mini|hochkant|Wappen des „Paulutio Anafesto“. Es zeigt die Form des Dogennamens, wie sie im frühen 17. Jahrhundert gängig war, als man ein Wappen erfand, das dem der Familie Falier entsprach. Diese beanspruchte den ersten Dogen als ihren Ahnen. Die Heraldik setzte erst im 3. Viertel des 12. Jahrhunderts ein, später wurden rückblickend, wie auch hier, Wappen an die frühen Dogen vergeben, die nie ein solches Wappen geführt hatten („fanta-araldica“); dies diente dazu, die Familien dieser Epoche mit möglichst frühen Dogen in ein verwandtschaftliches Verhältnis zu setzen, was ihnen Ansehen sowie politischen und gesellschaftlichen Einfluss verschaffte.Es wurden also die Wappen der sehr viel späteren Nachfahren dieser Dogen, vor allem seit dem 17. Jahrhundert, auf die angeblichen oder tatsächlichen Mitglieder der (angeblich) seit 697 in Venedig herrschenden Familien zurückprojiziert: „Il presupposto di continuità genealogica su cui si basava la trasmissione del potere in area veneziana ha portato come conseguenza la già accennata attribuzione ai dogi più antichi di stemmi coerenti con quelli realmente usati dai loro discendenti“ (Maurizio Carlo Alberto Gorra: Sugli stemmi di alcune famiglie di Dogi prearaldici, in: Notiziario dell’associazione nobiliare regionale veneta. Rivista di studi storici, n. s. 8 (2016) 35–68, hier: S. 41).
Paulicius, in der Historiographie der Republik Venedig ab dem 14. Jahrhundert oftmals Anafestus Paulucius oder Paoluccio Anafesto genannt, galt lange als der erste Doge von Venedig. Nach der Tradition, der ab dem 14. Jahrhundert zunehmend dominierenden, staatlich gesteuerten Geschichtsschreibung, wurde er als Dux der Siedlungen der Lagune von Venedig und der näheren Umgebung im Jahr 697 gewählt, um die Verteidigung gegen die Langobarden zu koordinieren. Folgt man der neuzeitlichen Überlieferung, so starb der erste Doge im Jahr 717 nach etwa zwanzigjähriger Herrschaft. Die älteren historischen Werke geben allerdings stark davon abweichende Herrschaftsdaten an.
Die Historizität des Dogen wurde seit den Forschungen des frühen 20. Jahrhunderts bestritten. Er zählt seit den Arbeiten von Roberto Cessi nicht mehr als erster Doge. Das Gleiche gilt auch für seinen angeblichen Nachfolger Marcellus, der gleichfalls lange zu den insgesamt 120 Dogen gezählt wurde, die gegen Ende der Republik Venedig Anerkennung durch die staatliche Geschichtsschreibung fanden. In der jüngsten Forschung gilt jener Marcellus, der angebliche Nachfolger des Paulicius, als Beherrscher zumindest von Teilen der Lagune und ihrer näheren Umgebung, während Paulicius vielleicht Treviso dominierte, das zum Langobardenreich gehörte. Mit der Umdeutung der ersten beiden angeblichen Dogen, etwa als Stellvertreter der oströmischen Macht, gilt nunmehr Orso Ipato als erster Doge.
Name Das Lexikon des Mittelalters führt den Dogen in der Namensform Paulicius, doch hat der Name eine eigene Geschichte mehrfacher Umdeutung erfahren. In den wenigen zeitlich näheren Quellen erscheinen die Namen Paulucius oder Paulitius. Erst in der Überlieferung ab den 1360er Jahren finden sich Namensformen wie Paulucio prenomado Anafesto, Paolo Lucio Anafesto oder Paoluccio Anafesto, aber auch Paolicio. In der zeitlich nächsten erzählenden Quelle, der Istoria Veneticorum des Johannes Diaconus, erscheint um 1000 Paulicius als erster Doge, ohne Beinamen.
Schon 1769 widersprach Johann Friedrich LeBret im ersten Band seiner vierbändigen Staatsgeschichte der Republik Venedig der Ableitung von Paul Lucas.Johann Friedrich LeBret: Staatsgeschichte der Republik Venedig, von ihrem Ursprunge bis auf unsere Zeiten, in welcher zwar der Text des Herrn Abtes L’Augier zum Grunde geleget, seine Fehler aber verbessert, die Begebenheiten bestimmter und aus echten Quellen vorgetragen, und nach einer richtigen Zeitordnung geordnet, zugleich neue Zusätze, von dem Geiste der venetianischen Gesetze, und weltlichen und kirchlichen Angelegenheiten, von der innern Staatsverfassung, ihren systematischen Veränderungen und der Entwickelung der aristokratischen Regierung von einem Jahrhunderte zum andern beygefügt werden, 4 Bde., Johann Friedrich Hartknoch, Riga und Leipzig 1769–1777, Bd. 1, Leipzig und Riga 1769, S. 83, Anm. 3 (Digitalisat). Nach Heinrich Kretschmayr führten die Quellen „als ersten dieser Duces den Paulus, Sohn des Lucius, Paulutius“.Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, 3 Bde., Bd. 1, Gotha 1905, S. 43 f. (Digitalisat, es fehlen die Seiten 48 bis 186!).
