miniatur|250px|Alter Campus der Kolonialuniversität San Antonio Abad in Cusco (Peru)

Die Liste der Kolonialuniversitäten in Lateinamerika umfasst alle Universitätsgründungen der spanischen Kolonialmacht in Lateinamerika von der Entdeckung Amerikas 1492 bis zu den Unabhängigkeitskriegen Anfang des 19. Jahrhunderts.

Der Transfer des europäischen Universitätsmodells in die amerikanischen Überseegebiete stellte eine entscheidende Zäsur in der Bildungsgeschichte des Kontinents dar:

Die christliche Missionierung der Indianer und der zunehmende Bedarf an ausgebildetem Verwaltungspersonal für das rasch wachsende Kolonialreich führten den spanischen Kolonisatoren die Notwendigkeit einer Universitätsausbildung auf amerikanischem Boden vor Augen.Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 218f. Zur Errichtung einer Kolonialuniversität bedurfte es, die mittelalterliche Tradition weiterführend, eines päpstlichen oder königlichen Privilegs zur Verleihung akademischer Grade, das man aus den Händen beider Instanzen anstrebte und gewöhnlich auch erreichte.Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 216 Die Universitäten unterstanden allesamt der königlichen Aufsicht, einzig San Nicolas in Bogotá hatte den Status einer Privatuniversität inne.

miniatur|hochkant|Privileg von Karl V. zur Gründung der Universität San Marcos in Lima 1551

Überwiegend orientierten sich die Neugründungen in ihren Verfassungen am Vorbild der Universität von Salamanca, der ältesten und ehrwürdigsten Universität Spaniens.Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 215 Kleinere Universitäten beschränkten ihr Lehrangebot auf die Ausbildung in den artes, einer Art Grundstudium, und der katholischen Theologie (mit Kirchenrecht). Führend wurden die allmählich sich entwickelnden Volluniversitäten, die dazu das Studium der Medizin und der Jurisprudenz in ihrem Lehrplan anboten und damit alle vier klassischen Fakultäten besaßen. In den kolonialen Machtzentren Santo Domingo, Lima und Mexiko-Stadt entstanden die bedeutenden Universitäten der ersten Stunde, die in der Folgezeit, als offenbar wurde, dass die riesigen Entfernungen im spanischen Herrschaftsgebiet eine größere Streuung der Standorte erforderlich machten, beim Aufbau weiterer Gründungen eine wichtige Rolle übernahmen.

Eine tragende Rolle in der Entwicklung des Universitätswesens spielten die christlichen Ordensgemeinschaften, vor allem die im Bildungsbereich sehr aktiven Jesuiten, aber auch die Dominikaner und Augustiner. Errichtung wie Betrieb der meisten Universitäten gingen auf die – gewöhnlich lokale – Initiative eines dieser Orden zurück, die mitunter offene Rivalitäten über die Kontrolle des Campus und der Lehrinhalte austrugen. Das (zeitweilige) Verbot des Jesuitenordens im späten 18. Jahrhundert bedeutete einen schweren Rückschlag für die Universitätslandschaft Lateinamerikas, mehrere der geschlossenen Jesuitenuniversitäten wurden erst Jahrzehnte später wiedereröffnet.

Der erfolgreiche Export der Universität, einer eigenen europäischen Schöpfung,Rüegg 1993, S. 13f. auf einen fremden Erdteil bewies ihre „außerordentliche Wirksamkeit und Anpassungsfähigkeit“ als höchste Bildungsinstitution und markierte den Auftakt zu ihrer weltweiten Übernahme in der Moderne (siehe auch Liste der ältesten Universitäten).Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 231f. Gleichwohl ist nicht zu verkennen, dass am Ausgang der Kolonialepoche das geistige Leben und der akademische Betrieb in den später gegründeten Universitätscolleges der Dreizehn Kolonien deutlich vitaler war. Trotzdem erfüllten die spanischen Kolonialuniversitäten mit der Ausbildung der geistigen und weltlichen Kolonialelite ihre Hauptaufgabe und konnten so nach der Trennung vom Mutterland eine wichtige Funktion beim inneren Ausbau der jungen Republiken wahrnehmen.

