Ein Dokumentationsprofil (auch Überlieferungsprofil oder in der DDR TerritorialprofilWeber, Peter K.: Das Dokumentationsprofil als Steuerungsinstrument archivischer Überlieferungsbildung : ein Beitrag aus kommunaler Perspektive Erschienen: Archive in Thüringen 2005 (Sonderheft), S. 8) ist die Grundlage für eine systematische Überlieferung zur Abbildung der lokalen Lebenswelt eines Kommunalarchivs und dessen Archivsprengel.

Allgemeines Definition Ein Dokumentationsprofil dient als Grundlage für eine systematische, effektive und effiziente Überlieferungsbildung amtlicher und nichtamtlicher Überlieferungen in Archiven. Es dient als Auskunftsmittel, wo welche Überlieferung zur Dokumentation lokaler Lebenswelt zu welchem Zweck, in welcher Intensität, von wem aufzubewahren sind.

Nutzen Als Nutzen der Dokumentationsprofile sind Erleichterungen bei der archivischen Bewertung von bereits vorhandenen, übernommenen oder angebotener Unterlagen zu nennen, da eine zielgerichtete Ermittlung von überlieferungsrelevanten Unterlagen bietet. Die Möglichkeit zu vergleichenden Forschungen in unterschiedlichen archivischen Sprengeln sowie einen sachthematischen Überblick zu Quellen der lokalen Lebenswelt sind dadurch gegeben. Das Profil muss kontinuierlich überarbeitet und ergänzt werden, um stets den „Ist-Zustand“ der lokalen Lebenswelt abbilden zu können.

Entstehung Die Dokumentationsprofile wurden 1984 schon in der DDR unter dem Titel „Rahmendokumentationsprofil der staatlichen Archive der DDR für den Zeitraum 1945–1981“ entwickeltIrmgard Christa Becker: Dokumentationsprofile als Grundlage kommunalarchivarischer Bewertung - Vortrag beim Workshop ‚Aktuelle Ziele und Methoden archivischer Bewertung‘ des LA BW am 1. Dezember 2010 (PDF; 104 kB). Da dies aber sehr kompliziert formuliert wurde, ist es nie angewandt worden. In der Archivalischen Zeitschrift 68 von 1972 hat Hans Booms einen Artikel über die Aufstellung von Dokumentationsplänen als Hilfsmittel der inhaltlichen Bewertung publiziert und wurde dafür stark kritisiert. Die Dokumentationsziele, -pläne und -profile standen seit jeher zur Diskussionen. Erst im Jahre 2008 hat die Bundeskonferenz der Kommunalarchive (BKK) eine Arbeitshilfe zur Erstellung eines Dokumentationsprofils für Kommunalarchive verabschiedet.

Erstellung Allgemein wird zur Erstellung eines Dokumentationsprofil folgendes benötigt: Kategorisierung der lokalen Lebenswelt (siehe unten) Formulierung von Dokumentationszielen Bestimmung des Dokumentationsgrades Ermittlung und Zusammenstellung relevanter Archivbestände und Registraturbildner Bewertung archivreifer Unterlagen unter qualitativen und quantitativen Aspekten Übernahme in das zuständige Archiv zur dauerhaften Sicherung und Aufbewahrung

Nachfolgend eine Arbeitshilfe zur Erleichterung der Umsetzung einer Kategorisierung erstellt vom Unterausschuss Überlieferungsbildung der BKK: Stadt und Raum Verkehr Ver- und Entsorgung Grund und Boden Bauwesen Stadtbild Stadtentwicklung Stadt und Umland Umwelt und Natur

Bevölkerung und Bevölkerungsgruppen Stadtbewohner/innen Bevölkerungsbewegungen Einzelne Personen und Familien Individuelle Lebens-, Wohn- und Arbeitsverhältnisse

Wirtschaft Arbeitsmarkt Handel, Gewerbe und Handwerk Dienstleistungen Industrie Landwirtschaft

Vermögen und Finanzen Öffentliches Vermögen PrivatvermögenPolitik Politische Gruppen Politische Gremien Lokale Politiker/innen Politische Ereignisse Grundlagen politischen Handelns

Rechtswesen Rechtsprechung Rechtspflege Kriminalität

Bildung und Erziehung Erziehung und Ausbildung Fort- und Weiterbildung Wissenschaft und Forschung

Verwaltung Kommunale Verwaltung Staatliche Verwaltung

Kultur Historische Identität und Erinnerungskultur Darstellende Kunst Bildende Kunst Musik Lese- und Buchkultur sonstige KulturvermittlungReligion Christentum Judentum Islam andere Religionen

Medien Medienstandort Medienrezeption

Soziales Leben Armut und Wohlfahrt spezielle Notlagen

Gesundheit Medizinische Versorgung Gesundheitspflege

Sport Leistungssport Breitensport

Freizeit Freizeitangebote Freizeitverhalten Diese sollte, je nach Archivsprengel an die jeweilige Lebenswelt, die abgebildet werden soll, angepasst werden.

