mini|Umschlag des jüngeren der beiden 1868 gedruckten Lesebücher für Schüler im Deseret-Alphabet; es zählt zu den wenigen Werken, die im 19. Jahrhundert in dieser Schrift gedruckt wurden Das Deseret-Alphabet war ein im 19. Jahrhundert im Umfeld führender mormonischer Autoritäten und der University of Deseret entwickeltes phonemisches Schriftsystem. Es sollte die englische Orthographie durch eine konsequente Zuordnung von Lauten und Schriftzeichen reformieren und dadurch insbesondere den Erwerb von Lese- und Schreibkompetenzen erleichtern. Das Alphabet entstand 1853 unter der Ägide Brigham Youngs (1801–1877) und orientierte sich deutlich an dem phonographischen System Isaac Pitmans. Das Vorhaben beruhte jedoch nicht allein auf pragmatischen Überlegungen zur Orthographiereform, sondern war zugleich Ausdruck weiterreichender religiös-utopischer Vorstellungen, die auf die Wiederherstellung der menschlichen Ursprache zielten. Ungeachtet der Unterstützung durch die kirchlich-politische Führung Utahs blieb das Alphabet ein Experiment von äußerst begrenzter Wirkung. Zwischen 1859 und 1869 erschienen einige wenige Drucke, darunter zwei Lesebücher sowie eine Ausgabe des Buches Mormon. Hohe Kosten, geringe Verbreitung und schwindendes Interesse führten schließlich dazu, dass das Projekt nach dem Tod Brigham Youngs im Jahr 1877 endgültig aufgegeben wurde.

Wurzeln und frühe Impulse Die Reform der englischen Orthographie war im 18. und 19. Jahrhundert Teil weitreichender sprachwissenschaftlicher Bestrebungen, die teilweise eine konsequent lautgetreue Schreibung anvisierten.Ronald G. Watt: The Mormon Passage of George D. Watt. First British Convert, Scribe for Zion, Logan 2009, S. 141f. Bekannt sind insbesondere die Reformversuche von Benjamin Franklin, welcher ebenfalls ein eigenes Alphabet entwarf; Kemp Malone: Benjamin Franklin on Spelling Reform. In: American Speech 1/2 (1925), S. 96–100; Douglas D. Alder [u. a.]: Creating a New Alphabet for Zion. The Origin of the Deseret Alphabet. In: Utah Historical Quarterly 52/3 (1984), S. 275–86, hier: S. 276f. Maßgeblichen Einfluss gewann Isaac Pitmans (1813–1897) 1837 als phonematische Schrift entwickelte Pitman-Kurzschrift,Ronald G. Watt: The Mormon Passage of George D. Watt. First British Convert, Scribe for Zion, Logan 2009, S. 141. Pitman entwickelte neben der Kurzschrift, die breite Anwendung fand, ab 1845 (Vorläufer ab 1843) mit dem ebenfalls phonematischen English Phonotypic Alphabet eine deutlich weniger erfolgreiche Langschrift, die auch Young erlernte. deren Systematik auch auf den aus Preston stammenden George D. Watt (1812–1881) früh prägend wirkte. Im Jahr der Veröffentlichung der Pitmanschen Lautschrift trat Watt nach Begegnungen mit Missionaren der Kirche der Heiligen der Letzten Tage der Kirche bei und wurde von Heber C. Kimball (1801–1868) getauft. 1842 emigrierte er mit seiner Frau nach Illinois und schloss sich der Nauvoo-Gemeinschaft an. Dort unterrichtete er Lautschrift, erstellte stenographische Protokolle offizieller Sitzungen und leitete den Phonographic Club des Ortes. Zu seinen Schülern zählten u. a. Heber C. Kimball, Orson Pratt (1811–1881) und Wilford Woodruff (1807–1898). Auch Brigham Young nahm bei ihm Unterricht und erwog bereits in dieser Frühphase der der Kirche zeitweilig die Entwicklung einer Sprachreform; die Ermordung Joseph Smiths 1844 und die anschließende Flucht Gemeinschaft aus Nauvoo unterbrachen jedoch diese Überlegungen. Watt verließ die Stadt 1846 zu einer Missionsreise nach Großbritannien.Larry Ray Wintersteen: A History of the Deseret Alphabet, master’s thesis, Brigham Young University 1970, S. 16–18; Douglas D. Alder [u. a.]: Creating a New Alphabet for Zion. The Origin of the Deseret Alphabet. In: Utah Historical Quarterly 52/3 (1984), S. 275–86, hier: S. 277f.; Richard G. Moore: The Deseret Alphabet Experiment. In: The Religious Educator 7/3 (2006), S. 63–76, hier: S. 64; Ryan K. Shosted/Neal E. Davis: The Deseret Alphabet. A Fixed and Unalterable Sound, Illinois 2026, S. 19–22.

