mini|hochkant=1.6|Die größere der Statuen war 53 Meter hoch. Das linke Foto stammt aus dem Jahr 1963, das rechte von 2008 – nach der Zerstörung. Die Buddha-Statuen von Bamiyan (, ) waren einst die größten stehenden Buddha-Statuen der Welt. Sie befanden sich bis zur Zerstörung durch die Taliban im März 2001 im 2500 Meter hoch gelegenen, mehrheitlich von Hazara bewohnten Tal von Bamiyan, das sich im Zentrum Afghanistans befindet und von der UNESCO als Weltkulturerbe gelistet ist. Die beiden größten und bekanntesten dieser Statuen waren 53 bzw. 35 m hoch. Daneben wurde eine ganze Reihe von weiteren, kleineren Buddha-Statuen in die dortige Felsklippe eingearbeitet. Sie sind historische Zeugnisse einer dort etwa vom 3. bis zum 10. Jahrhundert praktizierten, in ihrer Art einzigartigen graeco-buddhistischen Kunst. Mittlerweile wurden die Nischen der Statuen abgesichert und ihre Trümmer geborgen. Es gab Bestrebungen, die Statuen wieder aufzubauen. Hierzu wurden auch Hilfsgelder zugesichert, ohne dass jedoch ein konkreter Beschluss gefasst wurde.
Buddhistische Kultur Bamiyans mini|hochkant=1.2|Ansicht um 1878/79
Begünstigt durch seine Lage an einer der Haupthandelsrouten vom Abendland nach China und Indien hatte das Tal bereits in der Antike eine große strategische Bedeutung. Die Handelskarawanen trugen sowohl zum kulturellen als auch zum materiellen Wohlstand der Region bei, der den Bau der riesigen Statuen erst ermöglichte.
Entlang dieser Handelsstraßen waren in Zentralasien eine Reihe unterschiedlich großer Siedlungen und Reiche entstanden. Unter der Herrschaft der Kuschana-Dynastie festigte sich der Buddhismus langsam in der Region des Hindukusch. Zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. entstanden dort eine Reihe von buddhistischen Stätten – Stupas, Tempel und Klosterstätten. Bamiyan war eine der größeren und beherbergte im 6. Jahrhundert mehrere tausend buddhistische Mönche.
Die buddhistische Kunst dieser Region war das Ergebnis einer kulturellen Synthese, wesentlich beeinflusst von der früheren Gandhara-Kultur und der indischen Gupta-Kultur, und in ihrer Art einzigartig.
mini|Übersicht 1967 Der Zeitpunkt, an dem in Bamiyan der Buddhismus einzog, wird zwischen dem 2. und 4. Jahrhundert n. Chr. angenommen. Im 8. Jahrhundert geriet Bamiyan unter islamische Herrschaft. Dennoch konnte sich der Buddhismus noch etwa zwei Jahrhunderte länger halten. Erst um die Jahrtausendwende wurde Bamiyan islamisiert.
In der Felswand, aus der die großen Statuen herausgearbeitet worden waren, befanden sich auch aus dem Fels gegrabene Höhlen, in denen die Mönche wohnten, und Gebetshallen mit reichhaltigen Wandmalereien. Rund um die Figuren wurden Gänge und Galerien geschaffen. Ein japanisches Archäologen-Team schätzte die Zahl der Wohnhöhlen auf rund 900.
Als moderner Entdecker der Buddhafiguren gilt der schottische Abenteurer und Reiseschriftsteller Alexander Burnes, der die Statuen in den 1830er Jahren besuchte und sie mit seinem Buch Reisen in Indien und nach Buchara (1834) erstmals einem größeren Publikum bekannt machte. Burnes, der kein Kunsthistoriker war, interpretierte die beiden Figuren als Mann und Frau: „Die männliche ist 120 Fuß hoch, die weibliche etwa 60. Die Nische, in der jene steht, ist 70 Fuß breit, und geht ebenso tief ins Gebirge hinein. Die Statue ist verstümmelt, beide Beine sind durch Kanonenkugeln zerschmettert, und das Gesicht oberhalb des Mundes zerstört. Die Lippen sind sehr breit, die Ohren lang und hängend, sie scheint eine Tiara auf dem Kopf gehabt zu haben. (…) Es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Idole von Bamiyan der Laune irgendeines mächtigen Mannes ihre Entstehung verdanken, der in dieser höhlengrabenden Nachbarschaft lebte und durch das Aushauen derselben sich unsterblich zu machen gedachte.“Alexander Burnes: Reisen in Indien und nach Buchara, Stuttgart/Tübingen 1835.
