mini|hochkant=1.4|„Wir wollen und müssen siegen!“ (Koblenz 1914)Der Weltkrieg am 27. August 1914: Der deutsche Heeresbericht: Der Siegeszug des Westheeres – Mobilisierung des Landsturms.
Das Große Hauptquartier (GrHQu), spätere amtliche Bezeichnung Großes Hauptquartier Seiner Majestät des Kaisers und Königs, war die mobile strategische Kommandozentrale der deutschen Streitkräfte im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 und im Ersten Weltkrieg.Informationen zum Großen Hauptquartier von Thomas Menzel für das Bundesarchiv. Es bildete weder eine eigene Behörde noch ein eigenes Gremium, sondern war der Versammlungsort von Vertretern der höchsten militärischen und politischen Entscheidungsorgane des Norddeutschen Bundes bzw. Deutschen Kaiserreichs.Irene Strenge: Spa im Ersten Weltkrieg (1914–1918). S. 13.Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866–1918. Bd. II: Machtstaat vor der Demokratie. S. 759.
Besetzung mini|hochkant|Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff in Bad Kreuznach, 1917
Dem Großen Hauptquartier gehörte bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs 1914 neben Kaiser Wilhelm II. als Oberstem Kriegsherrn folgender Personenkreis an:
Der Diensttuende Generaladjutant und Kommandant des Hauptquartiers Generaloberst mit dem Rang eines Generalfeldmarschalls Hans von Plessen der Chef des Generalstabes des Feldheeres Helmuth von Moltke der Chef des Admiralstabes der Marine Alfred von Tirpitz der Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg der Vortragende Generaladjutant und Chef des Militär-Kabinetts, General der Infanterie Moriz von Lyncker mit seinem Stab der Generaladjutant und Chef des Marinekabinetts, Admiral Georg Alexander von Müller der Chef des Geheimen Zivilkabinetts, Rudolf von Valentini der Kriegsminister Erich von Falkenhayn ein Vertreter des Staatssekretärs des Reichsmarineamtes der Staatssekretär des Auswärtigen, Gottlieb von Jagow die Militärbevollmächtigten der Königreiche Bayern, Württemberg und Sachsen sowie von nichtmilitärischen Behörden die Spitzen der obersten Waffenbehörden drei General- sowie vier Flügeladjutanten zwei Leibärzte Seiner Majestät
mini|Wilhelm II. im Sommer 1918 im Großen Hauptquartier in Spa beim Kaffeetrinken mit Generälen.Zu Besuch sind sein Bruder Prinz Heinrich von Preußen und die Führer der 18. Armee, außerdem sitzt der österreichisch-ungarische Bevollmächtigte Klepsch-Kloth von Roden am Tisch.
Außerdem gehörten ein k.u.k Bevollmächtigter General als österreich-ungarischer Verbindungsoffizier (zunächst Josef Graf Stürgkh, ab Mai 1915 Alois Ritter Klepsch-Kloth von Roden)Peter Broucek: Der k. u. k. Delegierte im Deutschen Großen Hauptquartier Generalmajor Alois Klepsch-Kloth von Roden und seine Berichterstattung 1915/16 In: MGM 1/74, S. 109–126 (hier: 111–113). und im weiteren Kriegsverlauf auch je ein Delegierter aus dem Osmanischen Reich sowie aus Bulgarien zum deutschen Hauptquartier. Hinzu kam das kaiserliche Gefolge, die Mitarbeiter der Stäbe, Behörden und Dienststellen zur Versorgung und Nachrichtenweitergabe sowie die Truppen der Stabswache. Insgesamt wuchs das Personal des Großen Hauptquartiers während des Krieges auf bis zu 5000 Menschen an.Christian Stachelbeck: Deutschlands Heer und Marine im Ersten Weltkrieg (= Beiträge zur Militärgeschichte – Militärgeschichte kompakt, Bd. 5). Oldenbourg, München 2013, ISBN 978-3-486-71299-5, S. 99 f.
Der Reichskanzler, der Kriegsminister und der Staatssekretär des Auswärtigen ließen sich bald nach Kriegsbeginn im Großen Hauptquartier vertreten, weil sie in Berlin nicht dauernd fehlen konnten. Allerdings übernahm Kriegsminister Falkenhayn bereits im September 1914 nach der Marneschlacht und dem Ausfall Moltkes die Führung des Feldheeres als Generalstabschef selbst; zu seiner Entlastung wurde Anfang 1915 sein Vertrauter Adolf Wild von Hohenborn zum preußischen Kriegsminister ernannt, der aber ebenfalls zumeist im Hauptquartier blieb und in Berlin durch einen Stellvertreter agierte. Das Auswärtige Amt wurde ab Mitte 1915 im Großen Hauptquartier vertreten durch Erich von Luckwald.
