Der sogenannte Kalliasfrieden bedeutete nach antiken Quellenangaben das vorläufige Ende der Perserkriege für Griechenland im 5. Jahrhundert v. Chr. Er soll 449/448 v. Chr. von dem Athener Kallias zwischen dem Attisch-Delischen Seebund und dem Perserreich unter Großkönig Artaxerxes I. ausgehandelt worden sein. Allerdings bestehen erhebliche Zweifel an der Historizität dieses Ereignisses. Die ältere Lehrmeinung, welche den Friedensschluss als historische Tatsache betrachtet, wird in den letzten Jahrzehnten durch eine eingehend begründete Gegenthese in Zweifel gezogen.
Verlauf des Konflikts
Die zehnjährige Ruhe
Während der zehnjährigen Kampfpause nach dem Sieg der Griechen über die Perser bei Marathon im Jahre 490 entstand unter Themistokles in Athen die größte Flotte der griechischen Staaten. Mit über einhundert Kriegsschiffen sollte so der persischen Bedrohung zur See begegnet werden, da der unterlegene Großkönig Dareios I. nach der Niederlage von Marathon zu einem erneuten Zug gegen die Griechen rüstete. Doch der Tod des Perserkönigs und die Unternehmungen seines Nachfolgers Xerxes I. zu Sicherung und Ausbau der neugewonnenen Macht verschafften Griechenland vorerst Ruhe. Nachdem es Xerxes allerdings gelungen war, seine Macht im Inneren zu festigen, rüstete er zu Feldzügen in Feindesland, um aus dem Schatten seiner Vorgänger in eigener Machtfülle hervorzutreten. Im Herbst des Jahres 481 waren die Vorbereitungen zu einem erneuten Waffengang gegen die griechischen Poleis abgeschlossen.
Zunächst versuchte Xerxes, seine gewaltige Streitmacht als Druckmittel gegen die Stadtstaaten einzusetzen und diese auf dem Wege massiver Drohungen in die Knie zu zwingen. Tatsächlich ergaben sich einige kleinere Staaten kampflos. Mittlere Staaten wie etwa Argos suchten ihr Heil in der Neutralität, Athen und Sparta hingegen gaben ihrerseits klar zu verstehen, was sie von einer kampflosen Kapitulation hielten, indem sie die persischen Gesandten, die sie zur Aufgabe drängten, hinrichteten. Auf Drängen Athens und unter spartanischer Führung schlossen sich noch im Jahre 481 ganze dreißig griechische Staaten zu einem gemeinsamen Schutz- und Trutzbündnis gegen die Perser zusammen. Vorherrschende Streitigkeiten zwischen einzelnen Poleis wurden unter dem Druck des Bündnisses im Angesicht des gemeinsamen Feindes vorerst beigelegt.
Die Invasion des Xerxes
Mitte des Jahres 480 setzte Xerxes’ Streitmacht auf zwei Schiffbrücken über den Hellespont und marschierte in Richtung des Thermopylenpasses, auf dem sich der Spartanerkönig Leonidas I. mit wenigen Tausend Mann verschanzt hatte. Dorthin hatten sich die Griechen zurückgezogen, weil dieser einzige von Norden aus zugängliche Pass nach Griechenland mit geringem Aufwand an Mensch und Material gehalten werden konnte. Mehrere Angriffe der Perser auf den Pass scheiterten. Mit Hilfe Einheimischer gelang es Xerxes, den engen Pass zu umgehen und so das Hauptheer der Verteidiger in ernste Gefahr zu bringen. Mit seinen Kriegern – der Legende nach dreihundert an der Zahl – konnte Leonidas den Feind in einer Abwehrschlacht dennoch so lange aufhalten, bis es den verbündeten Truppen glückte, dieser Gefahr zu entkommen. König Leonidas und seine Mannen gingen als Helden in die Geschichte ein.
Zeitgleich mit dem taktischen Rückzug des griechischen Landheeres blockierten die alliierten Seestreitkräfte den Zugang vor Euböa am Kap Artemision, um eine Landung der Perser im Rücken der eigenen Truppen zu vereiteln. Dieser geplante und für die Griechen misslungene persische Zangenangriff und die Tatsache, dass die Perser durch einen Sturm zahlreiche vor der Küste ankernde Schiffe verloren, bildete einen Hoffnungsschimmer für Griechenland, der eine Niederlage im letzten Augenblick abwendete.
