mini|hochkant|Vally Wieselthier, Plakatentwurf (1916/1917) Zeichnet Kriegsanleihe! MAK Wien, Bibliothek und Kunstblättersammlung mini|hochkant|Vally Wieselthier, bunt glasierter Keramik-Ofen mit orientalisierendem Dekor: Turbanbekrönung und figurale Reliefapplikationen, Wien (Nachlass Dr. Paul Szenkovits), 1922
mini|hochkant|Vally Wieselthier und Adolf Beckert für J&L Lobmeyr, Glasbecher mit einer Darstellung der Königin von Saba (1923–26), Cincinnati Art Museum mini|hochkant|Vally Wieselthier (Entwurf), Wiener Werkstätte (Ausführung), Bowle, 1928, Wien Museum mini|hochkant|Vally Wieselthier mit der überlebens-großen Plastik Modern Youth in New York, (1929) mini|hochkant|Kostümfest im Contempora-Studio, New York City, 1929; v..l.n.r: Paul Poiret, Vally Wieselthier, Paul Lester Wiener, Lucian Bernhard, Frances Lee and Rockwell Kent mini|hochkant|Vally Wieselthier, Salome, einen goldenen Schleier um ihren nackten Körper geschwungen, zu Füßen das blutige Haupt Johannes d.T.; um 1938 in New York entstanden, unglasierter Ton, bemalt, MAK Wien (3D - Visualisierung) mini|hochkant|Aktfigur mit braunem Schal, New York 1944 (Cincinnati Art Museum) mini|hochkant|In den Asphalt gefräster Gedenkteppich der Künstlerin Iris Andraschek für Vally Wieselthier vor dem Eingang zu dem ehemaligen Sitz der Wiener Werkstätte in der Neustiftgasse 32 Valerie „Vally“ Wieselthier (* 25. Mai 1895 in Wien, Österreich-Ungarn; † 1. September 1945 in New York City) war eine österreichisch-US-amerikanische Keramikkünstlerin und vielseitige Designerin die auch unternehmerisch tätig war. Sie zählt mit Gudrun Baudisch-Wittke und Kitty Rix-Tichacek zu den talentiertesten Schülerinnen Josef Hoffmanns.
Ihr innovatives Werk bewegt sich fließend zwischen Kunsthandwerk und überlebensgroßer Skulptur. Neben figürlichen Keramiken und unterschiedlichsten keramischen Gebrauchsgegenständen umfasst es Entwürfe für Holz- und Glasdekore, Stoffmuster, Stickereien, Spitzen, Schmuck und Silbergegenstände sowie Gebrauchsgrafik, die über die Gestaltung von Postkarten und Plakaten bis zu Tapeten reicht. Konventionsbefreite, spielerische Leichtigkeit, farbenfreudige Heiterkeit und ein unerschöpflicher Reichtum an Fantasie zieht sich wie ein roter Faden durch ihr gesamtes Werk. Vally Wieselthiers emanzipierte, ungebundene Lebensführung prägte das weibliche Rollenverständnis neu. Ihr kompromissloses Selbstbewusstsein spiegelt sich nicht nur in ihrer 1932 in englischer Sprache verfassten Autobiographie, sondern auch in einer Reihe von Fotografien, die sie im Schaffensprozess oder im Dialog mit ihren großen figürlichen Plastiken zeigen.
Bereits zu Lebzeiten war ihr internationaler Erfolg beschieden.
Biografie Herkunft und Familie Valerie Wieselthier wurde am 25. Mai 1895 in eine der gut situierten bürgerlichen Familien Wiens hineingeboren. Sie war Tochter des Hof- und Gerichtsadvokaten Wilhelm Wieselthier (1859–1936) und seiner Frau, Rosa Wieselthier (1869–1935), geb. Winkler, vormals verheiratete Weiss. Die Familie mit jüdischem Hintergrund lebte in bevorzugter Wohngegend im 1. Bezirk. Vally Wieselthier hatte noch zwei ältere Halb-Schwestern, Charlotte Weiss und Helga Kende, von denen Erstere im gemeinsamen Haushalt lebte.
Schule und Ausbildung: Frauenkunstschule und Wiener Kunstgewerbeschule Die Eltern legten Wert auf Bildung. Vally Wieselthier besuchte das Öffentliche Mädchenlyzeum des Schulvereines für Beamtentöchter in der Langen Gasse 47. Früh zeigten sich ihre künstlerischen Neigungen. Doch größte Freude bereitete ihr der Sport. Mit 12 Jahren gewann sie den Meistertitel im Schwimmen und Tauchen. Ebenso glänzte sie im Tennis, im Skifahren und im Hockey.
Entgegen elterlicher Erwartungen konnte Vally Wieselthier den Wunsch durchsetzen, Künstlerin zu werden. Bis 1920 nahm die staatliche Akademie der bildenden Künste in Wien ausschließlich männliche Bewerber auf. Frauen stand lediglich die private Frauenkunstschule offen. Hier schrieb sich Vally Wieselthier 1912 bei Otto Friedrich ein. Sie schloss jedoch den dreijährigen Studiengang nicht ab.
