Julius Riemer (* 4. April 1880 in Berlin; † 17. November 1958 in Lutherstadt Wittenberg) war ein deutscher Fabrikant, natur- und völkerkundlicher Sammler und Museumsgründer.
Leben als Fabrikant und Sammler Julius Riemer wuchs als erstes Kind einer Berliner Fabrikantenfamilie auf. Als ältester Sohn war er als Haupterbe der Fabrik vorgesehen. Sein Hauptinteresse galt zeitlebens jedoch der Wissenschaft, die er aber aus zeitlichen und familiären Zwängen nicht ausüben konnte. Das Sammeln wurde ihm hier zu einem Ersatz: Der Besuch des 1889 eröffneten Museums für Naturkunde in Berlin zusammen mit seinem Großvater wurde für den neunjährigen Julius Riemer zu einem Schlüsselerlebnis. Seitdem sammelte er zoologische Präparate. So besaß er bereits mit 14 Jahren über 30 präparierte Tiere. Dafür vernachlässigte er zeitweilig die Schule, was zu Konflikten mit der Familie führte. Dennoch übernahm er schließlich die elterlichen Fabrikationsstätten und vergrößerte sie. Im Bereich der Produktion von Lederhandschuhen war die Firma in den 1940er Jahren führend in Deutschland.
Riemer nutzte Geschäftsreisen innerhalb Deutschlands regelmäßig zur Erweiterung seiner Sammlung. Hierzu pflegte er Kontakte mit öffentlichen Museen, Privatsammlern und Händlern. Er kaufte und tauschte Objekte und erweiterte beständig sein Wissen. Riemer engagierte sich in mindestens 20 wissenschaftlichen Vereinen und Gesellschaften, u. a. in der bis heute bestehenden Berliner Gesellschaft für Anthropologie, Ethnologie und Urgeschichte. Seine Sammelobjekte bezog Riemer aus allen Kontinenten. Reisen in Länder außerhalb Europas unternahm er zeitlebens nicht, förderte aber verschiedene Forscher, die ihm zum Dank Objekte zukommen ließen. Außerdem kaufte er systematisch ganze Sammlungen auf, zum Beispiel erwarb er 1939 die mehr als 1000 ethnologische Objekte aus Afrika und der Südsee umfassende Sammlung von Eugen Hintz. Die Sammlung enthielt insbesondere natur- und völkerkundliche Objekte. Ende der 1940er Jahre besaß er eine der größten und wertvollsten natur- und völkerkundlichen Privatsammlungen Deutschlands. Der Schwerpunkt innerhalb des ethnologischen Sammlungsteiles lag dabei auf Afrika und Ozeanien. Unter den Naturalien waren Mineralien, Versteinerungen, Federn, Schädel sowie Knochen, gepresste Pflanzen, Mollusken und Insekten. Sein Hauptinteresse galt dabei der Zoologie – dieser Teil der Sammlung war als der beste und umfangreichste in einer Privatsammlung in Deutschland überhaupt bekannt. Die Sammlung enthält bis heute mehrere zehntausend Objekte von teilweise sehr hohem wissenschaftlichen Wert. So besitzt das Museum das Skelett eines ausgestorbenen Riesenalks und eine sehr systematische Sammlung ethnographischer Stücke aus Ozeanien, daneben größere Bestände aus Afrika und einzelne Exponate aus Amerika.
Infolge des Luftkrieges entschloss Riemer sich dazu, einen Teil seiner Sammlung in sein Haus nach Sieversdorf zu bringen, und mietete außerdem bei Bauern Scheunen und andere Grundstücke an. Riemers Häuser in Berlin wurden im Krieg zum Teil schwer beschädigt. Bei der Zerstörung seiner Stadtvilla unweit des Roten Rathauses in Berlin im Januar 1944 ging etwa ein Drittel der Sammlung verloren.
Riemers Fabrikationsstätten wurden nach Kriegszerstörungen zum Teil aufgegeben, zum Teil nach dem Krieg vergesellschaftet. Riemers jüngerer Bruder arbeitete in den 1950er Jahren als Geschäftsführer des nun staatlichen Werkes bei Dessau.
Julius Riemer war insgesamt dreimal verheiratet, wobei über seine ersten beiden Ehen kaum Informationen vorliegen. Von seiner ersten Frau Luzie ließ er sich in den 1930er Jahren scheiden, seine zweite Frau Hedwig starb 1945 nach langer Krankheit. Julius Riemer war ab 1947 in dritter Ehe mit seinem Patenkind, der studierten Museologin Charlotte Mathieu, verheiratet.
