mini|Anton Mauve: Morgenausritt am Strand (1876), Rijksmuseum Amsterdam Der Begriff Haager Schule ist der Name einer niederländischen Künstlergruppierung, die vor allem zwischen 1870 und 1920 wirkte und in Den Haag ihr Zentrum hatte.
Die Haager Schule oder auch „Schule von Den Haag“ steht in der Nachfolge der Schule von Barbizon und wird auch das „zweite Goldene Zeitalter der Niederländischen Malerei“ genannt. In Umfeld von Pulchri Studio sowie der Academie van beeldende kunsten zu Den Haag konnte sich diese Kunstströmung im Umfeld der alten Residenzstadt entwickeln. Auch regionale Schulen der Freilichtmalerei – etwa die Schule von August Allebé – gingen daraus hervor. Schließlich gingen von hier wesentliche Impulse auf den Post-Impressionismus und die Moderne aus.
Geschichte
Entstehung Die damaligen Kunstakademien boten den Malern, die sich später in der Haager Schule zusammenfanden, kaum Anregungen, vor allem nicht im Hinblick auf die Malerei, da sie in erster Linie Zeichenakademien waren. Sie waren orientiert an antiken Vorbildern und den idealen Proportionen der klassischen Kunst, die einem stereotypen Bild idealer Schönheit des menschlichen Körpers folgten. Das führte dazu, dass viele der Maler nach ihrer Akademieausbildung nach weiteren künstlerischen Anregungen suchten: So ging Albertus Gerardus Bilders bei dem Schweizer Tiermaler Charles August Humbert (1891–1958) in die Lehre, Paul Gabriël bei dem Landschaftsmaler Barend Hendrik Koekkoek, Jozef Israëls ging nach Unterweisungen durch Hendrik Dirk Kruseman van Elten und Nicolaas Pieneman nach Paris zu Ary Scheffer und François-Édouard Picot, Jacob Maris und Matthijs Maris wechselten von der Haager Akademie nach Antwerpen, Sientje Mesdag-van Houten nach Brüssel zu Lawrence Alma-Tadema.John Sillevis: Die Haager Schule. In: Die Haager Schule in München. Edition Braus, Heidelberg 1989. ISBN 3-925835-08-3, S. 16. Vier Generationen von Malern, die um 1820 bis 1880 geboren wurden, können der Haager Schule im weitesten Sinn zugerechnet werden.Ronald de Leeuw: Einleitung. In: Ronald de Leeuw, John Sillevis, Charles Dumas (Hrsg.): The Hague school – Dutch masters of the 19th century. 1983; .
mini|Albertus Gerardus Bilders: Ziegenhirtin, Oosterbeek 1864, Rijksmuseum Amsterdam
Oosterbeek, Erste Generation Eine inhaltliche Gemeinsamkeit bildete die Vorliebe für das Malen „draußen“ in der freien Natur. Nach dem Vorbild der Schule von Barbizon entstand rund um das Dorf Oosterbeek in der hügeligen Gegend des Veluwezoom bei Wolfheze mit vielen schweren Bäumen die erste Künstlerkolonie in den Niederlanden, die später zur Oosterbeeker Schule wurde. Als erster hatte sich 1842 schon Johannes Warnardus Bilders dort niedergelassen, der bald eine Anzahl von Schülern um sich sammelte. Ein wichtiger Treffpunkt wurde das Anwesen De Hemelsche Berg (Der Himmlische Berg) des Schriftstellers und Mäzens Jan Kneppelhout, der regelmäßig Ausbildungs- und Studienreisen für junge Künstler finanzierte. Zu den Malern, die zwischen 1860 und 1870 in Oosterbeek arbeiteten und sich gegenseitig beeinflussten, gehörten Willem Roelofs, Paul Gabriël, Hendrik Willem Mesdag, Anton Mauve, die Maris-Brüder (Jacob, Willem und Matthijs), Jan de Haas, Philip Sadée, Frederik Hendrik Kaemmerer und Bernard Blommers.John Sillevis: Die Haager Schule. In: Die Haager Schule in München. Edition Braus, Heidelberg 1989. ISBN 3-925835-08-3, S. 17–22.