Entwicklung des Alphabets mini|George D. Watt um 1860 Nach der Ansiedlung im Tal des Großen Salzsees griff Brigham Young seine Reformpläne erneut auf. Am 13. März 1850 leitete er die konstituierende Sitzung des Kuratoriums der University of Deseret und forderte das Gremium in der folgenden Sitzung zur Entwicklung einer Sprachreform auf. Die konkrete Ausarbeitung überließ er dem Kuratorium. In diesem Zusammenhang erscheint erwähnenswert, dass das Bildungsniveau der Mitglieder des Gremiums stark variierte, insgesamt jedoch zum Minimum neigte. Nur wenige Mitglieder hatten eine höhere Schule besucht. Am 20. März legte W. W. Phelps (1792–1872) einen Entwurf zur Reform des lateinischen Alphabets vor, der keinen Bezug zu Pitmans Kurzschrift aufwies. Über Gestalt und Struktur dieses Entwurfs ist nichts überliefert. Als möglich gilt eine Orientierung an den pseudoägyptischen Hieroglyphen Joseph Smiths; nach jüngeren Forschungen könnte es sich bereits um jene Glyphen gehandelt haben, die später im Alphabet von 1853 Verwendung fanden.Vgl. dazu Ryan K. Shosted/Neal E. Davis: The Deseret Alphabet. A Fixed and Unalterable Sound, Illinois 2026, S. 24–27. Young zeigte sich grundsätzlich aufgeschlossen gegenüber dem Vorschlag, stellte jedoch die Frage, ob nicht ein angepasstes lateinisches Alphabet ausreiche und ob eine stärkere Orientierung an der Lautschrift möglich wäre – offenbar verstand Young den Tagesordnungspunkt „Sprachreform“ zu diesem Zeitpunkt nicht lediglich als Anpassung oder Änderung des Alphabets, sondern als umfassende Umwälzung der Sprache, wohl in Anlehnung an die radikalen Sprachvorstellungen Smiths. Der Vorstand vertagte daher weitere Schritte, um das Problem gründlicher zu prüfen. Angestrebt wurde zunächst ein klares und möglichst schlichtes Schriftsystem.Douglas D. Alder [u. a.]: Creating a New Alphabet for Zion. The Origin of the Deseret Alphabet. In: Utah Historical Quarterly 52/3 (1984), S. 275–86, hier: S. 278; Ryan K. Shosted/Neal E. Davis: The Deseret Alphabet. A Fixed and Unalterable Sound, Illinois 2026, S. 23–27. Youngs Eindruck, das Gremium verfüge in Fragen der Sprachreform nur über eingeschränkte Sachkompetenz, bewog ihn offenbar dazu, Watt noch während seines Missionsaufenthalts in England nach Utah zurückzuberufen. Gegen Ende des Jahres 1850 erhielt Watt den Befehl zur Rückkehr nach Amerika; im Spätsommer 1851 erreichte er das Gebiet des Großen Beckens. Während seiner Abwesenheit hatte sich das Gremium intensiv dem Aufbau eines Schulsystems in Utah gewidmet; im November 1850 hatten mehrere Mitglieder des Kuratoriums Kritik an der bestehenden Orthographie geäußert und brachten Reformvorschläge ein, die den Lernfortschritt der Schüler beschleunigen sollten.Douglas D. Alder [u. a.]: Creating a New Alphabet for Zion. The Origin of the Deseret Alphabet. In: Utah Historical Quarterly 52/3 (1984), S. 275–86, hier: S. 278; Richard G. Moore: The Deseret Alphabet Experiment. In: The Religious Educator 7/3 (2006), S. 63–76, hier: S. 64.

Während der Generalkonferenz im April 1852 berichtete Orson Spencer (1802–1855), Kanzler der University of Deseret, über die Bildungsaktivitäten des Kuratoriums; Young betonte dabei die Notwendigkeit einer eindeutigen Laut-Buchstaben-Zuordnung.Douglas D. Alder [u. a.]: Creating a New Alphabet for Zion. The Origin of the Deseret Alphabet. In: Utah Historical Quarterly 52/3 (1984), S. 275–86, hier: S. 278f.; Richard G. Moore: The Deseret Alphabet Experiment. In: The Religious Educator 7/3 (2006), S. 63–76, hier: S. 65f. Die Reformarbeiten am lateinischen Alphabet stagnierten jedoch und wurden erst im April des folgenden Jahres wieder aufgenommen. John Vance (1794–1882), ein sonst weitgehend unbekannter Akteur, stellte im Kuratorium ein neues System für Konsonanten und Vokale vor, das Lautkombinationen nach phonographischen Prinzipien zusammenfasste. Die Protokolle legen nahe, dass Vance durch eine religiöse Vision zu seinem Vorschlag gebracht worden war.Zu diesem Aspekt vgl. Ryan K. Shosted/Neal E. Davis: The Deseret Alphabet. A Fixed and Unalterable Sound, Illinois 2026, S. 31. Das Gremium befand, dass das System etwa halb so viel Schreibaufwand wie das lateinische Alphabet erforderte, aber doppelt so viel Raum wie die Lautschrift beanspruchte. Streitpunkt blieb, ob die Zahl der Zeichen reduziert oder jedem Laut ein eigenes Symbol zugewiesen werden sollte – offenbar eine Folge von Youngs uneinheitlichen Vorstellungen. Vances Vorschlag bildete letztlich einen Kompromiss. In der Sitzung vom 20. September 1853 wurde das Thema Sprachreform abermals aufgegriffen; Young erläuterte dabei, dass sowohl eine phonetische Schrift als auch ein hieroglyphisches System geeignete Mittel darstellen könnten, um Kindern die englische Sprache zu vermitteln.Douglas D. Alder [u. a.]: Creating a New Alphabet for Zion. The Origin of the Deseret Alphabet. In: Utah Historical Quarterly 52/3 (1984), S. 275–86, hier: S. 278–80; Ronald G. Watt: The Mormon Passage of George D. Watt. First British Convert, Scribe for Zion, Logan 2009, S. 144f.

Ende Oktober 1853 wurde ein Ausschuss aus Parley P. Pratt (1807–1857), Heber C. Kimball und Watt eingesetzt. Dieser präsentierte am 5. November ein vollständiges Alphabet, das sich als direkte Übernahme von Pitmans phonotypischem System erwies – mit vierzig Zeichen, jeweils einem Laut zugeordnet. Das Kuratorium diskutierten dieses System eingehend; manche Mitglieder forderten, es müsse gänzlich neue Zeichen enthalten, um Verwechslungen mit dem lateinischen Alphabet zu vermeiden. In der Folge legten mehrere Mitglieder eigene Entwürfe vor. Wenige Tage später präsentierte Vance in Anwesenheit Brigham Youngs seinen Vorschlag erneut. Young beharrte darauf, jedem Laut ein eigenes einfaches Zeichen zuzuweisen und keine kombinierten Zeichen zu verwenden. In den folgenden Sitzungen prüfte und benannte das Kuratorium die Zeichen einzeln. Von den vierzig Zeichen der Phonotypie wurden schließlich nur achtunddreißig angenommen.Douglas D. Alder [u. a.]: Creating a New Alphabet for Zion. The Origin of the Deseret Alphabet. In: Utah Historical Quarterly 52/3 (1984), S. 275–86, hier: S. 280; Ronald G. Watt: The Mormon Passage of George D. Watt. First British Convert, Scribe for Zion, Logan 2009, S. 145; Ryan K. Shosted/Neal E. Davis: The Deseret Alphabet. A Fixed and Unalterable Sound, Illinois 2026, S. 29–33. Die beiden weggelassenen Buchstaben waren diejenigen für den Diphthong u in mule und den Diphthong oi in oil.Ronald G. Watt: The Mormon Passage of George D. Watt. First British Convert, Scribe for Zion, Logan 2009, S. 145. Da das Alphabet dem lateinischen Alphabet ähnelte, ließ es sich mit einiger Übung vergleichsweise leicht lesen.Ronald G. Watt: The Mormon Passage of George D. Watt. First British Convert, Scribe for Zion, Logan 2009, S. 145.