Das Kažnjenička bojna ( für ‚Sträflingsbataillon‘), kurz KB, war eine Militäreinheit im Kroatien- und Bosnienkrieg und stand unter dem Kommando des Warlords und mutmaßlichen Bandenkriminellen Mladen Naletilić (1946–2021). Das KB wird mit kriminellen Handlungen und Kriegsverbrechen in Verbindung gebracht.

Die 1991 kurz vor Ausbruch des Kroatienkrieges gegründete und 40 bis 50 Mann zählende paramilitärische Freischar, stand als irreguläre Truppe unter dem persönlichen Befehl des kroatischen Außenministers Gojko Šušak (1945–1998). Zu Beginn des Bosnienkriegs im Jahr 1992 verlegte der Kommandeur Naletilić das nunmehr 200 bis 300 Mann starke KB in seine Heimatstadt Široki Brijeg (Herzegowina). Anfang 1993 wurde das KB als militärische Spezialeinheit dem Generalstab des Kroatischen Verteidigungsrats (HVO) unterstellt. Die tatsächliche Befehlsstruktur blieb jedoch unverändert.

Die Angehörigen des KB waren Freiwillige sowie Söldner mit und ohne Kampferfahrung. Neben ethnischen Kroaten, seltener auch Bosniaken, kämpften daher auch US-Amerikaner, Engländer, Dänen und Deutsche (darunter Alexander Neidlein, Franz Kunst, Stefan Rays sowie Ralf Mrachacz (* 1954) und Falk Simang (* 1964), die später wegen Mordes an einem Kameraden verurteilt wurden) in der Einheit.

Geschichte Während des Zerfalls Jugoslawiens Anfang der 1990er-Jahre kam Naletilić nach Kroatien. Das KB soll am 15. April 1991 von den vier kroatischen Emigranten Mladen „Tuta“ Naletilić (* 1. Dezember 1946), Ivan Andabak, Ludvig Pavlović und Ivan Tolić gegründet worden sein. Die Aufstellung erfolgte am 1. Juni 1991 durch Naletilić, welcher auch der militärische Befehlshaber der zu Beginn nur 40–50 Mann starken Einheit war. Der Name sollte sich darauf beziehen, dass in der Einheit Personen organisiert waren, die im kommunistischen Jugoslawien politisch verfolgt und inhaftiert worden waren. Tatsächlich waren aber viele gewöhnliche Kriminelle Teil des KB. mini|Mladen Naletilić, genannt „Tuta“, vor dem ICTY

Während des Waffenembargos gegen Kroatien sicherte sich Naletilić durch die Vermittlung von Waffengeschäften die Protektion des kroatischen Präsidenten Franjo Tuđman und vor allem von Außenminister Šušak. Das Kažnjenička bojna handelte im Kroatienkrieg unter Šušaks persönlichen Befehl, wie der ehemalige Sicherheits- und Nachrichtendienstoffizier der Einheit 2002 berichtete:

mini|Operation „Lipanjske zore“ (Herzegowina, Juni 1992) Als sich die Kämpfe 1992 auf Bosnien und Herzegowina ausweiteten, verlegte Naletilić das Kažnjenička bojna bei Ausbruch des Bosnienkrieges nach Široki Brijeg. Im Juni 1992 war das KB mit anderen kroatischen Einheiten an den Kämpfen um die Stadt Mostar und das Neretvatal beteiligt. Im Zuge dieser Kämpfe wurde die Region in der Militäroperation „Lipanjske zore“ („Juni-Morgengrauen“) von serbischem Militär befreit.

Mitglieder des Kažnjenička bojna sollen am 9. August 1992 in Kruševo bei Mostar die Liquidierung des HOS-Führers Blaž Kraljević und acht seiner Mitstreiter durchgeführt haben. Nach der offiziellen Version schossen HOS-Mitglieder auf den Kontrollpunkt des Kroatischen Verteidigungsrates, woraufhin Kraljević und sein Gefolge getötet wurden. Der Mord wurde angeblich von Naletilić initiiert. Die genauen Tatumstände wurden nie geklärt.

