Hainichen ist eine sächsische Kleinstadt mit knapp 8500 Einwohnern im Zentrum des Landkreises Mittelsachsen. Seit dem 1. Januar 2021 hat sie den Status einer Großen KreisstadtBekanntmachung vom 13. November 2020. (PDF 4,3 MB) In: SächsGVBl., S. 715.. Sie befindet sich 26 Kilometer nordöstlich von Chemnitz, 66 Kilometer südöstlich von Leipzig, 44 Kilometer westlich von Dresden, 17 Kilometer nordwestlich von Freiberg an der Kleinen Striegis.
Im Jahre 1276 erstmals urkundlich erwähnt, erlangte die Stadt durch die Herstellung von Tuchen überregionale Bedeutung. Von 1933 bis 1990 spielte die Automobilindustrie (Framo, Barkas) eine wichtige Rolle, seit 1990 dominiert ein Automobilzulieferer.
Hainichen ist Geburtsort des Hochschullehrers und Fabeldichters Christian Fürchtegott Gellert, des Mineralogen Christlieb Ehregott Gellert sowie des Erfinders des Holzschliffes, Friedrich Gottlob Keller. Die Stadt wird daher auch Gellertstadt genannt.
Geographie mini|Markt Hainichen
Nachbargemeinden
Alle Nachbargemeinden befinden sich im Landkreis Mittelsachsen.
Stadtgliederung Zu Hainichen gehören die Ortschaften:
Bockendorf Cunnersdorf Eulendorf Gersdorf/Falkenau gebildet aus den Ortsteilen Gersdorf und Falkenau Riechberg/Siegfried gebildet aus den Ortsteilen Riechberg und Siegfried Schlegel
Keiner Ortschaft zugeordnet sind Berthelsdorf, Crumbach und Ottendorf.
Geographische Lage mini|Hainichen und Ortsteile Hainichen liegt an der Kleinen Striegis.
Geologie Hainichen liegt im Nordosten der Vorerzgebirgs-Senke, welche Steinkohleflöze sowie Sand- und Tonvorkommen enthält. Es handelt sich dabei um ein intramontanes Sedimentbecken, welches im Unterkarbon herausgebildet wurde.
Der Lehm wurde bis 2008 abgebaut und zu Ziegeln gebrannt. Die Steinkohlevorkommen stellten sich als nicht abbauwürdig heraus.
Geschichte
Von der Gründung bis 1800 mini|links|Historische Darstellung von Webern
Hainichen wurde in der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts von fränkischen Siedlern als Waldhufendorf gegründet und im Jahr 1276 erstmals urkundlich als Marktflecken villa forensis Heynichen erwähnt.Geschichte der Stadt Hainichen, auf der Website der Stadt Hainichen In einer Urkunde aus dem Jahr 1282 liest man „Frankenberg et Haynnechyn opida nostra“, hier wird Hainichen, zusammen mit der Nachbarstadt Frankenberg als Stadt bezeichnet.Wolfgang Schwabenicky, Uwe Richter: Die Geschichte von Hainichen und Umgebung bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Hainichen 1988, S. 20. mini|hochkant|Wappen der Familie von Schönberg
Als Besitzer Hainichens wird erstmals 1283 die Familie von Honsberg (Arnsdorf) genannt. Diese Familie besaß die Stadt nachweislich bis ins Jahr 1435.Wolfgang Schwabenicky, Uwe Richter: Die Geschichte von Hainichen und Umgebung bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Hainichen 1988, S. 26. Kurz darauf ging der Besitz in die Familie von Maltitz über, die Hainichen aber bereits 1446 an die Familie von Schönberg verkaufte.Wolfgang Schwabenicky, Uwe Richter: Die Geschichte von Hainichen und Umgebung bis zum Beginn des 17. Jahrhunderts. Hainichen 1988, S. 29.
Die Grundherrschaft einschließlich der Patrimonialgerichtsbarkeit oblag dem Rittergut Oberschöna und später dem Rittergut Wingendorf.Siegfried Störzel: Beiträge zur Heimatgeschichte – Erläuterung zu den Meilenblättern. In: Gellertstadt-Bote Hainichen, 14. August 2004, S. 11; Am 1. Februar 1851 erhielt Hainichen städtische Rechte und die Gerichtsherrschaft ging auf den sächsischen Staat über.
Die Grundherrschaft der späteren Ortsteile Berthelsdorf, Bockendorf, Crumbach, Cunnersdorf, Eulendorf, Riechberg und Schlegel besaß hingegen das 1162 gestiftete Zisterzienser-Kloster Altzelle (später: Amt Nossen), während Hainichen als Exklave zum Rittergut Wingendorf (Kreisamt Freiberg) gehörte.Karlheinz Blaschke, Uwe Ulrich Jäschke: Kursächsischer Ämteratlas. Leipzig 2009, ISBN 978-3-937386-14-0; S. 72 f. Ottendorf, Falkenau und Gersdorf bei Hainichen gehörten zu keiner Zeit zum Kloster, sie unterstanden als Exklaven der Herrschaft Arnsdorf (Amt Leisnig).Digitales Historischen Ortsverzeichnis von Sachsen
Tuchmacher und Leineweber prägten schon zeitig die Stadt, wovon heute noch die Spülgasse oder der Rahmenberg künden. Der Innungsartikel der Tuchmacher wird 1481 von Caspar von Schönberg ausgestellt. 1784 wurde das Innungshaus der Tuchmacher, das heute im städtischen Besitz befindliche Tuchmacherhaus, gebaut.
