mini|Gertrud Woker wurde 1911 in Zeitungen als erster weiblicher Professor Deutschlands bezeichnet, lehnte die Berufung nach Leipzig aber ab. Gertrud Johanna Woker (* 16. Dezember 1878 in Bern; † 13. September 1968 in Marin-Epagnier) war eine Schweizer Frauenrechtlerin, Chemikerin und Friedensaktivistin.In der Schweiz nannten sie sie «Gas-Trudi» – die beinahe vergessene Geschichte der Gertrud Woker In: Neue Zürcher Zeitung vom 9. September 2021 Woker erforschte als eine der ersten Frauen Europas die tödliche Wirkung von Giftgasen und kämpfte ihr ganzes Leben dafür, dass ihre Erkenntnisse nicht für den Krieg missbraucht würden. Ihre Überzeugung kostete sie möglicherweise ihre wissenschaftliche Karriere.

Leben Gertrud Woker war die Tochter von Johanna Woker-Müller († 1932), Schwester des Schweizer Bundesrats Eduard Müller, und des altkatholischen Theologie- und Geschichtsprofessors Philipp Woker.Gerit Leitner: Wollen wir unsere Hände in Unschuld waschen? Gertrud Woker (1878–1968), Chemikerin & Internationale Frauenliga 1915–1968. Berlin, Weidler, 1998. In: Schweizerische Nationalbibliothek. Sie wuchs zusammen mit ihren jüngeren Geschwistern Harald (1883–1944), der später Jurist wurde und 1918 als Mitglied des Oltener Komitees am schweizerischen Generalstreik teilnahm, und Else (* 1885), die spätere Pfarrfrau Bailly, in einer religiös und politisch toleranten Familie auf. Schon als Kind liebte Gertrud den Kontakt zu Natur und Tieren, kletterte auf Bäume und Hausdächer und entdeckte die Wirkung der Zentrifugalkraft beim schnellen Umdrehen eines Korbes voller Eier.G. Woker: Aus meinem Leben. In: Schweizer Frauen der Tat. Zürich, Rascher & Cie., 1929, Band 3, Seiten 254–298. Sie hatte in ihrer Mutter Johanna, in ihrer Grossmutter Auguste Müller-Berthelen und in der angeheirateten Tante Emma Müller-Vogt von Kindheit an beeindruckende Vorbilder für ihren späteren Kampf für Frauenrechte. Sie engagierte sich in der christkatholischen Kirche und war auch künstlerisch tätig. Gertruds Schulkarriere bestand in ungeliebter Privat- und Sekundarschule, die sie trotzdem mit Bestnoten abschloss. Sie wäre anschliessend gerne ans Gymnasium gegangen, das soeben für Mädchen geöffnet worden war. Ihr Vater Philipp Woker lehnte das ab, hatte er doch als Präsident der betreffenden Schulkommission dazu beigetragen und fürchtete wohl den Vorwurf, er sei wegen seiner Tochter dafür gewesen. Auch wäre ein Schulbesuch von Gertrud zusammen mit Buben vom konservativen Teil der Verwandtschaft nicht goutiert worden. So verbrachte Gertrud Woker einen amüsanten und lehrreichen Sommer in einem Mädchenpensionat in Fleurier. Danach wurde sie zu ihrem Onkel Franz Woker nach Erfurt geschickt, wo ihre Tante der 16-Jährigen das Kochen beibringen sollte, was sie wie alle anderen Handarbeiten zutiefst verabscheute. Daneben erhielt sie Musik- und Englischunterricht, letzteres bei Schwester Agnes im Ursulinenkloster. Durch einen glücklichen Zufall bekam sie Mathematiklehrbücher in die Hände, mit denen sie sich heimlich nächtelang beschäftigte. Dies führte zu gesundheitlichen Problemen, worauf sie nach Bern zurückkehren konnte. Im Selbststudium, mit Privatstunden und Vorbereitung an der Neuen Mädchenschule in Bern bereitete sie sich auf die Maturaprüfungen vor, die sie Ende März 1898 als 20-Jährige bestand. Es folgte eine intensive, weil abgekürzte dreisemestrige Ausbildung zur Sekundarlehrerin in mathematisch-naturwissenschaftlicher Richtung am Lehrerinnenseminar der Neuen Mädchenschule.Gerit Leitner: Gertrud Johanna Woker (1878–1968) ihr Weg als Biochemikerin, Friedensaktivistin und Streiterin für Frauenrechte. Bern, Hogrefe Verlag, 2022. Erst nach bestandenem Examen am 17. März 1900 konnte sie sich dem eigentlichen Studium widmen. Woker studierte ab 1900 Organische Chemie an der Universität Bern und schloss das Studium 1903 mit der Doktorpromotion ab, an der sie in sieben geprüften Fächern ein summa cum laude erreichte. Damit war sie die erste Schweizerin mit einem Doktortitel in Chemie. Zusätzlich erwarb sich Woker das Diplom fürs höhere Lehramt, mit dem sie an den oberen Klassen eines Gymnasiums literarischer oder naturwissenschaftlicher Richtung Unterricht erteilen durfte. Als 1904 ihre Bewerbung als Chemielehrerin beim Städtischen Gymnasium abgelehnt wurde, entschied sie sich für die Wissenschaft. Woker erkannte damals, dass sich Chemie und Physik, Pharmazie und Biologie zu einer eigenständigen Disziplin zusammenfassen liessen. Dieses neue Lehrgebiet, später Biochemie genannt, wollte sie näher kennenlernen und ging deshalb nach Berlin, wo sie Physikalische Chemie studierte. Dort durfte Woker trotz Doktortitel nur als Gasthörerin und mit Erlaubnis des betreffenden Professors an dessen Vorlesungen teilnehmen. Beim holländischen Nobelpreisträger Jacobus Henricus van ’t Hoff und beim Physikochemiker Hans Max Jahn bildete sie sich in den damals modernsten Forschungsansätzen weiter. Durch die vielen Gasthörerinnen kam sie in Kontakt mit Ideen der bürgerlichen und der radikaleren Frauenbewegung in Deutschland und wurde Mitglied des Deutschen Verbandes für Frauenstimmrecht.

