Kalavryta ( , auch Kalavrita) ist eine Kleinstadt mit rund 2000 Einwohnern im Norden der Halbinsel Peloponnes. Gleichzeitig ist Kalavryta eine Gemeinde in der Region Westgriechenland, die durch Eingemeindungen vor allem in den Jahren 1997 und 2010 auf rund 11.000 Einwohner angewachsen ist. Sie ist deckungsgleich mit der Provinz Kalavryta, die von 1833 bis 1997 bestand.

Kalavryta erlangte als legendärer Ort des Beginns der Griechischen Revolution und aufgrund eines Massakers der deutschen Wehrmacht vom 13. Dezember 1943 Bekanntheit.

Geographie Der Ort liegt im fruchtbaren Hochtal des zum Golf von Korinth entwässernden Flusses Vouraikos am südlichen Hang in etwa 740 m Höhe, westlich flankiert vom Gebirgsmassiv des Erymanthos, 2221 m. Östlich dominiert, in großer Nähe, das Gebirgsmassiv des Aroania, 2338 m.

In dieser Gebirgslandschaft kommt es zwischen Dezember und April zu reichlichen Niederschlägen. Der Fluss führt daher das ganze Jahr über Wasser, obwohl diese Landschaft, wie fast der ganze Peloponnes, durch Karstphänomene und sehr regenarme Sommer geprägt ist.

Nach Klima, Gebirgslage und Verkehrsanbindungen gehört Kalavryta wie der Großteil des inneren Peloponnes zu den durch Strukturschwächen und Landflucht geprägten Städten und Dörfern. In der Region wurde daher der Tourismus, heute auch Agro-Tourismus, gefördert.

Verkehr Die wichtigste Straßenanbindung nach Diakopto an der Nordküste (ca. 40 km) gehört auch nach den 2005 erfolgten Ausbaumaßnahmen zur Kategorie der kurvenreichen „Landstraßen mit lokaler Bedeutung“. Die weiteren Verbindungen nach Nordwesten (Patras, 75 km) und Südosten (Tripoli, 90 km) bleiben ebenfalls kurvenreiche Trassen durch Gebirgslandschaft. Die Straße nach Egio ist als Ethniki Odos 31 und somit als Nationalstraße ausgewiesen. Die Bahnstrecke Diakopto–Kalavryta, eine 1885 gebaute Schmalspur- und Zahnradbahn mit der Spurweite 750 mm, hat Bedeutung für den touristischen Verkehr und ist durch die Beschaffung neuer Triebfahrzeuge im Bestand gesichert.

Der Ort ist von Athen über Straßen oder per Bahn erreichbar. Seit Eröffnung der Bahnverbindung vom Flughafen Athen nach Kiato mit Direktanschluss an die Neubaustrecke Kiato-Diakopto-Aigio ist Kalavryta per Bahn schneller als per Straße zu erreichen.

Tourismus Der Ort ist ein Häuser- und Straßenensemble mit einer baumbestandenen Platia, mehreren Hotels, einem Museum und einer nationalen Gedenkstätte. Wirtschaftliche Einnahmequelle ist der überwiegend innergriechische Tourismus. Wanderungen sind durch das Vouraikos-Hochtal und durch die Schlucht entlang der Bahntrasse möglich.

Kalavryta liegt auch am Europäischen Fernwanderweg E4.

Geschichte Der Ort Kalavryta ist besonders durch zwei geschichtliche Ereignisse bekannt.

Kloster Agia Lavra Am 25. März 1821 segnete der Metropolit (Bischof) Germanos von Patras im nahegelegenen Kloster Agia Lavra die Fahne der Befreiungskämpfer. Seitdem ist das Kloster ein Nationalheiligtum und der 25. März inzwischen Nationalfeiertag.

Massaker von Kalavryta

Während der deutschen Besetzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg nahmen Partisanen der Griechischen Volksbefreiungsarmee ELAS Mitte Oktober 1943 81Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland (= Peleus. Studien zur Archäologie und Geschichte Griechenlands. Band 12). Bibliopolis, Möhnesee 2002, ISBN 3-933925-22-3, S. 204. deutsche Soldaten der Schober-Kompanie in der Schlacht von Kerpini (16. bis 17. Oktober 1943), nahe Kalávryta, gefangen, nachdem diese sich ergeben hatten. Der schwer verwundete Gefreite Olschefski wurde aufopferungsvoll von der Familie eines Arztes aus Kerpini versorgt und mit der Zahnradbahn ins Tal gefahren.Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Möhnesee 2002, S. 202. Die erste Nacht in Gefangenschaft verbrachten die deutschen Gefangenen im Gebäude der Grundschule von Kalavryta, das heute das Museum des Holocaust der Stadt Kalavryta beherbergt. Drei verwundete Soldaten wurden in der Nacht im Krankenhaus versorgt. Als die Gefangenen am nächsten Morgen nach Mazeika verlegt werden sollten, wurden die drei Verwundeten jedoch gegen den Widerstand des Krankenhauspersonals, des Schulinspektors Papavassiliou, des ELAS-Kapetanios Kolokotronis und anderer Würdenträger den Angehörigen von Konstantinos Pavlopoulos übergeben. Der 18-Jährige Pavlopoulos aus dem Nachbardorf Soudena war am 1. September 1943 von deutschen Soldaten in Kalavryta öffentlich erhängt worden. Die drei verwundeten Soldaten wurden am 18. Oktober 1943 von zwei Männern aus Soudena umgebracht und am 19. Oktober in einem Wasserloch südlich von Kalavryta gefunden. Sie wurden vom Priester Fefes in Kalavryta unter Beteiligung der Einwohnerschaft auf dem Friedhof beerdigt.Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Möhnesee 2002, S. 204 f.

