mini|Selbstbildnis August Kestners um 1840, Niedersächsisches Landesmuseum Hannover (KM 182) Georg August Christian Kestner (* 28. November 1777 in Hannover; † 5. März 1853 in Rom) war ein deutscher Jurist, Diplomat, Archäologe, Zeichner und Kunstsammler.
Leben Herkunft und Jugend Georg August Christian Kestner wurde als viertes Kind des Hannoverschen Juristen und Hofrats Johann Christian Kestner und seiner Ehefrau Charlotte Sophie Kestner, geb. Buff, in Hannover geboren.Über Augusts Kindheit und Jugend ist nicht viel bekannt; Zusammenfassung und Auswertung der Informationen und Archivalien der frühen Lebensjahre bei Anna Wendland, Beiträge zu August Kestners Lebensgeschichte (1). In: Hannoversche Geschichtsblätter 14, 1911, S. 96–136; Anna Wendland, Beiträge zu August Kestners Lebensgeschichte (2). In: Hannoversche Geschichtsblätter 17, 1914, S. 327–399; Anna Wendland, Beiträge zu August Kestners Lebensgeschichte (3); (4). In: Hannoversche Geschichtsblätter 20, 1916, S. 1–101; 113–205. August wuchs mit 11 Geschwistern auf, von denen die elf Jahre jüngere Schwester Charlotte (1788–1877) ihm am nächsten stand.
Johann Christian Kestner lernte während seiner Tätigkeit am Reichskammergericht in Wetzlar (1767–1773) die junge Charlotte Buff kennen, mit der er nach der Heirat nach Hannover ging (1773). Hier bekleidete Johann Christian Kestner die Stelle eines Vizearchivars und wurde später königlich großbritannisch-hannoverscher Hofrat. Auf die Wetzlarer Zeit geht eine enge Freundschaft der Familie Kestner mit Johann Wolfgang von Goethe zurück. Kestner und Goethe hatten sich während ihrer gemeinsamen Tätigkeit am Reichskammergericht in Wetzlar kennen gelernt. Aufgrund der als unglücklich zu bezeichnenden Liebe Goethes zu Charlotte Buff – sie war bereits mit Johann Christian Kestner verlobt – wurde sie zum Vorbild für das Lottchen in Goethes berühmtem Briefroman Die Leiden des jungen Werthers.
Die Familie Kestner gehörte im 18. und 19. Jahrhundert zu den sogenannten hübschen Familien im Kurfürstentum Braunschweig-Lüneburg.Klaus Mlynek: Hübsche Familien. In: Klaus Mlynek, Waldemar R. Röhrbein (Hrsg.) u. a.: Stadtlexikon Hannover. Von den Anfängen bis in die Gegenwart. Schlütersche, Hannover 2009, ISBN 978-3-89993-662-9, S. 310. Als Mitglieder der bürgerlichen Oberschicht Hannovers bekleideten sie in der Regel Positionen Geheimer Staatssekretäre.
Studium, Ausbildung, Berufstätigkeit Nachdem August Kestner durch Privatlehrer zu Hause ausgebildet worden war, studierte er in den Jahren 1796 bis 1799 an der Universität Göttingen Jura. Geprägt durch seine Erziehung und den allgemeinen Zeitgeist hörte er neben dem Studium der Rechtswissenschaften Vorlesungen in den Fächern KunstgeschichteZu seinen Lehrern gehörte u. a. der Kunsthistoriker Johann Dominik Fiorillo (1748–1821) und Philosophie.
August Kestner nahm Musikunterricht bei dem Göttinger Musikdirektor Johann Nikolaus Forkel. Sein Interesse an Musik drückte sich auch im Sammeln von Volksliedertexten und Melodien gemeinsam mit Wilhelm Blumenbach aus.Otto Mejer: Der römische Kestner. Georg August Christian Kestner 1777–1853, Deutsche Bücherei, Bd. 28, Breslau 1883, S. 9Marie Jorns: August Kestner und seine Zeit. Das glückliche Leben des Diplomaten, Kunstsammlers und Mäzens in Hannover und Rom. Aus Briefen und Tagebüchern zusammengestellt, Hannover 1964, S. 9 u. S. 47. Zeugnisse seiner musikalischen Ambitionen sind eine Vielzahl von Vertonungen (Lieder für Singstimme und Klavierbegleitung) von Goethe- und Hölty-Gedichten.Zusammen mit vergleichbaren Kompositionen Hermann Kestners Eichendorff- und Heine-Gedichten wurden Teile davon erstmals anlässlich des 170. Todestages von Charlotte Kestner, geb. Buff (16. Januar 1828) sowie des 250. Geburtstages Johann Wolfgang von Goethes (28. August 1749) unter dem Titel Soiree für Werthers Lotte auf CD eingespielt.