Dokumentationsziele

Sollten für alle Kategorien und Unterpunkten der lokalen Lebens erstellt und vertikal tiefergehend konkretisiert werden. Bei der Erstellung der Ziele müssen die lokalen Besonderheiten berücksichtigt werden. Es sollte jeweils eine konkrete Leitfrage hinsichtlich bestimmten Personen, Institutionen, politischen Parteien, Strukturen, Entwicklungen und Ereignisse der lokalen Lebenswelt beantworten können.

Dokumentationsgrad

Durch Bestimmung des angestrebten Dokumentationsgrades und des daraus folgenden Quellenfundus entscheidet sich, was in welchen Bereichen (Kategorien) umfassend und weniger umfassend dokumentiert werden soll.

Dokumentationsgrad Quellenfundus Beispiel möglicher Quellen(arten) Niedrig Amtliche und private Unterlagen mit zusammenfassendem Charakter, chronikalische Quellen Statistiken, Jahresberichte, Presseberichterstattung, Mitgliederlisten Mittel Zusätzlich zu niedrig: amtliche und private Registraturen sowie Sammlungsgut in Auswahl Sachakten und Massenakten in Auswahl, Sitzungsprotokolle, Websites, Plakate, Bilder, Programme, Druckschriften Hoch Zusätzlich zu niedrig und mittel: amtliche und private Registraturen sowie Sammlungsgut jeweils vollständig; aktive Dokumentation Ganze Amts- und Abteilungsbestände, ganze Sachbearbeiterablagen, Nachlässe, Oral History, Personal-, Prozessakten

Ermittlung und Zusammenstellung relevanter Archivbestände und Registraturbildner Nach der Formulierung der Dokumentationsziele wird überprüft inwieweit sich relevanten Bestände im eigenen Archiv oder in anderen Archiven zur Verwirklichung der Ziele befindet. Ist letzteres der Fall muss eine Absprache zwischen den Archiven getroffen werden, welches Archiv die Überlieferungsbildung übernimmt. Des Weiteren müssen potentielle Registraturbildner oder nichtamtliche Stellen ausfindig gemacht und wichtigen Informationen wie Ansprechpartnern, Adressen, Telefonnummern etc. erfasst werden, die für ein umfangreiches Records Management benötigt werden.

Wertanalyse des Quellenfundus Der ermittelte und zusammengestellte Quellenfundus wird auf ihren Informationswert überprüft. Anschließend wird ausgewertet, ob der Quellenfundus ausreicht, um die lokale Lebenswelt hinreichend abzudecken. Falls potentielle Überlieferungslücken auftauchen, müssen diese durch Ermittlung weiterer Registraturbildner (amtlich und nichtamtlich) oder Änderungen der Dokumentationsziele verhindert werden.

Quellen Arbeitshilfe „Erstellung eines Dokumentationsprofils für Kommunalarchive“ – Beschluss der BKK vom 2008-09-15/16 Billigung durch den Kulturausschuss des Deutschen Städtetags am 2009-04-23/24, In: Der Archivar. 62 (2009), S. 122–132 (PDF; 140 kB) Arbeitshilfe „Überlieferungspraxis bei der Übernahme nichtamtlicher audiovisueller Medien Vorarbeiten für ein regionales Überlieferungsprofil des Landesarchivs Nordrhein-Westfalen“ – Transferarbeit im Rahmen der Ausbildung zum höheren Archivdienst von Dr. Astrid Küntzel (42. Wissenschaftlicher Kurs der Archivschule Marburg) (PDF; 643 kB) Norbert Reimann (Hrsg.): Praktische Archivkunde. Ein Leitfaden für Fachangestellte für Medien- und Informationsdienste – Fachrichtung Archiv. 2. Auflage. Ardey-Verlag, Münster 2008, ISBN 978-3-87023-255-9. Peter K. Weber: Das Dokumentationsprofil als Steuerungsinstrument archivischer Überlieferungsbildung : ein Beitrag aus kommunaler Perspektive Erschienen: Archive in Thüringen 2005 (Sonderheft), S. 7–12

Einzelnachweise

Kategorie:Archivwesen