Haithabu () war eine bedeutende Siedlung dänischer bzw. schwedischer Wikinger. Der Ort gilt als frühe mittelalterliche Stadt in Nordeuropa und war ein wichtiger Umschlagsplatz für den Fernhandel zwischen dem Baltikum, Skandinavien und Westeuropa. Er wurde um 770 gegründet und spätestens 1066 zerstört.

Haithabu lag im Süden der Kimbrischen Halbinsel am Ende der Schlei, die als Meeresarm der Ostsee weit ins Landesinnere reicht. Bei Haithabu kreuzte der historische Ochsenweg das Danewerk. Heute gehört das Gebiet zu Deutschland, das Gelände ist ein Teil der Gemeinde Busdorf bei Schleswig im Kreis Schleswig-Flensburg.

Der seit seiner Zerstörung im 11. Jahrhundert verlassene Ort Haithabu ist gemeinsam mit dem Danewerk das bedeutendste archäologische Bodendenkmal in Schleswig-Holstein und zählt seit 2018 als Archäologischer Grenzkomplex Haithabu und Danewerk zum Weltkulturerbe der UNESCO. Die Wallanlagen um die frühere Siedlung sind Bestandteil des Naturschutzgebietes „Haithabu-Dannewerk“.

Name mini|Gedenkstein in Haithabu zur Erinnerung an die Erstnennung von Sliesthorp (= Haithabu) im Jahr 804 mini|Oldenburg als Name für das Gebiet von Haithabu auf einer modernen Karte (rechter Bildrand)

Der altnordische Name der Siedlung, Heiðabýr, ist eine Zusammensetzung aus heiðr ‚Heide‘, und bý ‚Ort‘. Im Altenglischen wurde der Ort æt Hæþum („auf der Heide“) genannt.Wikingertage erinnern an eine turbulente Vergangenheit welt.de, 30. Juli 2002. Im Dänischen und Schwedischen lautet der Name Hedeby. Weitere Namensformen sind Haiðaby, Haidaby und lateinisch Heidiba.

Schleswig liegt rund zwei Kilometer nördlich von Haithabu, auf der anderen Seite der Schlei. Ursprünglich bezog sich der Name Sliaswich (= Schleswig) wohl auf Haithabu. Der Chronist Adam von Bremen nannte im 11. Jahrhundert sowohl Sliaswich als auch Heidiba als Namen für Haithabu, als er von einem Ereignis im 10. Jahrhundert sprach.Adam von Bremen: Hamburgische Kirchengeschichte. Leipzig 1893, S. 52. Daher wurde Haithabu manchmal mit Schleswig verwechselt. In einer deutschen Ausgabe der Kirchenchronik von Adam von Bremen aus dem Jahr 1893 findet sich in einer Fußnote die Anmerkung, Haddeby werde auch als dänischer Name für Schleswig verwendet.Adam von Bremen: Hamburgische Kirchengeschichte. Leipzig 1893, S. 52, Anmerkung.

Haithabu wurde altsächsisch/altfränkisch auch Sliesthorp („Dorf an der Schlei“) genannt. Dieser Name ist in den Fränkischen Reichsannalen erstmals im Jahr 804 belegt, woran ein Gedenkstein in Haithabu erinnert. Der Name Sliesthorp und die Erstnennung im Jahr 804 werden auch auf Schleswig bezogen,Zahlen & Fakten: Allgemeine Angaben zur Stadt Schleswig auf schleswig.de. Zitat: „erstmals erwähnt: um 804 n. Chr.“. mit unklarer Abgrenzung zu Haithabu. Die „Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte“ schreibt, sliesthorp, sliaswich und haithabu seien Namen für dieselbe Siedlung gewesen, und stellt klar, dass sie den im 9. und 10. Jahrhundert bedeutenden Handelsplatz meinen – also Haithabu, die Siedlung am Haddebyer Noor auf der Südseite der Schlei. Die „Gesellschaft für Schleswiger Stadtgeschichte“ schreibt weiter, die Zerstörung Haithabus in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts habe dann „zum Ausbau der vermutlich schon vorhandenen Besiedlung auf dem Nordufer der Schlei“ geführt – also zum Ausbau des heutigen Schleswig. Demnach bezogen sich die Namen Sliesthorp und Sliaswich ursprünglich auf Haithabu südlich der Schlei.

Als alle Spuren des untergegangenen Ortes außer dem Halbkreiswall verschwunden waren, nannten die Anwohner das Gebiet Oldenburg, womit der Standort einer alten Stadt gemeint war.Welterbe-Museum bei Schleswig: Die Welt der Wikinger in Haithabu erleben deutschlandfunkkultur.de, 17. September 2019. Auch als Podcast-Sendung zum Anhören (10:00 Min.). Von Haithabu bzw. Hedeby stammt die niederdeutsche Namensform Haddeby ab.Angaben zum Amt Haddeby haddeby.de, siehe Der Name des Amtes Haddeby. Dies ist bis heute der Name eines Ortsteils von Busdorf, der unmittelbar nördlich von Haithabu an der Schlei liegt (siehe Karte rechts, Haddeby in der oberen rechten Bildecke). Beim Amt Haddeby und dem Haddebyer Noor ist Haddeby Bestandteil des Namens.