Nach Abschluss des Studiums 1799 begann er seine Laufbahn als Jurist. Stationen seiner Tätigkeit waren das Amt des Vernehmungsrichters (Auditor) am Hofgericht in Hannover (bis 1801), ein Praktikum am Reichskammergericht in Wetzlar (1802) sowie Anstellungen als Geheimer Kanzleisekretär im Staatsdienst in hannoverschen, französischen und preußischen Diensten (1803–1806). Mit der Angliederung Hannovers an das Königreich Westphalen durch Napoleon (1810) war August Kestners Tätigkeit als Sekretär der Geheimen Kanzlei beendet, er schied aus dem öffentlichen Dienst aus. Die Tätigkeit als Notar des hannoverschen Landcantons in LindenMarie Jorns: August Kestner und seine Zeit. Das glückliche Leben des Diplomaten, Kunstsammlers und Mäzens in Hannover und Rom. Aus Briefen und Tagebüchern zusammengestellt. Hannover 1964, S. 82 und sein Kampf (ab 1816) in den Freiheitskriegen1813 trat August Kestner in das vom Misburger Forstmeister Carl von Beaulieu-Marconnay gegründete freiwillige Jägercorps Harzer Schützen ein, um in den Freiheitskriegen für die Befreiung Deutschlands zu kämpfen. Ob August Kestner allerdings tatsächlich in die eigentlichen Kämpfe einbezogen war, ist aufgrund seines stets labilen Gesundheitszustandes eher zweifelhaft; Otto Mejer: Der römische Kestner. Georg August Christian Kestner 1777–1853. Deutsche Bücherei, Bd. 28, Breslau 1883, S. 18. führten ihn in seinen eigentlichen Beruf zurück. Nach Wiedereinrichtung der Geheimen Kanzlei im November 1813 erhielt er seinen alten Posten als Geheimer Kanzleisekretär zurück und wurde zum Kanzleirat ernannt. In dieser Position machte er in den Jahren 1818 bis 1849 in Rom Karriere.
Erster Italienaufenthalt mini|hochkant|August Kestner um 1810 1808 bis 1809 unternahm August Kestner aufgrund seiner angeschlagenen Gesundheit eine als Erholungsaufenthalt geplante Reise nach Italien,Otto Mejer: Der römische Kestner. Georg August Christian Kestner 1777–1853, Deutsche Bücherei, Bd. 28, Breslau 1883, S. 11; Marie Jorns, August Kestner und seine Zeit. Das glückliche Leben des Diplomaten, Kunstsammlers und Mäzens in Hannover und Rom. Aus Briefen und Tagebüchern zusammengestellt, Hannover 1964, S. 41 ff. die sich in ihrem Verlauf zunehmend zu einer Grand Tour entwickelte. Rom, Pompeji und Neapel, aber auch Mailand und Florenz waren seine Reiseziele. Bereits zu dieser Zeit knüpfte Kestner enge Kontakte zu in Rom lebenden deutschen Künstlern (Deutschrömer): Franz Riepenhausen, Johannes Riepenhausen, Friedrich Overbeck, Joseph Anton Koch, Christian Daniel Rauch und Bertel Thorvaldsen.
Der Diplomat Konkordatsverhandlungen Mit der auf dem Wiener Kongress (1814/15) beschlossenen Erhebung vom Kurfürstentum zum Königreich wurde Hannover um erhebliche Gebiete erweitert. Im Wesentlichen handelte es sich dabei um katholische Landesteile, die Bistümer Osnabrück und Hildesheim. Die Neuordnung der katholischen Kirche bzw. der kirchlichen Verhältnisse im Königreich Hannover, für die das päpstliche Einverständnis notwendig war, lag im Interesse des Staates.Hans-Georg Aschoff: Das Verhältnis von Staat und katholischer Kirche im Königreich Hannover (1813–1866). Quellen und Darstellungen zur Geschichte Niedersachsens, Bd. 86. Lax, Hildesheim 1976. Im März 1817 erreichte eine Legation Rom, in der auf Antrag des hannoverschen Ministeriums und durch Genehmigung des Prinzregenten in London auch August Kestner als Legationssekretär mitreiste. So führte Hannover seit 1817 unter der Leitung Friedrich von Omptedas als erster protestantischer Staat des Deutschen Bundes Verhandlungen mit der Kurie. Kestners Aufgabe war die Korrespondenz mit London und Hannover sowie regelmäßige Berichterstattung zum Fortgang der Verhandlungen. Kestner selbst hatte einen nicht geringen Anteil an diesen Verhandlungen und gerade in der Endphase spielte er eine zunehmend wichtige Rolle.