Naletilić betrieb 1993 über die Fronten hinweg Schmuggelgeschäfte. So verkaufte er Treibstoff an serbisches Militär und später ließ er harte Drogen aus Italien über Mostar nach Zagreb, Sarajevo und Skopje verkaufen.

Das KB wurde Anfang 1993 als professionelle Militäreinheit dem direkten Kommando des Generalstabs des HVO unterstellt. Nach dem Ausbruch des kroatisch-bosniakischen Krieges griffen Einheiten des HVO, darunter das KB, am 17. April 1993 die Dörfer Sovići und Doljani (bei Jablanica) an und betrieben ethnische Säuberung.

Ab dem 9. Mai 1993 beteiligte sich das KB, wiederum mit anderen Einheiten des HVO, am Kampf gegen die Armee von Bosnien und Herzegowina in Mostar, ebenso an der folgenden mehrmonatigen Belagerung, dem intensiven Beschuss und der Blockade humanitärer Hilfsgüter des muslimischen Ostteils der Stadt.

Der ehemalige österreichische Neonazi und Fremdenlegionär Wolfgang Niederreiter (* 1971), dessen Veröffentlichungen zur Verurteilung der KB-Angehörigen Ralf Mrachacz und Falk Simang wegen Mordes führten, beschrieb Rekrutierung, Kampfeinsätze und Kriegsverbrechen beim KB im Jahr 1993 wie folgt:

Ein großer Teil des KB wurde schließlich in die 22. Sabotageeinheit (22. Diverzantski odred) umgewandelt und blieb als Spezialeinheit dem HVO-Hauptquartier unterstellt. Im Oktober 1995 hatte diese Einheit 318 Angehörige, davon 269 Infanteristen, 27 Unteroffiziere und 22 Offiziere. Das 22. Diverzantski odred ging 1995 in der 2. Gardebrigade des HVO (2. Gardijska brigada HVO-a) auf, die bereits im Januar 1994 an Kämpfen gegen die bosnisch-herzegowinische Armee bei Uskoplje/Prozor-Rama in Bosnien beteiligt gewesen war.

Organisation (um 1993) Die militärische Struktur des KB änderte sich fünfmal, in Abstimmung mit Umstrukturierungen innerhalb des gesamten HVO. Das KB wurde zunächst in vier kleine Kommandoeinheiten, später in weitere noch kleinere sogenannte Antiterroreinheiten (Antiteroristička jedinica – ATJ, auch Antiteroristička grupa – ATG) gegliedert. Jede dieser Einheiten hatte einen anderen Gefechtsstand.

