Die Burg Güssing ist eine ehemalige Wehranlage in der Stadt Güssing im gleichnamigen Bezirk im österreichischen Bundesland Burgenland. Sie geht auf einen ersten Wehrbau aus dem Jahr 1157 zurück, der noch im 12. Jahrhundert durch eine größere Steinburg ersetzt wurde, und ist damit die älteste noch bestehende Burganlage des Burgenlandes.
Ursprünglich war sie eine der wichtigsten Festungen im Westen des damaligen Königreiches Ungarn, zu dem die Regionen des heutigen Burgenland bis 1921 gehörten. Sie stand daher auch mehrfach in königlichem Besitz. Die Burg diente der Absicherung der Grenze zum Heiligen Römischen Reich und war das militärische Gegenstück zur befestigten Stadt Fürstenfeld und der Riegersburg.
Nach dem Sieg der Osmanen in der Schlacht von Mohács 1526 und der anschließenden Dreiteilung Ungarns direkt im Grenzgebiet zum Osmanischen Reich gelegen, wurde die Anlage im 16. und 17. Jahrhundert stark ausgebaut. Sie wurde zum Stammsitz der Familie Batthyány, die sich durch die Verteidigung der Burg und des nun habsburgischen Restungarn Verdienste im Kampf gegen die Türken erwarb, und so zu einem der bedeutendsten Adelsgeschlechter der Habsburgermonarchie aufstieg.
Nachdem die Burg Ende des 16. Jahrhunderts durch die Tätigkeit des Botanikers Carolus Clusius und des Buchdruckers Johannes Manlius am Hof der damals protestantischen Batthyány ihre kulturelle Blütezeit erlebte, kam es im 18. Jahrhundert zur militärischen Aufgabe der Festung und ihrem schrittweisen Verfall. Zu ihrem Erhalt wurde sie 1870 von Fürst Philipp Batthyány-Strattmann in eine eigens geschaffene Stiftung eingebracht, in deren Eigentum sie sich noch heute befindet.
Trotz zahlreicher Sicherungs- und Rekonstruktionsmaßnahmen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts ist heute nur noch rund ein Drittel der eigentlichen Kernburg erhalten. Die Anlage präsentiert sich heute ungefähr in einem ähnlichen Zustand wie an der Schwelle vom 18. in das 19. Jahrhundert.
Die Burg gilt als markantes Wahrzeichen der Region, sowohl im österreichischen Burgenland, als auch im angrenzenden Westungarn. Sie wird heute als Museum und Ausflugsziel genutzt und ist ein wichtiger kultureller Veranstaltungsort, unter anderem für den Güssinger Kultursommer. Ihre Gesamtanlage steht unter Denkmalschutz () und ist ein nach der Haager Konvention geschütztes Kulturgut.
Lage und Umgebung Burg Güssing steht auf einem weithin sichtbaren Tuffkegel im Zentrum der gleichnamigen Stadt, im äußersten Südosten Österreichs.
Die heute als Schloßberg bekannte, rund gelegene Erhebung ist ein Tuffschlot (Diatrem), dessen Gestein vor etwa 5 bis 6 Millionen Jahren entstanden ist.Hans-Peter Bojar, Ana-Voica Bojar, Stanisław Hałas, Artur Wójtowicz (2013): K/Ar geochronology of igneous amphibole phenocrysts in Miocene to Pliocene volcaniclastics, Styrian Basin, Austria. Geological Quarterly 57 (3): 405–416 doi:10.7306/gq.1102 Das Gestein – ein aus vulkanischen Auswurfmassen (Pyroklasten) bestehender Tuffit – entstand im Schlotbereich des ehemaligen Vulkans, dessen oberirdische Bildungen durch starke Erosion (mehrere Hundert Meter) vollständig abgetragen wurde. Vermutet wird ein ehemaliger Maarvulkan.Andreas Kellerer-Pirklbauer and Ingomar Fritz: Geomorphological Evidence of Past Volcanic Activity in the Southeast of Austria. Chapter 33 in: Christine Embleton-Hamann (Hrsg.): Landscapes and Landforms of Austria. Springer-Nature Switzerland, Cham 2022. ISBN 978-3-030-92813-1 Dadurch entstand ein etwa 100 Meter hoher, allseits steil abfallender Kegelberg mitten in der Ebene.Hans Peter Schönlaub (Hrsg.): Erläuterungen zur Geologischen Karte des Burgenlandes 1:200.000. Geologische Bundesanstalt, Wien 2000, ISBN 3-85316-009-3.
links|mini|Die weitläufige Flusslandschaft um Güssing zur Zeit der Josephinischen Landesaufnahme (Ende 18. Jhdt.) Der markante Härtling mit der Burg erhebt sich über ein breites Flusstal, das als Unteres Stremtal bekannt ist, und nach dem gleichnamigen rechten Nebenfluss der Donau benannt ist. Ungefähr 500 m nordwestlich des Burgkegels vereinigt sich die Strem auf ihrem Weg Richtung Osten zur Pannonischen Tiefebene mit dem kleineren Zickenbach. Beide Gewässer durchzogen das Tal der Strem jahrhundertelang in zahlreichen Flussschlingen und schufen so eine Auen- und Sumpflandschaft, die es ermöglichte die Festung auf dem steilen, schroffen Bergfelsen in ihrem Zentrum leicht zu verteidigen – vor allem im Mittelalter.
