mini|Björn Kraus Björn Kraus (* 1969 in Heinsberg) ist ein deutscher Erkenntnistheoretiker und Sozialwissenschaftler, der zu den Protagonisten konstruktivistischer Theorienbildung zählt.

Seine Erkenntnis- und Interaktionstheoretischen Arbeiten führten zur Entwicklung des Relationalen Konstruktivismus. Zudem zählt er zu den zentralen Vertretern einer eigenständigen Wissenschaft der Sozialen Arbeit. Ausgehend vom Relationalen Konstruktivismus entwickelt er eine Theorie der Relationalen Sozialen Arbeit.

Leben Björn Kraus wurde Ende der 1960er Jahre im äußersten Westen von Nordrhein-Westfalen geboren. Er startete in einfachen Verhältnissen und arbeitete nach Abschluss der Hauptschule im Handwerk und Gewerbe. Zum Studium gelangte er auf dem zweiten Bildungsweg.Lehrvideo zum Relationalen Konstruktivismus und zur Relationalen Sozialen Arbeit (incl. Interviewteilen zur Person Björn Kraus) Kraus studierte in Ludwigshafen Soziale Arbeit, in Landau Erziehungswissenschaft (Dipl.-Sozialpädagoge) und in Freiburg Bildungsmanagement (M.A.). Er promovierte an der Universität Heidelberg zum Dr. der Philosophie und habilitierte an der Universität Kassel zum Dr. phil. habil. Weitere Ausbildungen machte er im Umfeld der „Heidelberger Schule“ („Systemischer Therapeut und Berater (SG)“, „Systemischer Supervisor (SG)“ und „Systemischer Coach (SG)“). Die in diesem Bereich seit den 1980er Jahren vollzogene „konstruktivistische Wende“ wird in seinen grundlagentheoretischen Arbeiten deutlich.

Seit 2005 ist er Professor an der Evangelischen Hochschule Freiburg und hat seit 2012 die neu eingerichtete W3-Profilprofessur für Wissenschaft Sozialer Arbeit inne. Er hatte und hat zahlreiche Aufgaben in der Hochschulleitung übernommen (u. a. war er Dekan des Fachbereichs Soziale Arbeit, bevor er von 2011 bis 2020 Prorektor für Forschung und Transfer war). Seine Forschungsschwerpunkte sind Epistemologie, Kommunikation und Macht, professionelle Handlungskompetenz sowie systemische Anthropologie und Methodik.Vgl. E. Engelke, S. Borrmann, C. Spatscheck (2018): Theorien der Sozialen Arbeit. Eine Einführung. Freiburg/Br.: Lambertus

Wirken Kraus hat seit Ende der 1990er die Grundlagen einer Theorie der sozialen Konstitution subjektiver Wirklichkeiten entwickelt. Seine Auseinandersetzung mit erkenntnistheoretischen und sozialtheoretischen Fragen führten zur Entwicklung des Relationalen Konstruktivismus. Im Rahmen dessen hat er nach erkenntnistheoretischen Grundlegungen zunächst eine Kommunikations- und Machttheorie entwickelt und darauf aufbauend Fragen der professionellen Entscheidungsfindung diskutiert. Rückblickend auf die letzten 3 Dekaden wird deutlich, dass in der Anfangszeit (1990er und 2000er) vor allem die Entwicklung einer allgemeinen Theorie menschlichen Seins verfolgt wurde und erst in den 2010er Jahren darauf aufbauend die Entwicklung einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit in Angriff genommen wurde (damit verbunden wurden dann auch grundlegende wissenschaftstheoretische Fragen bearbeitet und Grundlagen einer Wissenschaft der Sozialen Arbeit entfaltet).Björn Kraus (2019): Relationaler Konstruktivismus – Relationale Soziale Arbeit. Von der systemisch-konstruktivistischen Lebensweltorientierung zu einer relationalen Theorie der Sozialen Arbeit. Weinheim, München: Beltz, Juventa.

Durchgängig im Blick sind dabei die für die Sozial- und Humanwissenschaften wichtigen Fragen nach den Möglichkeiten des Erkennens, Kommunizierens, Entscheidens und Intervenierens. Dabei analysiert Kraus nicht nur die Grenzen, sondern auch die Möglichkeiten, die trotz der konstruktivistischen Grundannahmen bleiben oder sich aus diesen erst ergeben.

Eckpfeiler seiner Theorie sind Erkenntnis, Kommunikation, Lebenswelt, Lebenslage, Macht, Hilfe, Kontrolle, Moral und Verantwortungsethik.

