Das 1855 gegründete Bayerische Nationalmuseum in München zeigt auf etwa 13.000 Quadratmetern Ausstellungsfläche seine kunst- und kulturhistorischen Sammlungen. Die Sammlungen, die vor allem regionale wie europäische Skulpturen und Kunsthandwerk umfassen, hatten von Beginn an nicht nur einen Bildungsauftrag an breite Schichten der Bevölkerung, sondern waren auch zur Ausbildung der Handwerkerschaft eingerichtet worden. Heute bieten das Haupt- und das östliche Obergeschoss einen historischen Rundgang vom frühen Mittelalter bis zum beginnenden 20. Jahrhundert. Im Untergeschoss präsentiert sich die volkskundliche Abteilung mit der berühmten Krippen­sammlung. Der seit 1900 für die schnell anwachsenden Sammlungen eröffnete Neubau nach dem Entwurf Gabriel von Seidls verbindet in einer für München neuen Form bayerischen Heimatstil, Bezüge auf die deutsche Renaissance und den Neobarock mit Elementen des Historismus, die bereits durch ihre Vielfalt ganz abwechslungsreiche Präsentationsmöglichkeiten der verschiedenen Sammlungsthemen bieten.

Geschichte Erster Bau in der Maximilianstraße mini|Das heutige Museum Fünf Kontinente Die Gründung des Museums in der Mitte des 19. Jahrhunderts geht auf die Initiative von König Maximilian II. zurück. 1851 hatte der König die Great Exhibition in London besucht und die Anfänge des South Kensington Museums (Victoria & Albert) erlebt. 1853 legte in seinem Auftrag Archivdirektor Karl Maria von Aretin, der eine großangelegte Publikation der Kunstdenkmale des Bayerischen Herrscherhauses vorbereitete, Pläne für die Errichtung eines eigenen Wittelsbacher Museums vor. Den endgültigen Namen „Bayerisches Nationalmuseum“ bestimmte der Monarch in einem persönlichen Brief vom 30. Juni 1855.Hundertfünfzig Jahre Bayerisches Nationalmuseum, S. 7. Äußerer Anlass für die neue Institution dürfte die Gründung des Germanischen Museums in Nürnberg 1852 gewesen sein, neben das Maximilian offenbar sein dynastisches Museum setzen wollte.

Der erste Museumsbau – das heutige Museum Fünf Kontinente – entstand seit 1859 an prominenter Stelle auf dem Forum der Maximilianstraße und wurde 1867 eröffnet. Die im Grundstein versenkte Urkunde spricht von einer „Anstalt zur Aufbewahrung der interessantesten vaterländischen Denkmäler und sonstigen Überreste vergangener Zeiten“. Maximilians Vater, Ludwig I., hatte für die von ihm geschaffenen Museen, die Glyptothek und die Alte und die Neue Pinakothek, monumentale Bauten errichten lassen, in denen die nach damaligen Begriffen höchsten Errungenschaften der europäischen Kunst aufbewahrt und verehrt wurden: die Skulptur der Antike und die Malerei. Das Nationalmuseum, das in einem breiteren Sinne erzieherisch wirken sollte, erscheint als konsequente Weiterführung dieser vorangegangenen Gründungen.

Neben der zunächst im Vordergrund stehenden Geschichte Bayerns und des Hauses Wittelsbach richtete man auch „Separatsammlungen“ kunsthandwerklicher Objekte ein. Nach Materialgruppen aufgestellt, sollten die Gegenstände zeitgenössischen Künstlern und Handwerkern als Anregung dienen und ihnen Vorbilder für die eigene Arbeit an die Hand geben.

Schon bald nach der Eröffnung 1867 konnte das Bayerische Nationalmuseum an der Münchner Maximilianstraße einen bedeutenden Rang unter den Galerien und Museen der Landeshauptstadt einnehmen.

Zweiter Bau in der Prinzregentenstraße mini|Bayerisches Nationalmuseum (2014) mini|Luftbild mini|Bei Nacht (2018)

Die bei Bezug des Bayerischen Nationalmuseums an der Maximilianstraße schon beträchtliche Sammlung wuchs in den folgenden Jahren durch umfangreiche Neuzugänge, so dass der Platz in den Ausstellungsräumen knapp wurde. Die museale Darbietung (die Museumsdidaktik) bereitete zunehmend Schwierigkeiten; Beschwerden von Überfüllung sowie Mängel in der Anlage und Konstruktion des Hauses traten immer mehr in Erscheinung, so dass schließlich um 1890 eine grundlegende Sanierung vorgenommen wurde. Nach kurzer Zeit stellte sich jedoch heraus, dass die Probleme nur durch einen Neubau zu lösen seien.

Der Landtag beschloss 1892 einen Neubau an der Prinzregentenstraße. Zur näheren Bearbeitung des Bauprogramms und des Bauentwurfs wurde eine kleine Fachkommission eingesetzt, bestehend aus einem Beamten der obersten Baubehörde, Oberbaurat Bernatz, v. Riehl und Maler Rudolf Seitz – und aus drei Vertretern der Münchener Architektenschaft – den Professoren Georg von Hauberrisser, Leonhard Romeis und Gabriel von Seidl. Das sehr gründlich durchberatene Bauprogramm wurde schnell hergestellt. Die der Kommission angehörenden drei Architekten – Hauberrisser, Romeis und Seidl – erhielten daraufhin vom Ministerium den Auftrag, Pläne für den Neubau des National-Museums auszuarbeiten: mit anderen Worten, es wurde unter den betreffenden Herren ein engerer Wettbewerb veranstaltet. Eine Jury von acht Architekten kam schließlich zu dem Schluss, dass in dem Entwurf von Gabriel Seidl" die Museumsschätze sich in diesem Bau am vorteilhaftesten aufstellen lassen."

1894 wurde nach den Entwürfen Gabriel von Seidls begonnen und sechs Jahre später, am 29. September 1900, eröffnet. Seidls Nationalmuseum gehört zu den bedeutendsten und originellsten Museumsbauten seiner Zeit. Der Bau musste dabei dem Anspruch gerecht werden, die unterschiedlichsten Kunstwerke und Stile aus mehreren Jahrhunderten zu fassen. Das Bauprogramm sollte sich dazu an den Ausstellungsstücken orientieren. Seidl gelang dies über eine individuelle Ausgestaltung der einzelnen Gebäudeteile. So wurden die drei gleichwertig vortretenden Baukörper, die über Querbauten miteinander verbunden sind, jeweils mit einer eigenen Fassade im Stile der deutschen Renaissance, des Barock und des Rokoko ausgeschmückt. Gleichzeitig verzichtete von Seidl auf eine übermäßige Monumentalität sowie Anlehnungen an Sakralbauten, so dass eine Repräsentation von Staat und Kirche ausblieb und der Charakter des Nationalen, Regionalen und Bürgerlichen in den Vordergrund gestellt wurde.

Auch die Ausstellungsräume des Museums sind von unterschiedlicher Größe, Form und Dekoration. Seidl schuf wechselnde Dimensionen und Durchgangsachsen, wodurch jeder Raum einen neuen Eindruck erhielt. Weiter gestaltete er die Räume mit der Unterstützung von Rudolph Seitz so, dass es zum Einklang von Raumhülle, Inszenierung und Sammlungsgegenständen kommt. Die räumlichen Gesamtbilder waren dabei thematisch geordnet und verbanden die Exponate mit passendem Mobiliar und dekorativem Kunsthandwerk. Ihre Abfolge ergab einen für die Besuchenden sehr lebendigen und abwechslungsreichen Rundgang. Trotz partieller Umgestaltungen und Modernisierungen ist die Grundstruktur der Konzeption Seidls bis heute erhalten geblieben und verleiht dem Museum einen unverwechselbaren Charakter.

Die Außenbereiche wurden zur Bauzeit mit verschiedenen Kunstwerken geschmückt: dem Luitpolddenkmal (1913) und dem Hubertusbrunnen (1907) von Adolf von Hildebrand auf dem Forum an der Prinzregentenstraße, dem Narzissbrunnen (1898) von Hubert Netzer im Innenhof und dem Fischfraubrunnen (1900) von Josef Rauch an der Lerchenfeldstraße.

Erweiterungen mini|Erweiterungsbau von Bestelmeyer

Bereits 1905/06 wurde das Museum nach Norden um einige Säle und einen Werkstättentrakt erweitert. Für die äußere Erscheinung von größerer Bedeutung war jedoch der 1937–1939 nach Plänen von German Bestelmeyer errichtete Flügel an der Südostecke. Etwa gleichzeitig wurde das terrassenartig erhöhte, gärtnerisch angelegte Prinzregentenforum vor dem Nationalmuseum eingeebnet. Man baute damals auch das Luitpolddenkmal und den Hubertusbrunnen von Adolf von Hildebrand ab. Das Denkmal wurde auf einer neuen Terrasse um einige Meter versetzt wieder errichtet, der Brunnen erst 1954 am östlichen Ende des Nymphenburger Kanals.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Museumsgebäude durch Luftangriffe stark beschädigt und durch Brandbomben brannten wiederholt Säle aus. Die vorherige Auslagerung großer Teile der Sammlung und der Bibliothek verhinderte jedoch Schlimmeres. Nach der Besetzung durch die Amerikaner übernahm die US-Militärregierung den Schutz der Bergungsplätze und verbot jede eigenmächtige Bewegung der Kunstgegenstände. Nach 1945 galten die Anstrengungen am Bayerischen Nationalmuseum einer Wiederherstellung mit einfachsten Mitteln, um die Säle wieder einzurichten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Am 13. April 1947 konnten die ersten Säle im östlichen Erdgeschoss wiedereröffnet werden. Die Sammlung des im Krieg weitgehend zerstörten Bayerischen Armeemuseums fand bis zum Umzug nach Ingolstadt im Jahr 1969 ebenfalls ein vorübergehendes Zuhause im Nationalmuseum.