Riemers Leben in der NS‑Zeit Zur Zeit des Nationalsozialismus war Julius Riemer in mehreren wissenschaftlichen Vereinigungen aktiv, darunter im Hauptverband Deutscher Höhlenforscher, dessen Vorsitz er zeitweise innehatte. Der Verband wurde im Zuge der Gleichschaltung in das „Ahnenerbe“ eingegliedert und damit organisatorisch der SS unterstellt. Diese strukturelle Eingliederung erfolgte unabhängig vom Willen der Mitglieder und begründete keine persönliche SS‑Zugehörigkeit Riemers. Ähnliche Überführungen betrafen weitere bürgerliche Vereinigungen, etwa die Internationale Gesellschaft zur Erhaltung des Wisents, der Riemer bereits seit der Weimarer Republik angehörte und die später in die „Deutsche Fachschaft der Wisentzüchter und Heger“ überführt wurde.
Mehrere unabhängige Provenienzforschungen, darunter Gutachten von Enrico Heitzer (2012) sowie von Facts & Files (2022) , fanden keine Hinweise auf eine Mitgliedschaft Riemers in der SS oder in anderen NS‑Organisationen. Neben dieser grundsätzlichen Distanz zum Regime sind auch Riemers persönliche Beziehungen zu als Juden verfolgten Wissenschaftlern belegt. Eine enge Verbindung bestand zum Höhlenforscher Benno Wolf, mit dem Riemer seit den 1920er Jahren zusammenarbeitete. In einem 1938 von der Gestapo abgefangenen Brief an Wolf kritisierte Riemer die Ausgrenzung jüdischer Forscher und schrieb: „Da durch Gesetz sogenannte fremdartige Menschen, die enormes für die Wissenschaft geleistet haben, weder das Museum betreten, noch an irgendwelchen Vorträgen teilnehmen dürften, so habe ich keine Lust, mich in irgendeiner Weise [im Höhlenforscherverband] zu betätigen.“ Wolf wurde später nach Theresienstadt deportiert und kam dort ums Leben. Auch zum Ornithologen Oscar Neumann bestand ein enges Verhältnis. Nach dem Bericht des Zoologen Hermann Pohle, der selbst aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus dem Museumsdienst entfernt worden war, nahm Riemer Neumann in seinem Haus auf, verschaffte ihm Arbeitsmöglichkeiten und unterstützte seine Flucht über Spanien in die Vereinigten Staaten. „Auch das sollte ihm nie vergessen werden.“ Hermann Pohle: Julius Riemer †. In: Säugetierkundliche Mitteilungen. Band 7, 1959, S. 75–76: 76. Pohle schrieb weiter über Riemer: „Den Nationalsozialismus haßte er von ganzem Herzen.“ Hermann Pohle: Julius Riemer †. In: Säugetierkundliche Mitteilungen. Band 7, 1959, S. 75–76: 76. Weitere archivalische Hinweise bestätigen diese Haltung. So bezeichnete der Gauleiter Emil Stürtz Riemer 1941 in einem Schreiben an den Reichsbund für Karst‑ und Höhlenforschung als ehemaligen „Demokraten“, der der „nationalsozialistischen Gedankenwelt völlig fremd und interesselos“ gegenüberstehe. Diese Quellen zeigen, dass Riemers Distanz zum NS‑Regime nicht nur in seiner institutionellen Zurückhaltung, sondern auch in seinem persönlichen Engagement für Verfolgte zum Ausdruck kam.
Höhlenforschung und Kontakt zu Benno Wolf Julius Riemers besonderes Interesse galt der Höhlenforschung. Er war dem bekanntesten deutschen Höhlenforscher Benno Wolf freundschaftlich verbunden. Wolf war getaufter Christ, hatte aber jüdische Wurzeln. In der für Benno Wolf immer schwieriger werdenden NS-Zeit war Riemer eine wichtige Stütze für ihn – er half Wolf, wo er nur konnte, auch mit finanziellen Zuwendungen. Vom 5. September 1936 stammt das Vermächtnis von Benno Wolf, in dem er Julius Riemer sein wissenschaftliches Material vermachte (KNOLLE 1990). Auch übernahm Riemer auf Wolfs Bitte ab 1937 die Redaktion der Höhlenforscher-Hauptverbandszeitschrift; nur der letzte Doppeljahrgang der Zeitschrift stammt aus der Redaktionsfeder von Florian Heller. Zeitweise war Riemer auch der amtierende Hauptverbandsvorstand. Als der Druck der Nazis stärker wurde, sah sich Riemer genötigt, am 15. August 1939 den später im Nürnberger Ärzteprozess zum Tode verurteilten Ahnenerbe-Reichsgeschäftsführer Wolfram Sievers seiner Kooperation zu versichern, um Misstrauen abzubauen.
