mini|Die Lage von Matrica am niederpannonischen Donaulimes. Das Kastell Matrica war ein römisches Militärlager, das als Kohorten- bzw. Reiterkastell einen Abschnitt des pannonischen Donaulimes (Limes Pannonicus) sicherte. Die archäologisch nur stellenweise untersuchte Anlage wurde nahe dem Donauwestufer errichtet. Sie lag auf einem in der Antike stark versumpften Areal südlich von Dunafüred, einer heute zu der Stadt Százhalombatta gehörenden Gemeinde im ungarischen Komitat Pest. Besondere Bedeutung für die pannonische Forschung haben die großflächigen Ausgrabungen in der südlichen Nekropole sowie der relativ hohe Bestand an aufgefundenen Inschriften. Die wichtigen Befunde am Kastellbad veranlassten die Verantwortlichen dazu, das Gebäude zu konservieren und so sichtbar für die Nachwelt zu erhalten.
Lage mini|Topographischer Lageplan des Kastells mit den angrenzenden Bereichen der Limesstraße Bereits während der Bronzezeit finden sich nördlich des Kastells auf dem dort liegenden Plateau über der Donau Siedlungsspuren der sogenannten Vatyaer-Kultur.Tibor Kovács: Die Bronzezeit in Ungarn. Corvina, Budapest 1977, S. 27. Aus dieser Epoche wurden auch mehrere Schatz- und Depotfunde bekannt.István Bóna: Die mittlere Bronzezeit Ungarns und ihre südöstlichen Beziehungen. Akadémiai Kiadó, Budapest 1975, S. 71.Mária Novotná: Die Nadeln in der Slowakei. C.H. Beck’sche Verlagsbuchhandlung, München 1980, ISBN 3-406-07244-5, S. 56 (Prähistorische Bronzefunde. Abt. XIII, 6. Band.). Als bedeutendste vorrömische Fundstelle konnte am nördlichen Stadtrand ein seit 1996 als Archäologischer Park gestaltetes großes Hügelgräberfeld aus der Hallstattzeit untersucht werden. Von diesen Grabhügeln hat die Stadt auch ihren heutigen Namen erhalten, Százhalombatta bedeutet 100 Grabhügel.Zsuzsanna Emília Kiss, Gergő Máté Kovács, Zorán Vukoszávlyev: Das römische Matrica. Die verborgenen Spuren eines römischen Auxiliarkastells in Ungarn. In: Antike Welt. Ausgabe 1/2022, S. 21–25, hier S. 23.
Die römischen Ingenieure wählten für das Kastell allerdings nicht die überschwemmungssicheren, höher gelegenen Partien des Westufers, sondern errichteten es im leicht erhöhten südlichen Randbereich einer halbovalen, zur Donau hin offenen Senke, die damals noch teilweise von einem Feuchtgebiet eingenommen wurde. Die Fortifikation wurde somit direkt am Grund der Senke in fast unmittelbarer Nähe des stark hochwassergefährdetenZsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 91. Flussufers aufgebaut. Von hier aus konnte ein Abschnitt der Donau sowie der gegenüberliegende Uferstreifen im Barbaricum beobachtet werden. Den nördlichen Abschluss der Senke bildet der von Nordwesten kommende Benta-Bach, der an seinem Unterlauf bis zu seiner Mündung in die Donau fast die Breite eines kleinen Flusses erreicht.
Im südlichen Teil der Senke, unweit der antiken Stätten, wurde ab November 1963 ein großes Gebiet durch die Danubian Oil Enterprise (DKV) beansprucht und mit einer Erdölraffinerie bebaut.Judit Topál: The Southern Cemetery of Matrica (Százhalombatta-Dunafüred). Akadémiai Kiadó, Budapest 1981. Zusätzlich entstanden zwischen Raffinerie und Kastell zwei große Rückhaltebecken. Die Archäologin Judit Topál (* 1943) schätzte, dass in diesem Gebiet rund 800 bis 1000 römische Gräber ohne jede Untersuchung den Baumaschinen zum Opfer gefallen sind.Rezension zu: Judit Topál: The Southern Cemetery of Matrica (Százhalombatta-Dunafüred) In: Anzeiger für die Altertumswissenschaft 42. Innsbruck 1989, S. 293.
