Bei Bioterrorismus und Biosabotage handelt es sich um die böswillige, meist gezielte Verbreitung von ausgewählten, natürlich vorkommenden, gegebenenfalls (beispielsweise biotechnologisch modifizierten) und zum Einsatz besonders vorbereiteten Krankheitserregern und Schädlingen: Bakterien, Viren, Insekten, Pilze oder andere Lebewesen und/oder deren Gifte (Toxine), die auch als biologische Waffen bzw. Toxin-Waffen zum Einsatz bei biologischer Kriegsführung kommen bzw. in Betracht gezogen werden. Ziel von Bioterrorismus und Biosabotage ist die Erzeugung von Krankheit oder Tod von einzelnen Objekten oder ganzen menschlichen, pflanzlichen oder tierischer Populationen, um Störungen in (Rüstungs-)Produktionsabläufen, im (Munitions-)Transportwesen oder im Gesundheitswesen usw. zu erzielen oder in der Landwirtschaft („Agroterrorismus“), oder auch nur Angst und Schrecken auszulösen.Hummel, Stephen; Burpo, F. John; Hershfield, Jeremy; Kick, Andrew; O'Donovan, Kevin J.; Barnhill, Jason (27.04.2022). Cruickshank, Paul; Hummel, Kristina (eds.). "A New Age of Bioterror: Anticipating Exploitation of Tunable Viral Agents" (PDF; 5,1 MB). CTC Sentinel. 15 (4, Extraausgabe: The Biological Threat – Part One). West Point, New York: Combating Terrorism Center: 1–6. Archiviert (PDF) aus dem Original vom 12. Mai 2022. Abgerufen am 12. Mai 2022."Bioterrorism". www.interpol.int. Abgerufen am 12. Mai 2024.Croddy, Eric; Perez-Armendariz, Clarissa; Hart, John (2002). Chemical and Biological Warfare: A Comprehensive Survey for the Concerned Citizen. Copernicus Bücher. S. 78–84. ISBN 0-387-95076-1. S2CID 239249186. Weil bei bioterroristischen Einsätzen „dual-threat agents“ zum Einsatz kommen, also Mittel, die auch natürlicherweise Krankheit und/oder Tod verursachen, sind sie hervorragend für „hybride Kriegsführung“ geeignet und ihre Verursacher nur schwer oder gar nicht verantwortlich zu machen.
Bioterroristische und Biosabotageaktionen gab es gelegentlich seit Menschengedenken. In den Focus gerieten sie erst – vor allem nach Einführung der Bakteriologie – im Ersten Weltkrieg und dann erneut – vor allem nach Einführung von Molekularbiologie, Biotechnologie und Gentechnik – im Kalten Krieg. Theoretisch können heute höchst gefährliche Bio- und Toxinwaffen durch genetic engineering hergestellt werden. Das ist aber mit großem technischem und sicherheitsrelevanten Aufwand verbunden. Abgesehen davon sind deren Entwicklung, Herstellung, Verbreitung und Lagerung seit 1975 die Biowaffenkonvention völkerrechtlich verboten. Deshalb sind bis heute sind chemische Kampfmittel, Sprengstoffe usw. für Terroristen und Saboteure die Mittel der Wahl. Durch Bioterrorismus und Biosabotage oder durch Unfälle bei der Entwicklung solcher Mittel verursachte Schäden sind überschaubar.
Geschichte Kurz nach Beginn des Ersten Weltkriegs begann Deutschland eine biologische Sabotagekampagne, vor allem in den Vereinigten Staaten, in Argentinien, Rumänien und Spanien, womöglich auch in Frankreich und Russland.Gregory, B; Waag, D. (1997), Military Medicine: Medical aspects of biological warfare (PDF), Office of the Surgeon General, Department of the Army, Library of Congress 97-22242, archiviert vom Original (PDF) am 12. Juni 2009, abgerufen am 22. Mai 2009 Die Aktionen in Argentinien, Rumänien und Spanien wurden nach Aktenlage ab Juni 1915 vom Leiter der „Sektion Politik“ des Generalstabs, Hauptmann der Reserve Rudolf Nadolny, koordiniert. Die Sektion war eine Ausgründung der Nachrichtenabteilung des Stellvertretenden Generalstabs, der „Abteilung IIIb“. Die neue Sektion wurde „für Unternehmungen und Anschläge im Ausland“ verantwortlich gemacht.
