mini|Demonstrant der Socialist Party USA mit Schild: „Ich bin Student mit 25.000 $ Schulden in Studiendarlehen. Ich bin die 99 %“. „We are the 99 percent“ ( für „Wir sind die 99 Prozent“) war das Motto der Occupy-Wall-Street-Bewegung, die vom 17. September bis zum 15. November 2011 den Zuccotti Park im Finanzdistrikt der Wall Street in New York City besetzt hielt. Im Zuge der Ausbreitung der Bewegung wurde das Motto auch in anderen Teilen der Welt verwendet, teils übersetzt in die jeweilige Landessprache.

Verwendung des Slogans Die Rede von den 99 %, die einem Top-1-% gegenüberstehen, bezieht sich auf die Verteilung der Vermögen. Das Motto richtet sich gegen einen zu starken Einfluss der reichsten Amerikaner (1 %), die mindestens 38 % des Vermögens besitzen,Charles Hurst: Social Inequality: Forms, Causes, and Consequences, 2007, S. 34. auf die Politik und Gesetzgebung, deren „hemmungslose Gier“ und eine zu banken- und wirtschaftsfreundliche Politik, die dieser entgegenkommt. Das Motto war von Anfang an mit der Bewegung verknüpft und erschien auch auf der Website occupywallst.org.occupywallst.org Es wurde, bezugnehmend auf Joseph E. Stiglitz, unter anderem durch den amerikanischen Ethnologen und Anarchisten David Graeber mitformuliert.„Ja, ich war darin involviert, aber es war ein Gemeinschaftswerk. Ich habe den Teil mit den ‚99%‘ vorgeschlagen, ein spanisches Pärchen schlug die ‚We the‘ vor, und eine Koreanerin fügte das ‚are‘ hinzu. Man sagt, dass Dinge, die von einem Komitee geschrieben werden, nicht sehr gut funktionieren, aber in diesem Fall tat es das schon.“ Auch bei Demonstrationen der internationalen Occupy-Wall-Street-Bewegung, die am 15. Oktober 2011 weltweit, darunter in Deutschland, stattfanden, wurde es verwendet. Auch im Rahmen der Blockupy-Aktionstage vom 16. bis zum 19. Mai 2012 in Frankfurt wurde diese Parole verwendet.

Gleichzeitig ist das Motto der Name einer Tumblr-Site, auf der von ihrem Start am 23. August 2011 bis Mitte Oktober über 1200 Beiträge gesammelt wurden, die jeweils aus dem Foto eines Schildes oder eines Zettels bestehen, in denen jemand seine Situation schildert, wobei eine Reihe von Themen immer wieder auftauchen: Verlust von Arbeit und Wohnung, fehlende Krankenversicherung, Perspektivlosigkeit akademisch Gebildeter, die gleichzeitig mit hohen Ausbildungsdarlehen belastet sind. Am Ende des Textes erscheint jeweils das Motto.

Beispiele:

Rezeption mini|Motto vor einem Gebäude der Commerzbank in Frankfurt am Main im Oktober 2011 Die Reaktionen auf das Motto und das Format der Amateurfotos von selbstgemalten Schildern als auch die Hunderte von auf der tumblr-Website gesammelten so dargestellten Einzelschicksalen waren breit gefächert.

Im Magazin The Atlantic nahm Daniel Indiviglio das Motto beim Wort und bezweifelte, dass es 99 % seien. Er zitierte den auf der tumblr-Site in der Seitenleiste erscheinenden Text:

Anschließend prüfte er nach, ob buchstäblich 99 % unter den genannten Bedingungen litten, und kam zu dem Ergebnis, dass z. B. höchstens 10 % ihr Heim verloren haben oder nur 15 % in Armut leben, es mithin Minderheiten und keine Mehrheiten seien. Zudem sei die Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung weiterhin vom kapitalistischen System überzeugt.

Seine Kollegin Megan McArdle zeigte sich dagegen von den Einzelschicksalen auf Tumblr berührt und erinnerte sich daran, dass sie selbst am Ende ihres Studiums – angesichts hoher Schulden und einer unsicheren Zukunft – in einer ähnlichen Situation steckte. Dann aber erinnerte sie sich auch an ihre damaligen Erfahrungen bei Protestbewegungen und daran, dass das irgendwie auch Spaß war, und überträgt das auf die Demonstranten der Liberty Plaza:

Ganz anders Ezra Klein, Kolumnist der Washington Post, der sich betroffen von den Einzelschicksalen zeigte:

Außerdem hielt er im Vergleich zur Botschaft dieser Bilder die Aktionen auf der Liberty Plaza und anderswo für weniger signifikant.

Stern online stellte den Bezug zu einem Beitrag von Joseph E. Stiglitz her, der im Titel seines Artikels bei Vanity Fair vom Mai 2011 (Of the 1 %, by the 1 %, for the 1%) an die Gettysburg Address, eine Rede Abraham Lincolns, erinnerte.Zitat Lincoln: „[…] government of the people, by the people, for the people […]“ (Boritt, Gabor. The Gettysburg Gospel: The Lincoln Speech That Nobody Knows., Appendix B p. 290: "This is the only copy that […] Lincoln dignified with a title: 'Address delivered at the dedication of the cemetery at Gettysburg.', a rare full signature, and the date: 'November 19, 1863.' ..This final draft, generally considered the standard text, remained in the Bliss family until 1949.") Der Artikel von Stiglitz lese sich wie ein Manifest der aktuellen Proteste. Stiglitz überschrieb seinen Artikel mit der Feststellung, dass ein Prozent der Amerikaner fast ein Viertel des nationalen Einkommens bezögen. Dies sei eine Ungleichheit, die die Reichen noch bereuen würden. Das Schicksal des oberen Prozents der Bevölkerung sei mit den Lebensbedingungen der anderen 99 Prozent verknüpft. Deutsche Übersetzung: Auch die Badische Zeitung sah den Beitrag des Nobelpreisträgers, der die Occupy-Wall-Street-Bewegung unterstützte, als Ideengeber für das Motto.

