mini|hochkant|Lili Grün (1936)|alt=Eine schwarz-weiße Fotografie von einer Frau im Halbprofil nach links gerichtet. Dabei blickt Lili mit ihrem Kurzhaarschnitt und einen Blazer tragend zur Kamera. Lili Grün (geboren 3. Februar 1904 als Elisabeth Grün in Wien, Österreich-Ungarn; ermordet 1. Juni 1942 im Vernichtungslager Maly Trostinez) war eine österreichische Schriftstellerin und Schauspielerin. Ihr Romandebüt Herz über Bord (1933) wurde von der Kritik begeistert aufgenommen. Darin verarbeitet sie ihre Erfahrungen im Berliner Kabarett Die Brücke. Grün verfasste zwei weitere Romane, bei denen es sich ebenfalls um Zeitromane der Neuen Sachlichkeit handelt. Sie veröffentlichte darüber hinaus Gedichte und kurze Geschichten in Zeitungen und Zeitschriften. Ihre autobiografisch geprägten Texte handeln von der Einsamkeit der weiblichen Hauptfiguren, der Liebe und dem Spannungsverhältnis zwischen den Geschlechtern und von der Schwierigkeit junger emanzipierter Frauen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden. Grüns literarisches Schaffen fand durch die Entrechtung und Verfolgung der Juden in der Zeit des Nationalsozialismus ein jähes Ende. Im Jahr 2007 stieß die Germanistin Anke Heimberg auf den Roman Herz über Bord und begann, Nachforschungen zu Leben und Werk der Schriftstellerin anzustellen, deren Texte sie in den folgenden Jahren im Berliner AvivA Verlag herausgab.

Leben

Kindheit, Jugend, Ausbildung mini|hochkant|Arnsteingasse 33, Hauseingang und Schaufenster (2022) |alt=Frontalansicht auf ein Wohnhaus mit drei Fenstern im Obergeschoss und einem Schaufenster sowie dem Hauseingang im Erdgeschoss Lili Grün war das jüngste Kind des aus Élesd stammenden ungarischen Kaufmannes Ármin Grün und seiner Frau Regina Grün, geb. Goldstein.Anke Heimberg gibt als alternative Vornamen der Eltern Hermann und Regine an. Vgl. Ihre drei Geschwister waren Frieda (* 1890), Karl (* 1894) und Grete (* 1896). Die Familie wohnte ab 1909 in der Arnsteingasse 33 in Reindorf, einem Teil des heutigen 15. Wiener Gemeindebezirks Rudolfsheim-Fünfhaus. Der Vater war Schnurrbartbinden-Fabrikant und vertrieb Parfümerie- und Friseurbedarfsartikel in einem Ladengeschäft im Erdgeschoss des Wohnhauses.

Anfang August 1915 starb Regina Grün mit 47 Jahren überraschend an einem Schlaganfall, was für die elfjährige Lili wohl „das Ende ihrer bis dahin sehr behüteten Kindheit“ bedeutete. Im Januar 1922 erlag der Vater mit 56 Jahren einem chronischen Nierenleiden. Damit wurde Grün noch vor ihrem 18. Geburtstag zur Vollwaise. Wer die Vormundschaft übernahm, ist unbekannt. Nach dem Abschluss der Volks- und Bürgerschule im Jahr 1918 absolvierte sie eine Ausbildung zur Kontoristin.

mini|Deutsches Volkstheater (vor 1928)|alt=Vogelperspektive auf das Deutsche Volkstheater in Wien mit seinem klassizistischen Säuleneingang. Auf dem Vorplatz befindet sich ein Springbrunnen mit einer Statue. Auf den Straßen vor dem Platz sind alte Straßenbahnen und Pferdekutschen zu erkennen. Im Sommer 1921 gab Grün auf dem Wiener Meldezettel „Theaterelevin“ als Beruf an, was darauf hindeutet, dass sie privaten Schauspielunterricht nahm. Von 1920 bis 1924 stand sie in allen 60 Aufführungen von Henrik Ibsens Drama Peer Gynt in der Rolle des Troll auf der Bühne des Deutschen Volkstheaters. Seit den 1920er Jahren wirkte sie darüber hinaus an der neu gegründeten Bühne der Sozialistischen Arbeiterjugend mit. Eine erste Hauptrolle spielte sie vermutlich an einem Theater in der Provinz.

Lili Grüns Bruder Karl hatte in Wien ein Studium in Jura und Philosophie begonnen, wurde eingezogen und im Krieg schwer verwundet. Danach konnte er sein Studium nicht beenden und schlug sich als Privatlehrer durch. Am 25. März 1923 wurde er wegen versuchter Geldfälschung verhaftet. Die Schwester Grete heiratete im Juli 1926 Hellmuth Bettauer, den Sohn des Schriftstellers Hugo Bettauer, der sich öffentlich für Sexualaufklärung, Straffreiheit für Homosexualität und Emanzipation der Frau einsetzte und 1925 an den Folgen eines Attentats starb. Hellmuth zog mit Grete zu Lili Grün in die Arnsteingasse und setzte das Engagement des Vaters fort. Grüns Kontakt mit Hugo Bettauer und ihre Jugend im Roten Wien prägten ihr späteres literarisches Schaffen.