Gestaltung hochkant=0.9|mini|Die kleinere der beiden Buddha-Statuen war 35 Meter hoch. Ihre feineren Details wurden mit einem speziellen Lehmverputz modelliert. An der Decke der Nische ist eine Wandmalerei erkennbar, die bis zur Zerstörung der Statue vorhanden war. Die Statuen wurden im 6. Jahrhundert aus dem roten Sandstein gemeißelt. Archäologen datieren die Entstehungszeit der kleineren Statue auf die Zeit um das Jahr 510, die große Statue wurde um 550 geschaffen.International Council on Monuments and Sites (ICOMOS): Heritage at Risk 2004/05 – ICOMOS Actions in Afghanistan (PDF-Datei; 553 kB), 24. März 2005, abgerufen am 21. Oktober 2009. Die kleine Statue maß 35 Meter, die große 53 Meter; deren Nischen sind etwa 38 beziehungsweise rund 58 Meter hoch.Universität der Bundeswehr München: Situation of the Buddha Statues in the Valley of Bamian, Afghanistan, (Anhang G) (PDF-Datei; 23 MB), erstellt: 21. Mai 2003, S. 86–88 (englisch), abgerufen am 6. November 2009.Untersuchung von Zustand und Stabilität der Felsnischen der Buddha-Statuen von Bamiyan, auf Website der Universität der Bundeswehr München, abgerufen am 6. November 2009.
Beide Statuen wurden in je einer eigens dafür in den Berg gehauenen Felsnische gefertigt. Dabei wurden ihre Formen grob in den Fels geschlagen und anschließend durch Auftragen eines Lehmverputzes fertig modelliert. Dieser Verputz, der eine Mischung von Tonerde, Stroh und Pferdehaar war, wurde mit Seilen und Holzstücken weiter fixiert. Die große Statue wurde laut Angaben von Restauratoren anschließend karminrot, die kleinere mehrfarbig bemalt.Carlotta Gall: Afghans consider rebuilding Bamiyan Buddhas – Asia-Pacific-International Herald Tribune, auf: New-York-Times-Website, 5. November 2006, abgerufen am 27. Juni 2009. Zudem waren die Nischen der Statuen in ihren oberen Bereichen mit Wandmalereien verziert.Zemaryalai Tarzi, Nadia Tarzi, Abdul Wasey Feroozi: The Impact of War upon Afghanistan’s Cultural Heritage, PDF-Datei; 8,8 MB, mit hochauflösenden Bildern oder PDF-Datei; 434 kB, niedrigere Auflösung, auf: Website des Archaeological Institute of America (AIA), S. 8–12, März 2004, abgerufen am 12. März 2026.
Wie genau die Statuen früher ausgesehen haben, ist dennoch nicht hinreichend geklärt. So ist etwa im Reisebericht von Xuanzang, einem chinesischen Buddhisten, der in der ersten Hälfte des 7. Jahrhunderts die Seidenstraße bereiste, zu lesen, dass sie damals mit Gold überzogen und mit Juwelen geschmückt seien. Im Ḥudūd al-ʿĀlam von 982 sind die Statuen als roter und weißer Buddha beschrieben. Reisende und Gelehrte wie Muhammad ibn Mahmud al-Tūsī im 12. Jahrhundert schilderten farbenfrohe Wandmalereien und lobten die Kunstfertigkeit, mit der Statuen und Malereien ausgeführt waren.
Rund um die Figuren wurden Gänge und Galerien geschaffen und hunderte von Gebetshallen und Wohnhöhlen teils mit reichhaltigen Wandmalereien angelegt. Zusätzlich zu den beiden stehenden großen Buddha-Statuen wurden zwei mittelgroße, sitzende Statuen und eine Reihe von kleineren Statuen in die Felsklippe gearbeitet. Das ca. 2 km lange Felsenkloster hatte und hat trotz der Zerstörung durch Abdur Rahman Khan im 19. Jahrhundert und trotz der völligen Zerstörung durch die Taliban immer noch ein riesiges System von Höhlen, Felsentreppen, Balkonen, Gebetsräumen und Galerien, die schätzungsweise von ca. 3000 bis 5000 buddhistischen Mönchen bewohnt waren.
Die Felsentreppen führten bis zum Scheitel der Buddha-Statuen. Viele dieser Felsentreppen sind immer noch vorhanden. Auf den Kopf der 53 m hohen Statue gelangte man über eine Wendeltreppe. Dort standen in den 1960er und 1970er Jahren Besucher aus Europa und Amerika, betrachteten die Wandmalereien und blickten über das Bamiyan-Tal. Noch heute beherbergen die Höhlen eine Vielzahl von Menschen der Hazara.