Seyla Benhabib und Eliot Weinberger setzten sich mit dem Motto im Feuilleton der Zeit auseinander. Auch Weinberger konstatierte, dass ein Prozent der US-Amerikaner 24 Prozent des gesamten Einkommens verdienen, 50 Prozent der Wertpapiere und 40 Prozent des nationalen Vermögens besitzen, dabei aber steuerlich gegenüber dem Rest der Bevölkerung im Vorteil sind. 99 Prozent der Amerikaner seien, so Weinberger, „auf unterschiedliche Weise unglücklich“.Die Zeit Nr. 42/2011 vom 13. Oktober 2011, S. 47. Der Hedgefonds-Manager John Paulson gab demgegenüber zu bedenken, „dass das obere ein Prozent der New Yorker 40 Prozent aller Einkommensteuern zahle, was wiederum der ganzen Stadt zugute komme“.

Spiegel Online griff die Verwendung des Mottos bei einer Demonstration in Frankfurt am Main auf und setzte ihn in Bezug zu Meinungsumfragen, deren Ergebnissen zufolge sich die große Mehrheit der Bevölkerung dafür aussprach, dass Steuergelder nicht zur Rettung von Kreditinstituten verwendet werden sollen. Die niedrigen Teilnehmerzahlen der Demonstrationen in Deutschland sprächen jedoch eher gegen die Verwendung des Mottos. Ähnlich gelagerte Kritik kam von Thomas Straubhaar, der aufgrund der besseren sozialen Bedingungen dem Motto und der Occupy-Wall-Street-Bewegung in Deutschland „keine dauerhaften Chancen“ einräumte. Unter den schlechteren wirtschaftlichen Voraussetzungen der Vereinigten Staaten könne die Bewegung jedoch die dortige Präsidentschaftswahl 2012 beeinflussen.

In der Z. Zeitschrift Marxistische Erneuerung wies Ingar Solty darauf hin, dass die Parole die wachsende soziale Ungleichheit thematisiere, aber für verschiedene Interpretationen ihrer Ursachen offen sei. Der Anteil der oberen 1 % läge sowohl beim Volkseinkommen als auch beim gesellschaftlichen Gesamtvermögen zwischen 20 und 25 %. Der typische Diskrepanzeffekt zwischen Einkommens- und Vermögensstatistiken in Bezug auf die soziale Ungleichheit ergebe sich erst ab den in diesen Statistiken ansonsten üblichen Fünfteln (20 %) oder Zehnteln (10 %). Das Motto stehe deshalb auch für die allgemeine Offenheit der Bewegung in Bezug auf die Mittel zur Behebung der Ungleichheit, d. h. die offene Frage nach ihren politischen Forderungen. Das Tumblr und die dort beschriebenen Einzelschicksale dienten zunächst als „Grundlage für eine Verständigung über die soziale Natur der eigenen Prekarität.“ Denn im Gegensatz zu klassischen Demonstrationen mobilisiere die Bewegung „nicht schon weltanschaulich orientierte und nach bewussten Interessen organisierte Masseninstitutionen zur Politik im öffentlichen Raum“. Der öffentliche Raum funktioniere „als vorpolitischer Raum spontaner Versammlung von 'Empörten', der sich politisch durch Lernprozesse über die kollektiv-soziale Natur der eigenen Lage angeeignet“ werde. Dahinter verberge sich „das Versprechen, dass die offenkundige Heterogenität der Bewegung in Bezug auf politische Milieus, Politik- und Bewegungserfahrung und politische Überzeugungen in diesem Schmelztiegel zu interessengeleiteten kohärenten Projekten“ führen werde. „Denn aus den '99%' gegen die '1%'“ müsse ein „neues bewusstes, politisches Kollektivsubjekt mit einem gemeinsamen Willen und Projekt - nennen wir es einmal Prekariat - erst noch entstehen.“

Alex Feuerherdt sprach in der Jungle World vom 1. Dezember 2011 angesichts des 99-%-Mottos von einer „Sehnsucht nach Kollektivität“. Ferner war er der Ansicht, dass über die Auffassung, die Welt werde „von einer kleinen Minderheit beherrscht“, die „beseitigt“ gehöre, innerhalb der Occupy-Bewegung Konsens herrsche. Dies trage verschwörungstheoretische und auch an antisemitische Theorien erinnernde Züge.Alex Feuerherdt: „Das Volk gegen ein Prozent“ In: Jungle World Nr. 48, 1. Dezember 2011, (online, abgerufen am 10. Oktober 2012)

Das Autorenkollektiv Comité invisible schrieb:

Weblinks

wearethe99percent.tumblr.com wirsinddie99prozent.tumblr.com – deutsche Seite Spiegel Online: Bloggende Wall-Street-Gegner: „Wir kriegen nichts, die Banker alles“ Süddeutsche Zeitung: Amerikas Reiche - und der große Rest. 99 Hundertstel gegen das eine reiche Prozent: Nur noch ein sehr kleiner Teil der US-Bevölkerung profitiert von Wachstum und wirtschaftlichen Wohltaten.

Einzelnachweise

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