Die ägyptische Chronologie beschäftigt sich mit der zeitlichen Einordnung von Geschichtsdaten, Ereignissen und Entwicklungen der materiellen Kultur des alten Ägypten. Die Chronologie unterscheidet sich klar von der Kulturgeschichte, die eine bestimmte, eben kulturgeschichtliche, Perspektive auf die Gegenstände richtet. Somit steht die Gewinnung eines übergeordneten zeitlichen Ordnungsrahmens für eine Rekonstruktion der Geschichte im Vordergrund. Daneben hat sich als prinzipiell eigenständiger Wissenschaftszweig innerhalb der Chronologie „die Lehre vom Umgang der Menschen mit der Zeit“ herausgebildet. So hält etwa Thomas Schneider fest, dass eine exakte zeitliche Festlegung der Quellen für die Chronologie nicht möglich ist und somit „der Ertrag ägyptologischer Quellen für das Verständnis des Umgangs der Ägypter mit der Zeit größer ist als für eine absolute moderne Positionierung der Ägypter in dieser Zeit“.Thomas Schneider: Das Ende der kurzen Chronologie: Eine kritische Bilanz der Debatte zur absoluten Datierung des Mittleren Reiches und der Zweiten Zwischenzeit. In: Ägypten und Levante. Band 18, 2008, S. 276.

Unterscheidung zwischen absoluter und relativer Chronologie Grundsätzlich wird zwischen relativer Chronologie und absoluter Chronologie unterschieden. Die relative Chronologie befasst sich mit der zeitlichen Abfolge und Dauer von geschichtlichen Vorgängen, Regierungen oder archäologischen Artefakten und Fundschichten (Stratigraphie). Sie beantwortet die Frage, ob ein Gegenstand älter oder jünger als ein anderer ist, beziehungsweise ob ein Ereignis vor oder nach einem anderen stattfand. Dementsprechend wird innerhalb der relativen Chronologie zwischen historischer Chronologie und archäologischer Chronologie unterschieden.

Die Alten Ägypter datierten vorwiegend nach den Regierungsjahren der jeweils herrschenden Könige und führten dazu auch Königslisten, die uns mehr oder weniger vollständig erhalten sind. Hinzu kommen Geschichtswerke von antiken Historikern. Insbesondere das Geschichtswerk des Manetho, das unter dem lateinischen Titel Aegyptiaca bekannt ist, ist (trotz aller Verfälschungen) eine wichtige Quelle für die historisch-relative Chronologie. Daraus lässt sich ein (relatives) Grundgerüst konstruieren mit der Königsabfolge und der Festlegung ihrer Regierungslängen (siehe Liste der Pharaonen).

Die archäologisch-relative Chronologie befasst sich mit der inneren Ordnung von Quellen als methodisches Instrumentarium. Dazu gehört insbesondere die Keramik-Seriation, aber auch die typologische Sequenz von Skarabäen oder die Stratigraphie von archäologischen Schichtfolgen und allgemein die Seriation verschiedenster Artefakte. Die Methode der Seriation wurde 1899 von Flinders Petrie erfunden. Er führte sie für die Naqada-Kultur ein, um eine relative Abfolge der Keramik anhand von dekorativen Charakteristika und Formen vorzunehmen. Durch das Studium der Keramik, anderen Artefakten, Umweltfaktoren und landwirtschaftlichen Veränderungen, kann die Basis für eine ganzheitliche Betrachtung der ägyptischen Geschichte geschaffen werden, in denen politische Entwicklungen im Kontext eines langen Prozesses des kulturellen Wandels gesehen werden. Allerdings fehlt bis heute eine umfassende Einteilung nach der Entwicklung der materiellen Kultur im dynastischen Ägypten.

