mini|Uwe Johnson (1960) Zwei Ansichten ist der Titel eines 1965im Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main veröffentlichten Romans von Uwe Johnson. Er erzählt am Beispiel der unterschiedlichen Perspektiven zweier junger Leute, eines westdeutschen Fotografen und einer Ostberliner Krankenschwester, über die deutsche Teilung und die Folgen für die Menschen. Die Handlung spielt 1961, im Jahr des Mauerbaus.

Inhalt

Überblick Wie im Titel angedeutet, handelt der Roman von zwei Personen und ihren unterschiedlichen Lebensauffassungen und den sie beeinflussenden Weltanschauungen: dem norddeutschen Pressefotografen B. und der Ost-Berliner Krankenschwester D. In 10 Kapiteln wird ihre Beziehung zueinander und, in Rückblicken, ihr Leben erzählt.

Beide lernen sich im Januar 1961 in Berlin kennen und beginnen eine Beziehung. B. besucht D. wieder im März und deutet ihr seine Liebe und Hoffnung auf ein Zusammenleben im Westen an. Sie reagiert darauf abwartend und streitet mit ihm über ihre unterschiedlichen politischen Auffassungen.

Meist treffen sie sich in West-Berlin.Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 71. Im August werden ihre Begegnungen durch den Mauerbau und die Sperrung der Grenze verhindert und sie bricht ihre Korrespondenz aus Angst vor Überwachung und Gefährdung ab. Erst als sie ihm im Oktober durch eine Botschaft andeutet, sich in den Westen absetzen zu wollen, wird er aktiv und organisiert ihre Flucht mit gefälschten Papieren.

B. Die Vergangenheit des 25-jährigen „jungen Herrn B.“ ist in Rückblicken in die Handlung eingeblendet: Er verbringt seine Kindheit in einer mittelgroßen holsteinischen Landstadt, lebt nach der Trennung seiner Eltern in Pension bei einer Großmutter, beginnt nach der Oberschule aus finanziellen Gründen eine Lehre in einer Drogerie und absolviert seinen Wehrdienst. Danach nimmt er eine freie Fotografenstelle bei der Kreiszeitung an und richtet sich im Lagerraum über einem Kino eine Wohnung mit einem Fotolabor ein. Zusätzlich verdient er sich etwas Geld in der Drogerie mit der Entwicklung von Filmen. Mit dem Verkauf seiner Bilder will er sich seinen Traum zu erfüllen: einen Sportwagen als Statussymbol, um seinen beruflichen Erfolg zu demonstrieren und Eindruck auf die Frauen zu machen.

Die Haupthandlung beginnt im August 1961 mit der Reise des 25-jährigen im gerade gekauften, gebrauchten ausländischen Sportwagen (Kap. 1) nach Berlin, wo er die Mauer fotografieren und sich, nach seiner brieflichen Ankündigung, mit seiner Freundin D. treffen will (Kap. 3). In West-Berlin wird sein Auto gestohlen, er hat Schwierigkeiten, Grenzübergänge nach Ost-Berlin zu finden und verpasst die Zusammenkunft mit D. Ergebnislos kehrt er mit einigen Mauer-Bildern nach Hamburg zurück. Am nächsten Wochenende fliegt er zur Suche nach seinem gestohlenen Wagen nach Berlin (Kap. 5). Er erfährt, dass der Dieb bei dem Versuch, seine Ost-Berliner Verlobte in den Westen zu bringen, an einem Schlagbaum hängen geblieben ist. B. trifft sich nach seiner Rückkehr mit den wohlhabenden Eltern des inzwischen inhaftierten Diebes in Stuttgart, die ihn für das total demolierte Auto entschädigen. Anschließend reist er beruflich auf der Suche nach Fotomotiven in Norddeutschland herum, versucht seine Bilder zu vermarkten, leidet an Depressionen und betrinkt sich in Kneipen bis zur Besinnungslosigkeit.

