Soroca ( und , „Elster“) ist eine Stadt im Nordosten der Republik Moldau am rechten Ufer des Dnister an der Grenze zur Ukraine. Die mit etwa 37.600 Einwohnern (Berechnung 2015) achtgrößte Stadt des Landes ist die Hauptstadt des gleichnamigen Rajons. Von der strategischen Bedeutung zur Grenzsicherung Bessarabiens im 15. und 16. Jahrhundert zeugt eine am Flussufer erhaltene Festung. Ein Stadtviertel wird durch imposante Villen der Roma-Minderheit geprägt, was im Volksmund zum Beinamen „Zigeunerhauptstadt Moldaus“ führte.

Lage mini|Soroca am Nistru vom Denkmal Luminarea recunostintei im Süden Soroca liegt 160 Kilometer nördlich der Landeshauptstadt Chișinău auf einer Höhe von 45 Metern am rechten (westlichen) Ufer des Nistru, der hier in mehreren Flussschlingen durch die flachwellige Ebene mäandert. Das gegenüberliegende östliche Ufer gehört zur Ukraine und ist nahezu flach. Dagegen verläuft parallel zum Westufer ein niedriger Höhenzug, der südlich der Stadt bis fast ans Flussufer reicht und nur noch Platz für die nach Süden führende Ausfallstraße lässt. Wo die umgebenden Ebenen nicht mit Weizen, Mais und Sonnenblumen bepflanzt sind, herrscht eine Steppengrasvegetation auf Braunerdeböden vor. Die natürliche Bewaldung der Hügel besteht aus Eichen, Buchen und Eschen, eine Rarität ist eine Aufforstung mit Kiefern auf der Hügelkuppe am südlichen Stadtrand.

Verkehrsanbindung mini|Autofähre bei Soroca mit Grenzübergang in die Ukraine Mit Chișinău ist Soroca über die gut ausgebaute Schnellstraße M2 verbunden, die von der Landeshauptstadt an Orhei und Florești vorbeiführt. Zehn Kilometer nördlich von Soroca erreicht die M2 im Dorf Cosăuți einen offiziellen Grenzübergang zur Ukraine. Dort führt eine Autofähre über den Fluss zur ukrainischen Grenzstadt Jampil. Die Entfernung auf der Straße (R9) am Nistru entlang zur nordöstlichsten Grenzstadt Otaci beträgt 56 Kilometer, nach Südwesten über Florești zur größten Stadt Nordmoldaus, Bălți, sind es etwas über 80 Kilometer. Von der R9 zweigt nach zwölf Kilometern die R7 nach Südwesten ab und erreicht über Zgurița und Drochia Rîșcani, das an der Hauptstrecke (E583) zwischen Bălți und Edineț im Norden liegt.

Geschichte Die Gegend um Soroca war seit dem Ende der Altsteinzeit besiedelt, wie Funde aus einer von 1981 bis 1991 ausgegrabenen Siedlung nahe Cosăuți belegen.Anatolie David, Adam Nadachowski, Victoria Pascaru, Piotr Wojtal, Ilie Borziac: Late Pleistocene mammal fauna from the Late Palaeolithic butchering site Cosãuþi 1, Moldova. In: Acta zoologica cracoviensia. 46 (1), Krakau, 28. März 2003, S. 85–96. Freigelegte Reste im Dorf Sobari (Gemeinde Cremenciug) im Distrikt Soroca werden als „Kirche ohne Apsis“ gedeutet, was auf die Existenz einiger Siedler in frühchristlicher Zeit hinweist.Ion Tentiuc, Alexandru Popa: Some Considerations Regarding Rock-Cut Monasteries and Spreading of the Christianity in Eastern Moldova During the Late Roman Period and Early Middle Age. In: Aurel Zanoci, Tudor Arnăut, Mihail Băț (Hrsg.): Studiae Archeologiae et Historiae Antiquae. Universität Chișinău 2009, S. 349–365, hier S. 351.

Im 12. und 13. Jahrhundert gab es in Soroca eine Furt über den Fluss, die Händler aus Genua kontrollierten. Sie nannten ihre Festung Olchionia (Olihonia oder Alciona). Im Fürstentum Moldau (um 1350–1538) war die Festung von großer strategischer Bedeutung zur Sicherung der Ostgrenze gegen die Tataren. Unter dem moldauischen Fürsten Ștefan cel Mare (reg. 1457–1504) war die Festung ein quadratischer hölzerner Bau am Flussufer. Beim Dorf Lipnic im nördlich gelegenen Rajon Ocnița besiegte 1469 oder 1470 das moldauische Heer Ștefan cel Mares die unter dem Kommando von Akhmat Khan angreifenden Wolga-Ural-Tataren der Goldenen Horde. Beide Seiten verzeichneten hohe Verluste. Der Name Soroca wird 1499 in Dokumenten erstmals erwähnt.

