Unter der Bezeichnung Kapp-Putsch in Thüringen werden hier Ereignisse zusammengefasst, die sich während und unmittelbar nach dem am 13. März 1920 in Berlin von konservativen und rechtsradikalen Gruppen unternommenen Staatsstreichversuch als direkte Folge und Rückwirkung ebendieser Vorgänge im Raum Thüringen entwickelten. Neben dem rheinisch-westfälischen Industrierevier (siehe dazu Ruhraufstand und Rote Ruhrarmee) war das politisch noch immer in verschiedene Einzelstaaten zersplitterte thüringische Gebiet die einzige Region des Deutschen Reiches, in der die während des Krieges und der Novemberrevolution kontinuierlich gewachsenen Spannungen zwischen bürgerlich-konservativem und sozialistischem Lager zu diesem Zeitpunkt in einer den lokalen Rahmen überschreitenden bürgerkriegsähnlichen Konfrontation eskalierten. Bei den Kämpfen bzw. den unmittelbar anschließenden, gegen die vielerorts mobilisierten Arbeiter gerichteten Repressivmaßnahmen kamen etwa 250 Menschen gewaltsam zu Tode, weitaus mehr wurden verletzt. Verlauf und Konstellation der Auseinandersetzungen prägten das innenpolitische Klima im gerade entstehenden Land Thüringen auf Jahre und können als frühe Weichenstellung hin zu Ordnungsbund und Baum-Frick-Regierung angesehen werden.
Hintergrund In den Einzelstaaten und preußischen Territorien Thüringens hatte die Reichsregierung bereits 1919 mehrfach mit Freikorps- und Reichswehrformationen eingegriffen, um die mitunter radikalen, durch die SPD nicht zu kontrollierenden Arbeiter- und Soldatenräte, die nach der Novemberrevolution in zentralen Städten und Gemeinden die lokale Politik dominierten, zu entmachten.Siehe Drabkin, Jakow S., Die Entstehung der Weimarer Republik, Berlin 1983, S. 129. Die thüringische Arbeiterbewegung zeichnete sich in dieser Phase vielerorts durch eine aktivistische, auf eine tatsächlich sozialistische Revolution drängende Tendenz aus.Exemplarische Angaben zu den Verhältnissen in Erfurt bei Gutsche, Willibald, Der Kapp-Putsch in Erfurt, Erfurt 1958, S. 38ff. Die bürgerliche Politik in der Region agierte parallel deutlich weniger kompromissbereit als anderswo; ihr kooperationswilliger, auf eine Einbindung der reformistischen Arbeiterbewegung in den Staat zielender Flügel war in Thüringen strukturell schwach. Streiks der Arbeiter wurden nicht selten mit bürgerlichen Gegenstreiks beantwortet;Siehe Bieber, Hans-Joachim, Bürgertum in der Revolution. Bürgerräte und Bürgerstreiks in Deutschland 1918-1920, Hamburg 1992, S. 212ff. vereinzelt wurden demonstrativ zur „Selbsthilfe“ geeignete bewaffnete Strukturen aufgebaut – in Erfurt etwa hatte sich seit dem Frühjahr 1919 mit behördlicher Ermunterung eine etwa 1000 Mann starke sogenannte Ordnungshilfe (zunächst als Freiwilligenkorps Thüringen bzw. Freiwilligenregiment von Wangenheim) formiert, die sich ausschließlich aus dem Besitz- und Bildungsbürgertum rekrutierte und neben Handfeuerwaffen bei Bedarf auch auf Maschinengewehre, leichte Artillerie und Panzerautomobile zugreifen konnte.Siehe Biereye, Johannes, Freikorps Thüringen, Einwohnerwehr, Ordnungshilfe Erfurt. Entstehung, Entwicklung und Betätigung (insbesondere beim Kapp-Putsch) zum Schutze der Stadt Erfurt und Thüringens vom Januar 1919 bis April 1920. Eine Schilderung der Erlebnisse zur Erinnerung an schwere und inhaltsreiche Tage, Erfurt 1935, passim. Eine im November 1919 in Gotha gebildete, von ehemaligen Offizieren geführte Sturmkompanie konnte 300 Bewaffnete mobilisieren.Siehe Matthiesen, Helge, Bürgertum und Nationalsozialismus in Thüringen. Das bürgerliche Gotha 1918 bis 1930, Jena 1994, S. 94.