In den frühen Werken dieser ersten Generation der Haager Schule war bereits die Aufmerksamkeit für Licht und Atmosphäre spürbar. Die Landschaft wurde aus menschlicher Sicht betrachtet, wobei es darum ging, sich in das Beobachten und Schauen zu vertiefen. Auffallend war die Aufmerksamkeit für die Weite des Himmels. Charakteristisch wurden letztlich die Grautöne und die oft neblige Schleiertechnik in den Landschaften, die ein etwas düsteres Erscheinungsbild erzeugten. Dieses Grau wurde zum Markenzeichen der Haager Schule, einem neuen Realismus mit niederländischem Unterton: bodenständig, mit viel Raumgefühl. Albertus Gerardus Bilders schrieb dazu:
Obwohl deutliche Anlehnungen an die alten niederländischen Meister zu erkennen sind, unterschied sie sich wesentlich von der barocken und klassizistischen Malerei, wie sie an den damaligen Akademien gelehrt wurde. Die Kunstkritik richtete sich gegen die düstere Malerei, die durchaus nicht dem Lebensgefühl der Maler entsprach. So zeigt z. B. der Briefwechsel zwischen Anton Mauve und Willem Maris große Begeisterung für gemeinsame Wanderungen und das Malen im Freien. In dieser Phase entstandenen lebenslange Freundschaften, die den Grundstein für den gegenseitigen Zusammenhalt in der Gruppe der Haager Schule legten.Hans Janssen, Wim van Sinderen: De Haagse School. Catalogus, Kunsthal Rotterdam, Gemeentemuseum Den Haag, Waanders Uitgevers. Zwolle 1997. ISBN 90-400-9982-0
Die Bezeichnung „Haager Schule“ wurde 1875 von dem Kunstkritiker Jacob van Santen Kolff geprägt. In der Zeitschrift De Banier beschrieb er sie als eine „neue, ultraradikale Bewegung“. Kolff hebt den Effekt eines „trüben Tages“ hervor, die Tonigkeit habe den Vorrang vor der Farbe, die „Poesie des Grau“ benennt er als eines der Kennzeichen der Schule.John Sillevis: Die Haager Schule. In: Die Haager Schule in München. Edition Braus, Heidelberg 1989. ISBN 3-925835-08-3, S. 22–23. Die besondere Qualität der Haager Maler lag für ihn in der spezifisch „holländischen“ Weise der Landschaftsdarstellung:
Die Haager Schule zeichnete sich durch eine starke freundschaftliche Verbundenheit ihrer Mitglieder aus, die sich gegenseitig förderten, etwa im Hinblick auf Einladungen zu Gruppenausstellungen.John Sillevis: Die Haager Schule. In: Die Haager Schule in München. Edition Braus 1989. ISBN 3-925835-08-3, S. 22. Im Jahr 1847 wurde die Malergenossenschaft Pulchri Studio gegründet, um den Mitgliedern Gelegenheit zu geben, nach dem Modell zu zeichnen und Zusammenkünfte zu organisieren, um miteinander zu diskutieren, aber auch zu Geselligkeiten und Festen. Dabei bildeten die sogenannten Kunstbeschouwingen (Kunstbetrachtungen) ein Zentrum der Treffen. Sie ersetzten die späteren Ausstellungen und waren die einzige Möglichkeit der modernen Künstler, ihre Werke der Öffentlichkeit vorzustellen. Neben den aktiven Mitgliedern gab es auch kunstinteressierte Laien als Sozietäts-Mitglieder. Im Vorstand des Pulchri Studio waren u. a. Johannes Bosboom, Jozef Israëls und Jacob Maris.John Sillevis: Die Haager Schule. In: Die Haager Schule in München. Edition Braus, Heidelberg 1989. ISBN 3-925835-08-3, S. 24–25.
Entwicklung und Erweiterung, Zweite Generation Als zweite Generation der Haager Schule werden die nach 1850 geborenen Maler der Gruppe bezeichnet, von denen viele von Mitgliedern der Haager Schule ausgebildet worden waren. Verbindend blieben, neben den persönlichen Beziehungen der Mitglieder untereinander, die erkennbaren atmosphärischen Wurzeln im Haager Realismus, auch wenn die Einheitlichkeit der ersten Phase sich durch die unterschiedlichen künstlerischen Wege der einzelnen Mitglieder aufzulösen begann. Als eine der Ursachen können die äußeren Veränderungen des Zentrums Den Haag gesehen werden. Die Weite der Landschaft zwischen Den Haag und der See, die Polderlandschaft und das einfache ländliche Leben wichen in den 1880er Jahren der zunehmenden Industrialisierung und dem aufkommenden Tourismus der Städter, durch die sich der Blick auf die Landschaft veränderte. Die Position des Pulchri Studios wurde relativiert durch die Gründung einer neuen Künstlervereinigung, den Haagse Kunstkring, die neben der Malerei auch Literatur, Musik und Architektur Raum bot. Der erste Vorsitzende dieser neuen Vereinigung war Théophile de Bock, der bei den Haager ausgebildet worden war, aber auch internationale Kontakte einbrachte.