Doch mit dem Fall der Stellung an den Thermopylen stand den Persern Mittelgriechenland offen. Xerxes marschierte nun gegen Athen. Auf seinem Weg dorthin wurden zahlreiche Städte von den Eindringlingen verwüstet. Wer jedoch zum Feind überlief, wie etwa Theben und Delphi, konnte auf Gnade und Schonung hoffen. Im zerstörten und menschenleeren Athen schlug Xerxes nun sein Hauptquartier auf und traf Vorbereitungen für das weitere Vorgehen gegen die Athener, welche sich im Sund der Insel Salamis zur Entscheidungsschlacht rüsteten. An den Gestaden von Salamis ließ sich Xerxes einen Thron errichten, um von dort aus dem Untergang der griechischen Flotte beizuwohnen.
Der Untergang der persischen Flotte
Mit etwa dreihundert wendigen Trieren warfen sich die Griechen der persischen Flotte entgegen und hatten im engen Sund ein leichtes Spiel mit den schwerfälligen Schiffen der Perser, die sich gegenseitig behinderten und damit manövrierunfähig wurden. Nach zwölf Stunden musste Xerxes erkennen, dass seine einst stolze Flotte von den kleinen griechischen Schiffen vernichtend geschlagen worden war und er seinen Feldzug vorerst beenden musste. Der Rest seiner Seestreitkräfte zog sich nach Asien zurück, das persische Landheer setzte sich nach Thessalien ab, wo es überwinterte. Xerxes kehrte in seine kleinasiatische Satrapenresidenz Sardes zurück. Für Griechenland war die persische Gefahr dennoch nicht gebannt.
Die Wende bei Plataiai und Mykale
Im Winter des Jahres 480 startete der persische Oberkommandierende des Heeres, Mardonios, eine diplomatische Offensive gegen die Griechen. Er hoffte, die griechische Allianz mit Hilfe eines Separatfriedens für Athen aufbrechen zu können. Doch Athen durchschaute diesen Versuch, einen Keil zwischen die Verbündeten zu treiben und lehnte ab. Als dann auch noch im Folgejahr Mardonios mit der erneuten Besetzung des inzwischen wieder bevölkerten Athen seine wahren Absichten zeigte, sammelten die Athener ihre Truppen und rückten, angeführt von dem Spartaner Pausanias, gegen Plataiai, wohin sich die Perser zurückgezogen hatten, in gleichwertiger Truppenstärke mit dreißig- bis vierzigtausend entschlossenen Soldaten vor.
Nach einigen Gefechten gelang es den verbündeten griechischen Truppen, die Oberhand zu gewinnen und den Persern eine schwere Niederlage beizubringen, was diese dazu veranlasste, Griechenland vorerst zu räumen. Die bei Mykale an Land in Sicherheit gebrachte persische Flotte wurde ebenfalls von griechischen Truppen angegriffen und zerstört. Daraufhin erhoben sich nun auch die ionischen Stadtstaaten gegen die Herrschaft der Perser und schlossen sich der griechischen Allianz an.
Der attisch-delische Seebund
Xerxes musste bis zu seiner Ermordung im Jahre 465 auf seinen Traum von einem persischen Großreich, dessen Herrschaftsbereich sich auch auf Kleinasien erstreckte, verzichten und war auch nicht in der Lage, einen nennenswerten Vorstoß auf die Küste Kleinasiens zu unternehmen. Maßgeblich an der Verhinderung einer weiteren persischen Großoffensive gegen Griechenland wirkte sich der 478 ins Leben gerufene attisch-delische Seebund aus, dem es gelang, unter athenischer Führung bis zum Jahre 476 mit dem Fall Sions den letzten persischen Stützpunkt an der makedonischen Küste zu beseitigen. Erst um das Jahr 469 glückte es einem großen persischen Heeresaufgebot, in Zypern einzufallen und von dort aus weitere Vorstöße Richtung Griechenland zu unternehmen. Doch auch dieser Versuch, Kleinasien unter persische Kontrolle zu bringen, scheiterte am erbitterten Widerstand des Seebundes. In der Schlacht an der Mündung des Eurymedon besiegte Kimon mit seiner Flotte die Perser erneut und zwang den Feind zum Rückzug.
Was nach der Schlacht am Eurymedon tatsächlich geschehen ist, ist in der Forschung umstritten. Einig ist man sich nur in einem Punkt, nämlich dass bei Salamis Themistokles den Griechen die Freiheit erkämpfte, am Eurymedon Kimon Athen zu einer Großmacht werden ließ.