Auch in Thüringen nahmen die militärischen und zivilen Befürworter des seit Beginn des Jahres 1920 von vielen Beobachtern erwarteten Rechtsputsches an, dass sich die bürgerlichen Parteien nach dem Beginn desselben rasch auf ein gemeinsames Programm und Vorgehen verständigen würden.Zu Vorbereitung und Kalkülen des Staatsstreichs siehe Könnemann, Erwin, Krusch, Hans-Joachim, Aktionseinheit contra Kapp-Putsch. Der Kapp-Putsch im März 1920 und der Kampf der deutschen Arbeiterklasse sowie anderer Werktätiger gegen die Errichtung der Militärdiktatur und für demokratische Verhältnisse, Berlin 1972, S. 44–88. Dabei überschätzten sie allerdings – wie sich zeigen sollte – die konzeptionelle Einheit und die politische Reichweite des bürgerlichen Lagers. Gleichzeitig unterschätzten sie die aktivistische Militanz und das Mobilisierungspotential der politischen Linken ganz erheblich. Besonders die USPD, in der seit dem Herbst 1919 der in Thüringen ohnehin starke revolutionäre linke Flügel deutlich an Einfluss gewann, hatte ihre organisatorische und politische Bedeutung fortlaufend ausbauen können;Nach Einschätzung von Curt Geyer, zu diesem Zeitpunkt ein führender Vertreter des linken Flügels der USPD, war „Thüringen (…) einer der Bezirke, in denen wir wirkliche Kampfkraft besaßen.“ Geyer, Curt, Die revolutionäre Illusion. Zur Geschichte des linken Flügels der USPD (hrsg. von Wolfgang Benz und Hermann Graml), Stuttgart 1976, S. 181. sie hatte zur Jahreswende 1919/20 in allen industriell bedeutenden Regionen Thüringens – mit der Ausnahme Altenburgs, wo die SPD ihre alten Positionen hatte bewahren können – entscheidenden Einfluss auf die jeweilige lokale Arbeiterbewegung.Siehe Gutsche, Kapp-Putsch, S. 42. Siehe auch Wheeler, Robert F., USPD und Internationale. Sozialistischer Internationalismus in der Zeit der Revolution, Frankfurt am Main-Berlin-Wien 1975, S. 144f. In den industriellen Zentren war die Lage angesichts des Ausbleibens der von der Regierung mehrfach versprochenen Sozialisierung (vgl. Sozialisierungskommission), der spürbar sinkenden Realeinkommen und der als Rückschritt empfundenen Regelungen des Anfang 1920 vom Reichstag beschlossenen neuen Betriebsrätegesetzes höchst gespannt.Siehe Krause, Hartfrid, USPD. Zur Geschichte der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Frankfurt am Main-Köln 1975, S. 140ff. Besonders ausgeprägt war das aktivistische Potential im Freistaat Gotha, wo die USPD bei der Landtagswahl vom 23. Februar 1919 zehn von neunzehn Mandaten errungen hatte.Siehe Dressel, Guido, Quellen zur Geschichte Thüringens. Wahlen und Abstimmungsergebnisse 1920-1995, Erfurt 1995, S. 15. Der hier bereits seit Monaten schwelende Konflikt zwischen den alten Eliten der Residenzstadt, die der USPD-Regierung mit hartnäckiger Obstruktion begegneten, und den vorwärtsdrängenden, zu einer „zweiten Revolution“ bereiten Arbeiterorganisationen machte Gotha in den kritischen Märztagen sofort zum Zentralort militanter Konfrontation in der Region.
Verlauf 13. März bis 17. März Die kommandierenden Offiziere der für Ostthüringen (Reichswehrbrigade 16, Weimar) sowie Mittel- und Westthüringen (Reichswehrbrigade 11, Kassel) zuständigen Reichswehrverbände stellten sich nach Bekanntwerden der Berliner Ereignisse mehr oder weniger offen auf die Seite der Kapp-Regierung. Der Befehlshaber in Weimar, Generalmajor Hagenberg, ließ am 13. März folgende „Bekanntmachung“ öffentlich anschlagen:
„Die bisherige Reichsregierung ist zurückgetreten. Die Weisungen der jetzigen Reichsregierung müssen im Interesse der Ordnung unbedingt befolgt werden. Ich werde als militärischer Befehlshaber im Gebiete der Reichswehrbrigade 16 (…) gegen alle Versuche, die Ruhe und Sicherheit zu stören und Streiks anzuzetteln, rücksichtslos einschreiten.“Als Faksimile abgedruckt bei Könnemann, Krusch, Kapp-Putsch, S. 106.
Im Zuständigkeitsbereich der Brigade 11 wurde der verschärfte Ausnahmezustand verhängt, die gesamte linke Presse wurde verboten, Streiks und öffentliche Ansammlungen wurden untersagt.Siehe Könnemann, Erwin, Schulze, Gerhard (Hrsg.), Der Kapp-Lüttwitz-Ludendorff-Putsch. Dokumente, München 2002, S. 736, Fußnote 2. Die weiterhin erscheinenden bürgerlichen Zeitungen druckten die Verlautbarungen der Kapp-Regierung ab,Siehe Raßloff, Steffen, Flucht in die nationale Volksgemeinschaft. Das Erfurter Bürgertum zwischen Kaiserreich und NS-Diktatur, Köln-Weimar-Wien 2003, S. 199. die rechtsgerichteten Einwohnerwehren wurden mobilisiert und, wo nötig und möglich, aus Reichswehrbeständen bewaffnet.
