“Wolfgang Carlé, Heinrich Martens: Kinder, wie die Zeit vergeht – Eine Historie des Friedrichstadt-Palastes Berlin. Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin 1987, S. 168. So ging am Abend dieses Tages mit der Revue Seekiste die letzte Vorstellung im alten Friedrichstadt-Palast über die Bühne.Stella Tringale: magnet mit Glasbausteinen. Berliner Zeitung (Printausgabe), 26. April 2024, S. 7. Obwohl als Spielstätte geschlossen, diente das Haus dem Ensemble in der Folge weiterhin als Probenbühne. Auch das Magazin, die Werkstätten und die Verwaltungsräume wurden noch weiter genutzt. Nach dem Umzug des Ensembles in den Neubau begann 1985 der Abriss des fast 120 Jahre alten Gebäudes.

An der Stelle des alten Friedrichstadt-Palastes wurde ab 2011 ein neues Büro- und Wohnhaus gebaut.

Neuer Friedrichstadt-Palast mini|hochkant|Foyer im Palast, 2021

Baugeschichte und Architektur Nach dem Magistratsbeschluss zum Neubau des Veranstaltungshauses noch im Jahr 1980 hatte die Bauakademie unter Leitung des Architekten Erhardt Gißke einen Oberbauleiter gesucht. Gißkes Wahl fiel auf Jürgen Ledderboge, als Baukosten wurden 219 Millionen Mark ermittelt. Als Materialien waren Stahl, Glas und Aluminium vorgesehen. Als sich bei der Feinplanung herausstellte, dass der neue Palast damit zu teuer werden würde, änderten die Bauingenieure das auf Stahlbeton und Glasbausteine (insgesamt wurden 22.500 Glasbausteine verarbeitet). Für das Innere kam Kalksandstein zum Einsatz.

Mit der Grundsteinlegung am 26. Juni 1981 für den Neubau des Friedrichstadt-Palastes auf einem 7700 m² großen Teil dieser Fläche nach der Entwurfsplanung von Manfred Prasser und der Ausführungsplanung von Dieter Bankert begann eine fast dreijährige Bauzeit. Vier Wochen vor der geplanten feierlichen Eröffnung wurden, wahrscheinlich durch einen Sabotageakt, der jedoch nicht aufgeklärt werden konnte, die Stromkabel für die Motoren des eisernen Vorhangs durchgeschnitten, was noch repariert werden konnte. In der Konsequenz veranlasste die Staatssicherheit eine Aufstockung des Personals auf der Baustelle.