Der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes war der erste amtliche Aktienindex in Deutschland. Er wurde erstmals am 17. März 1922 vom Statistischen Reichsamt veröffentlicht. Die Berechnung beruhte auf dem durchschnittlichen Kursniveau von rund 300 repräsentativen Aktien der Börse Berlin. Der Index war so definiert, dass er am 31. Dezember 1913 den Wert 100 angenommen hätte. Im Zweiten Weltkrieg wurden die Kursermittlungen am 30. Juni 1943 eingestellt.

Berechnung miniatur|Börse Berlin mit Friedrichsbrücke um 1900 miniatur|Eingang zur Berliner Börse im September 1932

Das Statistische Reichsamt veröffentlichte den Aktienindex erstmals am 17. März 1922 in der Zeitschrift Wirtschaft und Statistik.Statistisches Reichsamt: Die Börse im Februar in: Wirtschaft und Statistik, 2. Jg., Heft 5, 17. März 1922, Verlag von Reimar Hobbing, Berlin 1922 Die Rückrechnung erfolgte bis zum 31. Dezember 1913 auf einen Wert von 100 Punkten. Die Indexziffer war der erste amtliche Aktienindex in Deutschland. Der erste deutsche Aktienindex überhaupt war die Börsenkennziffer der Frankfurter Zeitung, die erstmals am 1. September 1919 ermittelt wurde. Sie setzte sich aus 25 Aktien und 10 Anleihen zusammen, wodurch nur der die 25 Aktien umfassende Teilindex als Aktienindex bezeichnet werden kann.Peter Steffen: Die wichtigsten Indizes im deutschen Aktienmarkt sowie die wichtigsten globalen Aktienkursindizes. GRIN Verlag, München 2008, ISBN 3640143051

Der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes beruhte auf den Kursen von 300 an der Börse Berlin notierten Aktiengesellschaften, die in 33 Einzelgruppen gegliedert waren. Bei der Gruppenbildung wurde insofern die gewogene (gewichtete) Methode angewandt, als die Anzahl der in den einzelnen Gruppen aufgenommenen Papiere dem Umfang des Nominalkapitals angepasst war, das nach dem Stand vom 31. Dezember 1920 in der entsprechenden Gewerbegruppe investiert war. Die 33 Gruppen waren in 3 Sammelgruppen zusammengefasst: I. Bergbau und Schwerindustrie, II. Verarbeitende Industrie und III. Handel und Verkehr.

Die Ermittlung der Indexzahlen erfolgte nach den Wochen- und Monatsdurchschnitten der börsentäglichen Notierungen. Zur Berechnung der gewogenen Durchschnitte wurden die Kurse der einzelnen Gesellschaften mit dem Aktienkapital multipliziert. Durch Addition der so erhaltenen Produkte (= Kurswerte des Aktienkapitals) und Division ihrer Summe durch die Summe des Nominalkapitals ergab sich das gewogene durchschnittliche Kursniveau.

Die seit dem 31. Dezember 1913 abgegangenen Bezugsrechte wurden den in der Berechnung zugrundeliegenden Kursen zugeschlagen. Dividendenabschläge waren nicht ausgeschaltet. Wegen der geringen Aussagekraft der Kurse in Papiermark während der Hyperinflation 1919 bis 1923 gab es auch Notierungen in Goldmark. 1924 stellte das Statistische Reichsamt die Kursermittlung auf Reichsmark um.

Ab Mitte der 1920er Jahre wurde die Basis 1913 abgelöst durch das durchschnittliche Kursniveau der Jahre 1924 bis 1926. Das Statistische Reichsamt berechnete auf der Basis 1924/1926 von diesem Zeitpunkt an den Index für 329 Gesellschaften, bis 1943 der Zweite Weltkrieg die Kursnotierungen zum Erliegen brachte. Zusätzlich zum Gesamtindex wurden auf der Basis 1924/1926 auch Indizes für einige Wirtschaftszweige berechnet.

Im Jahr 1934 hat das Institut für Konjunkturforschung, das 1925 vom damaligen Präsidenten des Statistischen Reichsamtes, Professor Ernst Wagemann, gegründet worden war, das vorhandene Material über Aktiengesellschaften zusammenfassend geordnet und lange Zeitreihen gebildet. Als erstes wurden jährliche Kursdurchschnitte für die Berichtsjahre 1856 bis 1870 berechnet. Sie bezogen 25 Aktiengesellschaften ein. Für den Zeitraum ab 1870 nahm das Institut diese Berechnung monatlich vor und dehnte sie auf rund 80 Unternehmen aus. Ab Berichtsjahr 1890 wurden die Aktienkurse bereits mit dem Kapital der Gesellschaften gewichtet und von marktfremden Einflüssen bereinigt. Hierzu gehörte die Berücksichtigung von Bezugsrechtsabschlägen ebenso wie die Aufnahme neuer Gesellschaften und die Aussortierung erloschener Unternehmen. Die gewonnenen Messziffern bezogen sich auf den Aktienindex des Statistischen Reichsamtes mit der Basis 1913 = 100 Punkte.Statistisches Bundesamt: Wirtschaft und Statistik 1-3/1996. Kohlhammer Verlag, Wiesbaden 1996