Auch der Kaiser blieb nicht ständig im Hauptquartier, sondern kehrte zeitweilig nach Berlin zurück oder reiste an andere Kriegsschauplätze. Er gehörte aber zusammen mit dem belgischen König Albert zu den einzigen Staatsoberhäuptern im Weltkrieg, die sich während der gesamten Kriegsdauer hauptsächlich an der militärischen Leitstelle ihrer Truppen aufhielten. Seine Rolle als Oberbefehlshaber und wichtigste Identifikationsfigur der Armee innerhalb des militärischen und politischen Gefüges in Deutschland war symbolisch hoch aufgeladen, und die Art und Weise, wie Wilhelm sie ausfüllte, wurde sowohl unter Zeitzeugen als auch in der historischen Forschung häufig diskutiert. An der praktischen Kriegsleitung beteiligte er sich nur unmaßgeblich, später überhaupt nicht mehr. Für die militärische Führung bedeutete seine Anwesenheit im Hauptquartier eine Möglichkeit zur Einflussnahme auch in politischen Fragen. Im Oktober 1914 erwähnt ein Heeresbericht erstmals die Bezeichnung „Oberste Heeresleitung“ (OHL), die den Kaiser als Oberbefehlshaber theoretisch einschloss, während des Krieges aber de facto mit dem Generalstab des Feldheeres identisch war, der das Große Hauptquartier dominierte. Besonders unter der Leitung Hindenburgs und Ludendorffs ab August 1916 nahm die OHL zunehmend Einfluss auf Entscheidungen in allen Politikbereichen, sodass die politische Macht im Deutschen Reich in den letzten zwei Kriegsjahren weitgehend bei der 3. OHL lag.
Standorte mini|Hindenburg, Kaiser Wilhelm II. und Ludendorff im Schloss Pleß (von links nach rechts), 1917
Das Große Hauptquartier wurde durch Kabinettsorder vom 3. August 1914 mobilgemacht und wechselte im Laufe seines Bestehens mehrfach seinen Sitz. Bei Kriegsbeginn lag es vom 2. bis 16. August 1914 zunächst im Generalstabsgebäude in Berlin, dann vom 16. bis 30. August im Kaiser-Wilhelm-Realgymnasium in Koblenz, ab dem 30. August in der ehemaligen deutschen Botschaft in Luxemburg, was nachträglich zu Spannungen führte. Ab dem 25. September befand es sich in Charleville-Mézières im besetzten Teil Frankreichs, etwa in der Mitte der deutschen Westfront. Im April 1915 wurde es zur Leitung der Offensive gegen Russland ins Schloss Pleß in Oberschlesien verlegt, wo der Kontakt zum österreich-ungarischen Armeeoberkommando in Teschen leichter zu halten war. Im Februar 1916 kehrte es nach Charleville-Mézières, im August wieder nach Pleß zurück. Vom 2. Januar 1917 bis zum 8. März 1918 war das Große Hauptquartier im Parkhotel Kurhaus in Bad Kreuznach und in Bad Münster am Stein-Ebernburg untergebracht. Der Kaiser residierte im Schloss Bad Homburg. Im Zuge der unmittelbaren Vorbereitung der Frühjahrsoffensive 1918 wurde das Große Hauptquartier am 8. März ins belgische Spa verlegt, wo es hauptsächlich im Hotel Britannique untergebracht war und bis zum Kriegsende blieb. Die Operationsabteilung der Heeresleitung richtete sich für die Offensive allerdings ein eigenes Quartier im französischen Avesnes ein. In Spa residierte der Kaiser in der Villa La Fraineuse des belgischen Großindustriellen Peltzer.Kurt Otterski: Anderthalb Jahre im Großen Hauptquartier. In: Corpszeitung der Altmärker-Masuren. 64 (1978/1979), S. 1616–1619. Nach der Flucht des Kaisers musste die OHL gemäß den Bestimmungen des Waffenstillstands von Compiègne im Zuge der Räumung Belgiens nach Kassel-Wilhelmshöhe verlegt werden, während die Internationale Waffenstillstandskommission in das Gelände des ehemaligen deutschen Hauptquartiers einzog. Die Heeresleitung verblieb bis zum 11. Februar 1919 in Kassel. Letztmals wurde sie angesichts der Situation in der Provinz Posen und der Kämpfe im Baltikum nach Kolberg verlegt, wo sie sich in Erfüllung des am 28. Juni 1919 unterzeichneten Versailler Vertrags am 3. Juli 1919 auflöste.