Der Großteil der Hauptverkehrswege rund um die Stadt verläuft bis heute auf Dämmen. Ebenso sind noch viele der Gebiete in unmittelbarer Nähe der Flussläufe regelmäßig von Überschwemmungen betroffen. Auch eine Herleitung des Ortsnamens Güssing von einem Wort oder Wortstamm, welche diese geografischen Gegebenheiten umschreibt, wird vermutet (siehe Güssing, Etymologie).
Geschichte Historische Anfänge mini|Darstellung von Graf Hedrich in der Ungarischen Bilderchronik
Archäologische Funde aus der Ur- und Frühgeschichte deuten auf eine sehr frühe Besiedelung der Gegend um Güssing hin. Eine frühzeitliche Nutzung des Bergkegels als Ort einer Höhensiedlung oder einer frühen Burgwallanlage ist möglich, wissenschaftlich gibt es aber bisher keine Hinweise dafür. Das älteste Gebäude im Bereich des heutigen Schloßberges ist die aus dem 9. Jahrhundert stammende Pfarrkirche Güssing. Sie liegt rund 250 m südwestlich des Ersten Burgtores und wurde im Frühmittelalter als Wehrkirche errichtet.
Das Vorhandensein einer Wehranlage direkt auf dem Bergplateau ist hingegen erst ab dem Hochmittelalter belegt. Erstmals urkundlich erwähnt wurde sie im Jahr 1157, als der ungarische König Géza II. den Berg Quizun samt Umgebung an das Brüderpaar Walfer (oder Wolfer) und Hedrich (oder Heinrich) vergab, die um das Jahr 1140 herum mit 40 weiteren Rittern aus einem der römisch-deutschen Landesterritorien zugewandert waren, und dann als sogenannte Hospes oder Hospites (siehe Hospitium) im Königreich Ungarn blieben. Die beiden Grafen wurden mit Ländereien belehnt und gelten als Ahnherren eines der bedeutendsten mittelalterlichen Adelsgeschlechter Ungarns (siehe Héder). Noch im Jahr der Belehnung mit dem Vulkankegel ließ Wolfer auf diesem ein Benediktinerkloster errichten sowie eine kleinere Wehranlage, die als militärischer Vorgängerbau der heutigen Burg anzusehen ist.
Lange Zeit verortete man die Herkunft der Brüder im steirischen Wildon und vermutete in der Anlage von 1157 einen hölzernen Vorgängerbau der heutigen Burg. Man nimmt heutzutage aber an, dass es sich bereits um ein Gebäude aus festem Material handelte, und dass die Brüder aus dem Gebiet um Hainburg an der Donau nach Ungarn kamen, und möglicherweise ursprünglich aus dem zentraldeutschen Raum stammten.
Novum Castrum Vermutlich aufgrund seiner militärischen Bedeutung wurde der Burgberg mit Wehranlage und Kloster von König Béla III. später konfisziert. Noch im 12. Jahrhundert ließ er statt des kleineren Wehrbaus eine neue Burg () errichten. Sie stand ungefähr im Bereich der heutigen Hochburg und bezog im Osten das ehemalige Benediktinerkloster mit ein, dessen östliche Außenmauer bis heute am Ostrand des Burgberges in Teilen als Ruine erhalten ist. mini|Mauerreste des Klosters von 1157 Historisch erstmals genannt wurde diese Steinburg in einer Urkunde König Emmerichs aus dem Jahr 1198, um Schenkungen an das Zisterzienserkloster im nahe gelegenen Szentgotthárd geografisch zu umschreiben: ().
Die Bezeichnung „Neue Burg“ für Stadt und Burg Güssing ist bis heute im Ungarischen und Burgenlandkroatischen vorhanden. Die Bedeutung des ursprünglich aus dem Lateinischen stammenden Begriffes wurde noch im Mittelalter ins Ungarische übernommen [Németújvár ()], und von diesem dann wiederum Jahrhunderte später von Burgenlandkroaten in deren Sprache [Novigrad ()].