Die Partisanen hatten im Raum Kalavryta eine starke Position, obwohl die überwiegend konservativ eingestellte Bevölkerung ihnen gegenüber als distanziert galt. Es wurden Verhandlungen geführt, aber es ist aus den zahlreich vorhandenen Dokumenten der Wehrmacht nicht feststellbar, ob die Forderung der Partisanen nach Austausch der gefangenen Soldaten gegen 3900 griechische Geiseln ernsthaft erwogen wurde. Ende November erging der Befehl für das bereits im Oktober geplante „Unternehmen Kalawrita“ (Vernichtung der „Banden“ – meint: Partisanen – und für eine Vergeltungsaktion). Dieses „Unternehmen Kalawrita“ begann offiziell am 5. Dezember 1943 und hatte zum Ziel, die Partisanen einzukesseln und nahe Kalavryta zu schlagen sowie die in Kriegsgefangenschaft befindlichen Soldaten zu befreien. Am 5. Dezember ging die Gruppe unter dem Hauptmann Karl Kockert gegen die Ortschaft Dara vor und ließ dort „auf fliehende Zivilisten (…) das Feuer eröffnen“.BA-MA: RH 26-117/16, Einsatzbericht, 21.12.43, S. 297. Die motorisierte Gruppe unter Hauptmann Albert Gnass erreichte am gleichen Tag Pagkrati, wo sie vom Hang aus angegriffen wurde. Nach einem kurzen Gefecht wurde das Feuer eingestellt. Die deutschen Soldaten zählten einen Toten und einen Leichtverletzten auf ihrer Seite, während acht tote Partisanen gefunden wurden. Danach besetzten sowohl die Gruppe Kockert als auch die Gruppe Gnass Pagkrati und brannten es nach der Befragung der Dorfbevölkerung nieder. Zudem erschossen sie sieben Bauern, die sie zuvor in Dara bei der Feldarbeit festgenommen hatten.Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Möhnesee 2002, S. 252–253.

Nachdem die beteiligten Gruppen der Wehrmacht in den Tagen zuvor bereits viele Ortschaften im Einsatzgebiet und das Kloster Omblou durchsucht und die Ortschaft Pagkrati sowie das Kloster verbrannt hatten,Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Möhnesee 2002, S. 256. stellte Generalmajor Karl von Le Suire am 7. Dezember fest, dass es den Kampfgruppen nicht gelungen war, die Partisanen zum Gefecht zu stellen. Wegen dieser Einschätzung wurden noch am selben Tag die Unternehmen „Stieglitz“ und „Büffel“ befohlen, mit denen ein Ausweichen der Partisanen nach Osten und Südwesten verhindert werden sollte. Demnach waren nun 3.000 Soldaten aus allen Stationierungsräumen der Nordpeloponnes an der Militäroperation beteiligt.Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Möhnesee 2002, S. 257–259.

Am 5. Dezember befanden sich die deutschen Gefangenen in Mazeika (heute Kleitoria). Sobald die Nachrichten über die herannahenden deutschen Truppen, die Erschießung der Bauern, das Gefecht bei Pagkrati und das Niederbrennen der Ortschaft eintrafen, zogen die Partisanen die Gefangenen zusammen und verließen überstürzt den Ort, wobei sie einen Gefangenen vergaßen.Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Möhnesee 2002, S. 260–267. Die Gefangenen wurden über Planiterou nach Mazi gebracht, von wo sie am Nachmittag des 7. Dezembers in kleinen Gruppen auf einen oberhalb von Mazi gelegenen Hang geführt wurden. Hier wurden die 75 Soldaten, die sich noch bei den Partisanen befanden, erschossen. Zwei von ihnen überlebten die Hinrichtung. Bis heute ist kontrovers umstritten, wer bei den Partisanen den Befehl zu dieser Hinrichtung der Gefangenen gegeben hatte. Einer der beiden Überlebenden traf am 8. Dezember auf eine deutsche Radfahrschwadron, die die Gefangenen suchte, und informierte sie über die Hinrichtung. Daraufhin wurde Karl von Le Suire informiert, der dem Kampfgruppenkommandeur des „Unternehmens Kalawrita“, Oberstleutnant Julius Wölfinger, „als sofortige Sühnemaßnahme Erschießung der männlichen Bevölkerung und Niederbrennen der Ortschaften“Zitiert nach: Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Möhnesee 2002, S. 270. befahl. Am 11. Dezember fand ein Suchtrupp die Leichen der Gefangenen.Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Möhnesee 2002, S. 293–296.

Nachdem Wölfinger auf Weisung Le Suires den Befehl verschärft hatte, begann die Kampfgruppe Ebersberger bereits am Nachmittag des 8. Dezembers damit, weitere Dörfer in Brand zu stecken und die männlichen Zivilisten zu töten.Hermann Frank Meyer: Von Wien nach Kalavryta. Die blutige Spur der 117. Jäger-Division durch Serbien und Griechenland. Möhnesee 2002, S. 274.