miniatur|Ignaz Seipel Ignaz Seipel (* 19. Juli 1876 in Wien; † 2. August 1932 in PernitzMatricula Online – Pernitz, Sterbebuch, 1930–1938, Seite 17, Eintrag Nr. 13, 2. Zeile) war österreichischer Prälat, katholischer Theologe und Politiker der Christlichsozialen Partei. Von 1921 bis 1930 war Seipel deren Parteiobmann. Er löste die erste Koalition mit den Sozialdemokraten auf und amtierte zwei Mal als Bundeskanzler (1922–1924 und 1926–1929). In Seipels Amtszeiten fielen einerseits die Sanierung der Staatsfinanzen und die Bundesverfassungsnovelle 1929, andererseits bekämpfte er besonders in seiner zweiten Amtszeit die Sozialdemokratische Arbeiterpartei sowie den Austromarxismus und unterstützte die Militarisierung von paramilitärischen Milizen wie der Heimwehr.

Leben mini|hochkant|Ignaz Seipel um 1899 mini|hochkant|Ignaz Seipel 1929 in Bingen am Rhein Akademiker und Priester Der Sohn eines Wiener Fiakers maturierte 1895 am k.k. Staatsgymnasium im XII. Bezirke von Wien in Meidling (dem heutigen BGRG – Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium – Wien XII Rosasgasse), danach studierte er Katholische Theologie an der Universität Wien und wurde am 23. Juli 1899 zum Priester geweiht. 1903 promovierte er zum Dr. theol.

Er war Ehrenmitglied der katholischen Studentenverbindung KaV Norica Wien, damals im CV, jetzt im ÖCV. Später wurde er auch Ehrenmitglied der katholischen Studentenverbindungen AV Austria Innsbruck, KÖStV Rudolfina Wien, KÖHV Carolina Graz, KAV Bajuvaria Wien, KDStV Ferdinandea Prag und K.H.V. Babenberg Wien im CV sowie Deutschmeister Wien, Winfridia und Austria (beide Graz) im KV/ÖKV. Am 11. Mai 1930 wurde er Ehrenmitglied der Katholischen Österreichischen Studentenverbindung Asciburgia zu Oberschützen (heute im 1933 gegründeten Mittelschüler-Kartell-Verband (MKV)).

In seiner Schrift Die wirtschaftsethischen Lehren der Kirchenväter verwendete er als erster den Begriff Wirtschaftsethik (Wien 1907, Seite 304). 1908 habilitierte er sich an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien. Von 1909 bis 1917 war er Professor für Moraltheologie an der Theologischen Fakultät Salzburg, der Vorgängerin der neuen Salzburger Universität. Hier brachte er auch seine Studie Nation und Staat heraus.Vlg. Wilhelm Braumüller, Wien/Leipzig 1916 1917 wurde er als Nachfolger des Moraltheologen Franz Martin Schindler als Universitätsprofessor an die Universität Wien berufen.

Politiker Während des endgültigen Zerfalls der Monarchie wurde er am 27. Oktober 1918 von Kaiser Karl I. im Ministerium Lammasch, der letzten k.k. Regierung, zum Minister für öffentliche Arbeit und soziale Fürsorge ernannt. Seine deutschösterreichischen Amtsgeschäfte hatte er Anfang November 1918 an die am 30. Oktober 1918 vom Staatsrat ernannte Staatsregierung Renner I zu übergeben, wo die öffentlichen Arbeiten vom Christlichsozialen Johann Zerdik und die Sozialagenden vom Sozialdemokraten Ferdinand Hanusch wahrzunehmen waren; das Ministerium Lammasch blieb aber auf Wunsch des Kaisers bis zu dessen eigenem Rückzug formal im Amt.

Noch als kaiserlicher Minister war Seipel an der Formulierung der Verzichtserklärung beteiligt, die der Kaiser am 11. November 1918 unterzeichnete. An diesem Tag entließ der Kaiser auch das Ministerium Lammasch.

Am 16. Februar 1919 wurde Seipel auf der christlichsozialen Liste der Wiener Bezirke Innere Stadt (1.), Landstraße (3.) und Wieden (4.)Friedrich Funder: Vom Gestern ins Heute. Aus dem Kaiserreich in die Republik. 3. Auflage. Verlag Herold, Wien 1971, S. 468. in die Konstituierende Nationalversammlung gewählt. Seine Fraktion wählte ihn ins Klubpräsidium.

