mini|300px|Der Stich zeigt eine lateinisch-deutsche Fassung der Tabula Smaragdina, eingraviert auf einen Felsen, aus einer Ausgabe des Amphitheatrum Sapientiae Eternae des Alchimisten Heinrich Khunrath, Hanau 1609 Die Tabula Smaragdina (betont tábula smarágdina, lateinisch für „smaragdene Tafel“ oder Smaragdtafel) ist ein traditionell dem Hermes Trismegistos zugeschriebener Text, der die philosophische Basis der Hermetik bildet und als Grundlagentext der Alchemie gilt.
Die Tabula ist einer der berühmtesten Texte alchemistischer und hermetischer Literatur. In den rund zwölf dunklen, allegorischen Sätzen spiegelt sich die Vorstellung eines Zusammenhangs von Mikrokosmos und Makrokosmos („Das was unten ist, ist wie das, was oben ist, und das was oben ist, ist wie das was unten ist, ein ewig dauerndes Wunder des Einen“).Quod est inferius, est sicut (id) quod est superius, et quod est superius, est sicut (id) quod est inferius, ad perpetranda miracula rei unius.
Die älteste erhaltene Textversion findet sich im Anhang zu einem arabischen Manuskript des 9. Jahrhunderts. Im 12. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt, wurde die Tabula im Mittelalter und verstärkt im Zeitalter der Renaissance von vielen Alchemisten kommentiert und rezipiert. Auch nach Entstehung der modernen Naturwissenschaften blieb ihre Faszination zumindest auf Okkultisten und Esoteriker bis in die Gegenwart ungebrochen.
Legenden von der Entdeckung der Tafel Der Legende nach wurde der Text – aufgeschrieben auf zwei Säulen oder Tafeln aus Smaragd – unter einer Hermesstatue im Grab des Hermes, das sich in der Cheopspyramide befunden haben soll, aufgefunden. Seegers 2003. S. 37. In anderen Versionen wird erzählt, Sarah, die Frau Abrahams, habe die Tafeln im Grab des Hermes im Tal Hebron in den Händen von Hermes’ Leichnam entdeckt,Journal des Savants, 1709, zitiert aus: La Table d’Emeraude, Kapitel 3: Origines de la Table d’Emeraude, abgerufen am 21. Mai 2024 oder Alexander der Große habe die Smaragdtafel mit in phönizischer Schrift eingraviertem Text im Grab von Hermes gefunden. Der arabische Schriftsteller Ibn Arfaʿ Raʾs erzählte im 12. Jahrhundert, Hermes sei Adams in China geborener Sohn gewesen und habe die Tabula Smaragdina in einer mit Schätzen gefüllten Höhle in Ceylon gefunden.Allison Coudert: Der Stein der Weisen. Die geheime Kunst der Alchemisten. (Originalausgabe: Alchemy: the Philosopher’s Stone. 1980) Lizenzausgabe. Pawlak, Herrsching 1992, ISBN 3-88199-911-6, S. 28–30.
Quellen und Texte Um das 3. oder 2. Jahrhundert tauchen im hellenistischen Ägypten griechischsprachige Schriften auf, die dem mythenhaften Autor Hermes Trismegistos, Inhaber geheimen Wissens und Verfasser schwer zugänglicher Texte, zugeordnet werden. Zusammengefasst sind diese Texte astrologischen, magischen, medizinischen und religiös-philosophischen Inhalts unter dem Titel Corpus Hermeticum. In einem der ältesten Teile des Corpus, der Kore Kosmu („Pupille der Welt“, siehe Hermetik), einem Dialog zwischen Isis und Hermes Trismegistos, wird erwähnt, dass Hermes „alles, was er wusste, in einen Stein graviert habe, den er versteckt habe und den alle Nachkommenden suchen sollten, um an das Wissen zu gelangen.“Siehe Hemetic writings, The Virgin of the world, Satz 3. Die hermetische Tradition blieb in Ägypten über die christlich-koptische, byzantinische und bis in die Zeit der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert erhalten.
Bis Anfang des 20. Jahrhunderts waren nur lateinische Übersetzungen der Tabula bekannt, bis der englische Historiker Eric John Holmyard (1891–1959) und der Orientalist Julius Ruska die ersten Fassungen in arabischer Sprache entdeckten.Eric J. Holmyard: The Emerald Table In: Nature, Nr. 2814, Bd. 112, 1923, S. 525–526; Julius Ruska: Tabula smaragdina. Ein Betrag zur Geschichte der hermetischen Literatur. 1926.