Die absolute Chronologie versucht die Ereignisse auf unsere Zeitrechnung zu übertragen, das heißt mit konkreten Jahreszahlen zu versehen. Dafür spielen astronomische und naturwissenschaftliche Methoden eine wichtige Rolle. Die Sothis-Datierung versuchte den Frühaufgang (heliakischer Aufgang) des Sothis in absoluten Daten festzulegen. Der Frühaufgang des Sterns Sirius (griechisch Sothis) wurde zeitweise als Ankündigung für die bevorstehende Nilüberschwemmung verstanden und legte damit das Neujahr in relativ guter Übereinstimmung mit dem tropischen Jahr (Sonnenjahr) fest. Der Zeitpunkt dieses Aufgangs wandert jedoch über einen Zeitraum, der damals schon auf 1460 Jahre berechnet wurde, durch das Sonnenjahr. Außerdem führten die Ägypter einen „Verwaltungskalender“ ein, der mit exakt 365 Kalendertagen ohne Schalttag den Nachteil hatte, dass er sich alle vier Jahre vom tropischen Jahr um einen Tag verschob. Da man die ägyptischen Kalenderdaten in julianische (und gregorianische) umrechnen kann, ist es theoretisch möglich, festzustellen, in welchem Jahr der Sothisaufgang auf ein überliefertes Datum fiel. Allerdings müssen gewisse Unsicherheitsfaktoren berücksichtigt werden. Bis in die 1990er-Jahre bildete das Sothis-Datum aus al-Lahun auf dem Papyrus Berlin 10012 einen wichtigen Stützpfeiler für die absolute Chronologie des ägyptischen Mittleren Reiches. So glaubte etwa Jürgen von Beckerath noch 1997, dieses Datum bezogen auf unsere Zeitrechnung genau festlegen zu können und daraus gesicherte Daten zu erhalten. Seither hat sich die Situation stark verändert. Mit zunehmender Verfeinerung der 14C-Methode wurde eine Übereinstimmung mit den astronomischen Daten nur schwer herstellbar und hinzu kamen unüberbrückbare Schwierigkeiten mit der Synchronisation mit absoluten Daten aus anderen Kulturkreisen. Deshalb kommt auch für das Alte Ägypten zunehmend die 14C-Datierung (Radiokohlenstoffdatierung) zum Einsatz, ein Verfahren zur radiometrischen Datierung von kohlenstoffhaltigen, insbesondere organischen Materialien. Aber auch diese Methode bietet einen gewissen Raum für Unsicherheiten. Seit dem Jahr 2000 haben Forscher wie Georges Bonani und Bronk Ramsey versucht, aufgrund von 14C-Datierungen und statistischen Methoden eine neue Chronologie Ägyptens zu entwickeln.

Historisch-relative Chronologie

Annalen Die Ägypter führten in den Archiven der Residenz und vermutlich auch in den größeren Tempeln Listen, auf denen sie die Namen der Pharaonen seit Beginn der ersten Dynastie mit ihren Regierungslängen aufzeichneten. Diese auf Papyrusrollen festgehaltenen Annalen sind verloren gegangen, doch sind gewisse Reste von Abschriften erhalten geblieben.J. v. Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Mainz 1997, S. 13.

Annalenstein der 5. Dynastie mini|hochkant|Der Palermostein

Insbesondere aus der ältesten Zeit sind die Reste einer Abschrift solcher Annalen erhalten geblieben. Dieser Annalenstein der 5. Dynastie stammte vermutlich aus Memphis, der Hauptstadt des Alten Reichs.Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Mainz 1997, S. 13 f. Die beiden größten Bruchstücke heißen aufgrund ihrer heutigen Aufstellungsorte „Palermostein“ (P) und „Kairostein“ (C1/K1). Daneben werden nach Wolfgang Helck fünf kleinere Teile unter den Bezeichnungen P1 sowie „Kairo-Fragmente“ Nr. 2 bis 5 (C2–C5/K2–K5) geführt.Francesco Raffaele: The royal Annals. - Alle Fragmente des Annalensteins nach Wolfgang Helck.Reconstruction of the Ancient Annals by Helck, including the Palermo fragment (right of center). - Alle Fragmente des Annalensteins nach Wolfgang Helck Auf: catchpenny.org.Gallery - Palermo. - Kairo-Fragment (C1) mit weiteren Teilstücken C2–C5 und Rekonstruktionen/Transkriptionen Auf: catchpenny.org.

Der Turiner Königspapyrus

Weiter sind die Fragmente einer etwas nachlässigen Abschrift einer Königsliste aus den Archiven überliefert, die ein Beamter oder Priester zur Zeit Ramses II. auf die Rückseite einer Abgabenliste schrieb, der sogenannte Turiner Königspapyrus. Gewisse Fehler haben sich sicherlich auch durch das ständige Nachführen und wiederholte Abschreiben der Königslisten eingeschlichen.J. v. Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Mainz 1997, S. 19. Der Papyrus wurde um 1820 in Luxor gefunden, von Bernardino Drovetti nach Europa gebracht und 1824 vom Ägyptischen Museum in Turin erworben. Auf dem Transport nach Turin war er in unzählige kleine Stücke zerfallen.

Bereits Jean-François Champollion, der erste Entzifferer der Hieroglyphen, erkannte, dass es sich um eine Königsliste handelte. Gustav Seyffarth versuchte als erster, wenn auch noch ohne Kenntnis der hieratischen Schrift, eine Anordnung der Fragmente anhand der Papyrusfasern, der Schriftform und der Farbe. Seither sind immer wieder kleinere Verbesserungsvorschläge in der Anordnung der Fragmente gemacht worden.

