Als Schlachtfeld im Tollensetal wird ein archäologischer Fundplatz aus der Bronzezeit in Mecklenburg-Vorpommern bezeichnet. Der Fundplatz erstreckt sich in der Talniederung der Tollense entlang des Flusses und liegt östlich von Weltzin, auf dem Gebiet der Gemeinden Burow und Werder im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte. Anhand der Befunde kann hier erstmals ein größerer bewaffneter Konflikt in der nordeuropäischen Bronzezeit nachvollzogen werden. Datiert wurde die Tollenseschlacht mittels 14C-Analysen auf die Zeit um 1250 v. Chr.Karin Schlott: Auf Kriegszug gen Norden Spektrum.de, 19. Oktober 2019.
Historische Einordnung Es handelt sich um den Zeitraum zwischen der Mittleren und Späten Bronzezeit. Die Späte Bronzezeit setzte definitiv ab 1300 v. Chr. mit der Lausitzer Kultur bzw. deren westlichem Gegenstück, der Urnenfelderkultur, ein. Im östlichen Mittelmeerraum fand in dieser Zeit die Schlacht bei Kadesch statt (1274 v. Chr.).
Am Ort der Funde befand sich ein Verkehrsknotenpunkt. Der Fluss Tollense mündet bei Demmin in die Peene, und diese führt über den Peenestrom zur Ostsee. Der Wasserweg der Tollense reichte im Süden bis zur Havel. Am Fundort kreuzte er sich mit einem Handelsweg, der von Osten zum angrenzenden heutigen Niedersachsen und zur Halbinsel Jütland verlief. Verschiedene Kulturen und Gruppierungen trafen hier aufeinander: Menschen der Nordischen Bronzezeit, im Westen die Lüneburger Gruppe sowie im Osten Ausläufer der Lausitzer Kultur.Berthold Seewald: Fernhandel provozierte größte Schlacht der Bronzezeit welt.de, 28. November 2017. Thomas Terberger und seine Arbeitsgruppe fanden Anhaltspunkte dafür, dass einige Krieger aus dem südlichen Mitteleuropa stammten.Tobias Uhlig, Joachim Krüger, Gundula Lidke, Detlef Jantzen, Sebastian Lorenz, Nicola Ialongo, Thomas Terberger: Lost in combat? A scrap metal find from the Bronze Age battlefield site at Tollense. In: Antiquity 93 (371), 2019, S. 1211–1230, doi:10.15184/aqy.2019.137 (PDF; 2,9 MB).
Die Schlacht fand in der krisenhaften Phase statt, in der das Metall im Norden knapp wurde, weil der Fernhandel anscheinend zusammenbrach, was zu verstärkten Auseinandersetzungen um Ressourcen führte (siehe auch Zusammenbruch der Bronzezeit).
Gelände mini|Die Tollense nahe Burow (1996) Der Fundplatz erstreckt sich über mehrere hundert Meter beiderseits den Fluss entlang. Die Tollense mäandriert hier in einem im Vergleich zum gesamten Lauf schmalen Tal zwischen feuchten Wiesen. In den letzten Jahrtausenden veränderte sich der Flusslauf nur kleinräumig. Während der Bronzezeit war die Flusslandschaft relativ offen. Der menschliche Einfluss war gering.
Forschungsgeschichte Ein ehrenamtlicher Bodendenkmalpfleger meldete 1996 den Fund eines menschlichen Oberarmknochens mit eingeschossener Pfeilspitze aus Feuerstein, den er von einem Schlauchboot aus bei Niedrigwasser im Uferbereich der Tollense entdeckt hatte. Noch im selben Jahr erfolgten erste archäologische Untersuchungen in der Umgebung der Fundstelle, bei denen Knochen von Tieren und Menschen gefunden wurden.Archäologische Untersuchungen Universität Greifswald, Projekt Tollensetal. In den folgenden Jahren wurden eine Keule aus Eschenholz, eine hammerartige Schlagwaffe aus Schlehenholz und weitere Skelettreste entdeckt.Entdeckung des Fundplatzes und Verlauf der Erforschung Universität Greifswald, Projekt Tollensetal.