Geschichte 8. und 9. Jahrhundert mini|Lage von Haithabu/Hedeby an der Südgrenze des wikingerzeitlichen Dänemarks

Im 5. Jahrhundert wanderten viele Angeln, Jüten und Sachsen nach England aus, und Dänen drangen von Norden über die Schlei und bis zur Eckernförder Bucht vor. Das Gebiet scheint zu diesem Zeitpunkt nur dünn besiedelt gewesen zu sein.

Wahrscheinlich gründeten friesische Händler im 8. Jahrhundert Haithabu als Handelsniederlassung. Um 800 beherrschten schwedische Wikinger die Region. Sie wurden aber vom dänischen König Gudfred unterworfen. 808 zerstörte Gudfred den slawischen Handelsort Reric in der Nähe von Wismar, anschließend wurden die Kaufleute nach Haithabu zwangsweise umgesiedelt. Dadurch entwickelte sich die Stadt schnell zur überregional bedeutenden Handelsstadt, noch bevor Dänemark Einheit erlangte. Gudfred machte Haithabu zum Zentrum eines jütländischen Reiches.

Um 850 ließ Erzbischof Ansgar von Hamburg eine christliche Kirche errichten, es war die erste christliche Kirche nördlich von Hamburg. Die Existenz dieses Baus ist zwar in den Schriftquellen belegt, konnte aber archäologisch noch nicht lokalisiert werden. 1978 wurde allerdings eine aus dem frühen 10. Jahrhundert stammende Kirchenglocke im ehemaligen Hafen von Haithabu geborgen, siehe Glocke von Haithabu.Reinhart Staats, Günter Weitling: Ansgar in Haithabu. Anfänge des Christentums in Nordeuropa. Ludwig, Kiel 2016, ISBN 978-3-86935-286-2; Angaben zum Buch bei verlag-ludwig.de.

Um 890 unternahm Wulfstan von Haithabu im Auftrag Alfreds des Großen eine Reise nach Truso.

10. und 11. Jahrhundert Um 900 übernahmen schwedische Wikinger erneut die Macht in Haithabu. 934 besiegte der ostfränkisch-sächsische König Heinrich I. die Dänen unter König Knut I. in der „Schlacht von Haithabu“ und eroberte die Stadt. Damit fiel das Gebiet zwischen Eider und Schlei vorübergehend an das Ostfrankenreich bzw. das römisch-deutsche Reich. 945 eroberte der dänische König Gorm den wichtigen Handelsplatz.Karl Ploetz: Auszug aus der Geschichte. Ploetz, Würzburg 1962, S. 163.Walter Markov, Alfred Anderle, Ernst Werner, Herbert Wurche: Kleine Enzyklopädie Weltgeschichte, Band 1. Leipzig 1979, S. 236.

948 wurde das Bistum Schleswig gegründet und Haithabu wurde Bischofssitz. Es ist jedoch unklar, ob Hored, der erste Bischof von Schleswig, jemals nach Haithabu kam. Ebenfalls 948 erkannte Gorms Sohn Harald Blauzahn die Oberhoheit des Herzogs von Sachsen Otto I. an, der zugleich König des Ostfrankenreichs war und 962 römisch-deutscher Kaiser wurde. Harald Blauzahn trat zum Christentum über und leistete Otto Tribut.

Im 10. Jahrhundert erreichte Haithabu seine Blütezeit und war mit mindestens 1500 Einwohnern der bedeutendste Handelsplatz des westlichen Ostseeraums. Um 965 wurde die Stadt von dem arabisch-jüdischen Reisenden Ibrahim ibn Jaqub besucht und beschrieben.Zur Geschichte haithabu.de

Harald Blauzahn versuchte im Jahr 974, das Gebiet dem neuen Kaiser Otto II. abzuringen, doch Otto II. eroberte es noch im selben Jahr zurück. Im Jahr 983 eroberte wiederum Harald Blauzahn Haithabu, starb aber 986. In den Jahren um 1000 gehörte die Siedlung zum Machtbereich von Kaiser Otto III., der allerdings aufgrund seines jungen Alters und anderer Auseinandersetzungen keinen Einfluss nahm.

Unter Kaiser Konrad II. wurde die Grenze vermutlich durch eine von Sven Gabelbart unternommene Kriegshandlung von der Schlei wieder an die Eider zurückverlegt (→ Mark Schleswig).

Untergang Obwohl ein neun Meter hoher Wall mit Palisade die Handelsstadt umgab, wurde sie wahrscheinlich im Jahr 1050 von König Harald Hardrada von Norwegen erobert und zerstört. Darüber verfasste ein norwegischer Skalde König Haralds den folgenden Gesang:

Verbrannt wurde von einem Ende zum anderen ganz Haithabu im Zorn, eine vortreffliche Tat, meine ich, die Sven schmerzen wird. Hoch schlug die Lohe aus den Häusern, als ich in der Nacht vor Tagesgrauen auf dem Arm der Burg stand.