Der Gasthof „Goldener Löwe“ wurde 1586 erstmals erwähnt.
1607 fallen 682 Mitglieder der Kirchgemeinde der Pest zum Opfer. 1644 werden bei einem Stadtbrand „70 Häuser, Rathaus, Kirche, Pfarrhaus und Schule“ zerstört. Im Siebenjährigen Krieg (1756–1763) sind in Hainichen preußische bzw. österreichische Truppen zu Kosten der Stadt untergebracht.
1800 bis 1933 mini|Ansicht um 1839 mini|Technikum
Am 23. April des Jahres 1800 wurde Hainichen von einem Tornado der höchsten Klasse F5 (nach der Fujita-Skala) heimgesucht und ist damit einer der beiden einzigen bisher bekannten F5-Fälle in Deutschland. Ein großer Stadtbrand am 14. Juli 1832 vernichtete „194 Wohnhäuser, 130 Hintergebäude, die Schule, das Rathaus und das Hospital“. Beim Wiederaufbau der Häuser am Markt entstanden die charakteristischen Heisten.
Eine Gellertstiftung für Arme wurde 1815 gegründet.Encyclopædia Britannica. Eleventh Edition (1910–1911). Diese betrieb ab 1859 das Gellert-Kinderheim (oberer Stadtgraben 1). 1871 wurde es geschlossen und das Stiftungskapital dem Stadtrat übergeben.Gellertmuseum Hainichen
1838 wurde die Aktiengesellschaft Hainichener Steinkohlenbauverein gegründet, aber bereits 1842 wieder aufgelöst. In einem zweiten Anlauf entstand 1849 Hainichener Steinkohlenbau-Aktienverein, der sich 1853/1854 ebenfalls wieder auflöste. Ein Steinkohlenbergbauverein in Berthelsdorf wurde 1857 gegründet, der Zeitpunkt der Auflösung ist hier nicht belegt. Insgesamt stellten sich die Steinkohlevorkommen in Hainichen als nicht abbauwürdig heraus.Archivbestand 40121 – Steinkohlenbauvereine des Hainichen-Ebersdorfer Reviers. In: Bergarchiv Freiberg.
1843 endete die Zugehörigkeit der Stadt zum Kreisamt Freiberg als Exklave, indem Hainichen dem es umgebenden Amt Nossen zugeordnet wurde. Mit dem Ende der Schönbergschen Patrimonialgerichtsbarkeit wurde am 1. Februar 1851 die Gerichtsbarkeit auf das Königliche Gericht Hainichen übertragen. Diesem folgte das Gerichtsamt Hainichen. Das heutige Gerichtsgebäude wurde 1878 auf dem Grundstück Gerichtsstraße 26 errichtet, im folgenden Jahr wurde im Zuge des neuen Gerichtsverfassungsgesetzes das Gerichtsamt in das Amtsgericht Hainichen umgewandelt.
Ab 1875 gehörte Hainichen zur Amtshauptmannschaft Döbeln. Am 14. Juli 1870 erfolgte die amtliche Festlegung der Schreibweise des Stadtnamens auf Hainichen. Vorherige Schreibweisen waren Heynichen (1276), Heynnechyn (1282), Heynchin (1335), Heinchin, Henichin (1350), Heynichen (1473), Hähnichen (1721) und Haynichen (1791).
Um 1859 wurde Hainichen als „Amts- und Fabrikstadt“ bezeichnet und verfügte über Woll-, Baumwoll- und Leinenspinnereien, Putzwarenfabriken, eine Gerberei sowie Wollhandel. Hainichen erlangte europaweite Berühmtheit für die Qualität seiner Flanell- und Friesstoffe. Die Industrialisierung von Hainichen wurde durch die Bahnstrecke Roßwein–Niederwiesa begünstigt. Das Teilstück Niederwiesa–Frankenberg–Hainichen wurde 1869 eröffnet und 1874 bis nach Roßwein verlängert. Eine weitere Bahnstrecke von Hainichen nach Freiberg wurde von Hainichen gefordert und 1900 sowie 1912 im Landtag diskutiert aber nie realisiert.
Um 1885 bestanden 22 Spinnereien, 2000 Webstühle, Färbereien und Bleichen sowie Leder-, Lederlack-, Chenille- und Plüschfabriken.Meyers Konversations-Lexikon. 4. Auflage, Verlag des Bibliographischen Instituts, Leipzig / Wien 1885–1892. Vom 4. November 1900 bis zum 1. April 1934 war Hainichen Sitz eines Technikums, an dem bis zu 400 Studenten Maschinenbau oder Elektrotechnik lernten.Entdeckerpfad Hainichen. entdeckerpfad.de
Seit 1933 ist die Automobilindustrie ein bedeutender Wirtschaftszweig in Hainichen. In diesem Jahr wurde die Kleinlastwagenproduktion der Framo-Werke aus der Nachbarstadt Frankenberg nach Hainichen verlegt. Framo bezog das Gebäude der in Konkurs geratenen Wollhaarkämmerei und Spinnerei des Nordwolle-Konzerns.