HVO Generalhauptquartier MostarOberbefehlshaber: Oberst Milivoj Petković (ab April 1992); Generalmajor Slobodan Praljak (ab 24. Juli 1993); Generalleutnant Ante Roso (ab 12. November 1993) 90px  Kažnjenička bojna Hauptquartier: Široki Brijeg, Tabakfabrik Militärische Führung: Mladen „Tuta“ Naletilić Kommandant: Mario „Ćikota“ Hrkać (bis zu seinem Tod am 20. April 1993); danach Ivan Andabak mit Željko Vukoja Mannstärke: 40–50 (Mai 1992), 80–100 (nach Juni 1992), 282 (November 1993)ATJ „Vinko Škrobo“ (vormals „Mrmak“, bis Mitte 1993) Namensgeber: Vinko Škrobo (* 26. Dezember 1924; † 1948), antikommunistischer Freischärler (sogenannter Škripar) aus Dužice Aufstellung: Ende Mai/Anfang Juni 1993 Gefechtsstand: Mostar, Zagrebačka ulica Kommandant: Vinko „Štela“ Martinović Mannstärke: 85 (November 1993) Historie: Gebildet aus ehemaligen Mitgliedern der HOS um Vinko „Štela“ Martinović, einem ehemaligen Mitglied des 4. Bataillon HOS. Hielt die Stellungen um das Krankenhaus in Mostar. Am 2. Juli 1993 der Stadtverteidigung von Mostar unterstellt. 90pxATJ „Baja Kraljević“ Namensgeber: Stanislav Kraljević (* 13. November 1970 in Široki Brijeg; † 11. Juni 1992 in Mostar), Gefallener des KB aus Široki Brijeg Gefechtsstand: Mostar-Rodoč, Kaserne „Heliodrom“; heute Kaserne „Stanislav Baja Kraljević“ Kommandant: Predrag „Lija“ Mandić (* 1. Januar 1967 in Široki Brijeg) Mannstärke: 20–80 Historie: Als eine der ursprünglichen Einheiten bildete sie den Kern des KB. Aufgestellt aus Führungspersonal des KB und Mannschaften des „Poskok bojna“ aus Široki Brijeg. Die Kämpfer sollten nicht älter als 23 Jahre sein. Genoss eine Sonderstellung unter den ATGs mit gewisser Selbstständigkeit und war im Gegensatz zu des anderen ATGs eine Eliteeinheit, von der viele Kämpfer in andere ATGs wechselten. Wurde später direkt dem HVO-Generalhauptquartier unterstellt. 90pxATJ „Benko Penavić“ Namensgeber: Benedikt Penavić († 21. Dezember 1947 in Bogodol, heute zu Mostar), antikommunistischer Freischärler (sogenannter Škripar) aus Posušje Aufstellung: um den 9. Mai 1993 Gefechtsstand: Mostar Kommandant: Mario „Baja“ Miličević Mannstärke: 68 (November 1993) 90pxATJ „Goran Spajić“ Namensgeber: Goran Spajić (* 7. Juli 1971 in Imotski; † 20. September 1993 in Raštani, zu Mostar), Gefallener des KB aus Široki Brijeg Gefechtsstand: Grude Kommandant: Miljenko „Piki“ Zadro Mannstärke: 34 (November 1993) 90pxATJ „Marinko Marušić“ – Inženjerija Herceg-Bosne (vormals „Inženjerija“) Namensgeber: Marinko Marušić (* 7. August 1942 in Mostar; † 28. Juli 1993 Massaker von Doljani bei Jablanica), Pionier Kommandant: Željko Bošnjak († 24. August 1993); danach Kata Biloš Mannstärke: 53 (November 1993) 90pxATJ „Martin Bebek“ (vormals „Sokolovi“, „Hrvatska legija časti“) Namensgeber: Martin Bebek (* 7. Mai 1966 in Gabela; † 9. Juli 1992 in Podveležje, zu Mostar), genannt Čeprkalo. Gefechtsstand: Čapljina Kommandant: Nedjeljko Ćemeraš Mannstärke: 78 (November 1993) 90pxATJ „Miljenko Bašić“ Namensgeber: Miljenko Bašić (* 26. Oktober 1960 in Posušje; † 20. Januar 1993 in Gornji Vakuf-Uskoplje), Gefallener des KB aus Gornji Vakuf-Uskoplje Gefechtsstand: Posušje Kommandant: Miro Grabovac Mannstärke: 81 (November 1993) 90pxATJ „Stanko Zlomislić“ (vormals auch „Stanko Zlomislić-Ciciban“) Gefechtsstand: Rakitno Kommandant: Ivan Zlomislić Mannstärke: 21 (November 1993) 90pxATJ „Želja Bošnjak“ Namensgeber: Željko Bošnjak (* 11. September 1965 in Mostar; † 24. August 1993 in Raštani, zu Mostar), Gefallener des KB aus Široki Brijeg Aufstellung: Ende 1993 Gefechtsstand: Ljubuški Kommandant: Mario „Baja“ Miličević (ab Ende 1993) Mannstärke: 38 (November 1993)ATJ „Boka Barbarić“ Namensgeber: Boro (Boris) Barbarić (* 16. Februar 1959 in Knešpolje, zu Široki Brijeg; † 19. April 1993 in Doljani, zu Jablanica), Gefallener des KB aus Široki Brijeg Gefechtsstand: Široki Brijeg Kommandant: Robert Medić Mannstärke: 31 (November 1993)ATJ „Kruško“ Namensgeber: Samir „Kruško“ Kafedžić (* 1967; † Frühjahr 1993 in Sarajevo, Berg Igman), Gefallener der Spezialeinheit der bosnisch-herzegowinischen Armee „Jukini vukovi“ (Jukas Wölfe) aus Sarajevo Gefechtsstand: Mostar Kommandant: Jusuf „Juka“ Prazina (* 7. September 1962 in Sarajevo; † 4. Dezember 1993 in Belgien), bis zu seiner Flucht nach Kroatien im Oktober 1993; danach Božo Šain (* 29. Juli 1970) Mannstärke: 90, 27 (November 1993)