Haithabu konnte sich von dieser Zerstörung nicht mehr erholen. Der Ort wurde nur teilweise wiederaufgebaut. Ende des Jahres 1066 wurde Haithabu erneut geplündert und gebrandschatzt, diesmal von Westslawen, die damals in den Gebieten östlich der Kieler Förde lebten. Gemeinsam mit der Schlacht von Stamford Bridge im selben Jahr markiert die Zerstörung und Aufgabe von Haithabu im Jahr 1066 das Ende der Wikingerzeit.

Die Einwohner bauten Haithabu nicht wieder auf. Sie zogen zwei Kilometer weiter nach Norden an das andere Ufer der Schlei. Dort war wahrscheinlich schon eine Siedlung vorhanden, aus der die Stadt Schleswig hervorging.Schleswig schleswiger-stadtgeschichte.de. Wenige Jahre später verfasste Adam von Bremen die Gesta Hammaburgensis ecclesiae pontificum, eine Chronik des Erzbistums Hamburg in lateinischer Sprache, in der er auch Haithabu beschrieb.

mini|hochkant=1.2|Gelände von Haithabu

Die aufgegebene Siedlung Haithabu verfiel am Ende des 11. Jahrhunderts aufgrund des Wasseranstiegs von Ostsee und Schlei. Die Anlagen und Bauten im Siedlungs- und Hafengelände, mit Ausnahme des Walls, vergingen oberirdisch vollständig. Schließlich geriet sogar in Vergessenheit, wo sich der Ort am Haddebyer Noor befunden hatte.

Siedlung mini|hochkant=1.4|Lageplan (▲ Standort des Plans auf dem Nordwall), für die Betrachter gesüdet (oben ist Süden)Auf diesem Foto sieht man den Tisch mit dem Lageplan auf dem Nordwall. Die Besucher sehen hier das Gelände Richtung Süden.

Die Hallenhäuser aus Holz- und/oder Flechtwerkwänden waren wahrscheinlich mit Reet oder Stroh gedeckt. Die überbauten Grundflächen variierten zwischen 3,5 × 17 m und 7 × 17,5 m.

Haithabu war anfänglich ein Warenumschlagsplatz auf grüner Wiese ohne städtische Infrastruktur, was für das Entstehen einer gewachsenen Stadt untypisch ist. Durch die erzwungene Ansiedlung der Kaufleute von Reric nach dessen Zerstörung im Jahr 808 und den Zustrom von Handwerkern kam es zu einer Siedlungsverdichtung. Weil die Landbevölkerung ihre Getreideüberschüsse in die Stadt verkaufte und die Stadtbewohner deshalb nicht auf Selbstversorgung angewiesen waren, konnten sich dort differenzierte Tätigkeiten entwickeln.

Im 9. Jahrhundert entstand eine zweite Siedlung weiter nördlich und eine weitere Siedlung am Haithabu-Bach dazwischen. Ende des 9. Jahrhunderts wurden der nördliche und südliche Teil der Siedlung aufgegeben. Der mittlere Teil am Haithabu-Bach wurde weiter benutzt.

Der Halbkreiswall rings um die Siedlung entstand nach 930.Das Danewerk danevirkemuseum.de, siehe Abschnitt Der Halbkreiswall. Der etwa neun Meter hohe Halbkreiswall umschloss 26 Hektar Fläche.Martina Frietsch: Haithabu – das Tor zur Wikingerzeit planet-wissen.de, siehe Abschnitt Die Häuser sowie die Schiffs- und Handelswege. Um 968 ließ der dänische König Harald Blauzahn einen 3,5 Kilometer langen Verbindungswall zwischen dem Halbkreiswall von Haithabu und dem Danewerk erbauen. Damit waren sowohl die Siedlung als auch der Handelsweg Richtung Westen geschützt.Das Danewerk danevirkemuseum.de, siehe Abschnitt Der Verbindungswall.

In der Siedlung wurden unterschiedliche Gräbertypen analysiert: dänische Brandgruben, schwedische Kammergräber, sächsische Urnengräber, christliche Erdgräber und slawische Urnengräber. Daraus lässt sich das Völkergemisch Haithabus erkennen, aber auch der Einfluss der Christianisierung (ab 826). Außerdem wurden unterschiedliche Werkstätten, Befestigungsanlagen, Landestege, Schiffbrücken und Speichergebäude gefunden.

Bedeutung als Handelsplatz mini|hochkant=1.2|Lage von Haithabu am Ende des Ostsee-Arms Schlei, nahe der Kreuzung von Ochsenweg (orange) und Danewerk (braun) mini|Video zum Handelsweg zwischen Schlei und Treene (Terra X, 0:39 Min.)