Finanziell wieder saniert, mietet sich B. im Oktober in Berlin ein Zimmer, durchstreift die Stadt und fotografiert die Grenzbefestigungen und geteilten Straßenzüge (Kap. 7). Er hat jetzt wieder mehr Freude an seiner Arbeit. Zwischen verschiedenen Frauenbeziehungen denkt B. immer wieder an D. und idealisiert sie in seiner Erinnerung als Gefangene des Systems. Zugleich entwickelt er ein Bild von „jenem Herrn B., der er sein [will], trauermäßig dunkel gekleidete Gestalt, schwermütige Miene, achtenswert verunglückt an einer Liebe“.Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 153. Er wird in einer Kneipe in der Nähe einer U-Bahnstation Stammgast, erzählt der Wirtin von seiner Freundschaft mit der Krankenschwester und diese leitet seine Aufforderung „Komm doch“ und eine Schachtel Pralinen nach Ost-Berlin. Als er im Dezember von der Wirtin einen vor drei Wochen abgesandten Brief von D. mit der Bitte, ihr bei der Flucht zu helfen, erhält, sieht er „die unzumutbare Forderung, den unabwendbaren, unerträglichen Beweis für seine Schuld […] er war nicht fähig gewesen, Hilfe beizubringen; andere hatten es geschafft, er [ist] nicht freizusprechen“.Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 164. D. bittet die Wirtin, einen Kontakt mit Fluchthelfen zu vermitteln und lässt für 500 Mark, ein Betrag, der ihm „ungeheuer“ vorkommt und den er einmal in einer Spielbank verloren hat, Ds. Flucht mit einem gefälschten Pass organisieren. Das Unternehmen mit Geheimhaltung hält er für „romantisch“. Angespannt wartet er den Verlauf der Flucht ab.Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 176.

Als B. im Januar von der Wirtin die Nachricht von der geglückten Aktion erhält, reist er sofort nach Stuttgart, um seinen neuen Sportwagen abzuholen, mit dem er D. am Hamburger Flughafen empfangen will. Da sie aber ihren Reiseplan geändert hat, fliegt er zu ihr nach West-Berlin, verunglückt auf dem Weg zur Kneipe und wird mit einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert (Kap. 9).

D. Die Vergangenheit der ca. 21-jährigen Krankenschwester D. ist in Rückblicken in die Handlung eingebaut: Ihre Familienverhältnisse sind schwierig. Wegen des Vaters, eines Wehrmachtsoffiziers, der als Kriegsverbrecher gilt, darf sie, wie ihre drei Brüder, nicht die Oberschule besuchen und Medizin studieren. Stattdessen wird sie Krankenschwester und sucht sich, da sie sich mit ihrer in Potsdam wohnenden, vom Leben enttäuschten Mutter nicht versteht und der Überwachung im Schwesternheim entgehen will, ein möbliertes Zimmer in Ost-Berlin (Kap. 2).

Vor der Grenzschließung kann D. die Fahrt zu ihrer Mutter nach Potsdam in West-Berlin unterbrechen, für sich und die Klinik Kleider bzw. Medikamente einkaufen und Bekannte besuchen (Kap. 4), danach sind ihr solche Kontakte versperrt (Kap. 6). Auch sorgt sie sich um ihren in den Westen geflohenen jüngeren Bruder, für den ihr schon in der Kriegs- und Nachkriegszeit, anstelle der mit der Nahrungsmittelbeschaffung beschäftigen Mutter und des ältesten Bruders, die Verantwortung übernommen hat. Sie führt gewissenhaft ihren Dienst aus und vermeidet regierungskritische Gespräche, hört aber insgeheim den Westfunk. Als sie nach dem Mauerbau in eine Privatstation mit privilegierten Patienten versetzt wird, um eine geflüchtete Schwester zu ersetzen, ist dies ein gewisser Aufstieg. Sie muss jedoch im Oktober ihre Stelle an eine frühere Freundin abgeben und kehrt auf die öffentliche Station zurück. Man gibt ihr keine Begründung für den Wechsel und sie wagt keinen Einspruch.