Wäre der Papyrus vollständig erhalten geblieben, enthielte er die chronologische Abfolge aller Könige von der 1. bis zur 17. Dynastie, mit ziemlich zuverlässigen Angaben ihrer Regierungslängen. Für Jürgen von Beckerath lässt sich aus den Resten erkennen, „dass die Ägypter bis zurück in die Frühzeit ihrer Geschichte über eine auf korrekten, nicht mythisch-phantastischen Zahlen aufbauende Überlieferung verfügten – ganz im Gegensatz zu den übrigen Völkern des Altertums.“ Zwar beginnt auch diese Überlieferung mit der Herrschaft von Göttern und mit Dynastien von „Geistern“, aber das betrifft nur die Zeit vor der ersten Dynastie, über die es keine schriftlichen Aufzeichnungen mehr gab.J. v. Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Mainz 1997, S. 20.

mini|600px|zentriert|Transkription des Turiner Königspapyrus in Hieroglyphen

Königliche Ahnentafeln mini|Die Königsliste des Sethos I. von Abydos mini|Die Königsliste von Ramses II. aus Abydos, heute im British Museum

Die Königslisten der Archive dienten auch als Vorlage von königlichen Ahnentafeln, die im Neuen Reich an den Wänden von Tempeln angebracht wurden. Der Zweck dieser Liste war, die Vorgänger des regierenden Königs an seinen Opfern teilnehmen zu lassen. Dabei wurden möglichst alle legitimen Herrscher seit König Menes aufgelistet, da sie nach dem Königsdogma eine direkte Ahnenlinie bildeten.J. v. Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Mainz 1997, S. 23.

Insgesamt gibt es vier königliche Ahnentafeln:

Die älteste ist die Königsliste von Karnak aus der Zeit des Thutmosis III. Auf ihr steht der Pharao opfernd vor insgesamt 61 sitzend abgebildeten Königen. Diese Darstellung gibt nur eine anscheinend willkürliche und nicht chronologisch geordnete Auswahl von Herrschern. Sie hat nur dadurch einige Bedeutung, dass sie auch in Theben anerkannte Herrscher der 1. und 2. Zwischenzeit führt, die in anderen Listen fehlen. Sehr gut erhalten ist die Königsliste im Tempel des Sethos I. in Abydos. Sie nennt 76 Könige, beginnend bei Menes. Es fehlen lediglich die Herrscher der Zwischenzeiten und einige später als nicht rechtmäßig angesehene Herrscher.J. v. Beckerath: Chronologie des pharaonischen Ägypten. Mainz 1997, S. 24. Ebenfalls in Abydos befindet sich die zerstörte Liste des Ramses II. Teile davon befinden sich heute im Britischen Museum. Sie ist im Grunde eine Abschrift der Liste des Sethos. Im Grab des memphitischen Priesters Tjuneroy in Sakkara entdeckte man eine weitere Königsliste. Sie ist wohl eine Abschrift einer Annalentafel, die sich im Ptah-Tempel in Memphis befunden haben muss. Beginnend mit Ramses II. endet sie rückwärts Mitte der 1. Dynastie. Aus Platzgründen fehlen die ersten Könige.

Antike Historiker und Gelehrte Das Geschichtswerk des Manetho mini|Papyrus Baden 4.59, Verso (fünftes Jahrhundert n. Chr.): Vermutete Teilabschrift der Epitome, basierend auf den Aegyptiaca des Manetho

Eine wichtige Quelle für die Chronologie ist, trotz aller Verfälschungen, das Geschichtswerk des Manetho, das unter dem lateinischen Titel Aegyptiaca bekannt ist. Manetho war wohl ein Priester aus Sebennytos in Unterägypten, der wahrscheinlich unter den Pharaonen Ptolemaios I., Ptolemaios II. und Ptolemaios III. lebte. Georgios Synkellos setzte Manethos Wirken gleichzeitig oder etwas später als Berossos in die Regierungszeit von Ptolemaios II. (285–246 v. Chr.), unter welchem er die Aegyptiaca verfasst haben soll. Manethos Motive dürften einerseits in der ptolemäischen Unkenntnis der altägyptischen Sprache und andererseits im Widerlegen von Herodots Berichten über die altägyptische Geschichte begründet sein.Folker Siegert: Flavius Josephus: Über die Ursprünglichkeit des Judentums (Contra Apionem). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2008, ISBN 978-3-525-54206-4, S. 34.