Im portugiesischen Brasilien existierten dagegen weit über die Kolonialzeit hinaus keine Universitäten (die erste Gründung erfolgte erst 1912 in Curitiba); den geringeren lokalen Bedarf an theologischen und juristischen Fachkräften deckten jesuitische Kollegien weitgehend ab, für eine höhere Ausbildung musste ein Studium in Übersee an der Universität Coimbra aufgenommen werden.Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 220f.

Liste Die Liste ist nach dem Zeitpunkt der Anerkennung sortiert. Wo mehr als eine Universität an einem Ort gegründet wurde, steht der Name der Institution in Klammern.

16. Jahrhundert

Anerkannt Universität Heutiges Land 1538Jílek 1984, S. 325–339Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 218 Santo Domingo (Santo Tomás) Dominikanische Republik 1551 Lima Peru 1551La Universidad Pontificia de México: (span.) Nationale Autonome Universität von Mexiko Mexiko 1552Tünnermann 1991, S. 26, 35–38 La Plata o CharcasUniversität wurde nicht eröffnet (Real Universidad de La Plata) Bolivien 1558 Santo Domingo (Santiago de la Paz) Dominikanische Republik 1580 Bogotá (Santo Tomás) Kolumbien 1586 Quito (San Fulgencio) Ecuador

17. Jahrhundert

Anerkannt Universität Heutiges Land 1621 Santiago (San Miguel) Chile 1621 Cusco (Pontifica Universidad de San Ignacio de Loyola) Peru 1621Universidad Nacional de Córdoba: (span.) Córdoba Argentinien 1621 Sucre Bolivien 1624Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 219 Mérida, Yucatán Mexiko 1676 Guatemala-Stadt Guatemala 1677 Ayacucho Peru 1681 Quito (Santo Tomás) Ecuador 1685 Santiago (Nuestra Señora del Rosario) Chile 1690 Cusco (San Antonio Abad) Peru 1694 Bogotá (San Nicolás) Kolumbien 1696 Quito (San Gregorio Magno) Ecuador

18. Jahrhundert

Anerkannt Universität Heutiges Land 1704 Bogotá (Javeriana) Kolumbien 1721 Havana Kuba 1721 Caracas Venezuela 1733Roberts, Rodriguez & Herbst 1996, S. 220 Asunción Paraguay 1738 Santiago (San Felipe) Chile 1744Tünnermann 1991, S. 26 Popayán Kolumbien 1749 Panama-Stadt Panama 1749 Concepción Chile 1778 Buenos Aires Argentinien 1791 Guadalajara, Jalisco Mexiko

19. Jahrhundert

Anerkannt Universität Heutiges Land 1806 Mérida Venezuela 1812 Managua Nicaragua

Anmerkungen

Einzelnachweise

Literatur Jílek, Jubor (Hrsg.): Historical Compendium of European Universities/Répertoire Historique des Universités Européennes, Standing Conference of Rectors, Presidents and Vice-Chancellors of the European Universities (CRE), Genf 1984 Roberts, John; Rodriguez Cruz, Agueda M.; Herbst, Jürgen: „Die Übernahme europäischer Universitätsmodelle“, in: Rüegg, Walter (Hrsg.): Geschichte der Universität in Europa. Bd. II: Von der Reformation zur Französischen Revolution (1500–1800), C. H. Beck, München 1996, ISBN 3-406-36953-7, S. 213–232 Rüegg, Walter: „Vorwort. Die Universität als europäische Institution“, in: Rüegg, Walter (Hrsg.): Geschichte der Universität in Europa. Bd. I: Mittelalter, C. H. Beck, München 1993, ISBN 3-406-36952-9, S. 13f. Tünnermann Bernheim, Carlos: Historia de la Universidad en América Latina. De la Época Colonial a la Reforma de Córdoba, Editorial Universitaria Centroamericana, 1991, ISBN 9977-30-167-0

Siehe auch Liste der Universitäten in Südamerika Liste der mittelalterlichen Universitäten Liste der frühneuzeitlichen Universitäten in Europa Liste der modernen Universitäten in Europa (1801–1945)

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