Sicherungstruppen mini|22. November 1918: Ein deutscher Kraftwagen mit Weißer Flagge verlässt das von einem Posten der deutschen Sicherungstruppen bewachte Gelände des ehemaligen Hauptquartiers in Spa, in dem bereits die Internationale Waffenstillstandskommission ihren Sitz genommen hat.
Als Ehrenwache und Schutzwache des Großen Hauptquartiers hatte die Stabswache mehrere Formationen:
Die Kavalleriestabswache war eine zusammengesetzte Schwadron und bestand 1914 aus sieben ausnahmslos adeligen Offizieren und 170 Unteroffizieren und Mannschaften. 1918 hatte sich die Zusammensetzung auf fünf Offiziere und 175 Unteroffiziere und Mannschaften verändert.Jürgen Kraus: Die feldgraue Uniformierung des deutschen Heeres 1907 bis 1918. Bd. I, S. 14, Biblio-Verlag, Osnabrück 1999. Außerdem stand dem Kaiser die Leibgendarmerie mit einem Offizier und 22 Mann zur Verfügung. Sie diente vordringlich repräsentativen Zwecken. Die Infanteriestabswache hatte den Wachtdienst in und um die „Kaiservilla“, Paul von Hindenburgs Wohnsitz, vor den Unterkünften der „Allerhöchsten“ Besucher und vor dem Generalstabsgebäude. Sie bestand 1914 aus fünf Offizieren und 240 Unteroffizieren und Mannschaften; 1918 war ihre Zahl auf sechs Offiziere und 371 Unteroffiziere und Mannschaften angewachsen. Ein Feldgendarmerie-Kommando mit sechs Wachtmeistern. Im Verlauf des Krieges stellte sich die Notwendigkeit weiterer Unterstützungstruppen heraus, sodass 1918 folgende vorhanden waren: Die Artilleriestabswache mit zwei ortsfesten Batterien, einem Kraftwagen-Flak-Zug, einem mit Pferden bespannten Flak-Zug No. 67 und einer Scheinwerfer-Gruppe. Die Artilleriestabswache sorgte für den Luftschutz des Großen Hauptquartiers. Ihr Führer war Hauptmann Hermann von Plettenberg. Drei Kraftwagen-Fernsprech-Bauzüge mit je einem Offizier und 96 Mann. Drei Fernsprech-Stationszüge zu je zwei Offizieren und 69 Mann. Ab Februar 1919 schützte in Kolberg ein dorthin verlegtes Bataillon des Garde-Grenadier-Regiments Nr. 5 zusammen mit bewaffneten deutschen Einwohnern der Stadt, die sich als Freikorps Hindenburg bezeichneten, die OHL vor nationalpolnischen Übergriffen.Johannes Voelker: Geschichte der Stadt Kolberg. Unter Benutzung der einschlägigen Geschichtswerke von Riemann und Stroewer. Ostseeverlag, Leichlingen 1964, S. 60.
Ende des Kaiserreichs im Großen Hauptquartier Nach dem Scheitern der deutschen Frühjahrsoffensive und Erfolgen der alliierten Gegenoffensiven im Westen setzte sich im Spätsommer und Herbst 1918 im Großen Hauptquartier die Einsicht durch, dass der Krieg nicht mehr zu gewinnen sei. Dennoch warnte die Oberste Heeresleitung vor übereilten Friedensverhandlungen und gab angesichts der Überlegenheit der durch amerikanische Truppen laufend verstärkten, besser versorgten und vermehrt mit Panzern ausgerüsteten alliierten Streitkräfte nicht mehr haltbares Gelände nur zögerlich auf. Es kam zu massiven Ermüdungserscheinungen und einem „verdeckten Militärstreik“ (Wilhelm Deist) bei zahlreichen Fronttruppen, der nahezu eine Million Soldaten erfasste. Der Ausfall der Verbündeten, besonders die unabgesprochene Friedensnote Österreich-Ungarns am 14. September 1918 und der militärische Zusammenbruch Bulgariens am 29. September 1918, erhöhten die Bereitschaft der maßgebenden Akteure zu einschneidenden Maßnahmen.Deutsche Revolution. In: Bastian Eich u. a. (Red.), Manfred Görtemaker u. a. (Fachberater): Deutsche Geschichten. Bundeszentrale für politische Bildung, Berlin o. J., S. 1–4, Abruf im Juni 2021.