Nachrichten von Geflüchteten treffen ein. Ihr jüngerer Bruder ist nach Bayern geflohen, kann dort aber nicht studieren und muss als Bauhilfsarbeiter Geld verdienen. D. hat bisher nicht an einen Wechsel in den Westen gedacht und eine Gelegenheit aus Verantwortungsgefühl für ihren jüngeren Bruder und aus Unsicherheit über Bs. Liebe nicht genutzt. Jetzt muss „sie sich mit Anstrengung besinnen auf ihre Beschwerde gegen den ostdeutschen Staat, obschon er nach eigenen Worten für alles Verantwortung trägt, für den Mangel an Medikamenten […] ebenso für Freiheitsstrafen gegen Leute, die sich mit ihm einen Wortwitz erlaubt hatten; erst die Absperrung von der Welt [treibt] ihr kalte Wut ins Gehirn, wie in Kinderzeiten ein tückischer Wortbruch.“Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 183, 184.

Sie erinnert sich an Bs. Angebot und diskutiert ihre Antwort darauf „in langwierigen Zwiegesprächen mit jemand, der in ihrer Vorstellung B. geworden war“. Sie stellt sich den Freund als „besonnen, überlegen, geduldig, treu“ vor.Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 194. Schließlich schreibt sie ihm im November an die Adresse der Gastwirtschaft eine kurze Nachricht mit ihrer Bitte um Fluchthilfe: „Dann hilf mir rüber, ich will jetzt kommen“.Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 163. Während sie auf KOntakte mit Helfern wartet, spielt sie in Träumen die verschiedenen gefährlichen Fluchtwege im Wasser, über den Grenzzaun und unter der Erde durch und zweifelt an Bs. Liebe: „[E]s geht da einmal alles kaputt, und jeder auf sich allein gestellt […] es wird nicht reichen für ein ganzes Leben, es reicht zum Kommen lange nicht.“ Auch misstraut sie seinen schriftlichen „kinomäßigen Ausdrücken von seiner Liebe, sie hätte das ausgesprochen nicht hören mögen“.Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 195, 196.

Verschiedene Kuriere und miteinander vernetzte Helfer nehmen vorsichtig zu ihr Kontakt auf und bereiten sie vor (Kap. 8): Sie muss die Rolle einer österreichischen Touristin lernen, die nach der Besichtigung West- und Ost-Berlins mit Zug und Fähre nach Dänemark reist, und wird mit deren Pass, Kleidung und Gepäck ausgestattet. Kurz vor Beginn der Aktion hat sie Bedenken: „[S]ie mochte die Stadt nicht aufgeben, sie fürchtete sich davor, ihre Leute nicht mehr zu verstehen.“Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 212. Ihr gelingt an der Fähre nach Dänemark der Grenzübertritt, sie trifft sich jedoch nicht, wie geplant, mit B. in Hamburg, sondern fliegt nach Westberlin. Dort meldet sie sich als DDR-Flüchtling („Die neue Welt war das Lager“Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 241.) und erhält neue Papiere (Kap. 10). Nur „[d]er Form halber, und weil die Wirtin ihr zugeredet hat[-]“, besucht sie kurz „den jungen Herrn B.“ im Krankenhaus und verspricht ihm, um den Kranken nicht „zu erregen […] seinen Heiratsantrag zu überlegen“, sie denkt aber „nicht daran, Berlin aufzugeben“, informiert sich über die Anlage des Krankenhauses und sucht sich ein Zimmer.Uwe Johnson: Zwei Ansichten. Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1976, S. 242.

Form Mit Zwei Ansichten führt Johnson seine bisherigen Prosaarbeiten weiter, die wegen ihrer Thematik, der Situation der Menschen im geteilten Deutschland, von der Literaturkritik überwiegend gelobt, wegen ihrer Sprachexperimente dagegen unterschiedlich beurteilt wurden (s. Rezeption.).