Der Name des Dogen wurde in der späteren Tradition so aufgefasst, dass Anafestus oder Anafesto der Familienname wurde. Darüber hinaus wurde angenommen, Anafesto sei der ursprüngliche Name der adligen Familie Falier. Daher wurde der Namensteil „Anafesto“ nachgestellt, der Vorname italianisiert als „Paolo Lucio“ geschrieben, bzw. im Venezianischen als „Paoluccio“. Dementsprechend erscheint sein Name bereits in den spätmittelalterlichen Darstellungen in der Form „Paoluccio Anafesto“ oder „Paolo Lucio Anafesto“. In der hoch- und spätmittelalterlichen Geschichtsschreibung hingegen erscheint der Name Paulucius ansonsten ohne den (angeblichen) Familiennamen. Das von Fiori Luca transkribierte Autograph von Piero GiustinianFiori Luca: Il codice autografo di Piero Giustinian: un esempio di genesi ed evoluzione della cronachistica medievale, tesi di laurea, Bologna 2014, S. 21. erweist dies noch im 16. Jahrhundert, ebenso wie das Chronicon Altinate oder Chronicon VenetumMGH, Scriptores XIV, Hannover 1883, S. 60, Chronicon Venetum (vulgo Altinate) und Roberto Cessi (Hrsg.): Origo civitatum Italie seu Venetiarum (Chronicon Altinate et Chronicon Gradense), Tipografia del Senato, Rom 1933 (= Fonti per la storia d’Italia, 73) (Digitalisat). aus dem späten Frühmittelalter.
Nach Giovanni Monticolo (Le vite dei dogi, S. 99 f.) erscheint der Name „Anafesto“ erstmals in der Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo.Robert Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini-1362, Centro di Studi Medievli e Rinascimentali Emmanuele Antonio Cicogna, Venedig 2010, S. 14. Sie entstand in der Zeit zwischen 1360 und 1362/65, wie der Herausgeber Roberto Pesce vermerkt.Roberto Pesce (Hrsg.): Cronica di Venexia detta di Enrico Dandolo. Origini–1362, Centro di Studi Medievli e Rinascimentali Emmanuele Antonio Cicogna, Venedig 2010, S. XLI. Der Namensteil „Anafestus“ taucht ebenfalls in der nur wenig jüngeren Chronik auf, die angeblich von Nicolò Trevisan stammt, und die Heinrich Kretschmayr noch in das 15./16. Jahrhundert datierte.Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. 1, Gotha 1905, S. 417. Diese Chronik wurde inzwischen in das spätere 14. Jahrhundert datiert, da sie ausführlich über den Aufstand der venezianischen Siedler auf Kreta (1363–1366) berichtet.
In der lateinischen Geschichtsschreibung der Frühen Neuzeit etablierte sich dennoch der Name Paulucius Anafestus, so etwa 1502 bei Pietro Marcello,Pietro Marcello: De vita, moribus et rebus gestis omnium Ducum Venetorum, Venedig 1574 (Digitalisat). und auch in der zweibändigen Historia Veneta des Alessandro Maria Vianoli von 1680, die 1686 ins Deutsche übersetzt unter dem Titel Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani erschien,Alessandro Maria Vianoli: Der Venetianischen Hertzogen Leben / Regierung, und Absterben / Von dem Ersten Paulutio Anafesto an / biss auf den itzt-regierenden Marcum Antonium Justiniani, Nürnberg 1686, Übersetzung (Digitalisat). hieß der erste Doge weiterhin „Anafestus Paulucius“. Hingegen wurde er in der italienischen Fassung von Vianolis Werk aus dem Jahr 1680 „Paoluccio Anafesto“ (ab S. 21) genannt,Alessandro Maria Vianoli: Historia Veneta, Giovanni Giacomo Hertz, Venedig 1680 (Digitalisat). ähnlich wie bereits 1602 in Francesco Sansovino, Girolamo Bardi: Delle Cose Notabili Della Città Di Venetia, Libri II, Salicato, Venedig 1606, wo er „Paolo Lucio Anafesto“ hieß.Francesco Sansovino, Girolamo Bardi: Delle Cose Notabili Della Città Di Venetia, Libri II, Salicato, Venedig 1606 (Digitalisat).