In dieser Phase verhinderte er noch 1918 die Spaltung der Partei über die Frage der von Sozialdemokraten und Großdeutschen gewünschten Abschaffung der Monarchie. Er sprach sich im März 1919 gegen die Anschlusseuphorie von Sozialdemokraten und Großdeutschen aus, weil der Anschluss Deutschösterreichs an das Deutsche Reich von der Entente generell abgelehnt wurde und den Friedensvertrag gefährden würde.Friedrich Funder: Vom Gestern ins Heute. Aus dem Kaiserreich in die Republik. 3. Auflage. Verlag Herold, Wien 1971, S. 471 f. Er löste 1920 die CS aus der Koalition mit den Sozialdemokraten und schloss ein Bündnis mit der Großdeutschen Volkspartei.

Seipel stellte sich zwar hinter die neue parlamentarische Demokratie, brachte ihr aber eine deutliche Skepsis entgegen. Schon in den Vorberatungen zur Bundesverfassung 1920 und danach 1922 sprach Seipel sich für eine teilweise Entmachtung des Parlaments zu Gunsten eines mit deutlich umfassenderen Befugnissen ausgestatteten Bundespräsidenten aus.Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Erinnerungsorte“ (PDF; 4,2 MB), S. 185ff, Forschungsprojektendbericht, Wien, Juli 2013.

Gleichzeitig unterstützte Seipel den Aufbau militanter rechtsradikaler Gruppierungen in Wien. Seit März 1920 war er Vorstandsmitglied der Geheimorganisation „Vereinigung für Ordnung und Recht“, der neben militärischen Personen auch monarchistische und großdeutsche Vertreter angehörten. Diese Vereinigung plante die gewaltsame Ausschaltung der Sozialdemokratie und arbeitete eng mit bayerischen Rechtsradikalen um Georg Escherich zusammen.

Im September 1920 forderte Seipel in einer deutlich antisemitisch getönten Rede einen Numerus clausus für Jüdinnen und Juden an höheren Schulen, Hochschulen und Universitäten „nach dem Bevölkerungsschlüssel“.Andreas Huber, Linda Erker, Klaus Taschwer: Der Deutsche Klub. Austro-Nazis in der Hofburg. Czernin, Wien 2020, ISBN 978-3-7076-0651-5, S. 101.

Von 1921 bis 1930 fungierte Seipel als Obmann der Christlichsozialen Partei (CS). Vom 31. Mai 1922 bis 20. November 1924 war Seipel auf Wunsch seiner Partei erstmals Bundeskanzler (Bundesregierungen Seipel I–III) einer christlichsozial-großdeutschen Koalition. In seiner ersten Amtszeit koordinierte Seipel persönlich die Distribution von Industriegeldern an rechte Milizen. Das Hauptaugenmerk hatte Seipel dabei auf der militärischen Effizienz dieser Milizen, die ideologische Nähe zur CS-Partei war zweitrangig. So erklärt es sich auch, dass Seipels Hauptsorge der rechten Frontkämpfervereinigung Deutsch-Österreichs unter dem Antisemiten Hermann Hiltl galt, die er auch mit finanziellen Mitteln des ungarischen Horthy-Regimes aufrüstete.

Seipel sanierte mit Hilfe einer Völkerbundanleihe (Genfer Protokolle) die Staatsfinanzen und bereitete die im Dezember 1924 wenige Tage nach seinem Rücktritt beschlossene Einführung der Schillingwährung 1925 vor. Diese führte jedoch zu einem starken Rückgang des Realeinkommens der Bevölkerung und starkem Ansteigen der Arbeitslosenquote. Nach heftiger Kritik aus seiner eigenen Partei und einem Attentat auf ihn am 1. Juni 1924 trat er am 8. November 1924 zurück, blieb aber Obmann des christlichsozialen Abgeordnetenklubs. Der Attentäter Karl JaworekAndere Schreibweise: Karl Jawurek; s. z. B. hier machte Seipel für seine persönliche Armut verantwortlich und schoss am Bahnsteig des Südbahnhofs aus nächster Nähe auf den Kanzler, der gerade mit dem Zug in Wien angekommen war. Dafür wurde Jaworek später zu fünf Jahren schweren Kerkers verurteilt. Prälat Seipel begnadigte Jaworek nach zweieinhalb Jahren.https://tvthek.orf.at/profile/Archiv/7648449/Karl-Jawurek-Der-Attentaeter-von-Ignaz-Seipel/13955050 mini|Ignaz Seipel, Gemälde von Josef Engelhart, um 1929

