Das Referendum über die Aufhebung des Alkoholverbots in Finnland fand am 29. und 30. Dezember 1931 statt. Ausgelöst wurde es durch ein von der Regierung eigens für diese Frage eingebrachtes Abstimmungsgesetz, da Plebiszite in der damaligen finnischen Verfassung nicht vorgesehen waren. Seit 1919 galt in Finnland ein äußerst strenges Verbot von Alkoholika.

Beim Referendum konnten die Abstimmenden zwischen drei Möglichkeiten wählen, einer vollständigen Aufhebung der Prohibition, der Aufhebung des Verbots nur von leichten alkoholischen Getränken oder die Beibehaltung der bestehenden Regelungen. Die Abstimmung ergab eine große Mehrheit von 70,6 % für die vollständige Aufhebung des Alkoholverbots.

Infolge der Abstimmung wurde wenig später die weitgehende Alkohol-Prohibition aufgehoben und das staatlich kontrollierte Unternehmen Alko gegründet. Dieses hat bis heute in Finnland ein Monopol auf den Verkauf von Getränken mit einem Alkoholgehalt von über 5,5 %.

Hintergrund mini|Von der finnischen Polizei beschlagnahmter Alkohol In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts formierten sich in vielen Ländern soziale Sittlichkeitsvereine, die auf Mäßigung, und der Beförderung einer moralischen und gesunden Lebensweise abzielten. Aus diesen Gruppen heraus, zudem von Frauenvereinigungen, aber auch aus der Arbeiterbewegung als Reaktion auf weit verbreitetem Alkoholismus getragen, entstand in den 1880er Jahren in vielen Ländern eine Abstinenzbewegung, die sich für ein Verbot oder zumindest eine strikte Regulierung von Alkoholika und anderen berauschenden Substanzen einsetzte.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts erreichte die Abstinenzbewegung den Gipfel ihres Einflusses, der in einer Reihe von Staaten zu Alkoholverboten führte, in der Schweiz beispielsweise zum Abinthverbot. Zu den weitreichendsten Alkoholverboten kam es in den skandinavischen Ländern, aber auch in Russland. Nachdem Finnland 1918 seine Unabhängigkeit erlangte, führte es ebenfalls im Jahr 1919 ein Alkoholverbot ein, das als eines der strengsten weltweit galt.

So war in Finnland die Produktion, der Handel, die Lagerung und der Transport von Alkohol vollständig verboten. Einzige Ausnahme war der Gebrauch von Alkohol zu medizinischen Zwecken, wodurch Apotheken zu den wenigen Orten wurden, an denen reiner Alkohol (auf Rezept) legal erworben werden konnte.

So wie auch in anderen Staaten mit Alkoholverbot (beispielsweise die USA ab 1920), stellten sich in Finnland unerwartete gesellschaftliche Auswirkungen ein. Es kam zu einer extremen Ausweitung illegaler Aktivitäten rund um Alkohol, wie unregulierte Schnapsbrennerei, dem Schmuggel aus Nachbarländern, missbräuchliche ärztliche Verschreibungen bei einem gleichzeitig stark ansteigendem Konsum von hartem Alkohol, anstatt von Bier. Im Zusammenhang mit Alkohol entstand organisierte Kriminalität, die Mordrate stieg steil an und Korruption in Polizei und Justiz wurde zu einem erheblichen Problem.

Anfang der 1930er Jahre sich die Stimmen in Finnland, die ein Ende des Alkoholverbots forderten. Einerseits war offenkundig, dass die sozialen Nachteile des Alkoholverbot die erhofften Vorteile deutlich überwogen. Der Druck zur Aufhebung der Prohibition nahm durch die Weltwirtschaftskrise Ende 1929 noch weiter zu. Einerseits gab es in Finnland die Hoffnung, dass durch die Legilisierung und Besteuerung von Alkohol die Einnahmen des Staates erhöht, während zugleich die enormen Kosten für die Alkoholbekämpfung eingespart werden könnten. Aber auch die alkoholexportierenden Nachbarstaaten, vor allem Frankreich, Spanien und Portugal, drohten Finnland mit dem Boykott von Holz und Papier, falls das Verbot aufrechterhalten werden würde.