Geschichte Historischer Überblick Geringe Markttransparenz im Ersten Weltkrieg 1914 bis 1918 miniatur|Der Waffenstillstand vom 11. November 1918 beendete die Börsenbaisse

Für private Investoren blieb der Aktienhandel im Ersten Weltkrieg erschwert und von geringer Markttransparenz. Um Panikverkäufe zu verhindern, mussten die Börsen am 30. Juli 1914 schließen. Der Aktienhandel stand in Konkurrenz zum Anleihenhandel. Deshalb versuchte die Reichsregierung den Handel mit Aktien zu verhindern oder so stark zu erschweren, dass es die Anleger vorzogen, Geld in Kriegsanleihen statt in Aktien zu investieren.

Ende 1914 kam schrittweise ein Freiverkehr zustande, der den Bundesrat dazu veranlasste, in einer Verordnung vom 25. Februar 1915RGBl. S. 111 Mitteilungen über Preise von Wertpapieren zu verbieten. Zahlreiche gesetzliche Bestimmungen und die Schließung der Börse verhinderten die Ausbreitung des inoffiziellen Börsenverkehrs nicht. Am 31. Dezember 1916 gab es erstmals wieder amtliche Kursfeststellungen im außerbörslichen Handel unter den Großbanken.

Mit der Verordnung über ausländische Wertpapiere vom 22. März 1917RGBl. S. 260 erhielt Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg die rechtliche Möglichkeit ausländische Wertpapiere in Privatbesitz zwangsweise einzuziehen und die Besitzer in Papiermark zu entschädigen. Diese Wertpapiere durften nur noch die Reichsbank oder einheimische Banken in das Ausland verkaufen. Von dieser Ermächtigung machte der Reichskanzler am 22. Mai 1917RGBl. S. 429 für eine Gruppe von Wertpapieren neutraler Länder (schwedische, dänische und Schweizer Aktien) Gebrauch.

Am 7. Juli 1917 wurde das Kurslistenverbot für Bankiers allgemein aufgehoben. Am 2. Januar 1918 erfolgte an den Börsen die Wiederaufnahme des amtlichen Aktienhandels. Der vor dem Krieg so bedeutende Terminhandel wurde danach durch die sogenannte variable Notiz ersetzt. Im Mai 1918 ermittelte das Statistische Reichsamt für den Aktienindex einen Wert von 138 Punkten im Monatsdurchschnitt (Basiswert 1913 = 100 Punkte).Hartmut Kiehling: Die Geldpolitik der Reichsbank in der Großen Inflation - Die Kreditschöpfung und ihre Determinanten 1914 bis 1923., in: Bankhistorisches Archiv 2/2009

Der Waffenstillstand vom 11. November zwischen dem Deutschen Reich und den Westmächten beendete die Kampfhandlungen im Ersten Weltkrieg. Im November 1918 stand das Börsenbarometer bei 85 Punkten und damit um 38,4 % tiefer als ein halbes Jahr zuvor. Der verlorene Erste Weltkrieg und die damit verbundenen Reparationen, welche die Goldreserven des Staates verbrauchten, führten im Deutschen Reich zur zwangsweisen Umstellung auf nichtgoldgedecktes Geld (Vertrauenswährung oder Fiatgeld). Das krisen- und kriegsbedingte Staatsdefizit wurde über die Aufnahme von Staatsschulden bei der Reichsbank finanziert, was in der Weimarer Republik zu einer Hyperinflation führte.

Hyperinflation 1919 bis 1923 miniatur|Eine Berliner Tageszeitung meldet, dass in New York ein Dollar eine Million Mark kostet, Juli 1923 miniatur|Höchste jemals gedruckte deutsche Banknote. 100 Billionen Papiermark haben als Ersatzgeld am 15. Februar 1924 einen offiziellen Wert von 100 Rentenmark.

Im Herbst 1919 begann die Aufwärtsbewegung der Aktienkurse, die mit den Schwankungen des Dollarkurses in Verbindung stand und im November 1921 einen ersten Höhepunkt erreichte, den das Kursbarometer mit 936 Punkten im Monatsdurchschnitt anzeigte. Die sogenannte Katastrophenhausse (englisch: Crack-up-Boom), die im Juli 1922 einsetzte, hatte den Aktienindex bis zum neunzigfachen des Vorkriegsstandes im Dezember 1922 hinaufgeführt. Immer schneller beschleunigte sich die Abwertung der Papiermark, bis schließlich die Indexziffer im Juli 1923 bei rund 1,4 Millionen Punkten und im Oktober 1923 bei etwa 171,3 Milliarden Punkten stand. Zum Höhepunkt der Inflation im Dezember 1923 lag der Gesamtindex bei 26,89 Billionen Punkten.