Heiko Kleve stellt fest,

Darüber hinaus werden seine grundlagentheoretischen Konzepte in der Erziehungswissenschaft, der Soziologie und der praktischen Theologie rezipiert und verwendet.

Relationaler Konstruktivismus

Björn Kraus vertritt den Relationalen Konstruktivismus.Björn Kraus: Plädoyer für den Relationalen Konstruktivismus und eine Relationale Soziale Arbeit. In: Forum Sozial (2017) 1, S. 29–35 https://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=12387. Dabei steht er in der Tradition eines schon von den Vorsokratikern oder von Immanuel Kant formulierten grundlegenden Skeptizismus gegenüber menschlichen Erkenntnismöglichkeiten. Ausgangspunkt ist die Annahme, dass Kognition keinen direkten Zugang zur Realität hat und damit unsere „Erkenntnisse“ von der Welt in letzter Konsequenz nicht überprüft werden können. Davon ausgehend diskutiert er die Relevanz der sozialen und materiellen Realitäten für kognitive Konstruktionsprozesse. Insofern spricht er schon in seinen frühen Schriften von einem „Intersystemisch Perspektivierten Konstruktivismus“,Björn Kraus: Konstruktivismus – Kommunikation – Soziale Arbeit. Carl Auer, Heidelberg 2002. in den letzten Jahren von „Relationalen Konstruktionen“Björn Kraus: Beobachter_innenabhängigkeit und Relationalität. Zur systemischen Definition des Konfliktbegriffs und zur Revision des Konzeptes „instruktiver vs. destruktiver Macht“ als Analysewerkzeuge sozialer Relationen. In: S. Stoevesand, D. Röh (Hrsg.): Konflikte – theoretische und praktische Herausforderungen für die Soziale Arbeit. Barbara Budrich, Opladen, Berlin, Toronto 2015, S. 47–58. was schließlich zur Ausarbeitung des Relationalen Konstruktivismus führte.

Kraus geht von einer grundsätzlichen Doppelbindung menschlicher Strukturentwicklung aus:

Lebenswelt und Lebenslage

Sein Hauptaugenmerk liegt auf dem Verhältnis zwischen sozialen, pragmatischen und materiellen Rahmenbedingungen (Realität, bzw. Lebenslage) und deren individueller Wahrnehmung (Wirklichkeit, bzw. Lebenswelt). Diese Perspektive wird vor allem in seiner systemisch-konstruktivistischen Reformulierung des Lebensweltbegriffs deutlich.Vgl. Björn Kraus: Lebenswelt und Lebensweltorientierung – eine begriffliche Revision als Angebot an eine systemisch-konstruktivistische Sozialarbeitswissenschaft. In: Kontext. Zeitschrift für Systemische Therapie und Familientherapie. Heft 37/02, Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2006, S. 116–129, pedocs.de Siehe auch Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden. 2013, S. 143 ff. Hier stellt er dem Begriff der Lebenswelt (subjektive Wirklichkeit) den Begriff der Lebenslage (Realität) gegenüber und reflektiert deren Verhältnis zueinander. Die Lebenswelt eines Menschen ist für ihn dessen subjektives Konstrukt, das einerseits nicht beliebig ist, andererseits aber auch nicht von außen determiniert werden kann.Vgl. Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden. Grundlagen und Konsequenzen eines erkenntnistheoretischen Konstruktivismus für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2013, S. 151 ff.

Manfred Ferdinand kommt in seiner Auseinandersetzung mit den Lebensweltbegriffen bei Schütz, Husserl, Kraus und Wittgenstein zu dem Schluss: Kraus’

Nach der Analyse von Literaturverzeichnissen in sozialarbeitswissenschaftlichen Publikationen kommt Jochem Kotthaus zum Ergebnis:

Zu den Unterschieden und Anschlüssen der Lebenswelt-Theorien von Hans Thiersch und Björn Kraus fand im Jahr 2014 eine ausführlich dokumentierte Auseinandersetzung mit den beiden Theoretikern statt. In: eh-freiburg.de, 9. Februar 2015. Abgerufen am 25. Februar 2018.