Arabische Manuskripte Von der Tabula Smaragdina sind rund zwanzig arabische Übersetzungen aus dem Mittelalter überliefert. Die älteste Fassung ist im Anhang zu dem Traktat Secretum secretorum und zwar in einer Kopie von 825 erhalten. Als Autor erscheint hier der griechische Mystiker Apollonios von Tyana und zwar unter seinem arabischen Namen Balînûs. Die von einigen Autoren vertretene These, es habe einen griechischen Originaltext gegeben, ist zwar wahrscheinlich, konnte aber bisher noch nicht durch Auffinden des originalen Textes bestätigt werden. Die Annahme von Apollonius als Verfasser ist nicht zu halten, wurde aber bis ins Mittelalter als sicher angenommen.Kahn 1994 und Ursula Weisser: Das Buch über das Geheimnis der Schöpfung. 1980.
Lateinische Übersetzungen Der Liber de secretis naturae wurde zu Anfang des 12. Jahrhunderts zum ersten Mal durch den am Hof des Bischofs von Tarazona tätigen Übersetzer Hugo von Santalla aus dem Arabischen ins Lateinische übertragen. Diese Fassung wurde jedoch, wie an der geringen Verbreitung des Manuskripts zu sehen, kaum rezipiert.Le Liber De secretis naturae du Ps. Apollonius de Tyane, traduction latine par Hugues de Santalla du Kitæb sirr al-halîqa. Hrsg. von Françoise Hudry, in: Chrysopoeia 6, S. 1–154.
Die zweite, gekürzte lateinische Übersetzung von 1140 mit dem Titel Secretum Secretorum stammt von Johannes Hispalensis (auch Hispaniensis); ihr folgte 1220 eine längere Teilübersetzung durch Philipp von Tripoli. Dieses Buch wurde zu einem der berühmtesten mittelalterlichen Manuskripte überhaupt.Exemplaire de la bibliothèque nationale, (Manuscrits occidentaux, inv. Latin 11118 vers 1220), abgerufen am 17. Mai 2019.
Eine dritte lateinische Übersetzung ist in einem Alchemietraktat enthalten, der wahrscheinlich im 12. Jahrhundert verfasst worden ist. Die originale Handschrift dieses Textes ist nicht erhalten; lediglich Abschriften aus dem 13. und 14. Jahrhundert sind überliefert. Diese Fassung, auch Vulgata genannt, ist die am weitesten verbreitete des Liber Secretorum.Kahn1994. S. 19, S. XIX
Lateinischer Text und deutsche Übersetzungen Lateinischer Text, Nürnberg 1541 VERSIO TABULAE SMARAGDINAE HERMETIS Qualis ea Vulgo Latino Idiomate, e Phoenicio expressa circumfertur.
VERBA SECRETORUM HERMETIS TRISMEGISTI
1. Verum, sine mendacio, certum et verissimum. 2. Quod est inferius, est sicut (id) quod est superius, et quod est superius, est sicut (id) quod est inferius, ad perpetranda miracula rei unius. 3. Et sicut omnes res fuerunt ab uno, meditatione unius: sic omnes res natae fuerunt ab hac una re, adaptione. 4. Pater ejus est Sol, mater ejus Luna; (5) portavit illud ventus in ventre suo; (6) nutrix ejus terra est. 5 (7). Pater omnis thelesmi totius mundi est hic. 6 (8). Vis (Virtus) ejus integra est, si versa fuerit in terram. 7 (9). Separabis terram ab igne, subtile a spisso, suaviter, cum magno ingenio. 8 (10). Ascendit a terra in coelum, iterumque descendit in terram, et recipit vim superiorum et inferiorum. (11) Sic habebis gloriam totius mundi. Ideo fugiat (fugiet) a te omnis obscuritas. 9. Hic (Haec) est totius fortitudinis fortitudo fortis: qua vincet omnem rem subtilem, omnemque solidam penetrabit. 10 (12). Sic mundus creatus est. 11 (13). Hinc adaptiones erunt mirabiles, quarum modus est hic. 12 (14). Itaque vocatus sum Hermes Trismegitus, habens tres partes Philosophiae totius mundi. 13 (15). Completum est quod dixi de operatione Solis.
Übersetzung der Tabula Smaragdina, Genf 1702 Eygendliche ObersetzungAus: J.J. Manget: Bibliotheca Chymica Curiosa. Genf 1702, Band I, S. 382. Der Hermetischen Smaragd=Tafel (i)ns Deutsche auß dem Phönicischen.
Verfassung der geheimen Künste des Hermes Trismegistens
1. Warhafftig / ausser aller Vnwarheit / gewiß und warlich sage ich: 2. Die Geschöpff hie nieden gesellen sich zu denen dort oben / und diese hinwiederumb zu jenen / auf daß sie mit gesambter Hand ein Ding herfur bringen mögen / so voller Wunder steckt. 3. Vnd gleich wie alles auß einem durch deß einigen Schöpffers Wort entstanden: Also werden auch alle Ding nunmehr auß diesem einzigen Ding / durch anordnung der Natur ge(b)ohren. 4. Sein Vatter ist die Sonne / und seine Mutter der Mond: die Lufft träget es gleich als in Ihrer Bärmutter; seine Säugamme aber ist die Erde. 5. Diß Ding ist der Ursprung aller Vollkommenheit der Sachen so in der Welt sind. 6. Seine Krafft ist am vollkommensten / wannes wiederumb in die Erde eingekehret ist. 7. Scheide als dann die Erde fein von einander / so sie im Fewer gewesen / und mache ihre dicke je subtiler und subtiler durch Hülffe des allerlieblichsten Dinges in der Welt. 8. In Summa. Steige durch grossen Verstand von der Erden gen Himmel / und von dannen wiederumb in die Erde / und bringe die Krafft der öbern und untern Geschöpff zusammen / so wirst du aller Welt Herrlichkeit erlangen: Dannenhero auch kein verächtlicher Zustand mehr umb dich sein wird. 9. Diß Ding ist allen starcken Sachen zu starck; dann es so wol die subtilste Ding überwinden / als auch die härteste und dichteste durch dringen kan. 10. Auff diesen Schlag ist alles geschaffen was die Welt begreifft. 11. Dannenhero können wundersame Dinge gewircket werden / wann es auff solche Weyse angestellet wird. 12. Und mir hat man deßwegen den Namen Hermes Trismegistus gegeben / weil ich alle drey Theil der Weißheit dieser gantzen Welt besitze. 13. Dieß sey gesagt von dem Meisterstück der Chemischen Kunst.
Neuübersetzung von Hans-Dieter Leuenberger, 2006 1. Wahr, wahr, kein Zweifel darin, sicher, zuverlässig! 2. Siehe, das Oberste kommt vom Untersten, und das Unterste vom Obersten; ein Werk der Wunder von einem Einzigen. 3. Wie die Dinge alle von diesem Grundstoff durch ein einziges Verfahren entstanden sind. 4. Sein Vater ist die Sonne, seine Mutter der Mond; der Wind hat ihn in seinem Bauch getragen, die Erde hat ihn ernährt. 5. Er ist der Vater der Zauberwerke, der Behüter der Wunder, vollkommen an Kräften; der Beleber der Lichter. 6. Ein Feuer, das zu Erde wird. 7. Nimm hinweg die Erde von dem Feuer, das Feine von dem Groben, mit Vorsicht und Kunst. 8. Und in ihm ist die Kraft des Obersten und des Untersten. So wirst du zum Herrscher über das Oberste und das Unterste. Weil mit dir ist das Licht der Lichter, darum flieht vor dir die Finsternis. 9. Mit der Kraft der Kräfte wirst du jegliches feine Ding bewältigen, wirst du in jegliches grobe Ding eindringen. 10. Gemäß der Entstehung der großen Welt entsteht die kleine Welt, und das ist mein Ruhm. 11. Das ist die Entstehung der kleinen Welt, und danach verfahren die Gelehrten. 12. Darum bin ich Hermes der Dreifache genannt worden.Hans-Dieter Leuenberger: Das ist Esoterik. S. 64f. Siehe: Text: illuminati.ch. Abgerufen am 17. Mai 2019
Übersetzungen, Kommentare, Rezeption mini|hochkant|Die Entdeckung der Tabula in Aurora consurgens, Handschrift um 1420
Kommentare aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit Die Tabula und ihre legendäre Auffindung werden zum ersten Mal in der Literatur von dem Astrologen und Übersetzer arabischer Texte Hermann von Carinthia in dem Traktat De essentiis von 1143 erwähntAntoine Calvet L’alchimie médiévale est-elle une science chrétienne ? Dossiers du GRIHL. Albertus Magnus erwähnt sie um 1256 in De Rebus Metallicis et de Mineralibusvergl. Julius Ruska: Tabula Smaragdina. Ein Beitrag zur Geschichte der hermetischen Literatur. Winter, Heidelberg, 1926. (Arbeiten aus dem Institut für Geschichte und Naturwissenschaft. 4.) Zwischen 1275 und 1280 übersetzte und kommentierte Roger Bacon das Secretum secretorumRoger Bacon,Opera hactenus inedita, fasc V : Secretum Secretorum cum glossis et notulis, Ed. by Robert Stelle, Oxford, Clarendon Press, 1920..
Ein verbreiteter Kommentar stammt aus der Hand eines unbekannten Alchemisten namens Hortulanus (= der Gärtner), der in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts lebte. Antoine Calvet Alchimie - Occident médiéval in Dictionnaire critique de l'ésotérisme sous la direction de Jean Servier. S. 35.