Unter der Leitung des Landesamtes für Kultur und Denkmalpflege, des Niedersächsischen Landesamtes für Denkmalpflege und der Universität Greifswald wird das Gebiet seit 2007 systematisch untersucht. Durch Taucher des Landesverbandes für Unterwasserarchäologie wurden Grund und Uferbereich der Tollense systematisch abgesucht, wobei weitere Skelettreste gefunden wurden.Tauchprospektionen Universität Greifswald, Projekt Tollensetal. Die Erforschung des Fundgebietes und der Funde wurde 2009 durch das Kultusministerium von Mecklenburg-Vorpommern und wird seit 2010 durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft gefördert. Im Vordergrund der Untersuchungen vor Ort stehen die Erforschung der Ausdehnung des Fundplatzes und die Freilegung der unter einer ungefähr einen Meter starken Torfschicht liegenden Hauptfundstelle. Dazu wurden archäologische Grabungen in den Wiesen der Tollenseniederung durchgeführt. Eine Fläche von mehr als 400 m² wurde allein am Hauptfundplatz aufgedeckt. Ehrenamtliche Bodendenkmalpfleger unternahmen mehrere Geländebegehungen mit Metalldetektoren. Dabei wurde vorwiegend Aushub untersucht, der bei Ausbaggerungen der Tollense auf dem Ufer abgelagert worden war.Geländebegehungen mit Metalldetektoren Universität Greifswald, Projekt Tollensetal.
Durch das Geographische Institut der Universität Greifswald werden dazu Untersuchungen zur Entwicklungsgeschichte des Tollensetals und zur Ermittlung des ehemaligen Verlaufs des Flusses durchgeführt. Die Oberfläche des Geländes wurde mittels Laserscanning erfasst.Geowissenschaftliche und paläobotanische Untersuchungen Universität Greifswald, Projekt Tollensetal. An der Universität Rostock wurden die Skelettreste untersucht.
Im Dezember 2023 legte die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern ein 62-seitiges Konzept für die weitere wissenschaftliche Erschließung der bedeutsamen Stätte und die nachhaltige Nutzung im Zusammenhang mit einem „sanften Tourismus“ vor.Erschließung der archäologischen Fundstellen im Tollensetal archaeologie-online.de, 8. Dezember 2023.
Funde Knochen und Waffen mini|400px|sprache=de|Muster und Lokalisation der Verletzungen an den im Tollensetal gefundenen KnochenGudula Lidke, Detlef Jantzen, Sebastian Lorenz, Thomas Terberger: The bronze age battlefield in the Tollense Valley, northeast Germany. Conflict scenario research. In: Manuel Fernández-Götz, Nico Roymans (Hrsg.): Conflict Archaeology: Materialities of Collective Violence from Prehistory to Late Antiquity. Routledge, London 2017, ISBN 978-1-315-14477-1.
Bei der Untersuchung der Skelettreste wurde anhand der Oberschenkelknochen eine Mindestindividuenzahl (MIZ) von 125 festgestellt.Untersuchungen der menschlichen Skelettreste Universität Greifswald, Projekt Tollensetal. Bis 2024 wurden etwa 12.500 Knochen von mindestens 150 Menschen gefunden. Sie stammen fast ausschließlich von Männern im Alter zwischen 18 und 40 Jahren. Durch Radiokohlenstoffdatierung wurde bestätigt, dass die Gebeine in die Zeit um 1300 bis 1250 v. Chr. einzuordnen sind.D. Jantzen, T. Terberger: Gewaltsamer Tod im Tollensetal vor 3200 Jahren. 2011, S. 277.
Bis 2011 wurden bereits mehr als 40 menschliche Schädel gefunden, von denen einige Spuren von Kampfverletzungen tragen. In einem Schädel, den Unterwasserarchäologen im Jahr 2013 aus dem Fluss bargen, steckt hinten eine bronzene Pfeilspitze.Vgl. Fotografie der im Schädel steckenden Pfeilspitze: in diesem Bericht auf archaeologie-online.de, 9. Mai 2014. Mehrere derartige Pfeilspitzen, denen Funde von solchen aus Feuerstein und Holzkeulen gegenüberstehen, lassen vermuten, dass hier zwei unterschiedlich ausgerüstete Gruppen in Konflikt gerieten. Schwerter wurden bisher am Kampfplatz nicht gefunden, jedoch in der Nähe der Tollense bei Golchen und Wodarg bei Werder (bei Altentreptow).D. Jantzen, T. Terberger: Gewaltsamer Tod im Tollensetal vor 3200 Jahren. 2011, S. 278. Bei der Untersuchung der menschlichen Knochen wurden jedoch vielfach Schnitt- und Hiebspuren gefunden, die offenbar durch Schwerter beigebracht worden waren.
Wenigstens ein Teil der Kombattanten war beritten, wie die Knochenfunde von mindestens vier Pferden zeigen. Auch die Position der Pfeilspitze im zuerst gefundenen Oberarmknochen deutet darauf hin, dass hier ein zu Fuß kämpfender Bogenschütze einen Reiter verwundete.Hans Holzhaider: Archäologie auf dem Schlachtfeld: Mit Holzkeulen gegen Bronzepfeile, sueddeutsche.de, 22. Juli 2011.