1933 bis 1945 mini|links|hochkant|Framo-Logo
Von 4. April bis 13. Juni 1933 befand sich ein Internierungslager (frühes KZ) der SA im Volks- und Sportheim an der Oederaner Straße.Early Camp Hainichen. United States Holocaust Memorial Museum. Zwischen 200 und 300 Männer durchliefen dieses Lager. Interniert wurden Sympathisanten, Mitglieder und Funktionäre linker Parteien. Die Häftlinge wurden anschließend ins KZ Sachsenburg und KZ Colditz verbracht.
Ein Frauen-Außenlager des KZ Flossenbürg wurde vom 2. September 1944 bis 30. April 1945 betrieben.Verzeichnis der Konzentrationslager und ihrer Außenkommandos gemäß § 42 Abs. 2 BEG. Bundesministerium für Justiz. Die 500 jüdischen Frauen aus Ungarn und Polen waren an der Frankenberger Straße (in der ehemaligen Nadelfabrik) untergebracht und mussten an der Gottlob-Keller-Straße (Framo-Werke) Zwangsarbeit verrichten.Füßl, Seifert, Simon-Pelanda: Zwangsarbeit. In: Ihrer Stimme Gehör geben. Band 1. Hrsg.: Arbeitsgemeinschaft ehem. KZ Flossenbürg. Regensburg 2001; Frauen in den Außenlagern. rge-kz-flossenbuerg.de Berichte über eine brutale Oberaufseherin liegen vor.Thomas Kretschmann: Hainichen. Zeitzeugen-Berichte & Dokumente 1930–1950. Die vergessenen Schicksale, Naziterror – Krieg – Flucht. Druckhaus Dresden, Dresden 2008. Mindestens zwanzig KZ-Häftlinge verloren ihr Leben in Hainichen (siehe Gedenkstätten). Die Häftlinge wurden im April 1945 in das KZ Theresienstadt gebracht.Ein Projekt zur Erforschung der nationalsozialistischen Lager und Haftstätten sowie der Orte des Massenmords von 1933 bis 1945 Im Frühjahr 1945 bestand ein Lager der SS im Goßberger Wald für ca. 1500 weibliche Häftlinge. Dazu kamen weitere Frauen und Männer aus den von Deutschland besetzten Ländern (insbesondere Frankreich und Serbien) als Zwangsarbeiter, von denen viele in der Landwirtschaft arbeiteten. Mindestens vier Zwangsarbeiter starben in Hainichen (siehe Gedenkstätten).
Seit Ende 1944 trafen Heimatvertriebene aus den Ostgebieten des Deutschen Reichs in Hainichen ein. Sie wurden im Hotel Goldener Löwe untergebracht und anschließend auf Hainichener Familien aufgeteilt. Infolge der Ankunft der Heimatvertriebenen erreichte die Einwohnerzahl ihren Höchststand. Noch heute leben viele Schlesier und Ostpreußen in Hainichen.
Am 7. Mai 1945 wurde Hainichen von Einheiten der Roten Armee wohl weitestgehend kampflos übernommen.
1945 wurden tatsächliche und vermeintliche Nationalsozialisten aus Hainichen und Jugendliche, denen die Mitgliedschaft bei den Werwölfen vorgeworfen wurden, im NKWD-Internierungslager Toszek und Speziallager Nr. 1 Mühlberg interniert. Auch der Geschäftsführer der Framo-Werke Hans Rasmussen starb in Toszek.
1945 bis 1990 mini|Als Barkas vermarkteter V 901 (vormals Framo V 901) mini|Barkas B 1000 in einer Feuerwehrausführung
Die Framo-Werke wurden als Reparationsleistung vollständig demontiert, alle Produktionseinrichtungen wurden in die Sowjetunion abtransportiert. 1946 begann die Produktion von Haushaltsgütern wie Töpfen, Handwagen, Kartoffelkörben und Kfz-Ersatzteilen, unter anderem aus Granatenrohlingen, die gegen Kriegsende noch auf dem Hainichener Bahnhof lagerten. 1949 erfolgte die Wiederaufnahme der Fahrzeugproduktion. 1957 entstanden aus den Framo-Werken der VEB Barkas-Werke. Von 1961 bis 1991 wurden in Hainichen Kleinlasttransporter und Minibusse der Marke Barkas B 1000 produziert. In Hainichen befand sich die Endmontage, während die Rohkarosserie und Komponenten in Frankenberg und Chemnitz hergestellt wurden.
Hainichen war von 1952 bis 1990 Sitz der Verwaltungseinheit Kreis Hainichen im Bezirk Karl-Marx-Stadt der DDR. Im Jahr 1985 fand die 800-Jahr-Feier statt.