Wissenschaftliche Karriere Nach Bern zurückgekehrt, unterrichtete Gertrud Woker zuerst als Hilfslehrerin am Freien Gymnasium naturwissenschaftliche Fächer. Daneben besuchte sie Vorlesungen und Praktika in Physiologie und Bakteriologie an der Universität Bern und arbeitete an der Synthese von Naphtoflavon im organischen Labor ihres Doktorvaters, Professor Stanislaus von Kostanecki. Später wurde sie vom namhaften Internisten Hermann Sahli gebeten, für die medizinische Klinik der Universität Bern physikalisch-chemische Untersuchungen der Körpersäfte durchzuführen. Es folgte eine Zeit wertvoller wissenschaftlicher Anregung und Zusammenarbeit. Woker besuchte Professor Sahlis Vorlesungen, die unter anderem dazu führten, dass sie die Wichtigkeit des Massenwirkungsgesetzes in der Diabetestheorie überdachte und die Bedeutung physikalisch-chemischer Faktoren bei Zuckerkranken untersuchte. Schliesslich wurde sie von der Direktion des Unterrichtswesens ermutigt, sich an der philosophischen Fakultät zu habilitieren. Im Oktober 1906 reichte Gertrud Woker ihr Gesuch um Zulassung zur Habilitation für die Fächer der theoretischen (physikalischen) Chemie und der Physiologisch-Biologischen Chemie ein. 1907 erhielt sie in Bern die venia legendi für die Geschichte der Physik und der Chemie. Sie war damit die erste Privatdozentin für Chemie an einer Schweizer Hochschule. Ihre Antrittsvorlesung über Die Probleme der katalytischen Forschung umriss ihr Forschungsthema der nächsten Jahre. In der englischen Nature wurde die später in Leipzig veröffentlichte Antrittsvorlesung mit einer kurzen Zusammenfassung gewürdigt. Der Wissenschaftshistoriker Franz Strunz lobte ihre Abhandlung in einer ausführlichen Besprechung in der Deutschen Literaturzeitung sowie in den Mitteilungen der deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und Naturwissenschaften. Weitere internationale Anerkennung erhielt Gertrud Woker durch die Anfrage von Benjamin Max Margosches, Privatdozent an der Deutschen Technischen Hochschule in Brünn. Er bat sie, die Behandlung der Katalyse in seiner Reihe Die Chemische Analyse zu übernehmen.Woker, Gertrud: Die Katalyse : Die Rolle der Katalyse in der analytischen Chemie. Stuttgart: F. Enke, 1910. Print. Dies war eine grosse Ehre, waren doch Autoritäten wie die Professoren Emil Abderhalden, Georg Bredig, Fritz Haber und Johannes Wislicenus in dieser Sammlung von Beiträgen zur chemischen, technisch-chemischen und physikalischen Analyse vertreten.