mini|Geheime Weisung zum Einsatz von Rotz-Erregern Zu Einsatz kamen die Erreger von Milzbrand und Rotz, einer Infektionskrankheit der Pferde und Maultiere. Sie wurden von einer nicht mehr identifizierbaren Einrichtung in Berlin bereitgestellt und auf unterschiedlichen komplizierten Wegen zu den Einsatzgebieten befördert. Allerdings befahl der Leiter der Sektion Politik, Hauptmann der Reserve Rudolf Nadolny, bereits zu Beginn der Aktionen: „Anwendung von Seuchenmitteln gegen Menschen nicht erwünscht, nur gegen Pferde und Vieh für Armee“. Das entsprach Richtlinien, die der Große Generalstab bereits 1902 erlassen hatte: die „Verbreitung ansteckender Krankheiten“ als Kriegsmittel sei nicht erlaubt. Hauptakteur war der auch den ausländischen Diensten ins Visier geratene Agent „Arnold“. Er konnte erst acht Jahrzehnte später durch Vergleich geheimer Akten der Chiffrierabteilung des Auswärtigen Amtes als der Mitarbeiter der Materialienverwaltung der Sektion Politik Dr. rer. pol. Herman Wupperman [jr.] (1882–1963) identifiziert werden. Im Zivilberuf war Wupperman Mitgeschäftsführer der nach seinem Vater benannten „Herman Wupperman GmbH“, einer Pinneberger Emaille-Fabrik, die während des Krieges Rüstungsgüter produzierte.
Hauptakteur der Biosabotage in den Vereinigten Staaten war Anton Dilger. Der lebte zu dieser Zeit in Deutschland und wurde 1915 mit Rotz in die USA geschickt. Dilger richtete in seinem Haus in Chevy Chase, Maryland, ein Labor ein. Er benutzte Hafenarbeiter, die an den Docks in Baltimore arbeiteten, um Pferde mit Rotz zu infizieren, während sie auf ihre Verschiffung nach Großbritannien warteten. Er wurde verdächtigt, ein deutscher Agent zu sein, wurde aber nie verhaftet. Dilger floh schließlich nach Madrid, Spanien, wo er während der Spanischen Grippe von 1918 starb.Experts Q & A, Public Broadcasting Service, 15.12.2006, archiviert vom Original am 20. Mai 2009, abgerufen am 22. Mai 2009
1916 verhafteten die Russen einen deutschen Agenten mit ähnlichen Absichten. Deutschland und seine Verbündeten infizierten französische Kavalleriepferde sowie viele russische Maultiere und Pferde an der Ostfront. Diese Aktionen behinderten Artillerie- und Truppenbewegungen sowie Nachschubkonvois.
Ob und inwieweit die in den USA und in anderen Staaten verübten Aktionen auch von der Sektion Politik koordiniert wurden, lässt sich wohl nicht mehr klären. Die Akten der Sektion wurden bei Kriegsende von Nadolnys Nachfolger, Major Hans Marguerre, verbrannt. In einer Zeugenaussage erinnerte er sich 1930, Dilger zwar getroffen, ihm aber keine Aufträge erteilt zu haben. Während des II. Weltkriegs vertrat Marguerre, inzwischen Oberst, die Abwehr bei einer Sitzung der „Arbeitsgemeinschaft Blitzableiter“, des deutschen B-Schutz-Komitees. Er äußerte am 8. Juni 1943, dass sich das von Hitler erlassene Verbot offensiver Biokriegsvorbereitungen auch auf die Verbreitung von Biowaffen durch „jede Agententätigkeit“ beziehe.
Unklar ist, in wessen Auftrag ein 1917 in Nordnorwegen verhafteter Reisender, Baron Otto Karl von Rosen, unterwegs war. Er wollte den Transport englischer Munition an die russische Fort behindern. In seinem Gepäck befanden sich mit Milzbranderregern kontaminierte Zuckerstückchen, mit denen Rentiere infiziert werden sollten.
Offenbar hat es auch in weiteren Ländern, so in Frankreich, deutsche Biosabotageaktionen gegeben. Andererseits wurden auch französische Biosabotageaktionen gegen Deutschland durchgeführt. Einzelheiten sind darüber allerdings immer noch nicht bekannt.
mini|Kliewes Sammlung von mutmaßlichen BiosabotageaktionenHeinrich Kliewe. Bioterrorismus 1942. Archiviert in National Archives, College Park, MD, RG 319, Box 1, Folder BW 2. Im Zweiten Weltkrieg kam es in den von deutschen Truppen besetzten Gebieten zu – offenbar weitgehend unkoordinierten – Biosabotageaktionen durch Partisanen und durch die Resistance-Bewegung. Zahlreiche Vorfälle wurden von Heinrich Kliewe, dem führenden Biowaffenexperten der Wehrmacht, dokumentiert. Oft konnte nicht eindeutig geklärt werden, ob es sich um natürliche (z. B. Typhus-)Ausbrüche oder Sabotageakte handelte. Auf angloamerikanischer Seite gab es vereinzelte Aktionen, Nazi-Führer durch Anschläge auszuschalten. So wurde Reichsbankpräsident Hjalmar Schacht durch eine „Lebensmittelvergiftung“ – vermutlich mittels Staphylokokken-Enterotoxin B – erfolgreich daran gehindert, „an einer wichtigen ökonomischen Konferenz“ teilzunehmen. Hitler, Göring und Himmler sollten sogar umgebracht werden, Hitler beispielsweise durch eine Infektion mit Milzbranderregern. Diese Pläne waren allerdings umstritten und die entsprechenden Vorbereitungen wurden kurz vor Kriegsende wieder abgebrochen. Auch der sowjetische Geheimdienst soll einen Anschlagsplan gegen Hitler vorbereitet haben.
Danach, im Kalten Krieg, gab es weitere Planungen und sogar einige erfolgreiche Aktionen. Pläne der CIA zur Ermordung von Fidel Castro und Patrice Lumumba konnten nicht realisiert werden, ebenso wenig ein Plan Stalins, Tito umzubringen. Erfolgreich war dagegen der bulgarische Geheimdienst der 1978 – unterstützt vom sowjetischen KGB – in London den Dissidenten Georgi Markow umbringen ließ. Der Vorfall ging als „Regenschirm-Mord“ in die Geschichte ein. Auf gleiche Weise wurde zwei Jahre später Boris Korczak umgebracht, der Doppelagent von CIA und KGB gewesen sein soll. Etwa zur gleichen Zeit grassierte in Sverdlowsk, heute Jekaterinburg, eine Milzbrand-Epidemie. Hunderte Personen erkrankten, in mindestens 64 Fällen mit Todesfolge. Verantwortlich dafür waren keine Bioterroristen, sondern eine Leckage in einer sowjetischen Biowaffenanlage, die insgeheim und in Verletzung der Biowaffenkonvention betrieben wurde. Milzbrand-Unfall in Swerdlowsk
1972 verhaftete die Polizei in Chicago zwei Studenten, Allen Schwander und Stephen Pera, die eine Vergiftung der städtischen Wasserversorgung mit Typhus und anderen Bakterien geplant hatten. Schwander hatte eine terroristische Gruppe, „R.I.S.E.“, gegründet, während Pera Kulturen aus dem Krankenhaus sammelte und züchtete, in dem er arbeitete. Die beiden Männer flohen nach Kuba, nachdem sie auf Kaution freigelassen worden waren. Schwander starb 1974 eines natürlichen Todes, während Pera 1975 in die USA zurückkehrte und auf Bewährung entlassen wurde.W. Seth Carus, "R.I.S.E.", in Toxic Terror: Assessing Terrorist Use of Chemical and Biological Weapons (MIT Press, 2000), S. 55, S. 69
Im Jahr 1980 verkündete die Weltgesundheitsorganisation die Ausrottung der Pocken, einer hoch ansteckenden und unheilbaren Krankheit. Obwohl die Krankheit im öffentlichen Raum ausgerottet wurde, behalten die Regierungen der Vereinigten Staaten und Russlands noch immer tiefgekühlte Bestände des Pockenvirus. Es werden katastrophale Folgen befürchtet, sollten abtrünnige Regierungsmitarbeiter oder Terroristen in den Besitz der Pockenstämme gelangen."Smallpox". www.who.int. Abgerufen am 18. Juni 2022. Da die Impfprogramme inzwischen eingestellt wurden, ist die Weltbevölkerung anfälliger für Pocken als je zuvor.
In Oregon versuchten 1984 Anhänger von Bhagwan Shree Rajneesh, eine Kommunalwahl durch Lähmung der Bevölkerung zu beeinflussen. In der Stadt The Dalles, Oregon, infizierten sie Salatbars in 11 Restaurants, Produkte in Lebensmittelläden, Türklinken und andere öffentliche Bereiche mit Salmonella-Typhimurium-Bakterien. Bei dem Angriff erkrankten 751 Menschen an schweren Lebensmittelvergiftungen. Es gab keine Todesopfer. Dieser Vorfall war der erste bekannte bioterroristische Anschlag in den Vereinigten Staaten im 20. JahrhundertPast U.S. Incidents of Food Bioterrorism. In Bioterrorism: A Threat to National Security or Public Health Defining Issue, University of Wisconsin–Madison and the Wisconsin State Laboratory of Hygiene, MM&I 554, 30.09.2008 und der größte bioterroristische Einzelanschlag auf amerikanischem Boden.Novak, Matt (03.11.2016). "The Largest Bioterrorism Attack In US History Was An Attempt To Swing An Election". Gizmodo. Abgerufen am 2. Dezember 2016.