Die heute erhaltene Festung (Cetatea Sorocii) wurde auf Anordnung des Fürsten Petru Rareș, dem Sohn Ștefan cel Mares, von Baumeistern aus Siebenbürgen zwischen 1543 und 1546 errichtet. Neben Soroca sicherten drei weitere Festungen die Ostgrenze Bessarabiens am Dnister: Bender (1538 zur heutigen Form erweitert), Chotyn (seit dem 13. Jahrhundert Steinmauern) und Bilhorod-Dnistrowskyj (Festung Akkerman an der Mündung des Dnister ins Schwarze Meer). Nach der Mitte des 16. Jahrhunderts schwand allmählich die strategische Bedeutung von Soroca. Dennoch spielte im 17. Jahrhundert die Festung bei den Auseinandersetzungen zwischen der Habsburgermonarchie und dem Osmanischen Reich eine Rolle. Beim Pruthfeldzug 1711 hielten die moldauischen Soldaten der Belagerung durch die osmanischen Truppen stand, bis die anrückenden russischen Truppen unter Peter dem Großen die Belagerung aufhoben. Beim Russisch-Österreichischen Türkenkrieg in den 1730er Jahren geriet die Festung mehrfach unter Beschuss und wurde beschädigt. tur-gazeta.md Über die Angriffe gegen die Festung berichtet der Woiwode und Historiker Dimitrie Cantemir (1673–1723) in seiner Geschichte des Osmanischen Reiches von 1745.Dimitrie Cantemir: Geschichte des osmanischen Reichs nach seinem Anwachse und Abnehmen. Hamburg 1745 (Textsuche Soroka)

Die erste jüdische Ansiedlung in Soroca wird für das Jahr 1657 erwähnt. Eine jüdische Gemeinde bestand ab dem 18. Jahrhundert.Shmuel Spector und Geoffrey Wigoder: The Encyclopedia of Jewish Life Before and During the Holocaust. Band III (Seredina-Buda – Z), New York University Press, 2001, ISBN 0-8147-9378-9, S. 1218 und 1219 Bessarabien kam 1812 vom osmanischen in den russischen Machtbereich. Bis 1897 war die jüdische Bevölkerung auf 8.763 gewachsen, was über die Hälfte der Einwohner Sorocas ausmachte. Der jüdische Bevölkerungsanteil erreichte 60 %. Viele waren in der Landwirtschaft beschäftigt und bauten Weintrauben sowie Tabak an. Fast alle Ladengeschäfte und Lokale mit Alkoholausschank gehörten Juden. 1918 wurde Bessarabien rumänisch. Bis zum Zweiten Weltkrieg gab es mehrere jüdische Schulen, ein Krankenhaus und ein Altersheim.Moldova. Virtual Jewish Library Von 15.019 Einwohnern im Jahr 1930 waren 5.452 Juden (36,3 Prozent).Miriam Weiner: Soroki. In: Jewish Roots in Ukraine and Moldova: Pages from the Past and Archival Inventories. (The Jewish Genealogy Series) Miriam Weiner Routes to Roots, 1999, S. 376. Im Juni 1940 zog sich die rumänische Regierung Bessarabiens vor der Roten Armee zurück. Bis zum Kriegseintritt Rumäniens am 22. Juni 1941 auf Seiten der Achsenmächte gehörte Bessarabien zur Moldauischen Sozialistischen Sowjetrepublik (MSSR). Die sowjetische Armee räumte in den folgenden Tagen das Feld. Die zurückgebliebenen Juden der Stadt kamen unter den deutsch-rumänischen Besatzern zum großen Teil ums Leben, sie wurden wie im übrigen Bessarabien auf der Stelle ermordet oder nach Transnistrien deportiert. Ende des Jahres 1941 lebten praktisch keine Juden mehr in Bessarabien.Vladimir Solonari: Die Moldauische Sozialistische Sowjetrepublik während des Zweiten Weltkrieges (1941–1945). In: Klaus Bochmann u. a. (Hrsg.): Die Republik Moldau, S. 93. Im August 1944 kamen die sowjetischen Truppen nach Bessarabien zurück und setzten die MSSR wieder ein.

In der sowjetischen Zeit hieß die Stadt Soroki. 1993, zwei Jahre nach der Unabhängigkeit Moldaus von der Sowjetunion und dem damit verbundenen wirtschaftlichen Zusammenbruch wurde die Einwohnerzahl der Stadt noch auf über 41.400 geschätzt. Bis 2005 war diese Zahl auf geschätzte 28.400 gesunkenAndrei Brezianu: Historical Dictionary of the Republic of Moldova. 1. Auflage. 2000, S. 191, 2. Auflage 2007, S. 331. und 2015 hatte sie sich nach einer Berechnung auf 37.600 Einwohner erholt.

