Viktor Pestek (* 18. April 1924 in Oberscheroutz bei Czernowitz; † 8. Oktober 1944Geburtsdatum und -ort sowie Sterbedatum nach Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 312 in Międzybrodzie Bialskie) war ein SS-Unterscharführer, der in KZ Auschwitz-Birkenau als Wachmann eingesetzt war, nach verschiedenen Zeugenaussagen einem jüdischen Gefangenen von dort zur Flucht verhalf, bei weiteren Fluchthilfeversuchen gefasst und hingerichtet wurde.
Herkunft Pesteks Vater war laut Hermann Langbein ein deutschsprachiger Schmied in der Bukowina und besaß eine kleine Landwirtschaft. Viktor Pestek soll den Beruf des Vaters erlernt und katholisch erzogen worden sein.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz, Ullstein, München und Frankfurt am Main, 1980, S. 494.
Dienst in der SS Pestek soll aus Abenteuerlust der SS beigetreten sein. Er wurde an der Ostfront eingesetzt. Dort soll er bei einem befohlenen Massaker an Dorfbewohnern, angeblich Partisanen, verletzt worden sein. Bis zur Bergung durch die SS am folgenden Tag habe er in einer Scheune des Dorfes ausharren müssen. Russen hätten ihm geholfen und ihn mit Wasser versorgt. Dies habe seinen katholischen Glauben erneut geweckt. Nach seiner Genesung sei er als frontuntauglich eingestuft und im KZ Auschwitz zum Wachdienst eingesetzt worden.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, München und Frankfurt am Main 1980, S. 494 f.
Fluchtaktionen Pestek soll sich in die jüdische Gefangene Renée Neumanová (Neumann) verliebt und ihr einen Posten als Blockschreiberin verschafft haben.ghetto-theresienstadt.de: Victor Pestek Daraufhin habe er ihr und anderen Häftlingen zur Flucht verhelfen wollen. Anzeichen, dass sie seine Zuneigung erwiderte, sind nicht überliefert. Pläne, sie als SS-Frau zu verkleiden, und eine Flucht ohne ihre Mutter lehnte sie ab.Alan J. Levine: Captivity, Flight, and Survival in World War II. Frederick Praeger Verlag, 2000, ISBN 978-0-275-96955-4, S. 216
Häftlinge hätten Pestek in internen Gesprächen als anständig und human bezeichnet. Er soll seine Fluchtpläne mit den Gefangenen Rudolf Vrba und Alfréd Wetzler besprochen haben.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz, München und Frankfurt a. M., 1980, S. 495. Diese hätten seine Vorschläge allerdings als zu riskant abgelehnt, nachdem im Frühjahr 1944 ähnliche Fluchtpläne anderer Häftlinge durch Verrat der SS-Gesprächspartner, die dafür Belohnungen erhielten, aufgedeckt und die Fluchtwilligen exekutiert worden waren. Pestek sei dann an den früheren tschechischen Armeeoffizier und Blockältesten Vitězslav Ledererauch: Vítězslav Lederer, siehe Artikel in der tschechischen Wikipedia :cs:Vítězslav Lederer, auch: Siegfried Lederer, siehe Randolph L. Braham: The politics of genocide. The Holocaust in Hungary, Columbia University Press, New York 1981, ISBN 0-231-05208-1, S. 709 herangetreten. Dieser habe ihm als Gegenleistung für gelungene Flucht Hilfe beim Untertauchen in Böhmen versprochen. Pestek habe, so vermutet die Historikerin Ruth Linn, sich dadurch Vorteile für die Nachkriegszeit erhofft, nachdem die Rote Armee im März 1944 seine bukowinische Heimat besetzt hatte. Am 5. April 1944 floh er dann, nachdem er eine SS-Uniform und Urlaubspapiere zur Tarnung besorgt und seine SS-Kameraden betrunken gemacht hatte,Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz, Ullstein, München und Frankfurt a. M., 1980, S. 498 mit einem Zug nach Prag. In Prag und später in Pilsen wurden sie von Bekannten Lederers versteckt.Ruth Linn: Escaping Auschwitz / A culture of forgetting, Cornell University Press, 2004, S. 15.
Über die Flucht sagte Lederer später aus:
Nun planten Pestek und Lederer, weitere Gefangene zu befreien. Dazu ließen sie Dokumente fälschen, welche Pestek als SS-Führer auswiesen und ihn ermächtigten, drei Gefangene zwecks eines Verhörs aus Auschwitz abzuholen. Am 23. Mai fuhren Pestek und Lederer in SS-Uniformen nach Auschwitz. Schon am Bahnhof sei Pestek von SS-Angehörigen erkannt und verhaftet worden; Lederer habe fliehen können.Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz, 1980, S. 498. Er wurde zunächst im Stammlager des KZ Auschwitz im Bunker des Blocks 11 festgehalten und unter Misshandlungen vernommen.Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon, Frankfurt am Main 2013, S. 312
Verurteilung und Hinrichtung Nach Aussage von Wilhelm Boger im ersten Frankfurter Auschwitzprozess 1963 wurde Pestek wegen Häftlingsbegünstigung und Fahnenflucht verurteilt und durch Erschießen hingerichtet:
Literatur Hermann Langbein: Menschen in Auschwitz. Ullstein, München und Frankfurt am Main 1980, S. 494–501. Erich Kulka: Escape from Auschwitz. Bergin & Garvey Publishers, 1986, ISBN 0-89789-088-4. Ernst Klee: Auschwitz. Täter, Gehilfen und Opfer und was aus ihnen wurde. Ein Personenlexikon. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-039333-3. Henryk Świebocki: Fluchten unter Mithilfe von SS-Angehörigen. In: Wacław Długoborski, Franciszek Piper (Hrsg.): Auschwitz 1940–1945. Studien zur Geschichte des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. III. Band Widerstand. Verlag Staatliches Museum Auschwitz-Birkenau, Oswiecim 1999, ISBN 83-85047-76-X, S. 275 f. Alan J. Levine: Captivity, Flight, and Survival in World War II. Frederick Praeger, Westport / London 2000, ISBN 978-0-275-96955-4, S. 215–225. Ruth Linn: Escaping Auschwitz / A culture of forgetting. Cornell University Press, Ithaca / London 2004, S. 15 f.
Weblinks www.ghetto-theresienstadt.de: Viktor Pestek Vitezslav Lederer
Einzelnachweise
Kategorie:Personal im KZ Auschwitz Kategorie:Angehöriger der Waffen-SS Kategorie:Opfer der NS-Militärjustiz Kategorie:Fluchthelfer für NS-Verfolgte Kategorie:Hingerichtete Person (NS-Opfer) Kategorie:Deutscher Kategorie:Rumäne Kategorie:Geboren 1924 Kategorie:Gestorben 1944 Kategorie:Mann