In Bern sollen ihre Kollegen darauf geachtet haben, dass Woker mit ihrem neuen Lehrgebiet nicht in ihre Domäne eindrang. Nachdem die Ausdehnung ihrer Lehrtätigkeit auf die theoretische Biologie sowie beantragte Kolloquien im Lektionenkatalog für das Sommersemester 1908 abgelehnt worden waren, liess sie sich von ihren unbezahlten Vorlesungen beurlauben und stürzte sich stattdessen in die Vorbereitungsarbeiten für den ersten Band des Sammelwerkes zur Katalyse. Er enthielt einen 645 Seiten starken allgemeinen Teil zur Rolle der Katalyse in der analytischen Chemie und erschien 1910. Ihr Werk wurde als wertvolles, vollständiges Nachschlagewerk begrüsst und in französischen, österreichischen, deutschen und schweizerischen Fachzeitschriften besprochen. 1911 versuchte die in ihrem neuen Fachgebiet von ausländischen Kollegen hochgelobte Gertrud Woker, in der Forschung an der Universität Bern voranzukommen. Sie ersuchte die Fakultät, ihre Lehrbefugnis zu erweitern und ihr ein eigenes Institut mit den notwendigsten Apparaten für den praktischen Unterricht und für selbständige Untersuchungen durch die Studenten einzurichten. Sie hatte nur teilweisen Erfolg, und das mit dem Lehrauftrag für physikalisch-chemische Biologie verbundene Dozentengehalt von jährlich 580 Franken wurde von der Finanzdirektion abgelehnt. Sie musste sich mit einem angepassten Lehrauftrag und damit begnügen, dass sie zwei nach dem Tod ihres Doktorvaters Stanislaus von Kostanecki freigewordene Räume im Chemiegebäude als Labor für physikalisch-chemische Biologie beziehen durfte. Sie erhielt zwei Mikroskope, durfte Praktikanten aufnehmen und Kurse erteilen. Im gleichen Jahr lehnte sie den Ruf als ausserordentliche Professorin nach Leipzig ab, weil die Zusicherungen zu vage waren und sie drauf hoffte, dass ihr kleines Institut gefördert würde. Woker leitete das Institut für physikalisch-chemische Biologie von 1911 bis zu ihrer Emeritierung 1951.

In den 1910er Jahren kam der Wunsch nach einer allgemein verständlichen Verbreitung von wissenschaftlichen Erkenntnissen auf. Woker hielt 1911 auf Anfrage der österreichischen Volkshochschule Urania in Wien einen auch für Laien verständlichen Vortrag über die Katalyse, der mit viel Beifall quittiert wurde. Diese Einladung bekamen vorher nur ausländische Gelehrte von Ruf, was bewies, dass ihre Forschungsrichtung Beachtung fand. Bei der in Bern mit vielen Schwierigkeiten kämpfenden Woker zu arbeiten, war für ihre Studierenden nicht leicht. Sie wussten jedoch zu schätzen, dass ihre Doktormutter sie "in anregender Weise" bei der Promotion betreute. 1913 hatte Woker eine Reihe von Doktoranden auch anderer Universitäten in ihren fortschrittlichen Untersuchungsmethoden ausgebildet. Ihr selber wurde die Professur und ein Assistentengehalt immer noch verweigert, und ihr kleines Institut wurde ihr streitig gemacht. Inzwischen bedauerte sie ihren Entscheid, nicht als erste ausserordentliche Professorin Deutschlands nach Leipzig gegangen zu sein. Im November wurde Wokers Gesuch um Dispens für das Abhalten von Vorlesungen im Wintersemester 1913/14 und die Reduktion der Stundenzahl für die Laborarbeiten bewilligt. Als Grund gab sie die grosse Belastung für die Arbeit an ihrem zweiten Band des Katalysewerkes an.

Bereits 1916 wies sie in den Chemischen Berichten der Deutschen Chemischen Vereinigung auf die Giftigkeit von bleihaltigem Benzin hin und gab Vorschläge zur Herstellung von bleifreiem Motorenbenzin. Nach dem mit einigen kriegsbedingten Verzögerungen 1916 erscheinenden zweiten Band zur Katalyse erhielt Gertrud Woker wiederum grosse Anerkennung ihrer ausländischen Wissenschaftskollegen. Inzwischen setzte sich auch der Direktor des Physikalischen Instituts der Universität Bern, Aimé Forster, für Gertrud Wokers Karriere ein. Sie hielt zu dieser Zeit noch immer unbezahlte Übungen und Praktika und leitete zudem neben ihren eigenen Forschungsarbeiten die Untersuchungen in ihrem Labor. Forsters Antrag auf Beförderung Wokers zur ausserordentlichen Professorin wurde durch die Philosophische Fakultät trotz ihrer anerkannten wissenschaftlichen Publikationen sowie positiver Gutachten ausländischer Autoritäten abgelehnt. Somit fehlten Woker als Leiterin des kleinen Instituts Mittel und Personal, um die theoretischen Erkenntnisse in ihrem Labor wirksam umzusetzen und öffentlich bekannt zu machen.