Das Freiherrlich von Fletchersche Lehrerseminar war eine Schule in Dresden. Das Seminar wurde 1769 durch eine Stiftung ins Leben gerufen und 1825 offiziell eröffnet. Bis in die 1920er-Jahre widmete sich das Lehrerseminar der Ausbildung von Pädagogen. Einer der bekanntesten „Fletcheraner“ war der Schriftsteller Erich Kästner.
Im Jahr 1922 erfolgte die Umwandlung des Lehrerseminars in eine Oberschule. Das Hauptgebäude der Schule wurde 1945 fast vollständig zerstört und erst ab 1961 verändert wieder aufgebaut. Seit Anfang der 2000er-Jahre nutzt eine Waldorfschule das Gebäude. mini|hochkant=1.3|Das Freiherrlich von Fletchersche Lehrerseminar um 1880
Geschichte Die Stifterin des Seminars mini|hochkant|links|Valentin Ernst Löscher versuchte 1717 vergeblich, ein Lehrerseminar in Sachsen zu gründen Das Seminar geht auf eine Stiftung von Friederica Christiana Elisabeth von Fletcher zurück. Sie wurde am 22. November 1727 als Tochter des Geheimen Kriegsrats Carl Pauli († 1739) geboren. Die Familie war nicht adelig, aber vermögend, so erbte sie von ihrer Tante die Güter Roitzsch (bei Wurzen) und Zschieschen (bei Großenhain). Im Jahr 1745 heiratete sie Wigand Gottlob von Gersdorff, der bereits im selben Jahr in der Schlacht bei Hohenfriedberg fiel. Später ging Friederica Christiana Elisabeth eine zweite Ehe mit Maximilian Robert Freiherr von Fletcher (1713–1794) ein, dessen Familie schottische Wurzeln hatte. Maximilian Robert Freiherr von Fletcher war unter anderem Direktor der Meißner Porzellanfabrik; sein Großvater David von Fletscher erlangte als Kaufmann und Kommerzienrat Bekanntheit. mini|Johanne Friederike von Reuß, Tochter der Stifterin Am 22. Mai 1769 unterzeichnete Friederica Christiana Elisabeth von Fletcher eine Stiftungsurkunde für ein Seminar zur Ausbildung von Lehrern. Sie habe des Öfteren bemerkt, dass leitende Persönlichkeiten aus Staat und Religion „die Besetzung der niedrigsten Schuldienste mit geschickten und rechtschaffenen Lehrern für eines der unentbehrlichsten und ersten Mittel zur Beförderung der Wohlfahrt eines Landes halten“, so von Fletcher in ihrer Stiftungsurkunde.zit. nach: Hermann Jobst: Von der Stifterin und ihrer Stiftung. In: Otto Koch (Hrsg.): Festschrift zur Hundertjahrfeier des Freiherrlich von Fletcherschen Schullehrerseminars zu Dresden 1825–1925. Adam, Dresden 1925, S. 6. Sie hatte erkannt, dass bessere geistige Bildung nur durch eine bessere Ausbildung der Lehrer erreicht werden kann. Ein eigenes Lehrerseminar gab es in Sachsen zu der Zeit jedoch nicht. Bereits 1717 hatte Valentin Ernst Löscher vergeblich die Gründung eines Lehrerseminars in Dresden durchzusetzen versucht. Pädagogen kamen zu dieser Zeit vor allem aus den Lateinschulen, wurden von Lehrern oder Lehrereltern selbst zu Pädagogen ausgebildet oder ließen sich vom Pfarrer im Unterrichten unterweisen. Die Ausbildung zum Lehrerberuf wurde erst in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts professioneller durch Seminare geregelt. Großen Eindruck hatte die Gründung des Seminars in Hannover 1751 auf von Fletcher gemacht, das ebenfalls durch die Stiftung eines reichen Bürgers ermöglicht wurde. Sie hatte seit 1765 über eine eigene Stiftung nachgedacht und sich über den Fortgang des Hannoverschen Seminars unterrichten lassen. In Sachsen wiederum engagierte sich vor allem Peter von Hohenthal (1726–1794) für den Aufbau eines eigenen Lehrerseminars. Er war mit Frau von Fletcher bekannt und hat ihren Entschluss zu einer Stiftung möglicherweise noch verstärkt. Mit Unterzeichnung der Stiftungsurkunde wurde das Fletchersche Seminar 1769 auf dem Papier das erste Lehrerseminar Sachsens.Otto Koch (Hrsg.): Festschrift zur Hundertjahrfeier des Freiherrlich von Fletcherschen Schullehrerseminars zu Dresden 1825–1925. Adam, Dresden 1925, S. 9. Nach Willen der Stifterin sollte es in Leipzig oder Dresden gegründet werden.