Berliner Jahre Ende der 1920er Jahre herrschte in Wien eine hohe Arbeitslosigkeit unter Theaterschaffenden. Da unter diesen Voraussetzungen die Chancen, eine Anstellung als Schauspielerin zu finden, gering waren, verließ Grün ihre Heimatstadt und zog nach Berlin. Dort waren jedoch die Arbeitsmöglichkeiten nicht besser. Erich Kästner konstatierte im April 1929: „Man wird ohne Übertreibung annehmen dürfen, daß es in einer Stadt wie Berlin bedeutend mehr engagementslose Schauspieler gibt als solche mit Engagement“. Viele Künstler lebten unter prekären Bedingungen; die Situation der Schauspieler war „durch mangelhafte Ernährung, armselige Kleidung, äußerst bescheidene Wohnverhältnisse sowie durch Krankheit […] gekennzeichnet“ (Anke Heimberg).

mini|Künstlerhaus Bellevuestraße (1903)|alt=Frontale Schwarzweißaufnahme vom Künstlerhaus Bellevuestraße Berlin. Der Eingang ist mit Figuren und spitzen Giebeln verziert. Grün arbeitete als Verkäuferin und Küchenhilfe in einer Café-Konditorei und gründete im Frühjahr 1931 mit Gleichgesinnten das politisch-literarische Kabarett-Kollektiv Die Brücke. Im Mai feierte man im Keller des Künstlerhauses des Vereins Berliner Künstler in der Bellevuestraße 3 mit einem eigenen Abendprogramm Premiere. Künstlerischer Leiter der Brücke war Julian Arendt. Zu den „gut zwanzig junge[n] ‚Kreative[n]‘“ gehörten ferner Ernst Busch, Hanns Eisler, Annemarie Hase, Erik Ode, Erwin Straus und Margarethe Voss.

Seit 1929 veröffentlichte Grün eigene Lyrik und Kurzprosa in mehreren Zeitungen, etwa im Tempo und im Uhu, aber auch im Berliner Tageblatt, im Prager Tagblatt und im Wiener Tag. Welche Texte sie in den Vorstellungen der Brücke vortrug, ist nicht bekannt. Gesichert ist, dass ihre Auftritte auf positive Resonanz stießen: „Lily Grün bringt reizende freche Gedichte“, notierte Das 12 Uhr Blatt vom 5. Mai 1931 und die Vossische Zeitung vom 7. Mai 1931 kennzeichnete Grüns Texte als „witzig-sentimentale Gedichte“. Der Berliner Film-Kurier schrieb über einen Auftritt: „… trägt Erotik, sehr persönlich und sehr belustigend.“

Nach wenigen Wochen musste das Kabarett schließen, weil die Zuschauerzahlen abnahmen. Die Räumlichkeiten waren ohnehin nur frei, weil sich das dort ansässige Kabarett Die Katakombe auf Sommertournee befand. „Kommunistisches Hetzkabarett“ nannte die Deutsche Tageszeitung das Programm der Brücke schon am 5. Mai 1931. Möglicherweise trug die im Vergleich zur Katakombe politisch radikalere Ausrichtung zum Publikumsrückgang bei. Trotz dieses Misserfolgs waren die Jahre in Berlin für Grün bedeutsam: Hier fand sie zum Schreiben. Andererseits erkrankte sie offenbar in Berlin infolge der von Armut und beruflichen Strapazen geprägten Lebensumstände an Tuberkulose.

Wien, Prag, Paris mini|Eckhaus Marktgasse 45 / Reznicekgasse 5, ehemals Wagnergasse (2022) |alt=Frontalaufnahme des Eckhauses mit 6 Stockwerken und Erkerfenstern unter blauem Himmel Der genaue Zeitpunkt der Rückkehr Grüns nach Wien ist nicht bekannt. Ein Beweggrund war die Absicht, „ihren Lungenspitzenkatarrh in einer Heilstätte loszuwerden.“ Für die Jahre 1932 bis 1940 ist als Wohnort die Gemeindebauwohnung in der Marktgasse 45 im 9. Wiener Gemeindebezirk angegeben.Heimberg gibt als Adresse die Wagnergasse 5 an. Vgl. Die Straße wurde 1955 in Reznicekgasse umbenannt. Vgl. . Grüns Wohnung befand sich in einem Eckhaus, das an beide Straßen angrenzt. Im Mai 1932 wurde sie bei einem Talentwettbewerb des Kabaretts Simpl, an dem 50 Nachwuchskünstler teilnahmen, von einer Jury unter der Leitung von Hans Nüchtern als Zweitbeste ausgezeichnet. Für die Kritik war Lili Grün „eine Art weiblicher Joachim Ringelnatz“.