Letzte Kampfhandlungen
Athen schloss nach Kimons Rückkehr aus dem Exil einen fünfjährigen Waffenstillstand mit Sparta und wandte sich wieder verstärkt dem alten Erzfeind Persien zu. Um das Jahr 450 wurden 200 eigene und verbündete Schiffe nach Zypern entsandt, von denen 60 auf ein Hilfegesuch von Pharao Amyrtaios nach Ägypten fuhren. Dort, beim zyprischen Salamis, errangen die Athener einen Sieg über die Perser, konnten aber im weiteren Verlauf der Auseinandersetzung keine nennenswerten Vorteile erzielen. Auf Zypern belagerten die restlichen Schiffe die Stadt Kition, mussten aber unverrichteter Dinge wieder abziehen, da der Feldherr verstarb und obendrein eine Hungersnot ausgebrochen war. Bei der Rückkehr kam es zu einer Land- und Seeschlacht auf der Höhe des zyprischen Salamis. Beide Male wurden die verbündeten Phönizier, Zyprer und Kilikier von den Athenern geschlagen.
Beendigung des Konflikts
Nach der umstrittenen herkömmlichen Auswertung der Quellenaussagen ergibt sich für das Ende des Konflikts folgendes Bild: 449 oder 448 soll ein Treffen zwischen einer athenischen Gesandtschaft unter der Leitung des Kallias und dem Perserkönig bzw. seinem Satrapen stattgefunden haben, welches zu einem Abkommen führte. Als Bestimmungen werden genannt: Den kleinasiatischen Griechenstädten wurde Autonomie zugesichert. Den persischen Truppen wurde untersagt, sich bis auf drei Tagesmärsche der griechischen Küste zu nähern. Für persische Schiffe wurde in der Ägäis eine Sperrzone festgelegt, in die sie nicht vordringen durften. Athen verpflichtete sich, den Besitzstand des Perserreichs zu respektieren.
Quellen
Ausgangspunkt der modernen Kontroverse ist die Unzuverlässigkeit und Widersprüchlichkeit mancher Behauptungen der Quellen sowie auch der Umstand, dass ein Teil der Quellen den Friedensschluss verschweigt oder gar bestreitet.
Platon
Die mutmaßlich früheste Erwähnung eines Friedensschlusses zwischen Griechen und Persern liefert die fingierte sokratische Grabrede im platonischen Menexenos für das Jahr 386, deren Echtheit durch zwei Zitate bei Aristoteles gesichert scheint. Diese Fundstelle wurde mit deutlichem Zeitabstand verfasst und liefert wegen ihres Charakters „vom Hörensagen“ allerdings wohl keinen brauchbaren Quellenbefund.
Im Deutschen liest sich die Stelle wie folgt:
Darum ist es gerecht, dass wir auch derer gedenken, die den Taten der Früheren den Schlussstein der Rettung aufsetzten, indem sie alles, was barbarisch war, aus dem Meere aufspürten und vertrieben. Das waren diejenigen, welche am Eurymedon zur See kämpften und gegen Cypern zu Felde zogen und nach Ägypten fuhren (…) Ihrer muss man gedenken und ihnen Dank wissen, dass sie den Großkönig dahin brachten, voller Furcht auf seine eigene Rettung den Sinn zu richten und nicht auf das Verderben der Hellenen bedacht zu sein. (…) Nachdem aber Friede geworden und die Stadt zu solchen Ehren gekommen war, entstand gegen sie, was den erfolgreichen Menschen zu widerfahren pflegt, zuerst Eifersucht und aus Eifersucht Hass.
In dieser Quelle spricht Platon von gr. eirene, was sowohl Friedensschluss als auch einen „de facto eingetretenen Friedenszustand“ bedeuten kann. Zeitlich deutet dieses Ereignis auf die Eurymedonschlacht, deren Datierung zwischen 469 und 465 erfolgt.
Isokrates
Von einem Vertrag zwischen Persern und Athen liest man zum ersten Mal im Panegyrikos des Isokrates aus dem Jahre 380. Dort heißt es:
Wir richteten sie (sc. die Barbaren), als sie nach Europa überzusetzen wagten, und Größeres, als ihnen ziemte, zu tun im Sinne hatten, so zu, dass sie nicht nur aufhörten, Feldzüge gegen uns zu unternehmen, sondern zusehen mussten, wie ihr eigenes Land verheert wurde. (…) Am meisten aber kann man die Größe des Wechsels erkennen, wenn man den unter unserer Herrschaft geschlossenen Vertrag und den jetzt aufgezeichneten (sc. den Königsfrieden von 387/86) nebeneinander liest. Denn da wird sich zeigen, dass wir damals die Herrschaft des Großkönigs beschränkten und einige von den Tributen festsetzten und ihn daran hinderten, das Meer zu befahren.