Juan Borgia (auch ital. Giovanni Borgia oder span. Juan de Borja, kat. Joan de Borja; * 1476 oder 1478; † 14. Juni 1497 in Rom) war ein spanisch-italienischer Renaissancefürst und der Lieblingssohn Papst Alexanders VI., der mit Juans Mutter Vanozza de’ Cattanei noch drei weitere uneheliche Kinder hatte, Cesare, Lucrezia und Jofré.
Der als arrogant und verzogen beschriebene junge Mann wurde 1493 von seinem Vater im Rahmen einer politischen Allianz nach Spanien geschickt, um Maria Enríquez i de Luna (1477–1520), die Witwe seines am 14. August 1488 verstorbenen Halbbruders Pedro-Luiz Borgia, zu heiraten und das ihm von diesem vererbte Herzogtum Gandia in Besitz zu nehmen. Am spanischen Hof erregte das ungehörige Benehmen Juan Borgias allerdings Missfallen, und 1496 wurde er nach Rom zurückgerufen.
In Italien überhäufte Alexander VI., der sich als erster Papst offen zu seinen Kindern bekannte, ihn in unverhohlenem Nepotismus mit einer großen Anzahl von Ämtern und Würden. Trotz militärischer Misserfolge ernannte er Juan unter anderem zum Oberbefehlshaber der päpstlichen Armee und erschuf für ihn das Herzogtum Benevent, was auf vielen Seiten Hass und Anfeindungen gegenüber den Borgias auslöste, die ohnehin schon als spanische Emporkömmlinge verhasst waren.
In der Nacht vom 14. zum 15. Juni 1497 wurde Juan Borgia schließlich in Rom von Unbekannten ermordet. Seine Leiche fand man erst Tage später mit Stichwunden übersät im Tiber. Außer sich vor Schmerz ließ Alexander VI. Ermittlungen anstellen, um die Mörder zu finden; das Verbrechen konnte jedoch nie aufgeklärt werden. Des Mordes verdächtigt wurden nicht nur die mit den Borgia verfeindete Familie Orsini und Juans Schwager Giovanni Sforza, sondern auch Juans eigene Brüder Cesare und Jofré.
Frühe Jahre
Über Juan Borgias Kindheit ist recht wenig bekannt. Er wurde 1476 oder 1478Sarah Bradford: Lucrezia Borgia. Penguin Group, 2005, Stammbaum The descendants of Alexander VI. als zweiter Sohn des spanischen Kardinals Rodrigo Borgia und seiner langjährigen italienischen Mätresse Vanozza de’ Cattanei vermutlich in Rom geboren. Früher ging man von 1474 als Geburtsjahr aus und hielt Juan für den Erstgeborenen, dies ist aber überholt.Siehe Brambach S. 92, Schüller-Piroli S. 40, Hibbert S. 30; Juan wurde lange für den ältesten Sohn des Paares gehalten, da für ihn und Cesare keine genauen Geburtsdaten bekannt sind. Die Forschung ist sich heute aber einig, dass er jünger als Cesare gewesen sein muss. Hinweise dazu liefern die 1947 wiederentdeckte Grabplatte Vanozza de’ Cattaneis, in der Juan als Zweitgeborener genannt wird, und eine päpstliche Bulle von 1493, in der Cesare als der Ältere beschrieben wird. Als uneheliches Kind eines Priesters, der die Papstwürde anstrebte, konnte er nicht öffentlich im Haus seines Vaters leben, auch wenn dieser seine Kinder geradezu abgöttisch geliebt haben soll und ihnen später jede erdenkliche Bevorzugung zukommen ließ.Sarah Bradford: Cesare Borgia. His Life and Times. Weidenfeld and Nicolson, London 1976, S. 17 Einige Historiker vermuten, dass er daher mit seinen Geschwistern im Haus seiner Mutter an der damaligen Piazza Pizzo di Merlo (heute: Piazza Sforza Cesarini) aufwuchs, das nahe beim Vatikan und dem Palast seines Vaters lag. Möglich ist aber auch, dass er irgendwann zwischen 1483 und der Neuverheiratung seiner Mutter 1486 im Haushalt Adriana da Milas untergebracht wurde, einer adeligen Cousine seines Vaters, in deren Obhut auch seine Schwester Lucrezia lebte.Christopher Hibbert: The Borgias and their enemies. 1431 - 1519. Harcourt Inc., Orlando 2008, S. 31 Sicher ist nur, dass er und Cesare sich einen Haushalt teiltenSarah Bradford: Cesare Borgia. His Life and Times. S. 18 und er vom Vater umsorgt eine für die damalige Zeit umfassende Ausbildung von seinem Tutor, Jaime Serra, erhielt.Christopher Hibbert: The Borgias and their enemies. 1431 - 1519. S. 167
Die offizielle Vormundschaft und Vermögensverwaltung für Juan gab Rodrigo Borgia 1483 an seinen ältesten Sohn, Juans Halbbruder Pedro-Luis, Herzog von Gandía, der sich in Spanien aufhielt.Susanne Schüller-Piroli: Die Borgia-Dynastie. S. 100 Bei dessen Tod im August 1485 wurde der etwa zehnjährige Juan zum zweiten Herzog von Gandía, da Pedro-Luis ihn testamentarisch zu seinem Alleinerben gemacht hatte. Dass nicht Juans älterer Bruder Cesare berücksichtigt wurde, liegt vermutlich daran, dass dieser schon für eine geistliche Karriere vorgesehen war.
Charakter und Aussehen mini|In den Borgia-Gemächern im Vatikan soll Alexander VI. seine Kinder verewigt haben. Der türkisch gekleidete Reiter rechts wird oft für eine Darstellung Juan Borgias gehalten, die Zuweisung ist jedoch umstritten. Juan war laut dem spanischen Chronisten Jeronimo Zurita ein „verzogener Junge“ gewesen und wuchs zu einem „gemeinen jungen Mann, voller großartiger Anwandlungen und schlechter Gedanken, hochnäsig, grausam und unvernünftig“ heran. Er galt als ausgesprochen gutaussehend, überdurchschnittlich groß und athletisch und anziehend für Frauen. Laut römischer Gerüchteküche unterhielt er später eine Affäre mit der Gemahlin seines Bruders Jofré, Sancha von Aragon. Der Gemahl seiner Mutter beschrieb ihn als „Augapfel seiner Heiligkeit“,Sarah Bradford: Cesare Borgia. His Life and Times. S. 56 f. denn der Vater gab ihm jede denkbare Bevorzugung und ließ ihm nach seiner Wahl zum Papst die große Ehre zuteilwerden, bei öffentlichen Auftritten vor dem Papst herzureiten. Juan, der bekannt für seine extravagante Kleidung war, stolzierte dann in prächtigen, teuren Kleidern auf einem mit Silberglöckchen behangenen Pferd durch Rom, überaus stolz auf sein Erscheinungsbild.Christopher Hibbert: The Borgias and their enemies. 1431 - 1519. S. 96. Oft kleidete er sich im türkischen Stil wie der im Vatikan als Geisel lebende Sultan Cem, mit dem er befreundet war.
Spanienaufenthalt 1493–1496 Nachdem Juans Vater 1492 als Alexander VI. die Papstwürde erlangt hatte, bekannte er sich bald offen zu seinen Kindern und band sie in seine politischen Pläne ein, wie es damals eigentlich nur für weltliche Fürsten üblich war. Nachdem Cesare zum Kardinal ernannt und Lucrezia in einer politisch vorteilhaften Ehe verheiratet worden war, reiste schließlich Juan im Rahmen einer politischen Allianz zwischen dem spanischen Königspaar Isabella und Ferdinand und seinem Vater nach Spanien.
Im August 1493 schickten die für ihren Pomp bekannten Borgia den Siebzehnjährigen in Begleitung von vier Galeeren, prächtig ausgestattet mit einer unglaublichen Menge an Juwelen, Silber und luxuriösen Möbeln für seinen Palast in Gandía, auf den Weg. „Man sagt, er wird in einem Jahr zurückkommen, doch all seine Güter in Spanien lassen und für eine neuerliche Ernte zurückkehren“, schrieb der Botschafter von Mantua.Sarah Bradford: Lucrezia Borgia. Penguin Group, 2005, S. 31
mini|hochkant=0.8|links|Das Wappen der Borgia-Herzöge von Gandía Am spanischen Hof wurde Juan offiziell mit dem Herzogtum Gandía belehnt und am 24. August fand in Barcelona die feierliche Eheschließung zwischen ihm und Maria Enríquez i de Luna statt, einer Cousine König Ferdinands, die zuvor schon mit seinem Bruder Pedro-Luis verlobt gewesen war.Sarah Bradford: Cesare Borgia. His Life and Times. S. 35; Schon vor seiner Abreise hatte Alexander seinem Sohn peinlich genaue Anweisungen gegeben, wie er sich gegenüber dem spanischen Königspaar benehmen solle, von dem er sich noch viele Lehen und Gunstbeweise für Juan erhoffte. Doch diese nahmen nicht an seiner Hochzeit teil und im November erreichten Berichte über Juans schlechtes Benehmen Rom. Sein Bruder Cesare schrieb in einem mahnenden Brief an ihn:
Juan wies zumindest den Vorwurf zurück, dass er seine Gemahlin vernachlässige und die Ehe nicht vollzogen habe. Am 4. Dezember 1493 schrieb er an seinen Vater: „Euer Heiligkeit kann sicher sein, dass ich mit der Herzogin zufrieden und getröstet bin... Ich bin in sie verliebt... ich schlafe immer bei ihr und wir leben sehr gut zusammen.“Susanne Schüller-Piroli: Die Borgia-Dynastie. S. 188 Die Geburt seines Sohnes im Jahr darauf entkräftete diesen Vorwurf endgültig, doch den Papst beunruhigten nun Juans finanzielle Extravaganzen. Empört über die Ausgaben seines Sohnes, der sich einen Hofstaat von 130 Edelleuten mitsamt Gefolge hielt und sein Herzogtum mit Zukäufen ausbaute, drohte Alexander ihm kein Geld mehr zu schicken, denn „ein widerspenstiges Pferd muss man kurz am Zügel halten!“Susanne Schüller-Piroli: Die Borgia-Dynastie. S. 187
Dies hielt ihn allerdings nicht davon ab, weitere Titel und Ländereien für Juan anzuhäufen. Die Allianz mit dem spanischen Königshaus Aragon trug bald weitere Früchte, als der Papst am 8. Mai 1494 Alfons von Aragon zum König von Neapel krönte. Im Gegenzug machte der König reiche Landgeschenke an die päpstlichen Kinder, unter anderem ernannte er „wegen besonderer Verdienste den erlauchten Herrn Juan Borgia, Herzog von Gandia, den Sohn des Papstes, zum Fürsten von Tricarico, Grafen von Clermont, Lauria und Carinola.“
Allerdings erhob kurz darauf auch der französische König Karl VIII. Anspruch auf die Krone Neapels; er bereitete eine Invasion Italiens vor und drohte Alexander mit einer Amtsenthebung. Juan, der als Zeichen des Bündnisses zwischen dem Haus Aragon und dem Papst in Spanien war, wurde nun zum Bauern im politischen Schachspiel. Um zu garantieren, dass Alexander trotz der Bedrohung durch Frankreich weiter die Ansprüche Alfonsos auf Neapel unterstützte, hielt der spanische König Ferdinand ihn als Unterpfand in Spanien zurück. Alexander, der schon im Mai 1494 versucht hatte Juan aus Spanien zurückzuholen, überstand die Invasion der Franzosen Anfang 1496 unbeschadet, doch Juan wartete inzwischen ungeduldig darauf heimreisen zu können. „Ich habe seiner Heiligkeit geschrieben, dass er meine Abreise befehlen soll, und hoffe von Tag zu Tag auf diesen Befehl [...] Jeder Tag scheint mir wie ein Jahr wegen des Aufschubs dieser Schiffe.“Sarah Bradford: Lucrezia Borgia. Penguin Group, 2005, S. 38, schrieb er an Lucrezia und Cesare. Selbst danach zögerte Ferdinand die Abreise solange hinaus, bis Juans Frau Maria Enriquez die Reise aufgrund ihrer zweiten Schwangerschaft nicht mehr antreten konnte. Er hatte keinerlei Interesse daran, seine junge Verwandte in den Machtbereich des Papstes gehen zu lassen.
Juan konnte schließlich erst am 10. August 1496, nach drei Jahren in Spanien und ohne Frau und Sohn, nach Rom zurückkehren. Der junge Herzog, dessen einziges Verdienst es war, der Sohn des Papstes zu sein, wurde dabei mit einem solchen Pomp und so besonderer Ehrung empfangen wie zuvor nicht einmal der französische König. Sämtliche Kardinäle unter der Führung seines Bruders erwarteten ihn auf dem Marsfeld, dazu Botschafter, römische Adelige und Offizielle.Sarah Bradford: Cesare Borgia. His Life and Times. S. 56
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