Der Teilindex „Bergbau und Schwerindustrie“ nahm im Dezember 1923 in Papiermark einen Wert von 39,54 Billionen Punkten an, gefolgt vom Index „Verarbeitende Industrie“ mit 31,73 Billionen Punkten. Hier wurde der durchschnittliche Wert des Gesamtindex erheblich überschritten. Weniger stark stieg der Teilindex „Handel und Verkehr“, für den im Dezember 1923 ein Stand von 10,07 Billionen Punkten ermittelt wurde.

In Goldmark erzielte der Aktienindex des Statistischen Reichsamtes im Mai 1918 mit 112,61 Punkten im Monatsdurchschnitt einen Höchststand. Bis Oktober 1922 fiel das Börsenbarometer auf einen Tiefststand von 2,72 Punkten. Der Kurseinbruch lag im gesamten Zeitabschnitt bei 97,6 %. In den Jahren 1918, 1919 und 1922 stiegen die Preise deutscher Aktien in Papiermark langsamer als die Lebenshaltungskosten, erst in der Hochphase der Inflation (1920, 1921 und 1923) konnten real, also inflationsbereinigt, Gewinne erzielt werden.

Höhere Verluste als Aktienbesitzer mussten Inhaber verzinslicher Wertpapiere hinnehmen. Die Wechsel für die Kriegsanleihen an den Staat wurden 1923 wertlos. Die Währungsreform in Deutschland bedeutete für die restlichen Zinspapiere nahezu einen Totalausfall. Guthaben verloren durch die Hyperinflation an Wert und wurden 1923 ausgelöscht. 1914 angelegte 100 Mark Spareinlagen besaßen nur noch die Kaufkraft von Pfennigen. Die Lebensversicherungen wurden vom Staat nur wenig gestützt und erlitten daher hohe Verluste. Der Preisverfall der Anleihen und die Hyperinflation löschte das angesparte Vermögen der Versicherten aus.

Immobilienbesitzer wurden ab 1924 mit einer Hauszinssteuer belegt, und die Rendite war gering. Edelmetalle waren durch Handelsrestriktionen und das Verbot des privaten Besitzes von 1923 bis 1931 vorübergehend eine Anlageklasse mit der geringsten Fungibilität (siehe Goldverbot). Zum Höhepunkt der Inflation ließen sich nur mit Aktien reale Gewinne in Papiermark erzielen, ihr Besitz war nicht strafbar. Sie eigneten sich allerdings auch nur zur kurz- und mittelfristigen Wertaufbewahrung. Wie ein Vergleich mit den Konsumgüterpreisen zeigt, waren Geldanlagen in Goldmark zwischen 1913 und 1923 ein besseres Wertaufbewahrungsmittel. Investoren, die Gold oder Goldmark hielten, konnten ihr Vermögen bewahren.Wirtschaftswoche: Finanzkrise und die Folgen – Was droht in einer Weltwirtschaftskrise?, vom 3. Februar 2009

+Änderungsraten in %(Basisjahr 1913 = 100 Papiermark)Bernhard Harms: Weltwirtschaftliches Archiv. Zeitschrift des Instituts für Weltwirtschaft und Seeverkehr an der Universität Kiel. Verlag von Gustav Fischer, Jena 1925, Bd. 21 Jahr Inflationsrate Aktienindex Goldmark 1918 30 −30 46 1919 68 44 465 1920 105 116 56 1921 66 167 163 1922 5.816 1.129 3.854 1923 182.027.851.475 299.409.865.171 55.342.314.775 1913–1923 124.699.999.999.900 26.889.999.999.900 100.049.497.099.900

Aktienboom und Börsenkrach 1924 bis 1928 miniatur|Hjalmar Schachts Forderung nach Begrenzung der Börsenkredite führte zum „Schwarzen Freitag“ am 13. Mai 1927

Nach Beendigung der Hyperinflation war der Aktienmarkt von hoher Volatilität gekennzeichnet. Der erste wöchentliche Durchschnittskurs lag am 5. Januar 1924 bei 154,60 Punkten (Basiswert 1924–1926 = 100 Punkte). Innerhalb von 6 Monaten brach der Aktienindex um 65,5 % ein. Am 14. Juni 1924 wurde vom Statistischen Reichsamt ein Wert von 53,30 Punkten ermittelt. Ein halbes Jahr später, am 31. Januar 1925, stand das Kursbarometer wieder bei 121,10 Punkten und damit um 127,2 % höher. Ein erneuter Einbruch am Aktienmarkt ließ das Börsenbarometer bis zum 26. Dezember 1925 um 45,7 % auf 65,70 Punkte fallen.