Am 11. Mai 1941 wurde in Salzburg der Reichsbund für Karst- und Höhlenforschung gegründet; damit war die Gleichschaltung der deutschen und österreichischen Höhlenforschung erreicht. Riemer ließ sich in den Vorstand wählen und bekleidete das Amt des Kassenwarts und war – gemeinsam mit Florian Heller – Schriftleiter. Der alte Hauptverband existierte weiter. Im Oktober 1942 verzichtete Riemer „aus gesundheitlichen Gründen“ auf die Ämter – in Wahrheit waren es andere Gründe. Denn am 6. Juli 1942 war Benno Wolf – 71 Jahre alt – von der Gestapo verhaftet und mit dem 17. Alterstransport aus Berlin in das Ghetto Theresienstadt deportiert worden. Julius Riemer konnte ihm nun kaum noch helfen und wusste auch nicht, was Wolf widerfahren war. Er schrieb 1947, Wolf sei damals „spurlos verschwunden“.KNOLLE 1990. Die Details der Verschleppung und des Todes von Wolf konnten erst nach dem Zusammenbruch des NS-Regimes geklärt werden. Am 25. April 1947 vermachte Riemer der Naturhistorischen Gesellschaft Nürnberg, Abteilung für Karstforschung, per Vollmacht die in Pottenstein befindlichen Nachlassmaterialien von Benno Wolf.
Museum für Natur- und Völkerkunde Entwicklung des Museums bis zur Schließung 2011 Julius Riemer erhielt nach 1945 vom Provinzialpfarrer und Biologen Otto Kleinschmidt das Angebot, im Schloss Wittenberg als Erweiterung zum dortigen Kirchlichen Forschungsheim ein Natur- und Völkerkundemuseum einzurichten. Julius Riemer pflegte bereits seit Jahrzehnten sowohl private als auch geschäftliche Kontakte nach Wittenberg und in dessen Umgebung. Im Jahre 1947 war der Umzug der Sammlung abgeschlossen. 1949 erfolgte die Eröffnung der ersten Ausstellungsräume,52 000 Sehenswürdigkeiten. Ein neues Museum im Schloß. In: Neue Zeit, 7. Oktober 1949, S. 4. 1954 die Gründung des Museums für Natur- und Völkerkunde aus seiner Privatsammlung, das er bis zu seinem Tode 1958 leitete. Seine Frau Charlotte Riemer, die ihren Mann als studierte Museologin bereits beim Aufbau des Museums unterstützt hatte, führte das Museum fort und erweiterte es wesentlich. Im Zusammenhang mit der von der DDR geplanten Konzentration ethnologischer Sammlungen an vier Standorten gelangten zahlreiche Leihgaben und Schenkungen anderer Museen an das Museum in Wittenberg, das als Neugründung die drei traditionellen ethnologischen Museums-Standorte in Leipzig, Dresden und Herrnhut ergänzte.
Das Museum nahm zwei Etagen im Wittenberger Schloss ein. In der unteren Etage befand sich die naturkundliche Ausstellung mit den Themenbereichen Evolution, zoologische Systematik und Physiologie und jeweils einem Saal mit Primaten und Huftieren; in der oberen Etage befanden sich Ausstellungen zu den Kulturen Afrikas und Ozeaniens, dazu kleinere Bereiche zum Alten Ägypten und zum präkolumbischen Amerika. Ein Bereich zur Natur Ozeaniens und eine Sonder-Ausstellung zur Ethnologie Japans ergänzen die ethnologische Abteilung. Dieses Ausstellungskonzept wurde nach dem Tod von Frau Riemer umgestaltet und modernisiert, blieb aber im Wesentlichen bis 2011 erhalten.
Offizieller Leiter des Museums war ab 1990 bis zu seiner Pensionierung 2001 der Ethnologe Klaus Glöckner (verstorben 2018), der seit 1980 in verschiedenen Funktionen am Museum arbeitete. Er richtete in dieser Zeit zahlreiche Sonderausstellungen aus oder holte diese an das Museum. Klaus Glöckner war in der Region besonders für seine rege naturwissenschaftliche Bildungsarbeit bekannt. Mit dem Tod von Julius Riemers Witwe 2002 ging die Sammlung durch einen Erbvertrag an die Stadt Wittenberg über. Damit wurde die Sammlung Teil der städtischen Sammlungen unter Leitung von Andreas Wurda.
Magazinierung der Ausstellung und Pläne zur Neukonzeption Da das Wittenberger Schloss ab 2011 mit Blick auf das Lutherjahr 2017 vollständig saniert und architektonisch umgestaltet wurde, musste die dortige Ausstellung mit Objekten der Julius Riemer Sammlung ausziehen und wurde magaziniert. Ein größerer Bestand von ethnologischen Objekten, der als Leihgabe in Wittenberg aufbewahrt und ausgestellt wurde, kam wieder zurück zu seinem ursprünglichen Standort, dem Naturkundemuseum Mauritianum in Altenburg (Thüringen).