13. Jahrhundert Ab Mitte des 13. Jahrhunderts wechselte die Burg mehrfach vom königlichen Besitz in den bedeutender staatlicher Würdenträger. Durch die Belehnung mit Burg und Herrschaft Güssing wurden diese meist für militärisch bedeutende Siege oder ihre treuen Dienste dem König gegenüber belohnt.
Von 1225 bis etwa 1235 stand die Burg im Eigentum des Grafen Demetrius von Csák (1217–1254). Er war königlicher Truchseß, Obergespan des Komitates Eisenburg, Gespan von Preßburg und Landrichter und Gespan von Bács, und erhielt die Burg vermutlich im Zuge einer königlichen Schenkung. In den Jahren 1241 und 1242 hielt die erneut in königlichem Besitz stehende Burg den Angriffen während des Mongolensturms stand. Sie war eine der wenigen ungarischen Burgen, die nicht eingenommen werden konnte. Im Jahre 1263 belehnte König Bela IV. seinen Schatzmeister Moritz Pok und dessen Verwandte Johann und Deta mit der Burg, zusammen mit anderen Besitzungen – als Lohn für ihre Tapferkeit gegenüber König Ottokar von Böhmen, der nach dem Erhalt der Herzogtümer Österreich, Steiermark und Kärnten versuchte seinen Einflussbereich auch nach Ungarn auszudehnen.
Sowohl Demetrius als auch Pok ließen die Burg mehrfach ausbauen. Unter den Pok wurde unter anderem der heute noch erhaltene Bergfried erbaut bzw. ausgebaut. Im 13. Jahrhundert war Burg Güssing neben den Festungen in Wieselburg und Ödenburg, der Burg Lockenhaus und jener in Eisenburg ein wichtiger Teil des Festungsgürtels entlang der ungarischen Westgrenze.
Die Günser (Héder) mini|hochkant|Das Wappen der Héder Im Jahre 1270 ging die Burg durch eine königliche Schenkung wieder auf die Günser Grafen (Herren von Güns) über, die wegen ihres Besitzes der Burg Güssing im deutschen Sprachraum auch häufig Güssinger Grafen genannt werden. Den Nachfahren der Brüder Wolfer und Hedrich gehörten zeitweise sämtliche Wehrbauten entlang der Grenze zur Steiermark. Obwohl die Héder ein unabhängiges Fürstentum anstrebten, und somit in ständigem Streit mit dem ungarischen Königshaus lagen, brachten es einige ihrer Mitglieder zu höchsten Ämtern.Güssing. In: atlas-burgenland.at. Amt der Burgenländischen Landesregierung, Abteilung 7 - Bildung, Kultur und Wissenschaft, Referat Landesbibliothek, abgerufen am 2. Oktober 2025.
Heinrich II. (1228–1274) lenkte als Palatin und Banus von Slawonien zeitweise die Geschicke Ungarns. Er stand im Machtkrieg zwischen König Béla IV. und seinem 1245 zum Juniorkönig gekrönten Sohn Stephan V. auf Seiten von Bela und floh nach dessen Tod 1270 nach Böhmen. Dort verbündete er sich mit König Ottokar II. Přemysl und übertrug diesem die Burg Güssing zusammen mit anderen Besitzungen. Nach seiner Aussöhnung mit Stephan 1273 kehrte er nach Ungarn zurück, wo er 1274 wieder mit seinen früheren Besitzungen belehnt wurde. Da er diese zuvor aber Ottokar II. übertragen hatte, hatte der böhmische König bereits im Jahr zuvor mit seinen Truppen erfolglos die Burg Güssing belagert.Alfred Ratz, Irmtraud Lindeck-Pozza: Die Bedeutung der Grafen von Güssing (Güns) für den pannonischen Raum im hohen und späten Mittelalter. In: Burgenländisches Landesarchiv (Hrsg.): Wissenschaftliche Arbeiten aus dem Burgenland. Band 79. Eisenstadt 1989, S. 45–46 ().
Die von politischen Unruhen geprägte Zeit nutzten neben den Günsern auch andere Adlige, um ihre Macht auf Kosten des Königshauses zu stärken, weshalb König Ladislaus IV. um militärischen Beistand von Herzog Albrecht I. von Österreich bat. Es kam zur Güssinger Fehde, im Zuge derer der aufständische Günser Johann I. (auch genannt Ivan der Rote Ritter, † 1308) nach ersten Niederlagen geschlagen werden konnte. 1289 eroberte der Truchseß Berthold von Emmerberg Burg Güssing, wovon Ottokar aus der Gaal 1310 in seiner Steirischen Reimchronik berichtete. Dabei wurde erstmals der deutsche Name von Burg und Stadt Güssing genannt: "die insin burc Guzzinc" ("die unsere Burg Güssing").