Forschungsgeschichte Der antike Name ist durch das römische Reichsstraßenverzeichnis Itinerarium Antonini erhalten gebliebenAndrás Mócsy: Pannonien und das römische Heer. Ausgewählte Aufsätze. Franz Steiner Verlag, Stuttgart 1992, ISBN 3-515-06103-7, S. 171. und fand sich auch inschriftlich im Grabungsgebiet von Százhalombatta-Dunafüred. Das Fundgebiet am Kastell ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Bereits im 19. Jahrhundert wurde aus dem südlichen Gräberfeld ein Steinsarkophag geborgen. Noch bevor die Zerstörungen der kommenden zwei Jahrhunderte einsetzen konnten, dokumentierte die in Ungarn von 1782 bis 1785 vorgenommene Josephinische Landesaufnahme den damals noch gut erhaltenen Zustand des Kastellareals. Die entsprechende Karte zeigt sehr genau den noch unbeschädigten rechteckigen Grundriss der Garnison. Deutlich wird auch, dass die Donau im Gegensatz zu heute damals noch in einiger Entfernung vorbeifloss.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 67. Die im 20. Jahrhundert einsetzenden Grabungen werden dagegen durch neuzeitliche Festungswälle behindert. Diese entstanden 1809 während der napoleonischen Kriege (1792–1815). Damals sind im Bereich des Lagers und seiner Zivilsiedlung, dem Vicus, mächtige Schanzwerke und Kanonenstellungen aus Erde aufgeworfen worden, welche die Zeiten teilweise überdauerten. Die Aktivitäten eines örtlichen Motocrossclubs im ausgehenden 20. Jahrhundert waren für deren Substanzerhalt sicher nicht zuträglich. Durch die Schanzarbeiten des 19. Jahrhunderts blieb lediglich die nordwestliche und südöstliche, dicht an der Donau liegende Kastellecke vor den Eingriffen unberührt erhalten.
1941 wurden im Zuge eines Kanalbauprojektes zur Hochwassersicherung von Dunafüred die Reste eines Vicusgebäudes entdeckt. Die hinzugezogenen Archäologen Károly Sági (1919–1997) und Aladár Radnóti (1913–1972) dokumentierten den Befund 1942 sachgemäß.Edit B. Thomas: Römische Villen in Pannonien, Beiträge zur pannonischen Siedlungsgeschichte. Akadémiai Kiadó, Budapest, 1964, S. 261.Dorottya Gáspár: Christianity in Roman Pannonia. An evaluation of Early Christian finds and sites from Hungary. Archaeopress, Oxford 2002, ISBN 1-84171-288-4, S. 110 (British Archaeological Reports. International series, 1010). Im Kriegsjahr 1943 erfolgten südlich des Kastells unsystematische Sondierungen durch den Stuhlweißenburger Museumsdirektor Árpád Dormuth, die gemeinsam mit Ságis Befunden erst ab 1953 durch die Ausgrabungen der Archäologin Éva B. Bónis (1919–1999) und des Archäologen, Althistorikers und Epigraphikers András Mócsy (1929–1987) ausgewertet und ergänzt werden konnten. Mócsy grub auch 1955 in Százhalombatta-Dunafüred.Jenő Fitz (Hrsg.): Der Römische Limes in Ungarn. Fejér Megyei Múzeumok Igazgatósága, 1976, S. 8. 1963 arbeitete die Archäologin Edit B. Thomas (1923–1988) an der Freilegung eines Spitzgrabens im Süden des Kastells. Ihrer Arbeit folgten Rettungsgrabungen im Vicus sowie die Freilegung des KastellbadesKastellbad bei zunächst unter der Leitung von Sági, und ab 1971 unter Topál.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 92. Topál war bis 1974 auch für die Untersuchungen im früh- und mittelkaiserzeitlichen Gräberfeld zuständig. Weitere Grabungen im Kastellareal selbst fanden 1993 und von 1995 bis 1997 durch den Historiker und Archäologen Péter Kovács (* 1969) statt. Neben den großen Grabungskampagnen mussten auch immer wieder kleinere Rettungsgrabungen unternommen werden.
Heute sind sämtliche Baubefunde des Kastells wie auch der umgebenden Zivilsiedlung obertägig nicht mehr sichtbar. Einzige Ausnahme ist das kleine Bad im Norden des Kastells, dessen Grundmauern noch etwa einen halben bis ganzen Meter erhalten sind und seit den 1970er Jahren mit einer Dachkonstruktion geschützt werden.Zsuzsanna Emília Kiss, Gergő Máté Kovács, Zorán Vukoszávlyev: Das römische Matrica. Die verborgenen Spuren eines römischen Auxiliarkastells in Ungarn. In: Antike Welt. Ausgabe 1/2022, S. 21–25, hier S. 22.