Im Herbst 1924 überlegte die bayerische Fremdenpolizei, Adolf Hitler, der nach seinem Putschversuch 1923 in der Justizvollzugsanstalt Landsberg seit April 1924 Festungshaft verbüßte, aus Bayern nach Österreich abzuschieben, falls er vorzeitig aus der Haft entlassen würde. Seipel wollte den Putschisten und Unruhestifter nicht wieder in Österreich haben und teilte Bayern mit, Hitler sei durch den Dienst im deutschen Heer Deutscher geworden. Bayern wies nach, dass Österreich in anderen Fällen die österreichische Staatsbürgerschaft deutscher Soldaten anerkannt habe; Seipel beharrte aber auf seiner Rechtsansicht.Historisches Lexikon Bayerns: Ausweisung Adolf Hitlers aus BayernOthmar Plöckinger: Geschichte eines Buches: Adolf Hitlers „Mein Kampf“. 1922–1945. Oldenbourg, München 2006, ISBN 3-486-57956-8, S. 59.

Hitler blieb in Deutschland und legte 1925 seine österreichische Staatsbürgerschaft zurück, da er als dann Staatenloser aus Deutschland nicht mehr abgeschoben werden konnte. 1932 wurde er im deutschen Freistaat Braunschweig formal eingebürgert.

Theodor Körner, Offizier, in der Ersten Republik sozialdemokratischer Wehrpolitiker, in der Zweiten Republik Wiener Bürgermeister, dann Bundespräsident, zollte Seipel 1924 im Wahlkampf seine Achtung. Sein Biograf Kollman zitierte aus der Innsbrucker Volkszeitung, Körner habe Seipel „als einen in jeder Hinsicht integren Charakter, einen fleißigen, selbstlosen Arbeiter“ bezeichnet.Eric C. Kollman: Theodor Körner. Militär und Politik. Verlag für Geschichte und Politik, Wien 1973, ISBN 3-7028-0054-9, S. 134.

Von 1926 bis 1929 war Seipel wieder Bundeskanzler, wobei er besonders die Sozialdemokraten bekämpfte. Zu diesem Zweck schloss er die CS mit der Großdeutschen Volkspartei, dem Landbund und der nationalsozialistischen Riehl- und Schulz-Gruppe zu einer antimarxistischen Front zusammen („Bürgerblock“). Nach der Nationalratswahl in Österreich 1927 wurde die gegen die österreichische Demokratie gerichtete Grundhaltung forciert. Außerdem stärkte er die Rolle der zunehmend antidemokratischen Heimwehr und blieb bis zu seinem Tod ihr einflussreichster Fürsprecher.

Dadurch wurde er zum großen Feindbild der Sozialdemokraten, die ihn nach dem polizeilichen Massaker an Arbeitern, die am 15. Juli 1927 anlässlich des Schattendorfer Urteils demonstrierten, als „Prälaten ohne Milde“, „Prälaten ohne Gnad’“ und als „Blutprälaten“ bezeichneten. Seipel hatte am 26. Juli 1927 in seiner Erklärung zu den Ereignissen vor dem Nationalrat gesagt: „Verlangen Sie nichts vom Parlament und von der Regierung, das den Opfern und den Schuldigen an den Unglückstagen gegenüber milde erscheint, aber grausam wäre gegenüber der verwundeten Republik.“Stenographisches Protokoll. 7. Sitzung des Nationalrates der Republik Österreich. III. Gesetzgebungsperiode. 26. Juli 1927 (= S. 133 ff.). Seipels Erklärung folgte eine überaus kontroversielle und heftige Parlamentsdebatte. Die Opposition griff den verkürzten Begriff ohne Milde heraus und verknüpfte ihn mit ihrer Kritik am von Polizeipräsident Johann Schober zu verantwortenden überschießenden Polizeieinsatz.

1928 vertrat Seipel in Übereinstimmung mit dem Landeshauptmann von Niederösterreich Karl Buresch das Interesse der Heimwehr, indem er den Aufmarsch der Heimwehr in Wiener Neustadt genehmigte, wie auch den zeitlich und örtlich getrennten Aufmarsch des Republikanischen Schutzbundes, gegen den ausdrücklichen Wunsch von Bürgermeister Anton Ofenböck. Als Bundeskanzler konnte er dabei mit einem massiven Aufgebot von Gendarmerie und Militär seine Stärke zeigen, es kam am Aufmarschtag zu keinen Gewaltereignissen.

Seipel trat am 4. April 1929 vom Amt des Bundeskanzlers zurück und führte die Geschäfte noch bis 4. Mai 1929 weiter, als ihm Ernst Streeruwitz als Regierungschef nachfolgte.Kabinett Seipel zurückgetreten. In: Vossische Zeitung, 4. April 1929, S. 1. (Insgesamt standen fünf Bundesregierungen der Ersten Republik unter Seipels Leitung.)