Peter von Hohenthal wurde 1777 einer von drei Administratoren der Fletcherschen Stiftung, die das Stiftungsvermögen verwalteten. Die Stiftung konnte zu dieser Zeit noch nicht wirksam werden. Friederica Christiana Elisabeth von Fletcher, die am 14. April 1778 verstorben war, hatte festgelegt, dass die Stiftung von 40.000 Talern erst nach dem Tod ihrer einzigen Tochter Johanne Friederike und auch nur im Fall ihrer Kinderlosigkeit in Kraft treten darf. Die kränkliche Tochter, in zweiter Ehe mit dem Reichsgrafen Heinrich XXXVIII. Reuß verheiratet, verstarb kinderlos am 28. Juni 1815, sodass die Stiftung daraufhin wirksam wurde.
Die Gründungsjahre des Seminars mini|Siegelmarke Administration des Freiherrl. von Fletcherschen Schullehrer-Seminars Die Seminargründung sollte 1815 erfolgen, aber verschiedene Umstände erschwerten eine sofortige Gründung. Zunächst begehrte Preußen, welches genau in dem Jahre mehr als das halbe Sachsen an sich genommen hatte, auch einen möglichst großen Teil des Stiftungskapitals. Ein von der Stiftung angerufenes höheres Gericht lehnte diesen Anspruch allerdings ab. Nach dieser jahrelangen Verzögerung traten weitere Schwierigkeiten in der Gründungsphase auf. Obwohl von Fletcher in ihrer Stiftungsurkunde festgelegt hatte, dass nur Leipzig oder Dresden für die Gründung der Stiftung infrage kommen, wollten die drei leitenden Administratoren der Stiftung das Seminar auf dem Land eröffnen, unter anderem um so die Zöglinge vor den „sittlichen Gefahren der großen Stadt“ zu bewahren.Geißler: Die Gründung des Seminars. In: Otto Koch (Hrsg.): Festschrift zur Hundertjahrfeier des Freiherrlich von Fletcherschen Schullehrerseminars zu Dresden 1825–1925. Adam, Dresden 1925, S. 11. Einer der Administratoren war Graf Dohna auf Hermsdorf, der als geeigneten Ort für das Seminar sein Kirchdorf Lausa empfahl. Der Lausaer Pastor Samuel David Roller erarbeitete daraufhin zwei Gutachten zur Errichtung eines Lehrerseminars in Lausa, die auf Zustimmung der Administratoren stießen. Erst 1823 wurde der Plan verworfen, weil sich das Schulhaus in Lausa als zu klein erwiesen hatte und das Seminar zudem eine ständige Einrichtung werden sollte. Der Ausweichplan des Grafen Dohna, das Seminar in einem Gutshaus in Grünberg einzurichten, wurde wiederum vom Kirchenrat abgelehnt, der auf Dresden oder Leipzig als Gründungsort bestand. Die Administratoren wählten schließlich 1824 Dresden als Gründungsort, da es der Sitz der kirchlichen Oberbehörde und Wohnort der Administratoren war.
Sitz des Seminars wurde ein Gebäudetrakt auf der Freiberger Straße, der für 6.200 Taler von der Stiftung erworben wurde.Geißler: Die Gründung des Seminars. In: Otto Koch (Hrsg.): Festschrift zur Hundertjahrfeier des Freiherrlich von Fletcherschen Schullehrerseminars zu Dresden 1825–1925. Adam, Dresden 1925, S. 14. Das Gesamtkapital der Stiftung hatte sich zu der Zeit aufgrund von Zinsen bereits auf 58.000 Taler erhöht. Erster Leiter des Seminars wurde der Stadtgeistliche Magister Leonhardi, zu der Zeit Diakon an der Kreuzkirche. Einziger Lehrer des Seminars, das am 1. November 1825 mit neun Seminaristen eröffnet wurde, war Andreas Suschke (sorbisch Handrij Suška) aus Drehna, der zuvor das Dohna’sche Seminar in Uhyst geleitet hatte. Zum Seminar gehörte auch eine zweiklassige Freischule für arme Kinder, die kurz nach dem Seminar mit 49 Schülern eröffnet wurde.