Nach einer ersten Gesamtsanierung 1973, in der unter anderem die technische Ausstattung angepasst wurde, drängten abermals auftretende Platzprobleme in den 1990er-Jahren auf zusätzliche Anbauten. Ein großzügiger Neubau an der Himbsel- und Oettingenstraße nahm die Werkstätten der Museumshandwerker und die Restaurierungsateliers auf. In dem 1999 bezogenen Gebäude befindet sich auch der Lehrstuhl für Restaurierung, Kunsttechnologie und Konservierungswissenschaft der Technischen Universität, der eng mit dem Bayerischen Nationalmuseum kooperiert.

Das Hauptgeschoss des Westflügels des Hauses wurde nach aufwendiger Sanierung im Juli 2015 wieder geöffnet. Dort sind seither bedeutende Teile des Bestands wie barocke Großskulpturen, Elfenbeinarbeiten, Prunkmöbel und Uhren präsentiert, die zuletzt nur in einer Interimsausstellung im Ostflügel zu sehen waren.

Direktoren 1855–1868: Karl Maria Freiherr von Aretin 1868–1885: Jakob Heinrich von Hefner-Alteneck 1885–1897: Wilhelm Heinrich von Riehl 1897–1907: Hugo Graf 1907–1908: Georg Hager 1909–1914: Hans Stegmann 1916–1931: Philipp Maria Halm 1932–1947: Hans Buchheit 1948–1968: Theodor Müller 1968–1974: Hans R. Weihrauch 1974–1985: Lorenz Kriss-Rettenbeck 1985–1991: Johann Georg Prinz von Hohenzollern 1991–1999: Reinhold Baumstark 1999–2018: Renate Eikelmann seit Juli 2018: Frank Matthias KammelSusanne Hermanski: Kammel löst Eikelmann ab. Bayerisches Nationalmuseum erhält im Juli neuen Direktor. In: Süddeutsche Zeitung, Nr. 55, 7. März 2018, S. R14.

Dauerausstellung und Sammlungen Das Bayerische Nationalmuseum umfasst auf drei Geschossen Ausstellungsräume von insgesamt etwa 13.000 Quadratmetern Grundfläche. Der Grundstock der Sammlung stammt aus dem Kunstbesitz der Wittelsbacher. Er ist es vor allem, der dem Nationalmuseum seine über den lokalen Bereich hinausweisende Bedeutung verleiht. Vielfalt und Breite der Sammelgebiete wurden jedoch insbesondere durch die Neuzugänge der Folgezeit begründet. Bis heute werden die Bestände kontinuierlich und planvoll ergänzt, was nicht nur durch Ankäufe, sondern auch über bedeutende Stiftungen oder Vermächtnisse geschieht. Unterstützung erfährt das Nationalmuseum dabei insbesondere durch den 1960 ins Leben gerufenen „Freundeskreis des Bayerischen Nationalmuseums“. Die ältesten Ausstellungsstücke stammen aus der Spätantike und dem beginnenden frühen Mittelalter, die vorangegangene Zeit wird dagegen in der benachbarten Archäologischen Staatssammlung präsentiert.

mini|Frühneuzeitliche Granatgewehre

Erdgeschoss Das Hauptgeschoss beherbergt in einer imposanten Folge historischer Raumgestaltung kostbare Gemälde, Holzskulpturen, Bronzen, mittelalterliche Elfenbeine, Tapisserien, Möbel, Waffen und Kunsthandwerk vom frühen Mittelalter bis zur Aufklärung. Insbesondere die einzigartigen und besonders reich vertretenen Meisterwerke süddeutscher Bildschnitzerkunst von Hans Multscher, Tilman Riemenschneider, und Hans Leinberger sind hervorzuheben.

Bildwerk aus Mittelalter und Renaissance mini|Seeoner Madonna