Dritter riesiger Buddha Es wird vermutet, dass früher auch noch eine noch größere Darstellung eines liegenden Buddha existierte. Dabei soll es sich um eine Darstellung des Buddha in Nirwana (Buddha in seinem Sterbebett) handeln,Kosaku Maeda: The Mural Paintings of the Buddhas of Bamiyan: Description and Conservation Operations. In: Juliette van Krieken-Pieters (Hrsg.): Art and Archaeology of Afghanistan – Its Fall and Survival. Brill Academic Publishers, Leiden 2006, ISBN 90-04-15182-6 (Handbook of Oriental Studies. Section 8 Uralic & Central Asian Studies. Band 14), S. 130. der angeblich eintausend Beine gehabt haben soll.Zemaryalai Tarzi (Interview durch Radio Free Europe / Radio Liberty): Afghanistan: Archeologist Hunts For Third Bamiyan Buddha, 10. März 2006, rferl.org abgerufen am 28. Juni 2009. Der chinesische Mönch Xuanzang (auch Hsüan-Tsang), der das Tal von Bamiyan im Jahr 632 während seiner Reise nach Indien besuchte, erwähnte sie in seinem Bericht und gab ihre Größe mit 1000 Fuß – etwa 300 Meter – an. Seine Angaben über die Größe und die Lage der bekannten stehenden Buddha-Statuen hatten sich bei Nachforschungen als bemerkenswert genau erwiesen, daher wird sein Bericht von der Forschung als durchaus glaubwürdig eingestuft.Nadia Tarzi: Tarzi on Tarzi: Afghanistan’s Plight and the Search for the Third Buddha. In: Juliette van Krieken-Pieters (Hrsg.): Art and Archaeology of Afghanistan – Its Fall and Survival. Brill Academic Publishers, Leiden 2006, ISBN 90-04-15182-6 (Handbook of Oriental Studies. Section 8 Uralic & Central Asian Studies. Band 14). S. 150–154.
Das Abbild könnte nach Meinung von Archäologen noch im Erdboden verborgen sein, wofür zwei mögliche Gründe in Betracht gezogen werden: So könnten entweder die Bewohner von Bamiyan sie aus Angst vor ihrer Zerstörung durch muslimische Invasoren absichtlich versteckt haben, oder das Bildnis könnte durch ein Erdbeben verschüttet worden sein. Die meisten Experten gehen jedoch davon aus, dass es bereits seit langer Zeit zerstört ist, nicht zuletzt deshalb, weil dieses Bildnis im Gegensatz zu den in den Felsnischen stehenden Statuen der Witterung ausgesetzt war.
Religiöse Bedeutung Die größere Statue war ein Bildnis des Buddha Dipamkara, also des Buddhas des dem unseren vorangegangenen Zeitalters. Die kleinere Statue stellte den Buddha unseres Zeitalters, den Buddha Shakyamuni (Siddhartha Gautama), dar.
Mit dem Aufkommen des Islam verloren die Statuen ihre ursprüngliche Bedeutung. Im 11. Jahrhundert beschrieb ein iranischer Reisender der Abbasiden-Zeit die Statuen als Sorch But ((auch Surkh But ), deutsch „Roter oder warmer Buddha“) und Khonok But (() auch Khing But deutsch „kalter oder weißer Buddha“). Sie werden auch volkstümlich als Solsol bzw. Salsal ( Licht des Universums) und Schahmama ( Königinmutter) genannt. Gemäß einer persischen Legende sollen die Statuen den König Solsol und seine Gemahlin Schahmama (Mutterkönigin) darstellen. Unter diesen Namen waren die Buddhas auch in Afghanistan bekannt. Die altiranisch sprechenden Kuschanen und Sassaniden sollen Solsol in der Rolle von Rostam geehrt haben. Abu l-Qasim Hasan ibn Ahmad Unsuri besang sie im 11. Jahrhundert in dem Gedicht Khing But u Surkh But (»Weiße Statue und Rote Statue«) als zwei unglückliche Liebende, die Hauptfiguren auch im Märchen von Rostam und Sohrab. Lokallegenden machten aus den Statuen sogar die ersten persischen Muslime.
Zerstörung mini|Die Nische der 35 m großen Buddha-Statue nach der Zerstörung (2005)
Mit der Verdrängung des Buddhismus durch den Islam verloren die Statuen um die Jahrtausendwende an Bedeutung und wurden zum Ziel von Zerstörungen, da die Darstellung menschlicher Figuren nicht erwünscht war. Zwar zeigen schriftliche Quellen der folgenden Jahrhunderte, dass die Statuen noch lange als Kunstwerke bewundert wurden, doch fielen sie im Laufe der Zeit der Zerstörung anheim. Zuerst verloren sie ihren Schmuck, dann die Gesichter und Hände. Mehrfach wurden sie gezielt beschädigt.