Chronikalische Überlieferung und Datierung Herkunft aus Heracleia, Wahl nach der Istoria Veneticorum (13. Jahrhundert) Die Nachrichten über Paulicius sind noch rarer, als über die nachfolgenden Dogen. Nach Johannes Diaconus, dem besagten ältesten Geschichtsschreiber Venedigs, Kaplan und Diplomaten des Dogen Pietro II. Orseolo (991–1009), stammte Paulicius aus Heracleia, der Hauptstadt der Venezia marittima, die unter dem oströmisch-byzantinischen Kaiser Herakleios (610–641) gegründet worden war. Paulicius wäre demnach von der Volksversammlung der Venetici, die mit den erwachsenen Männern der Lagune von Venedig und einiger umliegenden Städte gleichgesetzt wurde, zum dux gewählt worden. Das Geschichtswerk des Johannes Diaconus, die Istoria Veneticorum, stammt allerdings nur mit Blick auf die Zeit zwischen 764 und 1008 tatsächlich von diesem Verfasser, wohingegen die Abschnitte, die die Zeit davor darstellen, erst im frühen 13. Jahrhundert hinzugefügt wurden.Șerban Marin: One Chronicler of More? Considerations regarding the Chronicle(s) ascribed to Giovanni Diacono, in: Revista Arhivelor 95 (2018) 23–64. (academia.edu) Zweifel an der Wahl des Dogen rief schon vor dieser Feststellung die Tatsache hervor, dass die nächste überlieferte Dogenwahl erst wieder im Jahr 887 stattfand, als nämlich Giovanni II. Particiaco gewählt wurde.Stefano Gasparri: Anno 713. La leggenda di Paulicio e le origini di Venezia, in: Uwe Israel (Hrsg.): Venezia. I giorni della storia, Venedig 2011, S. 27–45, hier: S. 30 f. mini|Langobardischer Schildbuckel, 7. Jahrhundert
Paulicius sollte die (angebliche) Herrschaft der Tribunen, die seit 150 Jahren die Inseln beherrschten, beenden. Nach der Hand, die Johannes Diaconus für die Zeit vor 764 ergänzte, wurden diese Tribunen jährlich gewählt, doch war ihre Macht zu gering, um dem Druck der ‚Barbaren‘ standzuhalten. Daher entschied man sich, alle Macht in eine Hand zu geben, da dies „honorabilius“ sei, was annähernd mit ‚ehrenhafter‘ zu übersetzen wäre. Dabei hat der honor im Frühmittelalter eine spezifische Bedeutung, denn er bezeichnet eher die Wahrung äußerlich sichtbarer Anzeichen für die Ehre der Venedig tragenden Gemeinschaft, vor allem der führenden Mitglieder, bei der die Symbolische Kommunikation von zentraler Bedeutung war. Johannes lässt durch diese Begründung eine Parallele zum Denken der Langobarden aufscheinen, denn es handelte sich dabei um das gleiche Motiv, aus dem diese ihre Herzogszeit durch Einsetzung eines Königs beendet hatten, nämlich von König Authari im Jahr 584. Womöglich wollte der Autor, der vielfach von der Historia Langobardorum des Paulus Diaconus abgeschrieben hat, die Venezianer auf eine Ebene mit ihnen stellen, oder er wollte ihnen die gleiche Ehre zuteilwerden lassen.
Nach einer langen Debatte einigte sich die vielleicht vom Patriarchen von Grado einberufene Volksversammlung, gemeinsam mit diesem und den Bischöfen – Kleriker erscheinen bei den Wahlen ansonsten erst im 11. Jahrhundert – auf Paulicius, der als überaus erfahren und illuster galt. Man habe ihm Treue geschworen und ihn in Heracleia zum Dux proklamiert.
Damit begann entsprechend der venezianischen Tradition eine Reihe von insgesamt 120 Dogen, die bis 1797 reichte, und die nur von 737 bis 742 unterbrochen wurde, als fünf magistri militum in der Lagune herrschten. Nach Johannes Diaconus – und damit weicht er von der lange gängigen Datierung ab – fand die Wahl zur Zeit des Kaisers Anastasius (713–715/16) und des Langobardenkönigs Liutprand (712–744) statt, also zwischen 713 und 715.
Unsicherheit der Datierung in späteren Chroniken, zentrale Rolle Andrea Dandolos