Stiddien ([]) ist der kleinste Ortsteil der Stadt Braunschweig in Niedersachsen. Es trägt die statistische Bezirksnummer 58 und gehört seit November 2021 zum Stadtbezirk 222 – Südwest.
Lage und Geschichte Stiddien ist ein Haufendorf im Südwesten des Braunschweiger Stadtgebiets. Eine ringförmige Dorfstraße umschließt den Ortskern mit Kirche, Friedhof, drei großen Bauernhöfen und einigen Wohnhäusern, denen ihre landwirtschaftliche Vergangenheit noch heute anzusehen ist. Einige Stichstraßen ermöglichten das Wachsen Stiddiens über den ursprünglichen Ring hinaus. Der Ort liegt in der Niederung zwischen Geitelde und Timmerlah. Ursprünglich gab es hier feuchte Moorwiesen und Sumpfwald. Reste davon haben sich im unter Naturschutz stehenden Stiddier Forst erhalten, dem „Ellernbruch“,Stiddien: Der „Ellernbruch“. auf robert.cyty.com, aufgerufen am 26. Dezember 2009. etwa einen Kilometer westlich des Dorfes.
Über die erste urkundliche Erwähnung Stiddiens gibt es unterschiedliche AngabenErika Bosse (Heimatpflegerin): auf newsclick.de, abgerufen am 26. Dezember 2009.. Häufig wird das Jahr 1172 genannt,Siehe Schautafel mit einer kurzen Ortsgeschichte am Eingang des Friedhofs oder Stiddien. Kleinstes Dorf von Braunschweig. In: Tourismus und Kongresse, Stadt Braunschweig, abgerufen am 26. Dezember 2009. als „Stidegem“ in den Annalen des Klosters Steterburg geführt wird. In der Literatur wird aber auch das Jahr 1153 („Stidiem“) angegeben.Hermann Oesterley: Historisch-geographisches Wörterbuch des deutschen Mittelalters. Gotha 1883. Richard Andree: Braunschweiger Volkskunde. Braunschweig 1901, S. 64. Nachgewiesen sind zudem die Schreibweisen „Striedegem“E. F. J. Koch: Geschichte der Dynastie, des Amtes, der Stadt, Burg und Festung Peina in Niedersachsen. Peine 1850, S. 67. (1182), „Stedium“ oder „Stideum“ (1187), „Stidingen“ und „Stedehem“. Seit 1394 ist die Schreibweise „Stiddien“ gebräuchlich. Im Ortsnamen stecken die altniederdeutschen Wörter „stidi“ (Stätte), und „hem“ (Heim).
Um 1500 verlief die Alfelder Heerstraße durch Stiddien. Die Heer- und Handelsstraße führte von Braunschweig nach Alfeld bei Hildesheim und traf dort auf die Strecke Hannover-Frankfurt am Main. Im 16. und 17. Jahrhundert ließ der Verkehr zugunsten der Frankfurter Straße nach, die über die Salzstadt Salzgitter führte. Im 18. Jahrhundert verödete die alte Heerstraße dann fast ganz.
Die Landwirtschaft war über Jahrhunderte Haupterwerb in Stiddien. Ein Großteil der Ackerfläche gehörte dem Stift Steterburg. Seit dem 14. Jahrhundert wurden Getreide und Flachs angebaut, daneben gab es Weidewirtschaft. Mit den Nachbarn, vor allem mit dem Haufendorf Groß Gleidingen, gab es immer wieder Streit um Weideflächen.Hans Lippelt: 200 Jahre Streit um eine Samthude. In: Heimatbote des Landkreises Braunschweig 1967. S. 95 ff, berichtet vom Streit um eine Koppelweide, der 1548 aktenkundig wurde und erst 1761 durch Aufteilung der Fläche gelöst werden konnte. Nach 1700 wurde die feuchte Niederung durch den Fuhsekanal entwässert. Auf dem schmalen Kanal sollte auch Torf nach Braunschweig transportiert werden, was aber wegen mangelnder Wassertiefe und damit verbundener Verschlammung des Kanals unterblieb. Die Qualität der Ackerböden verbesserte sich durch die Wasserregulierung jedoch und die Einkünfte der Stiddier Bauern stiegen. Während der Belagerung Braunschweigs im Siebenjährigen Krieg im Oktober 1761 wurde das Dorf zum Aufmarschgebiet: Französische Truppen bezogen kurzzeitig Stellung zwischen Broitzem und Stiddien.C. Renouard: Geschichte des Krieges in Hannover, Hessen und Westfalen von 1757 bis 1763. Cassel 1864, S. 439 ff. 1802 heißt es in einer Beschreibung über Stiddien: „Tochter von Geitelde […] mit Kirche und Schule, die das Konsistorium besetzt. 3 Ackerhöfe, 6 Kothöfe, 1 Brinksitzerstelle, 12 Feuerstellen und 105 Einwohner.“G. Hassel u. K. Bege: Geographisch-statistische Beschreibung der Fürstenthümer Wolfenbüttel und Blankenburg. Braunschweig 1802, S. 402 f. Etwa ab 1860 dominierte der Zuckerrübenanbau und sorgte für Wohlstand. Noch heute prägen drei große Höfe mit Herrenhäusern das Dorfbild. Der kleine Friedhof in der Dorfmitte wurde lange von den aufwändigen Grabdenkmälern der großen Bauern beherrscht. 1904 wurde Stiddien zum Haltepunkt der Omnibus-Verbindung von Braunschweig nach Salzgitter-Lebenstedt, einer der ersten dieser Art. Die Linie wurde von Heinrich Büssing betrieben, einem Pionier der AutobusbausRolf Ahlers: Heinrich Büssing - mit Omnibussen begann der Erfolg in: Braunschweigischer Landesverein Geschichte-Heimat-Natur e. V. (Hrsg.): Braunschweigische Heimat, 104. Jahrgang, Ausgabe 1/2018, S. 3, 7 f..
+ Einwohnerentwicklung Stiddien 1663 35Angabe Ortsheimatpflegerin Erika Bosse, Braunschweiger Zeitung 7.12.2004 1774 87Ein kleiner Auszug aus der Geschichte des Ortes, feuerwehr-stiddien.de, abgerufen im Januar 2023 1802 105G. Hassel u. K. Bege: Geographisch-statistische Beschreibung der Fürstenthümer Wolfenbüttel und Blankenburg. Braunschweig 1802, S. 402 f. 1847 117Carl Venturini: Das Herzogthum Braunschweig in seiner vormaligen und gegenwärtigen Beschaffenheit, Helmstedt 1847, S. 208 1863 142A. Lambrecht, Das Herzogthum Braunschweig – Geogrphisch, geschichtlich und statistisch, Wolfenbüttel 1863, S. 418 f. 1871 144Ortschafts-Verzeichnis des Herzogthums Braunschweig, 1871 1910 143Ortschaftsverzeichnis des Herzogtums Braunschweig auf Grund der Volkszählung vom 1. Dezember 1910, Braunschweig 1911 1925 166 1933 179 1939 176 1962 335Niedersächsisches Landesverwaltungsamt: Die Bevölkerung der Gemeinden in Niedersachsen am 31. Dezember 1962, Hannover 1963, S. 44 2015 215Pressemitteilung Stadt Braunschweig "Starker Einwohnerzuwachs in Braunschweig", 19.01.2016 2021 208https://www.braunschweig.de/politik_verwaltung/statistik/ez_statistische_bezirke.php, abgerufen im Januar 2023 2022 197https://www.braunschweig.de/politik_verwaltung/statistik/ez_statistische_bezirke.php, abgerufen im Februar 2024 2023 186https://www.braunschweig.de/suche.php?form=siteSearch-1-form&sp%3Asearch=siteSearch&sp%3Aq=stapak, abgerufen im Februar 2024
Im Zweiten Weltkrieg wurde der nahegelegene Bahnhof Beddingen durch die Nationalsozialisten mit Hochdruck ausgebaut, lag er doch in direkter Nähe zu den damaligen Reichswerken Hermann Göring. Am westlichen Ortsrand von Stiddien wurde in der Nähe der Gleisanlagen ein Lager errichtet, in dem 78 Zwangsarbeiter untergebracht warenSituation im BS-Land 1945, braunschweig.de, abgerufen im Dezember 2015. Die Poststelle des Lagers bestand von Dezember 1940 bis April 1942. Im Poststempel firmierte das Lager als „Unterkunftslager“ oder „Wohnlager“. Die Gebäude wurden nach dem Krieg abgerissen, erhalten blieb nur die ehemalige Wachbaracke, die zum Wohnhaus ausgebaut wurde. In ca. 100 Metern Entfernung befindet sich ein Bunker, der ebenfalls erhalten ist. Stiddien blieb von Bombenangriffen verschont, doch wurden der Bahnhof und der große FlaK-Kommandoposten zwischen Stiddien und Geitelde massiv bombardiert. In der Umgebung waren noch lange sehr viele Bombentrichter zu finden.
Nach dem Krieg wuchs der Ort. Flüchtlinge aus dem Osten bauten Siedlungshäuser, später entstand am Dorfrand die so genannte Siedlung, zwei Stichstraßen, vorwiegend bebaut mit Einfamilienhäusern. Bis zum 1. März 1974 gehörte das Dorf als dessen nördlichste Gemeinde zum Landkreis Wolfenbüttel und hatte einen eigenen, ehrenamtlichen Bürgermeister. Durch die niedersächsische Gebietsreform wurde Stiddien zusammen mit 21 weiteren Ortschaften nach Braunschweig eingemeindet.
Die Dorfkirche Die evangelisch-lutherische Kirche wurde etwa 1142 erbaut, 1220 wurde sie erstmals im Güterverzeichnis des Klosters Steterburg erwähnt. 1302 übernahm der Braunschweiger Johanniterorden nach einigem Streit das Patronatsrecht für die Stiddier Kirche vom Steterburger Stift im Tausch gegen die Kirche in Vechelde.Nathalie Krupps (Hrsg.): Pfarreien im Mittelalter. Göttingen 2007, S. 314. 1660 wurde Stiddien zu Geitelde eingepfarrt.G. Hassel, K. Bege: Geographisch-statistische Beschreibung der Fürstenthümer Wolfenbüttel und Blankenburg. Braunschweig 1802, S. 402.
Noch vor der Reformation wurde die romanische Wehrkirche an der Ostseite erweitert. Hinter der Altarwand ist noch heute eine Piscina zu erkennen. In dieser Ausbuchtung stand einst das Weihwasser des Priesters. 1714/16, als die Landwirtschaft einen Aufschwung erlebte, wurde der Natursteinbau abermals aufwendig renoviert und erweitert. Der Eingang, der sich ursprünglich an der Turmseite befand, wurde an der Nordseite verlegt und die Korbbogenfenster eingefügt. Die Kirche erhielt einen barocken Kanzelaltar mit zwei Passionsengeln. An der gegenüberliegenden Schmalseite wurde eine Empore mit Orgel eingebaut. Auch die beiden bronzenen Altarleuchter stammen aus dieser Zeit. Später wurde der Kirchenbau vernachlässigt, Feuchtigkeit drang ein. 1759 klagte ein Prediger, wenn er hinter der Kanzelaltarwand säße, leide seine Gesundheit. Im 19. Jahrhundert spendete eine der wohlhabenden Bauernfamilien ein buntes Bleiglasfenster für den Ostgiebel.
Erst in den 1950er Jahren wurde der Bau grundlegend renoviert. Die zwischenzeitlich verputzte Fassade wurde wieder freigelegt, und die Orgel erhielt einen Stromanschluss, so dass nicht mehr der Blasebalg getreten werden musste. Nach dem Jahr 2000 wurde der Bau aus Sand-, Kalk- und Braunschweiger Rogenstein erneut saniert und trockengelegt und später die aus den 1970er Jahren stammende grün-beige Bemalung der Altarwand beseitigt. Anhand von Farbspuren wurde die barocke Farbgebung aus dem frühen 18. Jahrhundert wiederhergestellt. Jetzt dominieren Terrakotta-Töne sowie beige und braun das Kircheninnere. auf newsclick.de, aufgerufen am 26. Dezember 2009. Die Kirche ist mit ihren etwa 70 Plätzen eine der kleinsten in Braunschweig. Der Gottesdienst findet heute einmal im Monat statt. Die evangelische Kirchengemeinde bildet zusammen mit den Gemeinden in Geitelde und Timmerlah einen Seelsorgebezirk und gehört zum Pfarrverband Braunschweig Südwest, der wiederum zur Propstei Vechelde gehörtPfarrverband Braunschweig Südwest, kirche-timmerlah.de, abgerufen im August 2023. Die Katholiken im Dorf zählen wie vor über 800 Jahren zur Kirchengemeinde Thiede-Steterburg.
Eine Informationstafel am Friedhof auf dem Weg zur Kirche gibt einen kurzen Abriss der Dorfgeschichte und zeigt einen Übersichtsplan. Das kleine Kriegerdenkmal neben der Freiwilligen Feuerwehr trägt die Inschrift „Den Gefallenen zum Gedächtnis, der Jugend zur Mahnung.“
Infrastruktur Stiddien ist zu einem reinen Pendlerdorf geworden. „Kein Kindergarten, keine Grundschule, kein Supermarkt, eine nur mäßige Busverbindung“ – so beschrieb die Braunschweiger Zeitung 2004 den Ort und zog das Fazit „Infrastruktur gleich Null“. auf newsclick.de, abgerufen am 26. Dezember 2009. Die 1849 erbaute kleine Dorfschule, in der bis in die 1950er-Jahre alle Dorfkinder gemeinsam in einer Klasse unterrichtet wurden, ist schon lange geschlossen. Das Gebäude wird heute von der Kirchengemeinde genutzt. Die Kinder der Klassen 1 bis 4 besuchen die Grundschule im nahe gelegenen Timmerlah. Die Gastwirtschaft mit Tanzsaal und kleinem Laden, einst Mittelpunkt des Dorflebens, konnte sich nur bis Ende der 1970er Jahre halten. Die Poststelle wurde 1976 aufgegeben, später entfernte die Telekom auch den einzigen Münzfernsprecher, jetzt gibt es nur noch einen Briefkasten. Das Dorf wird auch in Zukunft nicht wachsen, weil kein Bauland ausgewiesen ist. Die fruchtbaren Ackerböden sind zu wertvoll. Seit 1991 ist Stiddien an die zentrale Stadtentwässerung Braunschweigs angeschlossen. Seit der Schließung der Landstraße zwischen Geitelde und Broitzem hat sich der Verkehr durch das bis dahin eher ruhig gelegene Dorf nahezu verdoppelt. Außerdem wurde im Frühjahr 2010 zwischen Broitzem und Stiddien ein Fahrradweg gebaut, der den Verkehrsfluss verbessert und den Weg der Fahrradfahrer sicherer macht. auf braunschweig.de
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