mini|Detail aus Michelangelos Darstellung des Jüngsten Gerichts, Sixtinische Kapelle (um 1540) Heulen und Zähneklappern (nach LutherIn der Lutherbibel 1546 heulen vnd zeen klappen) bzw. Heulen und Zähneknirschen (Einheitsübersetzung), griechisch ὁ κλαυθμὸς καὶ ὁ βρυγμὸς τῶν ὀδόντων, ist eine formelhafte Wendung, die zwei der Evangelisten Jesus Christus zuschreiben. Sie begegnet im Neuen Testament insgesamt siebenmal als Beschreibung der Qualen der in die Hölle Verdammten.
Die Literarkritik vermutet ihren Ursprung in der Logientradition, wo sie wohl nur einmal in einer Rede Jesu vom Jüngsten Gericht auftrat; an fünf weiteren Stellen – stets im Rahmen von Gleichnissen – wurde sie demnach von Matthäus redaktionell eingefügt. Sie ist eine von nur wenigen konkreten Beschreibungen der Hölle in der Bibel und hat daher in der exegetischen Literatur einige Beachtung und vielfältige, sich teils widersprechende Deutungen erfahren. Wurde das Heulen und Zähneklappern in der patristischen und scholastischen Theologie und in der Frühen Neuzeit vielfach wörtlich als körperliche Bestrafung verstanden, so wird es in der jüngeren Theologie eher als metaphorisch zu deutender Ausdruck der Verzweiflung, der Selbstvorwürfe oder des Ausgesetztseins beschrieben. Gleichwohl haben religionskritische Philosophen wie Friedrich Nietzsche und Bertrand Russell die Wendung als Ausweis des strafenden, unerbittlichen Charakters der christlichen Botschaft gelesen. Als Redewendung, zumeist scherzhaft verwendet, ist die Phrase auch in der deutschen Umgangssprache geläufig.
Historisch-kritische Einordnung Redaktionsgeschichte Die Phrase „Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein“ kommt sechsmal im Matthäusevangelium (, , , , , ) sowie einmal im Lukasevangelium () vor. Gemäß der Zweiquellentheorie sind Übereinstimmungen zwischen Matthäus und Lukas, die, wie hier, nicht auf das ältere und von beiden verwendete Markusevangelium zurückgeführt werden können, ein Hinweis auf ihre Abhängigkeit von einer hypothetischen zweiten Quelle, der Logienquelle Q. Bei Lukas erscheint das Logion über das Heulen und Zähneknirschen im Rahmen der Rede über das Ackerfeld (Lk 13,28), und zwar gefolgt von einem zweiten Logion, nämlich der Prophezeiung Jesu über die endzeitliche Wanderung der Völker zum Festmahl am Tisch des Herrn (Lk 13,29), in der Jesus paraphrasiert. Auch Matthäus verwendet das fragliche Logion einmal in dieser Verbindung, aber in umgekehrter Reihenfolge, der Prophezeiung über das Festmahl nachgestellt, und zwar in der Rede beim Hauptmann von Kafarnaum an die, die ihm nachfolgten (Mt 8,11–12). So heißt es bei Matthäus:
Und demgegenüber bei Lukas:
In der Forschung herrscht weitgehender Konsens darüber, dass beide das Logion in dieser Verbindung aus der Logienquelle Q übernommen haben,Olaf Rölver: Christliche Existenz zwischen den Gerichten Gottes. S. 532. jedoch nicht darüber, welche Reihenfolge die ursprünglichere ist, oder in welchem Zusammenhang sie in Q standen.Ulrich Luz hält die Stellung bei Lukas für ursprünglich, S. Ulrich Luz: Das Evangelium nach Matthäus. Band 2. 4. Auflage. Benziger, Zürich / Neukirchener, Neukirchen-Vluyn 2007. S. 13.; Siegfried Schulz nimmt dies in seiner Rekonstruktion der Spruchquelle hingegen für die matthäische Abfolge an. Siegfried Schulz: Q – Die Spruchquelle der Evangelisten. Band 1. Theologischer Verlag, Zürich 1972. S. 323–324. An den übrigen Verwendungsstellen bei Matthäus erscheint das Logion jeweils in Gleichnissen und jeweils nicht in Verbindung mit der Prophetie über das Festmahl, nämlich in den Gleichnissen vom Unkraut unter dem Weizen, vom Fischnetz, vom Hochzeitsmahl, vom treuen und vom bösen Knecht und von den anvertrauten Talenten. Die Mahnung vor dem Heulen und Zähneknirschen folgt dabei in fünf Stellen unmittelbar auf das „Hinauswerfen“ (βάλλω bzw. ἐκβάλλω) der Unbußfertigen in die Hölle, die in drei der Stellen ebenso formelhaft als „äußerste Finsternis“ (τὸ σκότος τὸ ἐξώτερον) beschrieben wird, zweimal als „Feuerofen“ (εἰς τὴν κάμινον τοῦ πυρός).