In Wien verarbeitete sie ihre Erlebnisse rund um Die Brücke in dem Roman Herz über Bord. Er erschien im März 1933 beim Paul Zsolnay Verlag und wurde zum Beispiel im Neuen Wiener Tagblatt als „ein sehr beachtenswerter Beitrag zur Zeitgeschichte der jungen Generation“ gewürdigt. Im selben Jahr wurde Grün für den Julius-Reich-Dichter-Preis vorgeschlagen.

Für eine Erzählung mit dem Titel Anni hat Unrecht fand Grün im Anschluss keine Möglichkeit der Publikation, konnte aber beim Zsolnay Verlag eine Vorschusszahlung auf ein Exposé zum Roman Loni in der Kleinstadt erreichen. Im Oktober 1933 verließ sie Wien wieder. Anke Heimberg erklärt den Wegzug mit der sich wandelnden politischen Situation in Österreich. Die Regierung in Wien sah zunehmend das faschistische Italien als Vorbild an. Mit ihrem Lebensgefährten Ernst Spitz reiste Grün über Prag (1933/1934) nach Paris (1934/1935).

In der französischen Hauptstadt verschlechterte sich ihre gesundheitliche und wirtschaftliche Situation. Die Vorschusszahlung war bald aufgebraucht; die Tantiemen von Herz über Bord reichten nicht aus. Im November 1934 verkaufte sie den geschützten Titel ihres Debütromans an den Berliner Allegro Theaterverlag, damit dieser eine Operette von Eduard Künneke „Herz über Bord“ nennen konnte. Das Geld konnte Grüns Notlage nicht lindern: Es erreichte sie erst im Juni 1935, als sie wieder in Wien lebte, wohin sie Anfang 1935 schwerkrank zurückgekehrt war und offenbar erneut die Wohnung in der Marktgasse 45 bezogen hatte. Heimberg zufolge wurde sie im Sommer 1938 von dort vertrieben und musste fortan mehrfach ihren Wohnsitz wechseln. Die Nachricht vom Tod ihres Lebensgefährten Ernst Spitz am 22. Juni 1940 erreichte sie in der Mariahilfer Straße, vgl.

Der Zsolnay Verlag führte eine Spendenaktion durch, um ihr im Frühjahr 1935 einen mehrwöchigen Kuraufenthalt in Meran zu finanzieren. Der Roman Loni in der Kleinstadt erschien schließlich ab dem 7. August 1935 im Wiener Tag als Fortsetzungsroman und im Oktober als Buch in der Bibliothek zeitgenössischer Werke, einer Züricher Niederlassung des Zsolnay Verlages. Der letzte Roman Junge Bürokraft übernimmt auch andere Arbeit wurde 1936/1937 in Fortsetzungen im Wiener Tag veröffentlicht. Eine Publikation in Buchform erfolgte erst im Jahr 2016 im AvivA Verlag.

Verfolgung und Tod

Nach dem „Anschluss“ Österreichs an das Deutsche Reich im März 1938 und der damit verbundenen Verfolgung und Entrechtung der österreichischen Juden war es der Jüdin Lili Grün nicht mehr möglich, als Schriftstellerin tätig zu sein. Eine Emigration ins Ausland blieb ihr wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes und fehlender Geldmittel verwehrt. Die „Verordnung zur Einführung des Gesetzes über Mietverhältnisse mit Juden in der Ostmark“ vom 10. Mai 1939 ermöglichte es Wohnungseigentümern, jüdischen Mietern jederzeit fristlos zu kündigen. Auch Grün wurde mehrmals zwangsumgesiedelt und lebte zuletzt in einer „Sammelwohnung“ in der Neutorgasse 9 im 1. Bezirk.

Am 27. Mai 1942 wurde sie mit 980 anderen im Transport Nr. 23 aus Wien nach Minsk deportiert und noch am Tag ihrer Ankunft, dem 1. Juni 1942, im Vernichtungslager Maly Trostinez ermordet. Mit ihr fand die österreichische Lyrikerin und Erzählerin Alma Johanna Koenig den Tod. Die beiden Schriftstellerinnen wurden in einem Massengrab verscharrt. Vermutlich wurden fast alle Deportierten von einem etwa 80 Personen umfassenden Sonderkommando der Waffen-SS erschossen. In Maly Trostinez, dem damals größten Vernichtungslager auf dem Gebiet der besetzten Sowjetunion, kamen seit Anfang Juni 1942 auch drei „Gaswagen“ zum Einsatz.

Literarisches Schaffen mini|hochkant|„Lili Grün, die jugendliche Verfasserin des soeben erschienenen Romans ‚Herz über Bord‘“ (Der Wiener Tag, 5. April 1933) |alternativtext=Porträt der 31-jährigen Lili Grün in der Zeitung Wiener Tag bei der Veröffentlichung ihres Romans Herz über Bord. Sie blickt zielgerichtet zum Betrachter, wobei die Kamera einen Teil ihres linken Gesichts abschneidet.

Herz über Bord (1933) Entstehung