Stadtbild mini|Hauptstraße im Zentrum: Strada Independenței nach Süden mini|Himmelfahrtskathedrale. Gläubige verehren das Marienbildnis und kriechen abschließend unter dem Holzgestell hindurch. Soroca ist einer von 65 Orten, die den Status einer Stadt besitzenWilfried Heller, Mihaela Narcisa Arambașa: Geographie. In: Klaus Bochmann, Vasile Dumbrava, Dietmar Müller, Victoria Reinhardt (Hrsg.): Die Republik Moldau. Republica Moldova. Ein Handbuch. Leipziger Universitätsverlag, Leipzig 2012, ISBN 978-3-86583-557-4, S. 165. und die achtgrößte Stadt in Moldau. Die Stadt gliedert sich in mehrere unterschiedlich bebaute Wohnviertel am Flussufer und auf der Höhe des sich westlich anschließenden Hügels. Das Geschäftsviertel wird von der nord-südlich verlaufenden Hauptachse (Strada Independenței), einer parallelen Uferstraße und einer weiteren Parallelstraße landeinwärts gebildet, die zusammen mit Querstraßen ein Schachbrettmuster bilden. Entlang der schattenspendenden Alleen reihen sich überwiegend eingeschossige, aneinander gebaute Wohnhäuser und dazwischen Villen aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. Hinzu kommen einige moderne Banken, die Post und andere Verwaltungsgebäude. Das Zentrum bildet der Stadtpark (Parcul Central), der im Westen vom Rathaus, einem Block aus der sozialistischen Zeit, begrenzt wird und vor dem ein steinernes Standbild Ștefan cel Mares steht. Der nur vormittags aktive Markt für in der Region angebautes Obst und Gemüse sowie Kleidung und Schuhe befindet sich am Südende dieses Viertels in der Nähe des Busbahnhofs. Es gibt mehrere weiterführende Bildungseinrichtungen, ein ethnographisches Museum (Strada Independenței, 68) und zwei Hotels, unweit des Stadtparks und am Busbahnhof. Etwas nördlich des Stadtparks steht die Festung am Flussufer inmitten eines weiteren Parks.

Die am meisten verehrte Kirchen in der Stadtmitte ist die Himmelfahrtskathedrale (Catedrala Adormirea Maicii Domnului, Mariä Aufnahme in den Himmel), die 1840 bis 1842 nach einer Planung des Architekten Antuan Vaisman von 1832 im neoklassizistischen Stil fertiggestellt wurde. Gestiftet wurde sie vom moldauischen Adligen Costache Cerchez.Catedrala oraşului Soroca în perioada interbelică. Ziarul Lumina (rumänisch) Das Kirchenschiff wird von einer Kuppel über einem außen achteckigen und innen kreisrunden Tambour überragt. Ein dreigeschossiger quadratischer Glockenturm wurde 1878 vor dem Eingang angebaut, um einen Vorraum zu schaffen.

mini|hochkant|links|Holzkirche Sf. Martiri Brâncoveni Die Demetriuskirche (Biserica Sfântul Dumitru) steht etwas weiter nordöstlich näher am Flussufer. Sie wurde zwischen 1814 und 1827 im neobarocken Stil erbaut und ist die älteste Kirche der Stadt. Weiter südlich wurde um 2012 die Holzkirche Biserica Sfinții Martiri Brâncoveni auf einer baumbestandenen Grünfläche am Ufer eingeweiht. Das zweigeschossig auf einem hohen Mauersockel errichtete Gotteshaus erinnert mit seinem überstehenden steilen Schindeldach an die Holzkirchen in der Maramureș aus dem 17./18. Jahrhundert.

mini|„Zigeunervilla“, dem Kapitol nachempfunden Von einer gewissen überregionalen Bekanntheit ist das „Zigeunerhügel“ (Dealul Țiganilor) genannte Wohnviertel auf dem Hügel, das vom Zentrum auf der nach Westen führenden Ausfallstraße erreichbar ist. Es verdankt seinen Namen und die Zuschreibung Sorocas als „Zigeunerhauptstadt Moldaus“ einer Anzahl luxuriöser mehrgeschossiger Villen, die auch als „Zigeunerpaläste“ bezeichnet werden und von wohlhabenden sesshaften Țigani (Zigeunern) errichtet wurden. Die in einem Stilmix von Ornamenten überladenen, prunkvoll gestalteten Gebäude sind großteils noch unfertig.