Die Synopse der relevanten Stellen bei Matthäus und Lukas zeigt, dass sich bei Matthäus insgesamt eine vermehrte Verwendung apokalyptischer Bildsprache feststellen lässt. Die matthäischen Redaktionen stellen mithin einen deutlichen Bruch mit dem zeitgenössischen eschatologischen Schrifttum dar, in dem die Pein der Verdammten zwar als selbstverständlich angenommen, aber kaum je konkret beschrieben wird.David C. Sim: Apocalyptic Eschatology in the Gospel of Matthew. Cambridge University Press, 1996. S. 140. Je weiter man sich in der Textgeschichte vom Wort Jesu entferne, so kommentiert der Theologe Dale Allison die Faszination, die für Matthäus von der Eschatologie ausging, desto „mehr Hölle“ bekomme man zu lesen.Dale C. Allison: Jesus and Gehenna. In: Jan Roskovec et al. (Hrsg.): Testimony and Interpretation: Early Christology in its Judeo-Hellenistic Milieu: Studies in Honor of Petr Pokorný. Continuum, London und New York 2004. S. 118.
Traditionsgeschichte Κλαυθμός (Heulen) ist traditionsgeschichtlich bereits seit Homer eng mit der Totenklage verbunden.Olaf Rölver: Christliche Existenz zwischen den Gerichten Gottes. S. 532–33. Die Septuaginta verwendet es zur Übersetzung von z. B. auch im Sinne von Reue und Trauer (), als Ausdruck der inneren Not, von Gott verlassen zu sein.
Das Zähneknirschen findet sich im Alten Testament z. B. in , , und öfter als Ausdruck hasserfüllter Gesinnung der Sünder gegenüber den Gerechten. So heißt es etwa im Psalm 112 zum Trost der Barmherzigen und Mildtätigen: „Der Frevler sieht es voll Unmut, er wird mit den Zähnen knirschen und vergehen. Die Wünsche der Frevler werden zunichte.“ . Der Zusammenhang war so eindeutig, dass das Zähneknirschen unter Juden geradezu sprichwörtlich für Gottlosigkeit stand.Bettina von Kienle: Feuermale: Studien zur Wortfelddimension „Feuer“ in den Synoptikern, im pseudophilonischen Liber Antiquitatum Biblicarum und im 4. Esra. Athenäum Hain Hanstein, 1993. S. 137. Außerdem findet sich βρυγμὸς τῶν ὀδόντων zwar bei Hippokrates als Beschreibung des Symptoms Schüttelfrost; Karl-Heinrich Rengstorf postuliert aber in seinem Eintrag im ThWNT, dass der Gebrauch der Wendung bei Matthäus unabhängig vom allgemeinen griechischen wie auch vom alttestamentlichen Sprachgebrauch zu betrachten sei. Die formelhafte Zusammenstellung beider Begriffe bei Matthäus beschreibt demnach die Lage derer, die die Berufung zum Reich Gottes empfangen haben, aber letztlich doch ausgeschlossen werden, weil sie die Güte Gottes leichtfertig ausschlugen: Gottes volle Selbstoffenbarung hat bei ihnen ein tödliches Erschrecken und verzweiflungsvolle Reue zur Folge, die den ganzen Körper erschüttern.Karl-Heinrich Rengstorf: Art. κλαυθμός, in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT) 3, Stuttgart 1950, S. 725 f.; Ders.: Art. βρυγμός, in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT) 1, Stuttgart 1957, S. 725 f., S. 639 f.
Übersetzungen In der Vulgata wird ὁ κλαυθμὸς καὶ ὁ βρυγμὸς τῶν ὀδόντων als fletus et stridor dentium wiedergegeben, was nach dem Urteil Heinrich Ludolf Ahrens’ „ganz zutreffend“ ist. Für eine Fehlübersetzung hält Ahrens indes Luthers „Zähneklappern,“ da hier „die verbissene Wuth der Insassen der Hölle gemeint“ sei, nicht etwa „eine durch Zähneklappern charakterisirte Angst“. Für etymologisch präziser hält er die zahlreichen alt- und mittelhochdeutschen Übersetzungen, die stridor mit grimman (nhd. „grimmen“) oder dem pleonastischen Kompositum grisgramen (vgl. Griesgram) wiedergeben.Heinrich Ludolf Ahrens: Beiträge zur griechischen und lateinischen Etymologie. 1. Heft, B. G. Teubner, Leipzig 1879. S. 197–199. Die Einheitsübersetzung und die Schlachter-Bibel sind diesem Sinn mit ihrer Übersetzung „Zähneknirschen“ semantisch näher.
Auslegungsgeschichte Patristik Der Begriff der Hölle und die mit ihr verbundenen Qualen, die mit der Wendung des „Heulen und Zähneklappern“ umschrieben sind, spielen im Neuen Testament keine zentrale Rolle und wurden in der frühen Kirche noch kaum reflektiert.Mareike Hartmann: Höllen-Szenarien: Eine Analyse des Höllenverständnisses verschiedener Epochen anhand von Höllendarstellungen. Lit-Verlag, Münster, 2005. Seite 16. Die apokryphe Offenbarung des Petrus (um 135) ist das älteste christliche Dokument, das die Hölle als Ort körperlicher Schmerzen beschreibt. Nachfolgend wurde das Heulen und Zähneklappern bisweilen als Beweis der leiblichen Auferstehung der Toten herangezogen, etwa beim Kirchenvater Hieronymus († 420), ebenso bei Tertullian († um 230): „Womit sollte übrigens das Weinen und Zähneknirschen geschehen, wenn nicht mit den Augen und Zähnen? Nämlich auch dann noch, nachdem man dem Höllentode dem Leibe nach verfallen und in die äußerste Finsternis hinausgestoßen ist, was die spezielle Qual für die Augen ist.“Ceterum unde erit fletus et dentium frendor nisi ex oculis et ex dentibus, occiso scilicet etiam corpore in gehennam et detruso in tenebras exteriores, quae oculorum propria tormenta sunt? Tertullian: De resurrectione carnis 35. Übersetzung nach Karl Adam Heinrich Kellner: Tertullians sämtliche Schriften. Köln 1882. Diese Deutung war zunächst jedoch umstritten. So interpretierte etwa Origenes († 254) die biblischen Umschreibungen der Hölle als Metapher möglicher Gewissensqualen am Ende des Lebens; erst 543 wurden seine Lehren durch Justinian I. als Häresie verurteilt.
Mittelalter mini|Charon treibt die Sünder auf seinen Nachen (Illustration von Gustave Doré zu Dantes Inferno, 1857) Versuche, das Zähneklappern als physiologische Reaktion der Verlorenen auf die Kälte der „äußersten Finsternis“ zu deuten, weist der katholische Theologe Olaf Rölver in Konsens mit der heutigen Forschung angesichts der traditionsgeschichtlichen Zusammenhänge als „ganz abwegig“ zurück (Christliche Existenz zwischen den Gerichten Gottes, 2010).Olaf Rölver: Christliche Existenz zwischen den Gerichten Gottes, S. 533. Ebenso Karl-Heinrich Rengstorf: Art. κλαυθμός, in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT) 3, Stuttgart 1950, S. 725f; Ders.: Art. βρυγμός, in: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament (ThWNT) 1, Stuttgart 1957, S. 725 f., S. 639 f. Gerade sie haben sich jedoch während der Theologiegeschichte in zahlreichen Darstellungen der Hölle niedergeschlagen. Dabei ergab sich indes das Problem, wie man sich eine Koexistenz von Kälte, Finsternis und Feuer in der Hölle vorzustellen habe.Herbert Vorgrimler: Geschichte der Hölle. S. 20. Beispielsweise deutete Beda Venerabilis († 735) die Stelle dahingehend, dass zu den Höllenqualen gehöre, im Wechsel Hitze und Kälte ertragen zu müssen,Ibi erit fletus et stridor dentium. Fletus de ardore, stridor dentium solet excitari de frigore. Ubi duplex ostenditur gehenna: id est nimii frigoris, et intolerabilis esse fervoris. Cui beati Iob sententia consentit dicentis: Ad calorem nimium transibunt ab aquis nivium. Beda Venerabilis: In Lucae Evangelium Expositio lib. iv cap xxiii 55. ebenso Honorius Augustodunensis († 1151), bei dem dies die ersten beiden der insgesamt neun verschiedenen Höllenqualen ausmacht,Prima ignis, qui sie semel accensus est, ut si totum mare influeret, non exstingueretur. Secunda poena est intolerabile frigus, de quo dicitur: Si igneus mons immitteretur in glaciem verteretur. De his duabus dicitur: Ulic erit fletus et stridor dentium quia fumus excitat fletum oculorum, frigus stridorem dentium. Honorius Augustodensis: Elucidarium III, 4. sowie Otto von Freising († 1158), der zudem ausführt, dass es die Allmacht Gottes erlaube, dem Feuer die Eigenschaft des Leuchtens zu entziehen.Herbert Vorgrimler: Geschichte der Hölle, S. 197. Die Vorstellung mag aber durchaus wesentlich älter sein; so beschreibt etwa das vorneutestamentliche äthiopische Henochbuch den Ort der Verdammnis als „heiß wie Feuer und kalt wie Schnee“.Eduard Schweizer: Das Evangelium nach Matthäus.. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1981. S. 139.