Ausrüstung Zu Jahresbeginn 1994 wurde für eine Antiterrorgruppe des KB von 60 Mann (komando grupe „BUSOVAČA“) beim Verteidigungsministerium Kroatiens, folgende Ausrüstung angefordert:

60 komplette Uniformen, in zweifacher Ausführung (Tarnmuster und Grün) 60 Heckler & Koch MP5 60 M16-Gewehre AR2 60 Pistolen Kaliber 9 mm, Marke Heckler & Koch 60 Messer für Einheiten der Spezialpolizei, Marke Gerber Legendary Blades (Portland) 60 Kevlarwesten 60 Handsprechfunkgeräte mit Kopfhörer 60 Rucksäcke mit Metallschnallen 60 Paar Bergschuhe (atmungsaktives Kunsttextil) 60 Stück „Chinesischer Draht“ 10 Tränengas-Gewehre 60 Atemschutzmasken 60 schwarze Anzüge (Uniformen) 60 Kampfwesten 1 Satelliten-Funkgerät 60 Kompasse 120 Sportanzüge 60 leichte Laufschuhe (Sprinter) 100 schwarze Barette 2 Hubschrauber mit je 25 Sitzplätzen Bewilligung von Geld zum Kauf von 10 Geländewagen (80.000 Deutsche Mark) 60 Infrarot-Nachtsichtgeräte (binokular) 3 Scharfschützengewehre Kaliber 12,7, Marke McMillan Brothers Rifle Company 6 Scharfschützengewehre Zastava M76

Persönlichkeiten Stanislav „Baja“ Kraljević (1970–1992), geboren in Mokro, zu Široki Brijeg. Kraljević kehrte zu Beginn des Kroatienkriegs aus Österreich zurück, wo er gelebt und gearbeitet hatte. Nahm zunächst als Angehöriger der kroatischen Armee u. a. an der Schlacht um Dubrovnik teil. Gefallen am 11. Juni 1992 in der Militäroperation „Lipanjske zore“, bei der Eroberung der Kaserne „Heliodrom“ in Mostar-Rodoč; heute Kaserne „Stanislav Baja Kraljević“ des 1. Infanterie-(Garde-)Regiments der Streitkräfte Bosnien-Herzegowinas (1. pješačke (gardijske) pukovnije OS BiH). Nach seinem Tod wurde eine Unterabteilung des Kažnjenička bojna nach Kraljević benannt. Auf dem Kasernengelände steht heute ein Denkmal das sein Konterfei zeigt. Stanko „Baja“ Sopta (* 1966), geboren in Dužice, zu Široki Brijeg. Als ehemaliger Angehöriger des Kažnjenička bojna wurde er für höhere Posten vorgeschlagen und bis in den Rang eines Generals des Kroatischen Verteidigungsrates (HVO) befördert. Später auch General der Streitkräfte der Republik Kroatien (als solcher heute im Ruhestand) und Politiker (HDZ BiH).

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