mini|230px|Die Losungen 2020 und 2022 mini|230px|Die Losungen 2014 und 2023 Die Herrnhuter Losungen bestehen aus einer Sammlung von kurzen Bibeltexten des Alten und des Neuen Testamentes sowie Dritt-Texten (z. B. Liedstrophen) für jeden Kalendertag. Sie werden jährlich in verschiedenen Sprachen herausgegeben. Sie gelten als überkonfessionell, da sie für alle Christen, gleich welcher Konfession, verfasst werden.

Entstehung mini|Ziehkästchen mit 366 datierten Losen von 1850 Die Entstehung der Losungen ist Nikolaus Ludwig von Zinzendorf zu verdanken,Graf Zinzendorf Stiftung: Die Losungen. In: zinzendorf.de, abgerufen am 14. Februar 2015. der der Brüdergemeine in der gewohnten „Singstunde“ am 3. Mai 1728 die erste Losung mit auf den Weg gab: „Liebe hat ihn hergetrieben, Liebe riß ihn von dem Thron, und ich sollte ihn nicht lieben?“ Wohl von diesem Zeitpunkt an ging ein Bruder jeden Morgen in jedes der 32 Häuser des Ortes und trug die Losung des Tages vor, dabei wurde nicht nur die Losung ausgetauscht, sondern auch eine regelrechte Seelsorge betrieben. Der betreffende Bruder trug am Abend in der Singstunde die Fürbitten und Anliegen der Brüdergemeine vor. Mit Herausgabe der ersten gedruckten Version 1731 wurde die Tageslosung nicht mehr jeden Tag, sondern für ein ganzes Jahr in Herrnhut gezogen. Christian David hat dieses Ziehen der Losungen für das ganze Jahr im Jahre 1735 so beschrieben, dass zum Ausgang des Jahres eine außergewöhnliche Versammlung im Beisein der Ältesten stattfindet, wobei Brüder und Schwestern jeder Klasse zugegen sind und jede Tageslosung gezogen wird. Die Losungen im Sinne des Grafen von Zinzendorf: „Losungen sind das, was man im Kriege die Parole nennt, daraus sich Geschwister ersehen können, wie sie ihren Gang nach einem Ziele nehmen können.“ Die Grundform des Bibelworts und des Gesangbuchverses wurde schon 1731 vorgegeben. Die andere Form war ein Gesangbuchvers mit Hinweis auf einzelne Bibelstellen, welcher später weggefallen ist. Bemerkenswert ist, dass viele Leser der Losungen durch deren Lektüre zum täglichen Bibellesen gekommen sind.

Die Herrnhuter Losungen in der Zeit des Nationalsozialismus Im Jahre 1943 wurde die Zuteilung von Papier verwehrt, sodass die Herrnhuter Brüdergemeine eine großzügige Papierspende von den Brüdern aus Schweden bekam. Allerdings wurde auch nach Eintreffen des Papiers die notwendige Druckerlaubnis nicht erteilt. Erst nachdem die Brüdergemeine den schwedischen Forscher Sven HedinJobst Reller: Ein nützliches Rädchen in der NS-Propagandamaschine. Sven Hedin, Joseph Goebbels und die Herrnhuter Losungen. In: Deutsches Pfarrerblatt. 2015, Heft 8, S. 442–446 (pfarrerverband.de); abgedr. in Claudia Mai, Rüdiger Kröger, Dietrich Meyer: 250 Jahre Unitätsarchiv. Beiträge der Jubiläumstagung vom 28. bis 29. Juni 2014 (= Unitas Fratrum. Beiheft 28, ). Herrnhuter Verlag, Herrnhut 2017, ISBN 978-3-931956-51-6, S. 55–71. um Hilfe bat, der dann einen Brief an Joseph Goebbels schrieb, wie sehr ihm das Erscheinen der Losungen am Herzen liege, wurde im Oktober 1943 die Druckerlaubnis für die Losungen der Jahre 1943, 1944 und 1945 erteilt. Als Antwort schrieb Goebbels am 1. April 1943 an Sven Hedin:

Die Herrnhuter Losungen in der Zeit der DDR Von den 720.000 Exemplaren 1946 für Gesamtdeutschland waren 145.000 für die SBZ bestimmt. 1947 und 1948 waren es 320.000 von 1,1 Millionen Stück insgesamt, wobei die Auflage nicht durch die Nachfrage, sondern durch den Papiermangel begrenzt wurde. In der DDR konnten die Losungen dann in einer Auflage von 350.000 Exemplaren erscheinen. Siehe auch Die staatliche Erlaubnis zum Druck und zur Einfuhr des Papiers für das Folgejahr wurde bis in die 1950er Jahre erst zum Jahresende erteilt. Danach begutachteten Zensoren, die seit 1963 der Hauptverwaltung Verlage und Buchhandel beim Ministerium für Kultur zugeordnet waren, zwei Jahre im Voraus die Manuskripte. Die Kosten für die Gutachtertätigkeit waren von der Evangelischen Verlagsanstalt Leipzig zu tragen. So beanstandete bspw. Gerhard Bassarak an den Losungen 1972 Verse eines Liedes:

Direkte Verbote bereits geloster Verse gab es wohl nicht. Gleichwohl kam es zu wiederholten Beanstandungen der Erwähnung von in biblischen Kontexten erwähnten „Gottlosen“, denen die Gemeine Rechnung trug, indem sie diese „anstößigen“ Sprüche aus dem Los-Pool entfernte. Dritttexte wurden durch die Zensoren von „allzu westlichen oder dekadenten Tendenzen“ und „[f]romme[n] Klagen über die Welt“ gesäubert.Hedwig Richter: Pietismus im Sozialismus. S. 343: „Zu einem Dritttext für 1970 bemerkte Bassarak: ‚Gebet für die Heiden, die dunklen Orte der Welt (DDR?), Vertreibe die Nacht des Irrtums (des Marxismus?), und der Furcht (vor ihm?). – Ändern!‘“ () Nicht immer folgte das Ministerium für Kultur den vorgelegten Gutachten. Direkten Einfluss auf die Gestaltung der Dritttexte hatte die Besetzung der Stelle des Losungsbearbeiters mit dem staatsloyalen Theologen Wolfgang Caffier, danach 1988 mit Christian Weber, der mit der Stasi zusammengearbeitet hatte. Andererseits übte eine „entscheidende Vorzensur […], dank einschlägiger Erfahrung und um ‚Missverständnisse‘ im Vorfeld auszuräumen, der Verlag aus“. So stand dem klaren Problembewusstsein bei der Brüdergemeine ein begrenzter Handlungsspielraum gegenüber, der von dem Widerspruch zwischen verfassungsmäßiger Pressefreiheit und tatsächlicher Zensur und Selbstzensur geprägt war.

Zusammenstellung Durch Auslosen wird für jeden Tag des Jahres ein alttestamentlicher Vers aus einer Sammlung von 1824 Versen festgelegt, der dem Leser als Leitwort oder guter Gedanke für den Tag dienen kann. Aus dem Neuen Testament wird durch einen Mitarbeiter der Herrnhuter Brüdergemeine ein so genannter „Lehrtext“ gewählt, der üblicherweise in direktem oder thematischen Bezug zu dem gelosten alttestamentlichen Vers steht. Ebenfalls wird durch die Mitarbeiter ein passendes Lied oder Gebet, der „Dritte Text“ ausgesucht.

Zusätzlich angefügt sind eine Lesung, die sich auf das Kirchenjahr bezieht (Kirchenjahreslese); eine Bahnlesung der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen, die in vier Jahren durch das ganze Neue Testament und in acht Jahren in Auswahl durch das Alte Testament führt.

Für Sonntage und kirchliche Festtage sind noch der jährlich wiederkehrende Wochenspruch, der Wochenpsalm und der Predigttext angegeben.

