mini|Wegweiser des Legionärspfads Der Legionärspfad Vindonissa ist ein im Sommer 2009 eröffneter Stationenweg an Ausgrabungsstätten des römischen Legionslagers Vindonissa in der schweizerischen Gemeinde Windisch. Er wurde von einem Projektteam im Auftrag des Kantons Aargau entwickelt und von einem Ausstellungsbüro mit Unterstützung von Sponsoren und dem Förderverein «Freunde Vindonissapark» realisiert.Grundlage bildete die Diplomarbeit «Vindonissapark – Die antike Oase in der modernen Welt. Projektskizze und Marketingkonzept» von 2002 im Rahmen des Masterprogramms Kulturmanagement an der Universität Basel. http://www.kulturmanagement.org/fileadmin/user_upload/redaktion/diplomarbeiten_2002.pdf Der Legionärspfad bildet gemäss dem Konzept der Living History einen Erlebnisraum für Gruppen und Einzelbesucher und verbindet experimentelle Archäologie mit lebendiger Geschichtsvermittlung. Bei seiner Eröffnung umfasste er acht, seit 2020 elf Stationen und soll weiter ausgebaut werden. Mehrere der Stationen sind von aussen verborgen und nur für Besucher des Legionärspfads zugänglich. Der Legionärspfad ist vom 1. April bis 31. Oktober geöffnet (ausser montags). Es werden mehrere Audiorundgänge, Workshops, Führungen und Veranstaltungen mit unterschiedlicher thematischer Ausrichtung angeboten.

Seit Herbst 2010 ist der Legionärspfad organisatorisch dem Museum Aargau angeschlossen. Gleichzeitig gehört er zusammen mit dem Vindonissa-Museum, dem Schloss Habsburg, dem Kloster Königsfelden und den Vindonissa-Winzern zur Dachmarke Vindonissapark.

Die Dachmarke Römerlager Vindonissa bezeichnet den Zusammenschluss des Legionärspfad Vindonissa in Windisch mit dem Vindonissa-Museum in Brugg.

Stationen Die Stationen des Legionärspfads ermöglichen den Besuchern, vom Leben der Legionäre in Vindonissa nicht nur in Kurzhörspielen zu hören, sondern es selbst zu erleben. Der Legionärspfad beginnt im Besucherzentrum in Windisch AG, führt je nach Audiotourwahl an verschiedene Stationen im Gelände und endet wieder beim Besucherzentrum in Windisch. Die Stationen sind im Einzelnen:

mini|Innenraum eines Triclinium während des Baus

I. Contubernia Mannschaftsunterkünfte Die originalgetreu nachgebauten Unterkünfte der Legionäre wurden aus Holz, Lehm und Kalk rekonstruiert und entsprechen der Bauweise zwischen 30 und 45 nach Christus. In dieser Zeit war die 13. Legion mit rund 5000 bis 6000 Legionären in Vindonissa stationiert. Wie damals von den Legionären, wurden auch die nachgebildeten Contubernia im Legionärspfad Vindonissa ganz von Hand gebaut. Die dafür verwendeten Materialien, die Bautechniken und Masse sind bis ins Detail so originalgetreu wie möglich. Die wissenschaftliche Grundlage bildeten archäologische Grabungen in Vindonissa und anderen Römischen Militärlagern.

Ein Contubernium (Stuben- oder Zeltgemeinschaft) bestand aus zwei Räumen. Den vorderen Raum nutzten die Legionäre zum Aufbewahren ihrer Waffen und Ausrüstung, der hintere diente ihnen als Wohn- und Schlafraum. Im Contubernium wurde auch gekocht, wie Feuerstellen belegen. Jeweils acht Legionäre wohnten zusammen in einem Contubernium- die Platzverhältnisse waren sehr eng.

In der Regel fügten sich zehn Contubernia zu einer Mannschaftsbaracke (Centuria) zusammen. Befehligt wurde diese insgesamt 80 Mann starke Einheit vom Centurio, einem Offizier. Seine Unterkunft lag am Kopfende einer Mannschaftsbaracke und war wesentlich grösser und komfortabler als die Unterkunft der Legionäre.

II. Porta Principalis – Westtor Das schwer befestigte Westtor war für das Legionslager Vindonissa das wichtigste Tor, da es das Lager mit den grossen Fernstrassen verband. Vor dem Westtor lag die zivile Siedlung, in der sich Handwerker, Kaufleute und Angehörige der Legionäre niedergelassen hatten. Das Westtor ist frei zugänglich.

Das Westtor in Vindonissa war mit seinen beiden achteckigen Türmen aufwändig gestaltet. Dies erklärt sich aus seiner Lage: Hier führten die von Gallien, Italien und Germanien kommenden Fernstrassen ins Lager. Die beiden in ihren Grundmauern erhaltenen Türme waren achteckig und erreichten eine Höhe von vermutlich rund 20 Metern. Neben dem Hauptdurchgang für die Fuhrwerke gab es auf jeder Seite einen Durchlass für Fussgänger.

Innerhalb des Westtors (porta principalis dextra) begann die West–Ost verlaufende Hauptstrasse (Via principalis), eine der beiden Lagerhauptstrassen. Diese verlief bis zum Osttor (porta principalis sinistra) und traf unterwegs auf die Süd–Nord verlaufende Hauptstrasse (Via praetoria).

Die vom Westtor ausgehende Römerstrasse verlief direkt unter dem später durch die Habsburger errichteten Kloster Königsfelden und unter dem Besucherzentrum des Legionärspfads hindurch.

Ausserhalb des Westtors führte die Strasse weiter ins Mittelland nach Aventicum, der Hauptstadt der Helvetier, und über den Bözberg nach Augusta Raurica. Vor dem Tor lag auch die zivile Siedlung, die sich im Lauf der Zeit um das Legionslager entwickelt hatte und nach Abzug der Truppen aus Vindonissa im Jahr 101 nach Christus weiterbestand. In der Siedlung lebten einheimische und römische Kaufleute, Handwerker und wohl auch Angehörige der Soldaten.

Im «Schauraum Töpferöfen» des Parkhauses der Fachhochschule Nordwestschweiz (Campus Brugg-Windisch) können die sehr gut erhaltenen Töpferöfen eines Töpferquartiers frei besichtigt werden.

III. Cloaca Maxima – Grosser Abwasserkanal Das Legionslager Vindonissa verfügte damals wie die römischen Städte über modern anmutende Abwassersysteme. Ein Teil dieser antiken Kanalisation ist in Vindonissa heute noch begehbar. Der grosse Abwasserkanal verlief entlang der Westfront des Legionslagers, unmittelbar neben der Lagermauer. Er lag unter der Strasse parallel zur Lagermauer (Via sagularis) und gehörte zu einem langen, unterirdischen Abwassersystem. Dieses war schätzungsweise über fünf Kilometer lang und durchzog das gesamte Legionslager. Die aus Stein gebauten Kanäle entwässerten die Latrine, Thermen und Brunnenüberläufe und sorgten bei Regenfällen für einen schnellen Abfluss des Dach- und Strassenwassers. Der grosse Abwasserkanal sammelte das Schmutzwasser aus den kleineren Seitenkanälen und liess es direkt aus dem Lager gegen Norden zur Aare hinabfliessen.

Ein funktionstüchtiges Kanalisationssystem war nötig, um eine mögliche Ausbreitung von Krankheiten und Seuchen im Legionslager zu verhindern. Zusammen mit den Mannschaftstoiletten, den Lagerthermen und dem Lagerspital gehörte das Abwassersystem zu den wichtigsten hygienischen Einrichtungen, um die rund 6000 Legionäre gesund und somit einsatzbereit zu halten.

Der grosse Abwasserkanal war bereits 1899 entdeckt worden. Im Jahr 1907 wurde der Kanal erneut untersucht, und der damalige Ausgräber nannte ihn – in Anlehnung an die monumentale Abwasserleitung in Rom – die «Cloaca Maxima von Vindonissa».

Um den Abwasserkanal für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen, konservierte man damals ein gut 20 Meter langes Teilstück. Danach geriet die «Cloaca Maxima» in Vergessenheit. Erst nach rund 100 Jahren wurde der Kanal für die Besucher des Legionärspfads wieder zugänglich gemacht: Mit zwei Metern Höhe und einem Meter Breite ist er bequem begehbar.

IV. Porta Decumana – Nordtor Das Nordtor überwachte im Legionslager Vindonissa den Schiffsverkehr und diente mit seiner steilen Böschung auch als Abfallhalde. Diese ist für heutige Archäologen eine wahre Goldgrube.

Die Entdeckung des Nordtors (Porta decumana) 1905 war bahnbrechend für die frühe Vindonissa-Forschung. Nun konnten die letzten Zweifel aus dem Weg geräumt werden: Vindonissa war tatsächlich ein Legionslager gewesen – und keine zivile Siedlung.

Das Tor liegt an der Nordkante des Windischer Plateaus, direkt über dem Abhang zur Aare. Von hier hat man einen beeindruckenden Ausblick nach Norden, auf den Einschnitt der Aare durch die Jurakette.

Die hervorragende strategische Lage des Plateaus am Zusammenfluss von Aare, Reuss und Limmat sowie nah am wichtigen Aaredurchbruch in Richtung Norden hatten bereits die Römer erkannt. Die ausgezeichnete verkehrsgeographische Lage am Wasserschloss der Schweiz ermöglichte das schnelle und günstige Transportieren von grossen Warenmengen und Menschen zu militärischen Zwecken. Die Wasserwege banden Vindonissa in das grosse römische Fernhandelsnetz ein. Gute Verbindungswege für die Truppenbewegungen und die Versorgung der Soldaten waren im Römischen Reich römischen Imperium ein zentrales Machtinstrument.

Die zur Aare abfallende Böschung war für Fuhrwerke vermutlich zu steil, weshalb das Nordtor nebst seiner Funktion als Wachposten noch einen anderen Zweck erfüllte: Durch das Tor wurden grosse Mengen an Abfall aus dem Lager gekarrt und am Nordhang abgelagert, bis ein gewaltiger Schutthügel entstand. Für die archäologische Forschung ist dieser Schutthügel von unschätzbarem Wert, da sich darin Tausende von Objekten, insbesondere aus Leder und Holz, erhalten haben – darunter die Fragmente von rund 600 hölzernen Schreibtäfelchen. Diese einmaligen Zeitzeugen des täglichen Lebens der Legionäre in Vindonissa sind heute im Vindonissa-Museum in Brugg zu sehen.

V. Balneum – Bad Öffentliche Bäder gehörten zur Grundausstattung einer römischen Siedlung. In Vindonissa gab es früher sogar ein eigenes Legionärsbad innerhalb des Lagers, welches jedoch nicht mehr existiert. Das hier beschriebene Bad (Balneum) gehörte zu einem grösseren Baukomplex ausserhalb des Legionslagers. Es war ein öffentliches Bad, das Quartierbewohner und Reisende gegen Bezahlung benutzen konnten. Das Bad ist unterteilt in Kalt-, Lauwarm- und Heissbaderäume. Um die Böden und Wände zu heizen, nutzten die Römer ein ausgeklügeltes Heizsystem, den Hypokaust. Reste davon sind heute noch gut zu sehen, ebenso die Wasserbecken, die mit temperiertem Wasser gefüllt und durch gemauerte Kanäle entleert wurden. Besonders schön sind die rund 2000-jährigen, gut erhaltenen farbigen Wandmalereien. Heute ist das Bad für die Besucher des Legionärspfads mit Licht, Düften und einer exklusiven «Fingertherme» erlebbar.

Für die Römer gehörte der Besuch im Bad zum normalen Tagesablauf. Man traf sich, unterhielt und erholte sich und pflegte seinen Körper. Dazu gehörten auch sportliche Aktivitäten und Massagen mit wohlriechenden Ölen. Um den Betrieb des Bades und somit die hygienische Grundversorgung zu gewährleisten, benötigte man ein funktionierendes Frisch- und Abwassersystem sowie genügend Brennstoffe für das Beheizen der Räume und Wasserbecken.

Damit sich die Badegäste wohlfühlten, waren römische Bäder oft aufwendig mit Malereien, Skulpturen und monumentalen Waschbecken ausgeschmückt. Viel reicher ausgestattet als das kleine Bad ausserhalb, war das grosse Lagerbad der Legionäre im Innern des Legionslagers.

VI. Culina Centurionis – Offiziersküche Hohe Offiziere lebten auch in einem Legionslager ziemlich komfortabel in eigenen Häusern. Ein solches ist in Vindonissa erhalten. Seine Küche und die Speiseabfälle verraten, dass auch in der tiefsten Provinz standesgemäss getafelt wurde. Direkt an der Ost–West verlaufenden Lagerhauptstrasse (Via principalis) lag das rund 1100 Quadratmeter grosse Wohnhaus eines ranghohen Offiziers. In vorrömischer Zeit hatte sich an dieser Stelle der gewaltige Graben einer keltischen Befestigungsanlage befunden. Die Römer beseitigten die Befestigungsmauer und füllten den Graben auf, um darauf ihr Lager errichten zu können. Über die Jahrhunderte senkten sich die aufgefüllten Schichten im Keltengraben und liessen die darüber liegenden römischen Fundschichten ebenfalls absinken. Die Besucher des Legionärspfads steigen in den Untergrund und stossen dort auf die aussergewöhnlich gut erhaltenen Reste des Wohnhauses. Spektakulär ist die „versunkene“ Küche des Hauses, die im mediterranen Stil gehalten und mit einem grossen Kochherd ausgestattet war.