mini|Damtier im Sommerhaarkleid Die landwirtschaftliche Wildhaltung ist eine extensive Haltung von Wildtierarten wie Damhirsch, Rothirsch, Europäischer Mufflon, Wildschwein und ähnlichen Tierarten in WildgehegenHaseder, S. 916 zur Gewinnung von Wildbret und teilweise auch Basthaut. Eine solche Haltung wird weltweit praktiziert. In Neuseeland hat dieser Wirtschaftszweig eine besonders große wirtschaftliche Bedeutung: Neben Fleisch, das überwiegend nach Westeuropa exportiert wird, wird auch Bast für den Absatz auf asiatischen Märkten gewonnen.
Geschichte der Hirschparks mini|Parforcejagd an der Dianaburg bei Darmstadt, 1768 Der historische Vorläufer der landwirtschaftlichen Wildhaltung ist die Haltung von Wildtieren in großen, weitläufigen Gehegen oder Gattern. Mit dieser Haltung waren nicht nur jederzeit Fleisch für den Verzehr, sondern auch Opfertiere für religiöse Handlungen verfügbar. Bei den Phöniziern war der Damhirsch beispielsweise das bevorzugte Opfertier im Kult um den Gott Baal-Hammon, weil das gefleckte Fell des Damhirsches als Widerspiegelung des Sternenhimmels galt. Bei den Griechen wurden Damhirsche bevorzugt der Göttin Artemis geopfert. Die phönizische und griechische Kolonisation im Mittelmeerraum führte zwischen dem 11. und 6. Jahrhundert v. Chr. dazu, dass der Damhirsch wieder in den Küstenregionen des heutigen Marseille, im Gebiet von Karthago und Spanien eingeführt wurde, in denen der Damhirsch in freier Wildbahn vermutlich ausgestorben war. Siefke et al., S. 321–322 Wie groß die Rolle des Damwilds im Kult um die römische Göttin Diana war, ist nicht abschließend geklärt. Damhirsche wurden jedoch während der starken Ausdehnung des Imperium Romanums zwischen dem 1. Jahrhundert v. Chr. und dem 3. Jahrhundert n. Chr. im gesamten römischen Herrschaftsbereich eingeführt, wie Knochenfunde aus Ausgrabungen, unter anderem in der Schweiz, Süddeutschland, England und Ungarn, zeigen. Siefke et al., S. 323 Praktiken dieser Art finden sich nicht nur im Mittelmeerraum, sondern für andere Hirscharten beispielsweise auch im alten China.
Im Mittelalter und während der frühen Neuzeit gehörte die Haltung von Wildtieren in Parks zur üblichen Praxis adeliger Haushalte. Die Errichter von Hirschparks gewannen soziales Prestige, weil sie damit über die Möglichkeit einer ritualisierten Jagdausübung verfügten, die Bestandteil adeliger Repräsentation war. Die Haltung von Wildtieren auf großen, eingegatterten Flächen machte erst die, der damaligen Jagdauffassung gemäß wichtigen, hohen und leicht zu erreichenden Strecken auf Prunkjagden möglich. Gleichzeitig war der Hirschpark wesentliche Quelle für die Versorgung der adeligen Tafel. In England beispielsweise war es über viele Jahrhunderte für Haushalte der Oberschicht unüblich, Hirschfleisch zu kaufen. Über drei Jahrhunderte war der Handel mit Wildbret, das vom sogenannten Hochwild stammte, sogar verboten. Fletcher, S. 4 Das Verschenken von Wildbret oder lebenden Tieren gehörte zur Bildung und Festigung von Beziehungen. Die Bedeutung, die Hirschfleisch bekam, kann man unter anderem daran ermessen, dass Heinrich VIII. um Anne Boleyn nicht nur mit Liebesbriefen, sondern auch mit dem Geschenk von Hirschfleisch warb. Fletcher, S. 17–18 Auf die Bedeutung dieser Gatterhaltung weist im deutschsprachigen Raum auch das verhältnismäßig häufige Auftreten von Namen wie Hirschgarten oder Hirschpark in Ortsbezeichnungen hin.
Die Geschichte der landwirtschaftlichen Wildhaltung mini|Rothirsche Zu den ersten Ländern, in denen sich eine landwirtschaftliche Wildhaltung entwickelte, gehörte Neuseeland, wo das sogenannte Hirschfarming bereits 1969 legalisiert wurde. Der Hintergrund, vor dem sich die Einrichtung solcher Hirschfarmen vollzog, waren ökologische Probleme: Verschiedene Hirscharten waren nach der Besiedlung Neuseelands durch europäische Siedler eingeführt worden, wo solche Säugetierarten nicht natürlich vorkamen. Die erste erfolgreiche Einführung von Rothirschen in Neuseeland fand beispielsweise 1854 auf der Südinsel statt, die meisten Auswilderungen von aus Europa eingeführten Tieren erfolgte zwischen 1890 und 1910, die letzte fand 1926 auf der Nordinsel statt. Yerex, S. 17–18 Innerhalb weniger Jahrzehnte wurde allerdings erkannt, dass Rothirsche direkt und indirekt negative Auswirkungen auf die Biodiversität Neuseelands haben. Sie tragen durch ihr Äsungsverhalten zur Erosion von Hängen bei Tim Low: Feral future – The untold story of Australia’s exotic invaders, Penguin Books Australia, Victoria 2001, ISBN 0-14-029825-8, S. 199, verändern nachhaltig die Pflanzenstruktur und fördern die Ausbreitung eingeführter Pflanzenarten wie Disteln, Greiskraut und Clematis-Arten. Bernhard Kegel: Die Ameise als Tramp – Von biologischen Invasoren, Heyne Verlag, München 2002, ISBN 3-453-18439-4, S. 43 Bereits ab den 1930er Jahren versuchte die neuseeländische Regierung durch Keulen den schnell ansteigenden Rothirschbestand zu senken, allerdings weitgehend ohne Erfolg. Yerex, S. 35–48 Zu einer nachhaltigen Reduktion der Bestandsdichte kam es erst ab den 1960er Jahren, als gleichzeitig zunehmend Vermarktungsmöglichkeiten für neuseeländisches Wildbret entwickelt und durch Einsatz von Helikoptern eine Jagd in bis dahin unzugängliche, aber rotwildreiche Regionen möglich wurde. Yerex, S. 82–84 Der Wildbiologe David Yerex nennt es einen glücklichen Zufall, dass die zunehmende Furcht europäischer Konsumenten vor Arteriosklerose zu diesem Zeitpunkt eine besonders hohe Nachfrage nach magerem Wildfleisch schuf. Yerex, S. 98 Die Erschließung von Absatzmärkten in Europa und später auch in Asien machte es für neuseeländische Farmer zunehmend wirtschaftlich interessant, Hirsche in Gattern zu halten. Yerex, S. 87 Begründet wurden die neuseeländischen Farmen mit in der Wildnis gefangenen Tieren. Dabei handelte es sich überwiegend um Rothirsche.
Angeregt von den neuseeländischen Vermarktungserfolgen versuchte man sehr bald auch in Großbritannien in ähnlicher Weise Wildfleisch zu erzeugen und zu vermarkten. Während man in Neuseeland versuchte, die Tiere unter einem intensiven Weidemanagement zu halten, ähnlich wie man es von Schafen und Rindern gewöhnt war, zäunte man in Großbritannien solche Gebiete weiträumig ein, in denen Rothirsche natürlich vorkamen und versuchte, sie unter annähernd natürlichen Bedingungen zu halten. Yerex, S. 91 Durchgesetzt hat sich das neuseeländische Beispiel.
Die farmartige Haltung von Rothirschen traf in Neuseeland allerdings auch auf Kritik. Die Trophäenjagd auf die eingeführten Hirscharten hatte in Neuseeland eine wirtschaftliche Bedeutung; der Anblick von großen Gruppen von Rothirschen, die selbst in der Nähe vielbefahrener Straßen ruhig wiederkäuend auf ihren Weiden lagen, stieß besonders bei denjenigen auf Ablehnung, die vom Jagdtourismus lebten. Zu Beginn der Etablierung von Hirschfarmen in Neuseeland kam es zu einigen Übergriffen, bei denen das Rotwild von Gegnern dieser Haltung freigesetzt oder Tiere auf ihren Weiden erschossen wurden. Bereits zu Beginn der 1970er Jahre waren jedoch in fast allen Landesteilen Neuseelands Hirschfarmen gegründet. 1973 wurden in Neuseeland spezielle Forschungseinrichtungen etabliert, die sich mit der Haltung von Rothirschen beschäftigten und 1975 die Deer Farmers Association (etwa Vereinigung der Hirschhalter) ins Leben gerufen. Die Bereitschaft neuseeländischer Farmer, sich auf diese Tierart umzustellen, lag in der möglichen, hohen Rendite. Einer 1987 veröffentlichten neuseeländische Publikation ist zu entnehmen, dass für die Erzielung eines Nettoertrags von 100.000 neuseeländischen Dollar auf einer Farm entweder drei Arbeitskräfte 9.000 Schafe auf 1.800 Acre, zwei Arbeitskräfte 2.000 Rinder auf 2.000 Acre oder eine Arbeitskraft 600 Rothirsche auf 200 Acre betreuen müssten. Yerex, S. 98
Landwirtschaftliche Wildtierhaltung weltweit Neuseeland mini|Wapiti mini|Sikahirsch im Sommerkleid, das Geweih ist noch von Basthaut überzogen mini|Nordamerikanischer Weißwedelhirsch mini|Elch mini|Wildschwein mini|Europäischer Mufflon Neuseeland ist nach wie vor das Land, in dem die landwirtschaftliche Wildhaltung eine besonders große Rolle spielt. Der Bestand betrug zu Beginn des 21. Jahrhunderts circa 2,2 Millionen Wildtiere. Das entspricht etwa 40 % der weltweit für die landwirtschaftliche Nutzung gehaltenen Wildtiere. Diese setzten sich zu 85 Prozent aus Rothirschen, zu 12 Prozent aus Wapitis und zu 3 Prozent aus Damhirschen zusammen. Die einzelnen Herden sind aus europäischer Sicht sehr groß und umfassen zwischen 500 und 1.000 Stück. Golze, S. 10 Mehr als 90 Prozent des Fleisches wird exportiert, die jährliche Exportmenge entsprach zu Beginn des 21. Jahrhunderts etwa 20.000 Tonnen Wildfleisch. Mehr als 60 Prozent dieses Fleisches wird nach Westeuropa geliefert. Hauptabnehmer ist Deutschland (49 Prozent der jährlichen neuseeländischen Exportmenge), gefolgt von Belgien (8 Prozent), Schweden (7 Prozent) und Frankreich (6 Prozent). Der gleichfalls gewonnene Bast wird in getrockneter Form vor allem nach Korea, Hongkong und zunehmend auch China und Taiwan geliefert. Die jährliche Transportmenge entspricht 120 Tonnen.
Australien
Die landwirtschaftliche Wildhaltung wird auch in Australien seit Beginn der 1970er Jahre betrieben. In etwa 1.200 Betrieben werden rund 200.000 Zuchttiere gehalten, dabei handelt es sich überwiegend um Dam- und Rothirsche. Schwerpunktziel der landwirtschaftlichen Wildhaltung ist die Produktion von Fleisch. Der anfallende Bast wird wie in Neuseeland nach Asien exportiert.
Nordamerika In Nordamerika wurde eine Gatterhaltung von Wildtieren bereits sehr früh von europäischen Siedlern praktiziert. Dabei orientierte man sich an dem europäischen Vorbild, wo die Gatterhaltung der Jagd und dem sozialen Prestige diente. Die landwirtschaftliche Wildhaltung begann wie in Neuseeland bereits in den 1960er Jahren. In den USA wurden zu Beginn des 21. Jahrhunderts zwischen 220.000 und 250.000 Zuchttieren gehalten. Auch hier überwiegen Dam- und Rothirsche. Daneben werden in geringer Zahl auch Elche gehalten. In Kanada gab es zu Beginn des 21. Jahrhunderts etwa 2.400 Farmen mit einem Bestand von 155.000 Zuchttieren. In Kanada spielt vor allem der Elch eine Rolle, daneben werden Rotwild, Weißwedelhirsch, Damwild und in geringer Zahl auch Rentiere gehalten.
GUS-Staaten In den GUS-Staaten wurden zu Beginn des 21. Jahrhunderts 400.000 Zuchttiere gehalten. Die häufigsten Wildtierarten sind der Sikahirsch und der Wapiti. Die Haltung erfolgt überwiegend extensiv auf sehr großen Weideflächen mit einer zusätzlichen Fütterung. Im Mittelpunkt der Haltung steht die Bastproduktion, die vor allem auf den koreanischen Markt gerichtet ist.
China, Korea und Nepal In China und Korea hat sich in den letzten Jahren ebenfalls eine landwirtschaftliche Wildhaltung entwickelt. Sie wird anders als in den GUS-Staaten sehr intensiv betrieben, das heißt, es gibt sehr hohe Bestandsdichten. Gehalten werden zu etwa 90 Prozent Sikahirsche. Golze, S. 11 Auch hier spielt die Produktion von Bast eine besonders große Rolle.