Der Weg zum Referendum mini|Im Abstimmungskampf, eine Girlande über der Straße ruft auf: „Stimmt ab, ihr Schmuggler!“ () mini|Eine Leuchtreklame fordert: „Weg mit der Prohibition – das Geld an den Staat“ () Gleichwohl blieb die Aufhebung des Alkoholverbots in Finnland politisch stark umstritten. Während konservative und liberale Parteien dieses befürworteten, hielten insbesondere die Sozialdemokratische Partei Finnlands und der auch an der Regierung beteiligte Landbund an ihm fest. Zusätzlicher politischer Druck wurde von der rechtsradikalen Lapua-Bewegung ausgeübt, die sich dafür einsetzte, den Beschluss des Staatshaushalts für 1932 von der Abschaffung der Prohibition abhängig zu machen. Sollte diese nicht aufgehoben werden, drohte die Lapua-Bewegung mit einem Putsch.

Da sich die finnischen Parteien nicht auf einen gemeinsamen Entwurf und Beschluss im Parlament einigen konnte, wurde die Idee eines Referendums aufgebracht, wenngleich die finnische Verfassung ein solches gar nicht vorsah. Dabei spielte sicherlich eine Rolle, dass sowohl in Schweden als auch in Norwegen im Zusammenhang mit den dortigen Prohibitionsgesetzen Referenden eine wichtige Rolle bei der (Nicht-)Einführung beziehungsweise Aufhebung gespielt hatten (Schweden 1922 beziehungsweise Norwegen 1919 und 1926). Schließlich einigten sich die Parteien darauf, gemeinsam ein Gesetz über die Abhaltung eines Referendums über das Alkoholverbot zu beschließen. Um die im Parlament vertretenen wesentlichen Positionen abzubilden, wurde keine einfache Ja-/Nein-Entscheidung beschlossen, sondern es sollten drei Optionen zur Abstimmung gestellt: Beibehaltung des Alkoholverbots Erlaubnis von Alkohol bei Regulierung und Besteuerung von Herstellung und Handel Erlaubnis von mildem Alkohol bei Regulierung und Besteuerung von Herstellung und Handel

Wie dies auch bereits in Schweden geschehen war, entschloss man sich weiterhin zu einer geschlechtergetrennten Stimmabgabe. So erhielten alle Männer weiße Stimmzettel und alle Frauen rote.Markku Suksi: Finland, S. 52–53.

Ergebnis mini|Abstimmung im Gebäude des finnischen Parlaments, 30. Dezember 1931 mini|Anlieferung der Stimmzettel aus den ländlichen Gebieten Beim Referendum am Dienstag und Mittwoch, dem 29./30. Dezember 1931 waren etwas über 1,75 Millionen Personen stimmberechtigt. Hiervon beteiligten sich 777.885 (= 44,39 %) an diesem ersten Plebiszit in der Geschichte Finnlands, das waren etwa ein Drittel weniger, als bei der vorangegangenen Parlamentswahl im Oktober 1930 (dort: 65,9 %). Bei der Abstimmung bekamen Frauen und Männer unterschiedlichfarbige Stimmzettel ausgehändigt (Frauen: rot; Männer: weiß), sodass eine Aufschlüsselung der Ergebnisse nach zugewiesenem Geschlecht möglich ist. So ist nachvollziehbar, dass die Beteiligung von Männern an der Abstimmung deutlich höher ausfiel (52,6 % der stimmberechtigten Männer) als von Frauen (37,2 % der stimmberechtigten Frauen).

Die Abstimmungsfrage stellte drei Optionen zur Auswahl, die in nachfolgender Reihenfolge von links nach rechts waagerecht auf dem Stimmzettel angegeben waren:

Von den abgegebenen gültigen Stimmen sprach sich eine sehr große Mehrheit von 546.293 (= 70,5 %) für die vollständige Aufhebung des Alkoholverbots bei gleichzeitiger gesetzlicher Regulierung und Besteuerung von Herstellung und Handel. Ein gutes Viertel der Abstimmenden, 217.169 (= 28 %) sprach sich für die Beibehaltung des bestehenden Alkoholverbots aus. Den Kompromissvorschlag einer Freigabe von schwachen alkoholischen Getränken (Bier und Wein) unterstützte hingegen nur eine absolute Minderheit von 10.947 (= 1,4 %). Der Anteil ungültiger Stimmen lag bei niedrigen 0,4 %. Die Abstimmung unterlag keinem Quorum, es entschied die einfache Mehrheit der abgegebenen gültigen Stimmen.