Am 14. März erklärte Hagenberg die linken Landesregierungen in Sachsen-Weimar-Eisenach, Sachsen-Altenburg und Reuß für abgesetzt und ließ erste Verhaftungen vornehmen; in Weimar setzte er den der DNVP angehörenden Rechtsanwalt Hermann Jöck, in Gera den Vorsitzenden der örtlichen DVP Ebersbach als neuen Regierungschef ein.Siehe Könnemann, Schulze, Dokumente, S. 739, 744. Siehe auch Könnemann, Krusch, Kapp-Putsch, S. 106f. Am frühen Morgen dieses Tages hatte der Befehlshaber der Erfurter Garnison, von Selle, Gotha handstreichartig besetzen lassen, um mit der USPD-Regierung des Freistaats in ebendieser Weise zu verfahren.Siehe Könnemann, Krusch, Kapp-Putsch, S. 106. Gleichentags rückte eine Abteilung der Meininger Garnison zur Verstärkung der Einwohnerwehren im Raum Suhl/Zella-Mehlis aus.Siehe Könnemann, Krusch, Kapp-Putsch, S. 210f.
Der offenkundige Ansatz der regionalen Reichswehrführung – den von Kapp gewünschten Ausnahmezustand durchzusetzen und im Übrigen den Verlauf der Ereignisse in Berlin und im Rest des Reiches abzuwarten – wurde jedoch innerhalb eines Tages durch das Vorgehen der linken Parteien und der Gewerkschaften (ADGB) durchkreuzt. Der Streikaufruf der Regierung Bauer war hierfür allerdings weitgehend bedeutungslos, da die Gegenmaßnahmen auf lokale Initiative hin sofort vollumfänglich einsetzten und programmatisch weit über die Zwecksetzung der Reichsregierung hinausgingen. Nahezu überall – auch in Hochburgen der SPD wie Altenburg – wurden als Minimalziele des Generalstreiks die Rücknahme des Betriebsrätegesetzes, die Demokratisierung der Verwaltung, die Auflösung der Reichswehr und die sofortige Durchführung der Sozialisierung der Grundstoffindustrien genannt.Siehe Könnemann, Schulze, Dokumente, S. 748, 760f., 763f. Vielerorts ging man wesentlich weiter: in Jena etwa forderten die Betriebsobleute die Arbeiter am 13. März auf, „alle Kräfte einzusetzen für die Durchführung der proletarischen Diktatur als einzigen Weg zum Sozialismus“.Zitiert nach Könnemann, Schulze, Dokumente, S. 737. Der Aktionsausschuss für Greiz und Umgebung wandte sich im gleichen Sinne mit folgendem Aufruf an die Öffentlichkeit:
„Wir rufen das Volk nicht auf zum Schutze der demokratischen Reichsverfassung, die eine Verfassung des Kapitalismus ist, und auch nicht zum Schutze der ordnungsgemäßen Reichsregierung, die durch ihre antirevolutionäre Politik der Gegenrevolution zum Siege verholfen hat. (…) Wir rufen das Volk auf, nicht für eine zweite Auflage Noske, nicht für eine kapitalistische Verfassung, sondern für den Sozialismus zu kämpfen.“Zitiert nach Könnemann, Schulze, Dokumente, S. 737, Fußnote 2.
In Gotha setzte der Generalstreik bereits am Vormittag des 13. März ein. Arbeiter der Waggonfabrik stürmten die Fliegerwerft und verbrachten die dort vorgefundenen 500 Gewehre in das Volkshaus zum Mohren, wo sich ein „Vollzugsrat“ aus der USPD und der KPD angehörenden Betriebsräten konstituierte.Siehe Könnemann, Krusch, Kapp-Putsch, S. 102. Siehe auch Matthiesen, Bürgertum, S. 95f. Derselbe veröffentlichte folgenden Aufruf:
„In Berlin haben die Generäle Lüttwitz und Konsorten die Militärdiktatur aufgerichtet. Das bedeutet den weißen Schrecken Ungarns auf Deutschland verpflanzt! (…) Wahrlich, nicht den Ebert, Bauer und Genossen zuliebe appellieren wir an die schon mehrfach bewiesene Kraft des Gothaer Proletariats in Stadt und Land. Es gilt, dem Sozialismus durch die völlige Niederwerfung der Reaktion endlich, endlich die Bahn frei zu machen! Auf dem Boden des revolutionären Rätesystems sammeln wir jetzt unsere ganze Kraft. (…) Genossen! Mitbürger! Es geht ums Ganze! Es lebe die Revolution! Hoch der Sozialismus!“Zitiert nach Könnemann, Schulze, Dokumente, S. 738.