Entwicklung des Seminars bis 1861 mini|Franz Ludwig Zahn, Direktor des Seminars von 1827 bis 1832 Das Seminar wuchs in den Jahren nach der Gründung langsam aber stetig. Im Jahr 1826 wurden zwölf Seminaristen unterrichtet, vier Jahre später waren es bereits 30. Im Jahr 1827 erhielt das Seminar mit Franz Ludwig Zahn einen neuen Leiter und neben Suschke auch einen zweiten fest angestellten Lehrer. Die Freischule wurde 1829 um eine zweiklassige Zahlschule erweitert. Mit den zusätzlichen Einnahmen wurden Lehrmittel gekauft und die Pädagogen bezahlt. Bereits 1832 legte man beide Schulen zu einer dreiklassigen zusammen. Von den 200 Schülern bezahlte die Hälfte Schulgeld. Erst ab 1843 wurden angesichts finanzieller Engpässe nur noch zahlende Schüler aufgenommen, wobei Jungen und Mädchen separat unterrichtet wurden.
Auch taubstumme Schüler wurden auf Betreiben Zahns ab 1827 in der Schule unterrichtet. Johann Friedrich Jencke, der seit 1825 Seminarist war, erhielt hier wesentliche Impulse für seine spätere Arbeit: Er übernahm zunächst Zahns Stunden. Im Jahr 1829 wurde innerhalb des Seminars eine eigene Taubstummenschule durch Direktor Zahn gegründet, deren Lehrer Jencke wurde. Im Jahr 1833 wurden 13 Taubstumme an der dem Seminar angegliederten Schule im Rechnen, Schreiben und Lesen unterrichtet, „welche Unterweisung gleichergestalt Uebungsschule für die Seminaristen ist.“Die Freischule des Fletcherschen Seminars. In: Mittheilungen des Statistischen Vereins für das Königreich Sachsen. Band 1. Vogel, Leipzig 1831, S. 30. Aus der „mit dem vom Fletscherschen Schullehrer-Seminar verbundene[n] Taubstummenschule“ wurde um 1833 die „Taubstummenanstalt zu Altstadt-Dresden“, wobei die Jahresberichte in ihrer Zählung an die der 1829 gegründeten Taubstummenschule anschließen.21. Annual report of the directors of the New York Institution for the instruction of the deaf and dumb … for the year 1839. Mahlon Day, New York 1840, S. 30–32. Leiter der Anstalt wurde Lehrer Jencke,Martin Bernhard Lindau: Geschichte der Haupt- und Residenzstadt Dresden. Band 2. Kunze, Dresden 1863, S. 682. der jedoch in einigen Quellen noch 1836 als Taubstummenlehrer des mit dem Schullehrerseminar verbundenen, unter dem Direktorat Steglichs stehenden Taubstummeninstituts bezeichnet wurde.Vgl. Das Fletchersche Schullehrer-Seminar und das damit verbundene Taubstummen-Institut. In: Sachsens Kirchen-Galerie. Band 1, Teil 19. Schmidt, Dresden, Mai 1836, o. S.
mini|links|Detlev von Einsiedel, Administrator und Mäzen des Seminars Hatten bis 1830 Fletcheraner das Seminar ohne festen Abschluss verlassen, wurden unter dem neuen Direktor Franz Ludwig Zahn nun geregelte Abschlussprüfungen eingeführt, die von der Seminarkommission um Oberhofprediger Christoph Ammon abgenommen wurden. Um die grundsätzliche Vorbildung zukünftiger Seminaristen zu gewährleisten, führte der Nachfolger Zahns, Direktor Friedrich August Wilhelm Steglich, 1847 eine Vorklasse ein.Diese Vorklasse wurde 1854 in eine Vorbereitungsschule umgewandelt. zit. nach: Uhlemann: Aus eigener Kraft. In: Otto Koch (Hrsg.): Festschrift zur Hundertjahrfeier des Freiherrlich von Fletcherschen Schullehrerseminars zu Dresden 1825–1925. Adam, Dresden 1925, S. 32. Sie wurde bereits im neuen Schul- und Seminargebäude auf der Freiberger Straße unterrichtet, das von Oberbaumeister Schlenkert entworfen und von 1846 bis 1847 unweit des Altbaus errichtet worden war. Wesentlichen Anteil an der Finanzierung dieser Baumaßnahmen hatte Detlev von Einsiedel, der dem Seminar von 1825 bis zu seinem Tod 1861 als erster Administrator vorstand und erhebliche Geldbeträge zu seinem Bestehen zur Verfügung stellte. Erst 1851 gab der sächsische Staat erstmals Zuschüsse zum Seminar, das sich bis dahin aus dem Stiftungskapital, dem Schulgeld und mäzenatischen Aufwendungen finanziert hatte.