Da in der Fundschicht zwischen den Knochen außer einzelnen Pfeilspitzen fast kein weiteres Fundmaterial entdeckt wurde, kann eine gründliche Plünderung der Toten nach dem Kampf vermutet werden. Die Gefallenen wurden wahrscheinlich von den Siegern in den Fluss geworfen. Da die Überreste nicht mehr im anatomischen Verband vorliegen, wurden sie wahrscheinlich durch den Fluss verlagert, bis sie in der strömungsarmen Randzone von einer Torfschicht bedeckt, einsedimentiert und ihre Reste damit teilweise konserviert wurden.
Metallfunde Nachdem 2010 am Tollenseufer ein goldener Spiralring gefunden worden war, folgte im Juni 2011 ein ähnlicher Ring von 2,9 cm Länge und einer Masse von knapp zehn Gramm. Im August desselben Jahres wurden neben vier Bronzespiralröllchen, einer typischen Schmuckform der Bronzezeit, zwei weitere spiralig gewundene Ringe aus vier Millimeter starkem Draht gefunden. Das Material wurde mittels XRD-Analyse als Zinn identifiziert. Wegen ihrer Bedeutung als Rohmaterial bei der Bronzeherstellung und angesichts der Seltenheit derartiger Funde kommt den beiden Ringen aus Zinn eine besondere Bedeutung zu. Es handelt sich um die bisher ältesten Zinnfunde in Deutschland. Der zeitlich nächstgelegene Fund aus Hallstatt in Österreich ist rund 600 Jahre jünger.Martina Rathke: Bronzezeit-Schlachtfeld mit neuen Funden. In: Nordkurier. 27. April 2012, S. 5.
Bisher wurden fast 50 bronzene Tüllenpfeilspitzen gefunden. Erhaltene Reste der hölzernen Pfeilschäfte ermöglichten eine Datierung von bisher mehr als einem Drittel der Pfeilspitzen in denselben Zeitraum wie die Knochenfunde.
Im Sommer 2020 wurde eine 14,7 cm große und 155 Gramm schwere Bronzefigur gefunden. Die Figur „zeigt u. a. einen eiförmigen Kopf mit prominent geformter Nase, geschwungene Arme, einen Halsring, zwei Knubben für die Brüste, einen Gürtel, eine Markierung des weiblichen Geschlechts und zwei leicht unterschiedlich geformte Beine“. Ähnliche Figuren, die auf Seeland und in Schonen gefunden wurden und in die späte Bronzezeit (Periode V–VI) datiert werden, sind als Gewichte oder Götterstatuen gedeutet worden. Möglicherweise handelte es sich hier um eine Erinnerungsgabe.Thomas Terberger, Ronald Borgwardt, Joachim Krüger, Sebastian Lorenz, Jens-Peter Schmidt, Lorenz Rahmstorf: Worship or weight? A Bronze Age ‘goddess with a necklace’ from River Tollense (NE Germany). In: Prähistorische Zeitschrift. Band 97, Nr. 1, 2002, S. 110–129, (PDF; 3,5 MB);
Gegenstände aus dem Besitz eines Kriegers Bei Untersuchungen im Jahr 2016 bargen Taucher aus der Tollense einen Fundkomplex mit 31 Objekten, die dem persönlichen Besitz eines Kriegers zugerechnet werden. Dazu zählten eine verzierte Gürteldose, drei Gewandnadeln und Pfeilspitzen.Bronzezeit-Schlachtfeld Tollensetal: Kriegerbesitz geborgen, sueddeutsche.de, 15. Oktober 2019. Nach Einschätzung des Prähistorikers Thomas Terberger ist dies „die erste Entdeckung persönlicher Gegenstände im Bereich des Schlachtfelds, die […] Einblicke in die Ausstattung eines Kriegers geben“.Martin Vieweg: Im Gepäck eines Bronzezeit-Kriegers, wissenschaft.de, 17. Oktober 2019. Aufgrund der Gegenstände könnte der Krieger aus Süddeutschland stammen; somit kamen möglicherweise auch einige weitere Krieger aus Süddeutschland.Lars Fischer: Schlacht an der Tollense: Der Besitz eines Kriegers Spektrum.de, 16. Oktober 2019.
Deutungen der Ereignisse im Tollensetal Die Fundkonstellation bzw. der Fundkomplex aus dem Nachweis zahlreicher Verletzungen an den Skelettresten, den Waffenfunden (Holzschlagwaffen, Pfeilspitzen aus Feuerstein, aber auch Bronze) sowie einem nachgewiesenen Vorherrschen des Anteils junger Männer unter den analysierten Individuen lassen vermuten, dass es sich um die Überreste eines gewaltsamen, bronzezeitlichen Gruppenkonfliktes handelt. Die Hintergründe und die Motivation zu diesem Handeln bleiben aber noch hypothetisch.
Zahl der Kämpfer und Zahl der Getöteten