Die Jahreslosung – ein biblisches Wort für das ganze Jahr – wird zwar in der Losung vermeldet, entstammt aber nicht der Tradition der Brüdergemeine. Sie wird von der Ökumenischen Arbeitsgemeinschaft für Bibellesen im Voraus festgelegt und verantwortet.

Ausgaben Die Losungen erscheinen in verschiedenen Druckausgaben und auf elektronischen Medien. Seit 2009 gibt es neben der normalen Ausgabe und der Großdruck-Ausgabe auch eine spezielle für junge Leute mit Platz für Notizen. Zudem wurde speziell für diese Zielgruppe eine neue Internet-Seite gestartet. Daneben gibt es eine Ursprachen-Ausgabe, in der der alttestamentliche Vers auf Hebräisch (ggf. Aramäisch) und der neutestamentliche Vers auf Griechisch zu lesen sind, ergänzt um einen lexikalisch-grammatikalischen Sprachschlüssel als Übersetzungshilfe. Mitherausgeber ist Johannes Luithle. Die Tages-, Wochen- und Monatslosung wurde bis 2016 auch als RSS-Feed bereitgestellt.

Seit 2013 werden die Losungen zudem in Brailleschrift (alternativ auch in verständlicher Sprache mit Erklärungen) und als CD im DAISY-Format (zusätzlich mit fortlaufender Bibellese und täglicher Andacht aus dem Andachtsbuch Sonne und Schild. Evangelischer Tageskalender) vom Dachverband der evangelischen Blinden- und evangelischen Sehbehindertenseelsorge (DeBeSS) herausgegeben.Losungen. In: debess.de, abgerufen am 7. Dezember 2018. Es gibt auch kostenlose Software zur Darstellung der Losungen auf Computern und mobilen Geräten. Im Jahr 2014 hat die Herrnhuter Brüdergemeine in Zusammenarbeit mit dem Friedrich Reinhardt Verlag die täglichen Losungen als App herausgegeben. Wegen Lizenzgebühren ist diese kostenpflichtig geworden, von freien Entwicklern herausgegebene kostenlose Apps konnten nicht mehr verwendet werden. Diese Veränderungen und technische Unzulänglichkeiten der neuen App haben zu teilweise heftigen Reaktionen von Seiten zahlreicher Nutzer geführt, besonders in den Kundenrezensionen der App-Stores gab es – gepaart mit grundsätzlichen Fragen zum Thema Kommerzialisierung – Kritik.

Verbreitung mini|130px|Japanische Ausgaben (2018 und 2020) Die Losungen sind unter Christen weltweit verbreitet und werden in viele Sprachen übersetzt (2018 in 61 Sprachen).Sprachen, in denen die Losungen erscheinen. In: losungen.de/weltweit, abgerufen am 15. November 2022 („Weltweit in 60 Sprachen“; die Anzahl (61) erhöht sich, wenn die englischen (britischen resp. amerikanischen) Ausgaben einzeln gezählt werden). "2019 kam die Ausgabe Birmanisch in Myanmar neu hinzu". Dabei werden die Bibeltexte, wenn möglich, aus den Bibelausgaben in der jeweiligen Sprache ausgesucht; in Deutschland folgen die Texte der aktuellen Luther-Übersetzung. Der Dritte Text wird aus dem Liedgut und der Frömmigkeit des jeweiligen Kulturkreises gewählt. In manchen Ausgaben gibt es noch zwei Liedverse, je einen zur Losung und zum Lehrtext. Seit 2016 gibt es die Losungen auch auf Aramäisch – der Sprache von Jesus von Nazareth –, die in einer ersten Auflage von 10.000 Stück erscheinen.Losungen auf Aramäisch. Evangelische Landeskirche in Württemberg. 2. April 2016, abgerufen am 16. April 2016.

In deutscher Sprache erscheinen die Losungen in über einer Million Exemplaren. Weitere Sprachen sind: