mini|Inuit-Frau im Amauti aus Rentierfell, Iglulik (1999)

Das Ren beziehungsweise Rentier lebt fast überall um den Polarkreis, im Sommer in den Tundren und im Winter in der Taiga Nordeurasiens und Nordamerikas sowie auf Grönland und anderen arktischen Inseln. Von den verschiedenen Unterarten, auch von den Hirscharten, ist allein das nordeuropäische Ren zu einem wirklichen Nutztier geworden. Der Rauchwarenhandel war zeitweilig am leichtledrigen, weichen, glänzend braunen, mitunter moirierten Rentierfell europäisch-asiatischer Jungtiere interessiert, das unter der Bezeichnung Pijiki im Handel war. Die Felle ausgewachsener Rentiere sind ein beliebtes Mitbringsel von Nordlandfahrten, sie werden außerdem für Innendekorationszwecke und Vorleger exportiert. Die Felle der in Amerika caribou (deutsch: Karibu) genannten nordamerikanischen Rentiere werden in noch geringerem Umfang ebenfalls als Dekorationsfelle und nicht für Kleidungszwecke genutzt. Lediglich die indigene Bevölkerung nähte sich Überkleidung aus Fellen ausgewachsener, langhaariger Rentiere, oft mit Seehundfell oder Polarfuchsfell zusammen verarbeitet, Trachten, wie sie auch heute noch bei besonderen Anlässen getragen werden.

Der Haltbarkeitskoeffizient für Rentierfelle wird mit 20 bis 30 Prozent angegeben.Die angegebenen vergleichenden Werte (Koeffizienten) sind das Ergebnis vergleichender Prüfung durch Kürschner und Rauchwarenhändler in Bezug auf den Grad der offenbaren Abnutzung. Die Zahlen sind nicht eindeutig, zu den subjektiven Beobachtungen der Haltbarkeit in der Praxis kommen in jedem Einzelfall Beeinflussungen durch Pelzzurichtung und Pelzveredlung sowie zahlreiche weitere Faktoren hinzu. Eine genauere Angabe könnte nur auf wissenschaftlicher Grundlage ermittelt werden.Die Einteilung erfolgte in Stufen von jeweils zehn Prozent, nur die schwächsten Arten bekamen die Wertklasse von fünf bis zehn Prozent. Die nach praktischer Erfahrung haltbarsten Fellarten wurden auf 100 Prozent gesetzt.Paul Schöps; H. Brauckhoff, Stuttgart; K. Häse, Leipzig, Richard König, Frankfurt/Main; W. Straube-Daiber, Stuttgart: Die Haltbarkeitskoeffizienten der Pelzfelle. In: Das Pelzgewerbe, Jahrgang XV, Neue Folge, 1964, Nr. 2, Hermelin Verlag Dr. Paul Schöps, Berlin, Frankfurt/Main, Leipzig, Wien, S. 56–58. In einer Einteilung der Pelzarten in die Haar-Feinheitsklassen seidig, fein, mittelfein, gröber und hart wird das Haar des Ren-Jungtieres (Pijiki) als fein eingestuft.Paul Schöps, Kurt Häse: Die Feinheit der Behaarung - Die Feinheits-Klassen. In: Das Pelzgewerbe Jg. VI / Neue Folge, 1955 Nr. 2, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Leipzig, Berlin, Frankfurt am Main, S. 39–40 (Anmerkung: fein (teils seidig); mittelfein (teils fein); gröber (mittelfein bis grob)).

Für die Vorkommen wildlebender Rene bestehen landschaftlich unterschiedliche Schutz- und Jagdbestimmungen, von der indigenen Bevölkerung dürfen sie in der Regel bejagt werden. Rentiere gelten als nicht gefährdete Art.

Fell mini|links|hochkant=1.2|Skandinavisches Rentierfell Es werden je nach Lehrmeinung zehn bis zwanzig Unterarten des Rentiers unterschieden. Herkömmlich wurden sie oft in zwei Hauptformen aufgeteilt, zum einen in Tundrarentiere und zum anderen in sogenannte Waldrentiere.Peter Gravlund, Morten Meldgaard u. a.: Polyphyletic Origin of the Small-Bodied, High-Arctic Subspecies of Tundra Reindeer (Rangifer tarandus). In: Molecular Phylogenetics and Evolution. 10, 1998, S. 151, doi:10.1006/mpev.1998.0525.

Die Kopfrumpflänge des Rens erreicht 1,30 bis 2,20 Meter, die Schwanzlänge 7 bis 20 Zentimeter, die Weibchen sind kleiner. Waldrene sind meist größer als Tundrarene; Karibus mächtiger als Rene.

Zwischen den Geschlechtern besteht kein Unterschied in der Fellfarbe. Das Sommerhaar ist schokoladenbraun bis graubraun. Die Spiegel sind verhältnismäßig klein und weiß (einschließlich der Schwanzunterseite). Ebenfalls weiß sind der Halsbehang und die Haare am Huf, öfter auch die Halsseiten, meist sind sie jedoch hellbräunlich. Die Unterschiede bei der Sommerfärbung sind gering, sowohl zwischen den einzelnen Tieren als auch zwischen den verschiedenen Lebensräumen. Die kontrastreichere Winterfärbung variiert dagegen beträchtlich. Normalerweise sind dann die Kopfoberseite, der Rücken, die Kruppe und die Läufe graubraun, die Kopfunterseite, der Hals mit Behang, die Flanken, die Spiegel und die Behaarung am Fuß dagegen weiß bis lichtbräunlich. Im Winter wird das Fell meist heller, da sich die dunklen Spitzen der im Übrigen sonst hellen Grannenhaare abnutzen oder durch die Sonne ausbleichen. Selbst anfangs sehr dunkle Exemplare können deshalb zum Ausgang des Winters fast weiß sein. Bei domestizierten Rentieren kommen schwarze, graue, blaue, weiße und vielfältig gescheckte oder gefleckte Exemplare vor. Die auf hocharktischen Inseln Kanadas, vor allem auf der Ellesmere-Insel, lebenden „Peary-Karibus“ tragen sogar ganzjährig ein fast rein weißes Fell. Wilde Pijiki sind heller als zahme. Das Haar ist leicht brüchig, das Leder derb.

Die dicht stehenden, fest verfilzten Grannenhaare sind stark abgeplattet, zugespitzt und sehr kräftig. 9/10 ihres Querschnittes sind mit Luftvakuolen ausgefüllt. Dieser besonders wärmedämmende Haaraufbau ist die Ursache der großen, für Hirscharten typischen Haarbrüchigkeit, die beim Ren jedoch noch stärker ausfällt. Die Grannenhaarlänge beträgt an den Körperseiten 5, am Rücken 9, am Kreuz 10 und am Behang der Halsunterseite bis 30 Zentimeter. Auch die Nasenspitze ist behaart. Wesentlich stabiler und elastisch sind die Haare an den Gliedmaßen und die längeren Haare an und unter den Klauen. Das Wollhaar ist dünn und gekräuselt, es steht ebenfalls sehr dicht. Die Wollhaare enthalten, ebenso wie die kurzen Grannenhaare im Sommer, nur in geringem Umfang oder gar keine Luftvakuolen. Dies gilt auch für Jungtiere bis zum Alter von einem Monat.

Der Haarwechsel findet nur einmal im Jahr statt, dauert aber lang an. Er setzt im März ein, meist fällt zuerst die Unterwolle aus. Der Höhepunkt der Haarung liegt im Mai/August, der Abschluss im August. Das kurze Sommerhaar besteht hauptsächlich aus dichter Unterwolle, die sich ab Mai neu bildet, sowie aus kurzen Grannenhaaren. Die Grannen wachsen im August stark nach und überlagern bald die Unterwolle.

Geschichte, Handel, Verarbeitung mini|hochkant=1.7|Rentierfell, Teilansicht Die Domestizierung des eurasischen Rens begann etwa 700 bis 500 Jahre vor unserer Zeitrechnung. In Nordamerika fand sie nicht statt, erst in der Neuzeit wurden verschiedentlich, erstmals 1898, erfolgreich zahme eurasische Rentiere eingeführt.

Für die Pelzverarbeitung kommen die Felle verschiedener Altersstufen der Jungtiere infrage, sie waren unter der Bezeichnung Pijiki im Handel (frühere Schreibweisen auch Pijiky, Pijicki, Piyiki): Zum einen waren es die Felle von wenige Tage alten Tieren. Diese haben eine Länge von etwa 50 Zentimeter. Ihr Haar ist mittellang, dicht, weich und modebraun. Eine Handelsbezeichnung für Felle von gerade erst geworfenen Rentierkälbern war „Renno“.Alexander Tuma: Pelz-Lexikon. Pelz- und Rauhwarenkunde. XXI. Band. Verlag Alexander Tuma, Wien 1951. Stichwort „Renno“ Auch die Felle von Frühgeburten wurden genutzt. Während Gewerbeoberlehrer Friedrich Kramer 1937 meint, dass nur die Felle der ganz jungen Tiere für die Kürschnerei brauchbar seien, schreiben die Pelz-Fachautoren Dathe/Schöps im Jahr 1986, dass die Decken von vier- bis sechsmonatigen Kälbern bevorzugt wurden. (Pyshiks = Pijiki). Aber auch bis zu einem Jahr alte Kälber lieferten, laut Dathe/Schöps, noch feine, teils seidige Felle (Nebljuis, Felllänge bis 80 cm). Die Tiere wurden im Sommer erlegt, während des Wechsels zu einem neuen Haarkleid, die grobe Granne ist dann noch nicht ausgebildet. Genutzt wurden nur die Rentiere eurasischen Herkommens. Pelzbekleidung aus Pijikifellen war, im Rahmen des geringen Fellanfalls, zeitweilig recht beliebt. Pijiki wurde zu Automobilpelzen, Fellhemden, Besätzen, Mützen, Mänteln, Jagdröcken, Sportjacken und Ähnlichem verarbeitet. Nach dem Zweiten Weltkrieg ist der ohnehin nie sehr häufige Artikel noch seltener geworden, ob in den letzten Jahrzehnten überhaupt noch eine Anlieferung stattfand scheint nicht bekannt zu sein.