Baugeschichte Holz-Erde-Lager Das in Holz-Erde-Bauweise ausgeführte Vorgängerlager blieb lange Zeit unentdeckt. Ein 1963 von Thomas im Süden der Fortifikation untersuchter Spitzgraben wies zwar typische Merkmale auf, die eine Zuordnung zu einem Holz-Erde-Kastell möglich machen, doch blieb es damals noch offen, ob dieser Graben der bereits bekannten, in Stein ausgebauten Garnison vorausging oder zeitgleich bestand.Zsolt Visy: Der pannonische Limes in Ungarn. Konrad Theiss Verlag, Stuttgart 1988, ISBN 3-8062-0488-8, S. 93. Erst mit den Forschungen von Kovács in den Jahren 1993 bis 1994 konnte die Existenz eines hölzernen Vorgängerbaus zweifelsfrei nachgewiesen werden. Dieser befand sich am selben Platz wie das spätere Steinkastell und besaß die gleichen Ausmaße.Péter Kovács: Matrica Castellum. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 109. Als entscheidende Basis für die Datierung erwiesen sich die anschließenden Studien des ungarischen Keramik-Spezialisten Dénes Gabler anhand der vorgefundenen Terra Sigillata. So konnte ein Stück aller Wahrscheinlichkeit nach einer südgallischen Werkstatt im französischen Banassac zugewiesen werden. Dieser Töpferort gewann im späten 1. Jahrhundert an Bedeutung und verschwand in hadrianischer Zeit wieder vom Markt. Somit konnte Gabler den Bau des Holz-Erde-Lagers auf die Regierungszeit des Kaisers Trajan (98–117) oder auf die frühe Regierungszeit des Kaisers Hadrian (117–138) einschränken.Dénes Gabler: Early Roman occupation in the Pannonian Danube Bend. In: Roman frontier studies 1995. Proceedings of the XVIth International Congress of Roman Frontier Studies. Oxford 1997, ISBN 1-900188-47-3, S. 90 (Oxbow Monographs. 91). Die Holz-Erde-Phase schließt mit einer Zerstörungsschicht ab.Dénes Gabler: The Ripa Pannonica. In: Zsolt Visy (Hrsg.): The Roman army in Pannonia. Teleki Lázló Foundation 2003, ISBN 963-86388-2-6, S. 38.
Steinkastell Umwehrung Der Archäologe Gyula Nováki ermittelte bei seinen Grabungen einen 152 × 155 Meter umfassenden, fast quadratischen Grundriss des anschließend errichteten Steinkastells, das laut der weiter unten aufgeführten Bauinschrift und anderer Indizien erst nach den Markomannenkriegen (166–180) errichtet wurde.Zsolt Visy: The ripa Pannonica in Hungary. Akadémiai Kiadó, Budapest 2003, ISBN 963-05-7980-4, S. 66. Wie unter anderem Gabler ausführte, war der Neubau nach einer Zerstörung während dieser Kriege notwendig geworden. Die Anlage besitzt die für mittelkaiserzeitliche Militäranlagen typische „Spielkartenform“ mit abgerundeten Ecken, in denen je ein Wachturm stand. Die Umwehrung wurde an allen vier Seiten von einem Tor durchbrochen und war mit ihrer Prätorialfront, der dem Feind zugewandten Schmalseite, zur Donau hin ausgerichtet.
Mócsy untersuchte in den 1950er Jahren die zugänglichen Abschnitte der Verteidigungsanlage im Südosten. Die Wehrmauer zwischen dem südlichen Tor, der Porta principalis dextra, und dem am Flussufer gelegenen südöstlichen Eckturm besaß ein 0,85 Meter breites Kernmauerwerk, dem an der Außenseite eine Schaufront von 0,2 × 0,4 Meter großen Handquadern vorgeblendet worden war. Die durch einen Mittelpfeiler (Spina) geteilte, zweispurig ausgebaute Porta principalis dextra besaß an ihren beiden Flanken je einen um seine halbe Breite aus dem Mauerverbund hervorkragenden rechteckigen Torturm, dessen Grundfläche 3,2 × 4 Meter maß. Weit hervorspringende Türme werden erst ab der Mitte des 2. Jahrhunderts in der römischen Militärarchitektur immer stärker zur üblichen Norm. Durch zusätzliche, in die hervortretenden Torbauten integrierte Schießfenster konnten beispielsweise die Zugänge besser beobachtet und verteidigt werden.Anne Johnson (dt. Bearbeitung von Dietwulf Baatz): Römische Kastelle. Verlag Philipp von Zabern, Mainz 1987, ISBN 3-8053-0868-X, S. 112. Das Südtor wurde im Gegensatz zu einigen Nachbarkastellen und anderen bekannten Lagern nicht nachträglich vermauert.