Die Verhandlungen über ein Konkordat verzögerten sich durch prinzipiell unterschiedliche Standpunkte von Kurie und hannoverscher Regierung. Erst nach dem Tod von Friedrich von Ompteda konnte dessen Nachfolger, Franz von Reden, ab 1821 den Verhandlungen neuen Schwung verleihen. Man verständigte sich schließlich lediglich auf die Regelung der äußeren kirchlichen Verhältnisse. Das Ergebnis war die so genannte Zirkumskriptionsbulle (Impensa Romanorum Pontificum), die am 26. März 1824 verabschiedet wurde.Hans-Georg Aschoff, Das Bistum Hildesheim zwischen Säkularisation und Neuumschreibung – Ein Beitrag zum 175. Jubiläum der Zirkumskriptionsbulle „Impensa Romanorum Pontificum“. In: Die Diözese Hildesheim in Vergangenheit und Gegenwart, Bd. 67, 1999, S. 193–246.
Zweiter Italienaufenthalt – Als Hannoverscher Gesandter in Rom August Kestners zweiter Romaufenthalt umfasst seine Tätigkeit unter anderem als königlich-hannoverscher Geschäftsträger und Gesandter beim Heiligen Stuhl in Rom und dem sizilianischen Hof in Neapel. Damit vertrat er zugleich hannoversche und britischen Interessen, da zu dieser Zeit eine Personalunion zwischen Großbritannien und Hannover bestand und das Vereinigte Königreich seit 1534 keine diplomatischen Beziehungen mit dem Heiligen Stuhl unterhielt. Kestner wird insofern als erster Botschafter des Vereinigten Königreiches beim Heiligen Stuhl bezeichnet. Historisch betrachtet fiel der Aufenthalt die Epoche der Restauration und des Vormärzes, die mit der Rückkehr von Papst Pius VII. aus der französischen Gefangenschaft (1814) und der Wiederherstellung der gesellschaftlichen und politischen Zustände der vornapoleonischen Zeit begann. Ihr Ende ist mit dem Ausbruch der Revolution von 1848/49 gleichzusetzen, in deren Verlauf in Rom die Republik ausgerufen und Papst Pius IX. zur Flucht ins neapolitanische Gaeta gezwungen wurde.
Die Delegation, die zuvor erfolgreich mit dem Papst verhandelt hatte, wurde 1824 in eine offizielle Gesandtschaft umgewandelt, die August Kestner nun als Legationsrat vertrat. 1849 wird Kestner aus dem diplomatischen Dienst in die Pension entlassen,Der Epigraphiker Wilhelm Henzen, Mitglied des Instituto, kommentiert in seinem Briefwechsel mit dem Archäologen Eduard Gerhard Kestners bevorstehende (Brief vom 28. März 1849) und ausgesprochene Pensionierung; vgl. auch Brief vom 27. Juli 1849: „(…) Kestner ist als ‚Schlachtopfer der Revolution’ mit 2500 rt Pension zunächst zum Besuch nach Deutschland gegangen. Von seinem Sekretär höre ich, dass man ihn mit Sterbini und Canina, den Opfern der Revolution, auf der Höhe von Livorno gesehen. Er lamentiert fürchterlich über so schmähliche Behandlung nach so großen Verdiensten“, zitiert nach Hans-Georg Kolbe (Hrsg.), Wilhelm Henzen und das Institut auf dem Kapitol. Aus Henzens Briefen an Eduard Gerhard. Das Deutsche Archäologische Institut – Geschichte und Dokumente, Bd. 5, Mainz 1984, S. 48–49. bleibt aber bis zu seinem Tod in Rom ansässig.
Kunstwissenschaftler, Archäologe und Sammler