Die besten Decken (Felle) ausgewachsener Tiere sind die aus dem Herbst und dem beginnenden Winter. Das Herbsthaar ist kürzer und weniger brüchig. Dunkle Felle werden als besonders schön empfunden.Hans Damm: Die Pelze der Eskimos und sibirischen Völker. In: Das Pelzgewerbe, Beilage zur „Hermelin“-Zeitung, Heft 11/12, 1950, Hermelin-Verlag Dr. Paul Schöps, Leipzig/Berlin, S. 19. Aus Rentierfellen gearbeitete Pelze halten zwar sehr warm, sind wasserabweisend und bieten einen guten Windschutz, haben aber wegen der durch die brüchigen Grannenhaare schlechten Strapazierbarkeit nur einen geringen Gebrauchswert, ihre Haltbarkeitsdauer wird mit „höchstens ein Jahr“ angegeben. Deshalb werden die Felle außerhalb der Ursprungsgebiete kaum für Jacken oder Mäntel verwendet, sondern dazu fast nur von den Tierhaltern oder einheimischen Jägern selbst genutzt (Eskimos, Samen, Samojeden und andere). Eine fünf- bis sechsköpfige Familie soll etwa 30 Felle jährlich für Kleidungszwecke verbraucht haben. Nach Angaben russischer Polarforscher bedurfte eine Familie nordasiatischer Nomaden von sechs Köpfen etwa 300 Rentiere, um „bei einiger Behaglichkeit und in mäßigem Wohlstand“ davon leben zu können. Zwar sind hinsichtlich der Nationaltracht bei den einzelnen polaren Völkerstämmen gewisse Unterschiede vorhanden, so ist die Art der Kleidung doch fast überall gleich: Über dem Parka, einem inneren Anzug mit der Fellseite nach innen, wird eine Überbekleidung mit der Behaarung nach außen getragen, wobei das weiße Bauchfell als Verzierung eingesetzt wird. Von Bewohnern des hohen Nordens werden Rentierfelle immer noch zu traditioneller Kleidung verarbeitet, sie dienen oder dienten außerdem als wärmende Schlittendecken und als Bodenunterlage in ihren Winterzelten.Jonquil Graves, Anne Gunn: Die Fauna des Nordens. In: Wolfgang R. Weber: Kanada nördlich des 60. Breitengrades. Alouette Verlag, Oststeinbek 1991, ISBN 3-924324-06-9, S. 95. Charakteristisch für die Frauen der Eskimos war der, auch heute noch bei Festlichkeiten getragene, mit Intarsien geschmückte Karibu- oder Robbenfell-Amauti mit der großen Kapuze, unter der sie auf dem Rücken ihre Säuglinge trugen (nicht in der Kapuze). Die Rückenerweiterung für das Baby war mit einer wiederverwendbaren „Windel“ aus Karibufell oder mit Moos gefüttert.Valeria Alia: Kunst und Kunsthandwerk in der Arktis. In: Wolfgang R. Weber: Kanada nördlich des 60. Breitengrades. Alouette Verlag, Oststeinbek 1991, ISBN 3-924324-06-9, S. 101–102. Die besten Stiefel in der von den Samen entwickelten Finnenschuh-Machart (norw. Finnsko, engl. Finnesko) werden aus Pelz von den Beinen der Rentiere hergestellt.Beau Riffenburgh: Nimrod. Berlin Verlag, Berlin 2006, ISBN 3-8270-0530-2, S. 168–169. Geschorene Karibufelle werden für Eskimostiefel und von den Eskimos auch als Parkabesatz genutzt.

Pelzhändler Francis Weiss beschrieb, dass sibirische Stämme und ihre Nachfolger, wie die Tschuktschen, Ewenen, Tungusen und Jakuten schon seit uralten Zeiten Vorläufer der späteren Boas aus Rentierfellen herstellten, indem sie diese in Längsrichtung zusammenfalteten und hintereinandernähten.Francis Weiss: From Adam to Madam. Aus dem Originalmanuskript Teil 2 (von 2) (ca. 1980/1990er Jahre), im Manuskript S. 178. (englisch) In der Gegend um Rankin Inlet, Kanada sind die Frauen- und Männerhandschuhe entsprechend ihrer Rolle im sozialen Bereich und bei der Arbeit geschnitten. Frauenhandschuhe fertigt man, wegen des eleganten weißen Streifens, aus den Vorderbeinen der Karibus. Die Männerhandschuhe werden aus den wärmeren Hinterbeinen gearbeitet, an den Spitzen abgeschnitten, um den Bau von Iglus und das Jagen zu erleichtern. Für die Kinder benutzt man das weiche, kurzhaarige Fell der Karibukälber.