Einigen Malern wie George Hendrik Breitner und Isaac Israëls wurde Den Haag zu klein und sie siedelten nach Amsterdam über, während andere weiter aufs Land zogen, weil ihnen die Umgebung von Den Haag zu städtisch geworden war, wie Johan Hendrik Weissenbruch, Albert Roelofs und Anton Mauve. In Laren bildete sich eine neue Künstlerkolonie heraus, die Aspekte der Haager Schule fortsetzte und zugleich neue Sujets fand, wie die Heidelandschaft, Sandverwehungen, Bilder von Fischern und Bauernfamilien, nun auch in Innenräumen.John Sillevis: Die Haager Schule. In: Die Haager Schule in München. Edition Braus, Heidelberg 1989. ISBN 3-925835-08-3. S. 26–29.
Sujets und Stil Gegenstände der Malerei der Haager Schule waren zunächst die Bauern und Fischer in der holländischen Landschaft mit ihren Viehweiden, Tieren, Wassergräben und Kopfweiden. Ihre Malerei wird einem modernen Realismus zugerechnet, zeichnete sich aber durch eine empfindsame Betonung von Licht und Himmel, Stimmung und Atmosphäre aus. Als ein wichtiges verbindendes Merkmal wurden, in Abgrenzung zum Pathos der Romantik, ihre Einfachheit und Wahrheit hervorgehoben.Wessel Krul: Die niederländische Kunst im 19. Jahrhundert und die Entstehung der Haager Schule. In: Jenny Reynaerts. Der weite Blick. Landschaften der Haager Schule aus dem Rijksmuseum. Hatje Cantz, S. 15, 17.
Sie wurde als ein Wiederaufleben eines eigenständigen niederländischen Malstils begrüßt, die einerseits an die großen Meister der niederländischen Malerei anknüpfte, aber zugleich einen Aufbruch in die Moderne vollzog, der sich in der weiteren Entwicklung vor allem in den Werken Vincent van Goghs und Piet Mondrians zeigte, deren frühe Werke in der Haager Schule wurzelten.Wessel Krul: Die niederländische Kunst im 19. Jahrhundert und die Entstehung der Haager Schule. In: Jenny Reynaerts: Der weite Blick. Landschaften der Haager Schule aus dem Rijksmuseum. Hatje Cantz, S. 17
Im Laufe der Zeit erweiterten sich die Sujets: Typisch waren die Polderlandschaften, Flüsse und Weiher, Winterlandschaften, Windmühlen, Hafen, Schiffe und die See, Tiere und Menschen bei der meist ländlichen Arbeit, sich ausruhend oder später auch die Städter, die den Strand zu ihren Vergnügen entdeckten, zu denen auch das Reiten auf Eseln oder Pferden gehörten. Auch Interieurmalerei kam hinzu, mit der Besonderheit, dass es Alltagsleben der einfachen Menschen waren, denen die Maler sich widmeten.Jenny Reynaerts: Der weite Blick. Landschaften der Haager Schule aus dem Rijksmuseum. Hatje CantzTheresa Ulrich; Horst Becker: Die Haager Schule in München. Edition Braus 1989. ISBN 3-925835-08-3.
Stilistisch brachte die spätere Phase der Haager Schule unterschiedliche Erweiterungen: So bereicherte Jacob Maris die Palette durch stärkere Farben und einen virtuosen Pinselstrich. Jozef Israëls löste sich von den düsteren Farben, Willem Maris versetzte die holländischen Landschaft in helles Sommerlicht. Weissenbruch zu einem Maler des Lichts. Johan Hendrik Weissenbruch schuf Strand- und Seebilder in groß gemalten Farbflächen, die fast schon einen Übergang ins Abstrakte bildeten. Matthijs Maris schuf in seinen Bildern von Kindern und Bräuten eine von der Wirklichkeit losgelöste, verträumte Atmosphäre. Die Malergeneration von Willem Bastiaan Tholen und Willem de Zwart lösten sich ganz von der grauen Schue und zogen eine Synthese aus der Haager und dem Amsterdamer Impressionismus.John Sillevis: Die Haager Schule. In: Die Haager Schule in München. Edition Braus, Heidelberg 1989. ISBN 3-925835-08-3, S. 27.