mini|Peter Stamm auf der Frankfurter Buchmesse 2025 Peter Stamm (* 18. Januar 1963 in Scherzingen, Kanton Thurgau) ist ein Schweizer Schriftsteller.
Biografie
Peter Stamm ist Sohn eines Buchhalters. Er wuchs mit drei Geschwistern in Weinfelden im Kanton Thurgau auf. In der Schule war er nach eigenen Angaben unterfordert und verbrachte deshalb bereits früh viel Zeit in seiner Phantasiewelt. Nach Primar- und Sekundarschule machte Stamm von 1979 bis 1982 eine kaufmännische Lehre und arbeitete zeitweise als Buchhalter. Auf dem zweiten Bildungsweg legte er die Matura ab.
mini|Peter-Stamm-Weg in Weinfelden Stamms erste drei Romane fanden keinen Verlag. Agnes, der vierte Roman, den er mit 29 zu schreiben begann, wurde erst sechs Jahre später veröffentlicht. Nachdem Stamm 1987 ein halbes Jahr Anglistik an der Universität Zürich studiert und anschließend ein halbes Jahr in New York gelebt hatte, wechselte er das Studienfach auf Psychologie mit Psychopathologie und Informatik als Nebenfächer; daneben war er als Praktikant an verschiedenen psychiatrischen Kliniken tätig. Die Wahl des Studiums erklärt er aus literarischem Interesse: Er wollte mehr über den Menschen als Gegenstand der Literatur erfahren. Der Abbruch des Psychologiestudiums sei die bewusste Entscheidung gewesen, das Schreiben ins Zentrum seines Lebens zu stellen. Nun hatte er nur noch die Wahl, zu schreiben oder wieder als Buchhalter zu arbeiten.
Nach längeren Aufenthalten in New York, Paris und Skandinavien ließ sich Peter Stamm 1990 in Winterthur nieder. Dort war er vor allem als Journalist tätig, was ihm erstmals die Publikation seiner Texte ermöglichte. Stamm arbeitete unter anderem für die Neue Zürcher Zeitung, den Tages-Anzeiger, die Weltwoche und die satirische Zeitschrift Nebelspalter. Ab 1997 gehörte er der Redaktion der Literaturzeitschrift entwürfe an. Von 1998 bis 2003 lebte er in Zürich, seither wieder in Winterthur. Nach den Erfolgen mit seinem Roman-Erstling und den folgenden Veröffentlichungen trat die journalistische Tätigkeit mehr und mehr in den Hintergrund gegenüber der Literatur, auf die er sich inzwischen konzentriert. Seit 2003 ist Stamm Mitglied des Verbandes Autorinnen und Autoren der Schweiz.Zum Abschnitt: Kasaty: Entgrenzungen. 2007, S. 412–417, 487. Im Herbstsemester 2018 war Peter Stamm Inhaber der Friedrich Dürrenmatt Gastprofessur für Weltliteratur an der Universität Bern.
Werk
Peter Stamm ist Verfasser von erzählender Prosa, von Hörspielen und Theaterstücken. Kennzeichnend sind seine distanzierte Erzählweise und sein einfacher Stil, der aus kurzen Hauptsätzen besteht und beinahe vollständig ohne schmückende Adjektive, Metaphern oder Vergleiche auskommt. Stamm erklärt selbst, dass sein Stil stark auf einer wiederholten Reduktion des Geschriebenen beruhe. Je mehr die Sprache in den Hintergrund trete, umso realer würden die gezeichneten Bilder.
Stamm schreibt nach eigenen Worten „über Menschen und über Beziehungen zwischen Menschen“. Wiederkehrende Themen seien die mannigfaltigen Möglichkeiten von Liebesbeziehungen, die Unmöglichkeit der Liebe, Distanz und Nähe sowie das Verhältnis von Bild und Wirklichkeit. Dabei stehe in seinem Werk nicht der Inhalt im Mittelpunkt, sondern die Art, wie etwas erzählt werde. Deswegen wähle er keine originellen Inhalte, die von der Qualität des Textes ablenkten.Zum Abschnitt: Kasaty: Entgrenzungen. 2007, S. 395–396, 420–421.
Mit seinem dritten Roman An einem Tag wie diesem wechselte Stamm vom Zürcher Arche Verlag zum S. Fischer Verlag in Frankfurt am Main. Bereits zuvor verkaufte er im Unterschied zu den meisten Schweizer Autoren seine Bücher fünfmal häufiger in Deutschland als in der Schweiz. Redaktor Daniel Arnet erklärte dies mit einer „helvetismenfreien Sprache“ und „Inhalten, die geranientröglifrei sind“ und in ihrer Universalität „nicht eidgenössisch codiert“. Zu seinem Erfolg in Deutschland trug auch eine Besprechung 1999 im Literarischen Quartett bei, in der Marcel Reich-Ranicki die Erzählsammlung Blitzeis zu einem der schönsten und wichtigsten Bücher der Saison erklärte, während Hellmuth Karasek urteilte: „Dies ist ein Erzähler, der sehr viel kann, weil er auszulassen, zu konzentrieren versteht.“Daniel Arnet: Sein erster Sonnenuntergang. In: Facts 26/2006, S. 56–57.
Mehr als 150 Übersetzungen von Peter Stamms Werken sind in 40 Sprachen erschienen,Suchergebnis zu Peter Stamm in der Zentralbibliothek Zürich zu den dort vorliegenden Sprachen. in Französisch, Englisch, Spanisch, Katalanisch, Hebräisch, Italienisch, Niederländisch, Serbisch, Slowenisch, Polnisch, Brasilianisch, Portugiesisch, Russisch, Bulgarisch, Slowakisch, Georgisch, Tschechisch, Dänisch, Koreanisch, Litauisch, Chinesisch, Norwegisch, Estnisch, Kroatisch, Thai, Japanisch, Türkisch, Arabisch, Persisch, Mazedonisch, Armenisch, Schwedisch, Taiwanisch, Ungarisch, Aserbeidschanisch, Albanisch, Mongolisch, Griechisch, Ukrainisch und Bretonisch.
Der Roman Agnes wurde 2016 von Johannes Schmid unter demselben Namen verfilmt. Beruhend auf der Kurzgeschichte Der Lauf der Dinge von Peter Stamm entstand 2019 der Spielfilm Was wir wollten von Ulrike Kofler. Im Filmporträt Wechselspiel von 2023 wollten die Dokumentarfilmer Georg Isenmann und Arne Kohlweyer den Autor beim Schreiben seines neuen Romans zeigen. Peter Stamm kam ihnen aber zuvor: Er erzählt in seinem Roman In einer dunkelblauen Stunde von einem erfolgreichen Schweizer Autor, der für Recherchen aus Paris an seinen Herkunftsort zurückkehrt und sich dabei von einem Filmteam begleiten lässt. Im Roman scheitert das Projekt, im vermeintlichen Dokumentarfilm spielen Aenne Schwarz und Max Simonischek das filmende Paar. Peter Stamm sagt am Schluss des Mockumentary: „Ihr seid meine Figuren – ich habe euch ja erfunden.“ Die Kritik feierte deshalb den Roman als „Spiegelkabinett“, in dem der seriöse Autor, so gut wie noch nie, „richtig witzig“ werde.
Der Film Wechselspiel und der Roman In einer dunkelblauen Stunde greifen die Handlung des Romans An einem Tag wie diesem von 2006 wieder auf: Ein Schweizer fährt aus Paris in Begleitung zurück in das Dorf seiner Herkunft. Dieses Dorf, in mehreren Romanen präzise beschrieben und im Film auch gezeigt, ist Weinfelden. Peter Stamm behauptet, er schreibe nicht autobiografisch und nutze die Örtlichkeiten an seinem Herkunftsort nur aus Bequemlichkeit, weil er sie am besten kenne. Dass er immer um dieselben Themen kreist, wie die Jugendliebe, die im Film Wechselspiel auftritt, verrät aber viel über die Motive seines Schreibens.
Auszeichnungen 1998: Ehrengabe des Kantons Zürich 1999: Rauriser Literaturpreis 2000: Rheingau Literatur Preis 2000: 2. Hörspielpreis der Stiftung Radio Basel 2001: Ehrengabe der Stadt Zürich 2002: Preis der Schweizerischen Schillerstiftung 2002: Carl-Heinrich-Ernst-Kunstpreis 2003: Kulturpreis der Stadt Winterthur 2003: Thurgauer Kulturpreis 2004: Poetikdozentur: Junge Autoren der Fachhochschule Wiesbaden 2008: Förderpreis des Kantons Thurgau 2011: Alemannischer Literaturpreis 2012: Bodensee-Literaturpreis 2013: Mainzer Stadtschreiber 2013: Shortlist des Man Booker International Prize 2014: Friedrich-Hölderlin-Preis der Stadt Bad HomburgHohe Ehre für den Thurgauer Schriftsteller Peter Stamm. Zur Verleihung des Friedrich-Hölderlin-Preises der Stadt Bad Homburg 2014. SRF, 25. März 2014, aufgerufen am 17. Juli 2015. 2014: Poetik-Professur an der Universität Bamberg 2017: Schillerpreis der Zürcher Kantonalbank 2017: Johann-Friedrich-von-Cotta-Literaturpreis der Landeshauptstadt Stuttgart für Weit über das Land 2018: Solothurner Literaturpreis 2018: Heinrich-Heine-Gastdozentur 2018: Schweizer Buchpreis für Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt 2024: IBBY Honour List mit „Theo und Marlen auf der Insel“International Board on Books for Young People (IBBY) Honour List 2024, abgerufen am 17. Dezember 2025 Werke Prosa Alles über den Mann. Illustrationen von Brigitte Fries. Nebelspalter, Rorschach 1995, ISBN 3-7654-1968-0. Gotthard. Die steinerne Seele der Schweiz. Fotos von Markus Bühler. AS, Zürich 1997, ISBN 3-905111-22-5. Agnes. Roman. Arche, Zürich 1998; Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-596-17912-1. Blitzeis. Erzählungen. Arche, Zürich 1999; Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-596-19255-7. Darin: Am Eisweiher. Ungefähre Landschaft. Roman. Arche, Zürich 2001; Fischer Taschenbuch, Frankfurt am Main 2010, ISBN 978-3-596-18824-6. Grace. Erzählung. In: Krachkultur. Nummer 9. Bremen 2001, . In fremden Gärten. Arche, Zürich 2003, ISBN 3-7160-2317-5; btb, München 2005, ISBN 3-442-73244-1. Darin: In fremden Gärten. An einem Tag wie diesem. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2006, ISBN 3-10-075125-6; Taschenbuch, ebd. 2007, ISBN 978-3-596-17383-9. Wir fliegen. Erzählungen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-10-075128-7; Taschenbuch, ebd. 2009, ISBN 978-3-596-17803-2. Sieben Jahre. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2009, ISBN 978-3-10-075126-3; Taschenbuch, ebd. 2011, ISBN 978-3-596-17384-6. Seerücken. Erzählungen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2011, ISBN 978-3-10-075133-1; Taschenbuch, ebd. 2012, ISBN 978-3-596-18995-3. Nacht ist der Tag. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-10-075134-8. Der Lauf der Dinge. Gesammelte Erzählungen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-10-002219-6. Die Vertreibung aus dem Paradies. Bamberger Vorlesungen und verstreute Texte. S. Fischer, Frankfurt am Main 2014, ISBN 978-3-10-002200-4. Weit über das Land. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2016, ISBN 978-3-10-002227-1. Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2018, ISBN 978-3-10-397259-7. Marcia aus Vermont. Eine Weihnachtsgeschichte. S. Fischer, Frankfurt am Main 2019, ISBN 978-3-10-397452-2. Wenn es dunkel wird. Erzählungen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2020, ISBN 978-3-10-002226-4. Das Archiv der Gefühle. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2021, ISBN 978-3-10-397402-7. In einer dunkelblauen Stunde. Roman. S. Fischer, Frankfurt am Main 2023, ISBN 978-3-10-397128-6. Eine Fantasie der Zeit. Poetikvorlesung. S. Fischer, Frankfurt am Main 2024, ISBN 978-3-10-397527-7. Auf ganz dünnem Eis. Erzählungen. S. Fischer, Frankfurt am Main 2025, ISBN 978-3-10-397127-9.Niels Beintker: "Auf ganz dünnem Eis" – Neue Erzählungen von Peter Stamm, Rezension auf BR24 vom 12. Oktober 2025, abgerufen am 17. Dezember 2025
Theaterstücke Fremd gehen. Theaterstück für 2 Personen. UA: Theater 1230, Bern 1995. Die Planung des Planes. Monolog. UA: Schauspielhaus Zürich, 2001. Après Soleil oder Wen der Wind zur Insel trägt. UA: Schauspielhaus Zürich, Februar 2003, Regie: Christiane Pohle. Der Kuss des Kohaku. UA: Deutsches Schauspielhaus, April 2004, Regie: Florian Fiedler. Die Töchter von Taubenhain. UA: Luzerner Theater, November 2004, Regie: Christina Rast.
Hörspiele Ich und die anderen. Zürich 1991. Die Nacht der Gewohnheiten. Zürich 1993. In Vitro. Zürich 1994. Der letzte Autofahrer. Basel 1995. Bildnis eines Knaben mit Peitsche. Basel 1995. Ableben. Köln 1997 (= Hörspielversion von Fremd gehen). Agnes. Bremen 1997. Nachtkampf oder die Kunst des Tee-Wegs. Basel 1999. Werum mer vor de Schtadt wohned. Zürich 1999 (Schweizer Hörspielpreis 2000). Passion. SWR 2000. Was wir können. Köln 2000. Blitzeis. Köln 2001. Das Schweigen der Blumen. Basel 2004. Der Kuss des Kohaku. Baden-Baden 2005. Treibgut. Berlin 2005.
Hörbücher Das Schweigen der Blumen. Hörspiel nach dem Theaterstück Die Töchter von Taubenhain. Mit Norbert Schwientek. 1 CD. Merian, Basel 2005, ISBN 3-85616-248-8. Warum wir vor der Stadt wohnen. Sprecher: Samuel Weiss, Anikó Donáth. Musik: Max Lässer. 1 CD. Hörcompany, Hamburg 2005, ISBN 3-935036-66-3. An einem Tag wie diesem. Sprecher: Christian Brückner. 4 CDs. Parlando, Berlin 2006, ISBN 978-3-935125-61-1. Wir fliegen. Sprecher: Christian Brückner. 2 CDs. Parlando, Berlin 2008, ISBN 978-3-935125-82-6.