Bei der Aufschlüsselung nach Geschlechtern zeigt sich zwar ein unterschiedliches Verhältnis, aber kein grundsätzlich anderes Ergebnis. So sprachen sich von den Frauen zwar knapp 10 % weniger für die Aufhebung der Prohibition aus, aber immer noch 65,3 % und damit eine große Mehrheit. Das umgekehrte Stimmenverhältnis zeigt sich bei der Beibehaltung des Alkoholverbots, das von 33,3 % der Frauen befürwortet wurde, aber nur von 23,8 % der Männer. Die dritte Option, die Freigabe nur von schwachalkoholischen Getränken fand mit nur 1,4 % der Stimmen in beiden Geschlechtergruppen gleich wenig Unterstützung.

Endergebnis des Referendums über die Aufhebung des Alkoholsverbots in Finnland am 29./30. Dezember 1931Datenbank und Suchmaschine für direkte Demokratie: Finnland, 30. Dezember 1931 : AlkoholregimeSuomen Virallinen Tilasto (Hrsg.): Kieltolakiäänestys Vuonna 1931. Stimmgruppe Stimm­berechtigte(a) abgegebeneStimmen (b) gültigeStimmen (b) ungültigeStimmen Beibehaltung der Prohibition Aufhebung Alkoholverbot Aufhebung für schwachalkoholische Getränke Anzahl Anzahl Anteil(an a) Anzahl Anteil(an b) Anzahl Anteil(an b) Anzahl Anteil(an c) Anzahl Anteil(an c) Anzahl Anteil(an c) Frauen 936.786 348.860 37,24 % 347.419 99,59 % 1.441 0,41 % 115.667 33,29 % 226.838 65,29 % 4.914 1,41 % Männer 815.529 429.025 52,61 % 426.990 99,53 % 2.035 0,47 % 101.502 23,77 % 319.455 74,82 % 6.033 1,41 % 1.752.315 777.885 44,39 % 774.409 99,55 % 3.476 0,44 % 217.169 28,04 % 546.293 70,54 % 10.947 1,41 %

Folgen mini|Ein Herr verlässt ein Alko-Geschäft (1950er Jahre) Da das Ergebnis des Referendums sehr eindeutig ausfiel, gaben die Parteien, die für die Prohibition eingetreten waren, ihren Widerstand gegen eine Freigabe auf. Innerhalb weniger Wochen wurde eine entsprechende Gesetzgebung auf den Weg gebracht. Allerdings entschied man sich in Finnland trotz grundsätzlicher Legalisierung des Alkohols, die Herstellung und den Handel vollständig unter staatliche Kontrolle zu stellen. So wurde das staatliche Monopolunternehmen Alko gegründet, das als einziges in Finnland Alkohol herstellen, importieren und verkaufen durfte. Die ersten Alko-Geschäfte öffneten bereits am 5. April 1932.

Erst durch den Beitritt Finlands zur Europäischen Gemeinschaft wurde 1995 eine Liberalisierung des Alkoholmarktes notwendig. Alko wurde hierzu in drei Tochterunternehmen für Herstellung, Vertrieb und Einzelhandelsverkauf aufgespalten. Während in der Herstellung und dem Vertrieb mittlerweile auch private Firmen tätig sein dürfen, ist der Verkauf von Alkohol in Ladengeschäften nach wie vor nur für Alko erlaubt.

Literatur

Weblinks

Siehe auch Abstinenzbewegung

Einzelnachweise

#1931 Finnland Kategorie:Finnische Geschichte (20. Jahrhundert) Finnland 1931 Kategorie:Alkoholkonsum (Finnland)