Im Kriegsjahr 1914 gelang ihr vielmehr die Aufnahme an die fortschrittliche Wiener Kunstgewerbeschule. Über zwei Tage zogen sich die herausfordernden Eignungsprüfungen hin, wie sie sich in ihrer Autobiographie erinnert. Nur ein Drittel der Bewerberinnen konnte sich qualifizieren.
Prägenden Einfluss auf die Institution übten in diesen Jahren die Ideen des Malers, Kunsterziehers und Reformpädagogen Franz Čižek aus. Er forderte Respekt vor dem individuellen schöpferischen Talent und bahnte den Weg zu traditionsbefreiten Avantgardismen.
Unter Vally Wieselthiers Lehrern und Lehrerinnen sind neben Franz Čižek (Formenlehre) vor allem Rosalia Rothansl (Werkstätte Textil), Koloman Moser (Fachklasse für dekoratives Zeichnen und Malen), Josef Hoffmann (Fachklasse Architektur) und Michael Powolny (Werkstätte Keramik) hervorzuheben. Daneben arbeitete sie im Ersten Weltkrieg als Hilfskrankenschwester.
Wiener Werkstätte und Künstlerinnenwerkstätte Noch zu Studienzeiten gewann Josef Hoffmann die begabte Schülerin für die Wiener Werkstätte, wo sie sofort in verschiedene Projekte involviert wurde. So beteiligte sie sich mit Grafiken an den Mappenwerken Die Mode 1914/15 und Das Leben einer Dame. Auch übernahm sie verschiedene Textilgestaltungen.
Dagobert Peche, der von Hoffmann 1915 für die Wiener Werkstätte gewonnen werden konnte, war in diesem Fachbereich die überragende Gestalt. Sein besonderer Verdienst lag darin, das Ornament als eigenwertige Kunstform etabliert und in verschiedensten Medien verwirklicht zu haben, unabhängig von der Art des Gegenstandes, dessen Funktion oder Materials. Von seinem einflussreichen Wirken, wie von enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin zeugt beispielsweise ein Vorhang aus 81 geklöppelten Spitzen-Einsätzen. Die Motive dazu lieferten neben Dagobert Peche auch Vally Wieselthier und Anny Schröder-Ehrenfest.
Die Liebe zum vitalen Ornament verband Vally Wieselthier eng mit Dagobert Peche, doch bald fand die Künstlerin in farbig glasierter Keramik ihr bevorzugtes Medium. Wie die Kunsthistorikerin Marianne Hörmann bemerkt, unterschied sich der Zugang Vally Wieselthiers dabei von jenem ihres Lehrers. Sie entwickelte ihre Ideen nicht auf der Fläche einer Entwurfszeichnung, sondern in direkter, taktiler Auseinandersetzung mit dem Material und verlieh dem prozessualen Verlauf des nicht bis ins Letzte bestimmbaren Keramikbrandes Sichtbarkeit. Changierende, ungleich farbendichte, Fließglasuren in leuchtenden Farben spielen in ihren frühen Keramiken eine wichtige ästhetische Rolle. Kontrapunktisch zur eigentlichen Formgestalt von Gefäßen oder anderen Gebrauchskeramiken setzt sie grelle, häufig auch plastische Akzente, etwa mit Hilfe von Applikationen. Funktion und Dekor behaupten sich als gleichwertige Gegenspieler.
Ab 1919 wagte sich Vally Wieselthier auch an größere Skulpturen, aus denen später überlebensgroße Formate hervorgehen sollten. Dabei stellte sie überwiegend weibliche Persönlichkeiten aus Mythologie, Allegorie und dem Alten Testament dar. Ein Charakteristikum ihrer puppenhaften, meist stark geschminkten Frauengestalten sind schlanke, zu weiten Teilen nackte Körper, deren überlange, knochenlose Glieder in zart geschwungene Gelenke übergehen. Von sanfter Melodik durchdrungen, scheinen die Frauen in sich zu ruhen und geben ihre Schönheit den Blicken preis.
Wichtiger Teil der Wiener Werkstätten war die Künstlerinnenwerkstätte in der Döblergasse 4. Die Idee dazu hatte Josef Hoffmann bereits 1916 lanciert. In den schwierigen Kriegsjahren wollte er vielversprechenden Absolventen und Absolventinnen der Kunstgewerbeschule weitere Entwicklungsmöglichkeiten bieten.
Wie Vally Wieselthier waren die meisten unter ihnen Frauen. Auf 85 Quadratmetern boten die Räumlichkeiten ein freilassendes Experimentierfeld für ein kreatives künstlerisches Forschen. Werkzeuge, Gerätschaften und Materialien standen zur Verfügung, etwa auch Töpferscheiben und ein Ofen. Die Frage nach späterer Verwendung der entstehenden Werke stand nicht zur Debatte. Zu bestimmten Anlässen, wie den Weihnachtsausstellungen, öffentlich zugänglich, wurde das innovative Schau-Atelier auch mehrfach in der Tagespresse besprochen. Perlarbeiten, Emails, Puppen, Elfenbeinschnitzereien, bemalte Gläser, Stoffmuster, Wollblümchen, Tunkpapiere, graphische Entwürfe für Weihnachtskarten und vieles mehr zählte zur breiten Produktpalette. Gruppenfotos, etwa von Vally Wieselthier, Gudrun Baudisch-Wittke und Kitty Rix-Tichacek in der Keramikwerkstätte, dokumentieren den kollaborativen Arbeitsstil und schworen die aufstrebenden Künstler und Künstlerinnen solidarisch zusammen.
Gemeinsam mit Lotte Calm, Fritzi Löw und anderen Mitarbeiterinnen gestaltete Vally Wieselthier um 1918, die Wände im Stiegenhaus des neuen Verkaufslokals der Wiener Werkstätten in der Kärntner Straße 32. 1920 erhielt sie schließlich von Josef Hoffmann ihr eigenes Atelier.
Dennoch blieben auch Spannungen nicht aus. Nach Auseinandersetzungen mit Philipp Häusler, einem ehemaligen Schüler und Assistenten Hoffmanns, verließ Vally Wieselthier die Wiener Werkstätten.
Frühe Erfolge und eine eigene Werkstatt (1921–1927) Mit dem Gewerbeschein einer Hafnermeisterin machte sich die Künstlerin 1921 unabhängig und gründete eine eigene Keramikwerkstätte. Sie entdeckte dabei auch ihre pädagogische Befähigung, bildete Lehrlinge aus und publizierte ein programmatisches Konzept:
Gleichzeitig nahm sie Kooperationen mit verschiedenen Firmen auf: Bereits in den ersten Jahren lieferte sie Entwürfe für Holzkasetten an die Firma Dr. Paul Szenkovits. Weitere wichtige Partner waren etwa die 1923 neu gegründete Porzellanmanufaktur Augarten, die Manufaktur der Gmundner Keramik unter Josef Böck, die Manufaktur Friedrich Goldscheider, die Heinsteinwerke Heidelberg oder der Glasverleger Lobmeyr. Von der Gemeinde Wien erhielt sie schließlich Aufträge für Bauplastiken.
Auf der Exposition internationale des Arts Décoratifs et industriels modernes (1925) in Paris erregten ihre expressiven und humoristischen Porzellanfiguren große Aufmerksamkeit. Sie galten als typische Beispiele des Art-Déco-Stils. Für ihr bei J&L Lobmeyr verlegtes Glas Verstand erhielt sie die Auszeichnung Gold. Zeitweise unterhielt die Künstlerin in der französischen Hauptstadt auch ein Atelier, das sie erst 1932 aufgeben sollte. Der Kulturkontakt mit der Pariser Kunstszene löste nicht nur bei Vally Wieselthier eine Wende in Stil und Motivik aus. Künstler und Künstlerinnen der Wiener Werkstätten öffneten sich nun zunehmend gegenüber aktuellen Strömungen zeitgenössischer Kunst, der Mode und des Theaters.
1927 gelang es Vally Wieselthier, die eigene Werkstätte einschließlich aller Lizenzen auf ihre Modelle an die Wiener Werkstätten zu verkaufen. Sie trat dieser erneut bei und übernahm die Leitung der keramischen Abteilung.
Übersiedelung nach New York 1928/1929: Künstlerfeste und ein neuer Absatzmarkt 1928 wurde sie zur International Exhibition of Ceramic Art im Metropolitan Museum of Art, New York City eingeladen und war dort mit 5 Werken vertreten. Ein Aufenthalt von 17 Monaten schloss sich an. Der Sohn Josef Hoffmanns und seine Frau boten ihr ein angenehmes Unterkommen.
Schnell fand die Wienerin in den Kunstkreisen der Neuen Welt Anerkennung. Auf New Yorker Künstlerfesten war sie mit prominenten europäischen Emigranten, wie dem Begründer der Wiener Werkstätten Fritz Wärndorfer oder dem französischen Modeschöpfer Paul Poiret zu sehen und zeigte sich in auffallenden Aufmachungen. Zu den illustren Kreisen in ihrem Umfeld zählten darüber hinaus Paul Theodore Frankl, Friedrich Kiesler, Eugen Schoen, Rudolf und Rena Rosenthal und Ely Jacques Kahn, von dem sie den ungewöhnlichen Auftrag für die Gestaltung von bronzenen Lifttüren in der 745 Fifth Avenue (Squibb Building) erhielt. Auch trat Vally Wieselthier 1928 der Künstlervereinigung The American Union of Decorative Artists and Craftsmen, New York bei.