Die von Kraus geleistete konstruktivistische Reformulierung der Begriffe Lebenswelt und Lebenslage findet neben der Sozialen ArbeitPeter Pantucek: Professionalität und Ambivalenz. 2006. Abgerufen am 25. Februar 2018.Matthias Nauert: Diversität verstehen. Das „erweiterte Mehr-Ebenen-Modell“ als Orientierungshilfe in der Sozialen Arbeit. In: Herbert Effinger u. a. (Hrsg.): Diversität und Soziale Ungleichheit. Analytische Zugänge und professionelles Handeln in der Sozialen Arbeit. Budrich, Leverkusen 2012, S. 56–67. auch in der Erziehungswissenschaft (Bildungsarbeit, Behindertenpädagogik und Gemeindepädagogik)Holger Klose: „Lebenswelten“ – Ein fotopädagogisches Projekt an einer internationalen Grundschule. In: Alfred Holzbrecher (Hrsg.): Foto + Text. Handbuch für die Bildungsarbeit. VS Verlag, Wiesbaden 2006, S. 101–114 ()Iris Beck, Heinrich Greving: Lebenslage und Lebensbewältigung. In: Wolfgang Jantzen (Hrsg.): Enzyklopädisches Handbuch der Behindertenpädagogik. Band 5. Kohlhammer, Stuttgart 2012Dirk Oesselmann: Einleitung zum Teil C: Lebenswelten. In: Peter Bubmann u. a. (Hrsg.): Gemeindepädagogik. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2012, S. 185–188. in der praktischen TheologieManfred Ferdinand: Lebenswelten - Lebensschnüre. Heidelberger Studien zur praktischen Theologie. Lit Verlag, Münster 2014. und in der SoziologieRobert Nadler: Should I stay or should I go? International migrants in the rural town of Zittau (Saxony) and their potential impact on rural development. In: European Countryside. Heft 04/01, 2012, S. 57-72. doi:10.2478/v10091-012-0014-7 Verwendung.

Konstruktivistische Machttheorie Gegenüber konstruktivistischen Theorien wurde lange Zeit vorgebracht, dass sie „Machtblind“ seien. Heiko Kleve schreibt hierzu: In der Auseinandersetzung mit der Frage nach zwischenmenschlichen Einflussmöglichkeiten entwickelt er einen „Machtanalytischen Konstruktivismus“.Heiko Kleve: Vom Erweitern der Möglichkeiten. In: Bernhard Pörksen (Hrsg.): Schlüsselwerke des Konstruktivismus. VS Verlag, Wiesbaden 2011, S. 506–519, hier S. 509. Kraus setzt sich aus einer erkenntnistheoretischen Perspektive mit dem Thema Macht auseinander. Er fragt nicht nach der Bewertung oder Verteilung von Macht, sondern danach, was mit diesem Begriff überhaupt beschrieben werden kann.Vgl. Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden. Grundlagen und Konsequenzen eines erkenntnistheoretischen Konstruktivismus für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2013, S. 119 f. Ausgehend von Max Webers Macht-DefinitionMax Weber: Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriss der verstehenden Soziologie. Mohr, Tübingen 1972, S. 28. kommt er zu dem Schluss, dass der Begriff der Macht differenziert werden muss. Zentral für seinen Ansatz ist die Differenzierung des Machtbegriffs in „Instruktive Macht“ und „destruktive Macht“.Björn Kraus: Macht – Hilfe – Kontrolle. Grundlegungen und Erweiterungen eines systemisch-konstruktivistischen Machtmodells. In: Björn Kraus, Wolfgang Krieger (Hrsg.): Macht in der Sozialen Arbeit – Interaktionsverhältnisse zwischen Kontrolle, Partizipation und Freisetzung. Jacobs, Lage 2016, S. 101–130, https://www.pedocs.de/frontdoor.php?source_opus=15621.Siehe auch Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden. 2013, S. 126.

Konkret bezeichnet Kraus also mit Instruktiver Macht die Chance, das Verhalten oder Denken eines Anderen zu determinieren. Mit Destruktive Macht hingegen bezeichnet er die Chance, die Möglichkeiten eines Anderen zu reduzieren. Die Relevanz dieser Unterscheidung wird vor allem an der Möglichkeit der Verweigerung gegenüber Machtbestrebungen deutlich. Gegenüber Instruktiver Macht ist Verweigerung möglich – gegenüber Destruktiver Macht nicht. Mit dieser Unterscheidung können Machtverhältnisse differenzierter analysiert und erst damit etwa Fragen der Verantwortung adäquat reflektiert werden.Vgl. Björn Kraus: Erkennen und Entscheiden. Grundlagen und Konsequenzen eines erkenntnistheoretischen Konstruktivismus für die Soziale Arbeit. Beltz Juventa, Weinheim/Basel 2013, S. 139 f.

Micha Brumlik stellt hierzu fest: